Junges Forschungsnetzwerk Frauen- und Geschlechtergeschichte

Taten statt Worte. Eine Filmkritik

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Filmplakat „Suffragette“, [R: Sarah Gavron]

Am 4. Februar 2016 startete „Suffragette“ auch in den österreichischen Kinos. Der Film wurde in feministischen Publikationsplattformen offline wie online ausführlich besprochen: Die Reaktionen reichten von enthusiastischen Rezensionen über kritische Einwürfe bis hin zu enttäuschten Abrechnungen.

In den USA und Großbritannien startete „Suffragette“ (Regie: Sarah Gavron, Drehbuch: Abi Morgan) bereits im Herbst 2015. Wie in einem Brennglas führt der Film mitten hinein in die radikalste Phase des militanten Kampfes um das Frauenwahlrecht in Großbritannien von 1912 bis 1913. Der Plot ist schnell erzählt (*Spoileralert*):

Die Wäscherin Maud Watts (Carey Mulligan) kommt über eine andere Arbeiterin in Kontakt mit dem militanten Flügel der Women’s Social and Political Union (WSPU). Auf einer Demonstration zugunsten einer Verfassungsänderung für das Frauenwahlrecht wird sie verhaftet und inhaftiert. Später findet sie sich im militanten Flügel der WSPU wieder, der sich vor allem um die charismatische Aktivistin Emmeline Pankhurst (Meryl Streep) gebildet hatte.

Es folgt eine Spirale der sozialen Ächtung und persönlichen Verluste (Arbeitsplatz, Ehemann, Kind), die mit einer Radikalisierung Maud Watts korrespondiert. Gemeinsam mit anderen Aktivistinnen unternimmt sie Anschläge auf Briefkästen und Telegrammasten und sprengt das leerstehende Haus des Schatzkanzlers David Lloyd George. In mitunter unbehaglichen Nahaufnahmen wird die Polizeigewalt gegenüber den Frauen gezeigt: bei der Repression auf Kundgebungen bis hin zur Zwangsernährung der hungerstreikenden Suffragetten.

„Soldiers in Petticoats“

Der tragische Höhepunkt des Films ist die Episode auf dem Derby von Epsom. Maud Watts und Emily Davison (Natalie Press) planen, ein Banner vor dem König, Georg V., auszurollen, um die Präsenz der Medien für ihre Sache zu nutzen. Allerdings erhalten sie dazu keine Gelegenheit. Emily Davison läuft schließlich auf die Rennbahn und wirft sich vor das Pferd des Königs, wobei sie tödlich verwundet wird. In der Abschlussszene ist ihre Beerdigung zu sehen, die zu einer politischen Manifestation für das Frauenwahlrecht wird. Emily Davisons Tat ist historisch belegt. Sie wurde nach dem Vorfall zudem auf dem Titelblatt der Zeitung „Suffragette“ als Engel und damit Märtyrerin des Kampfes um das Frauenwahlrecht dargestellt.

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Suffragette, Emily Wilding Davison memorial issue, 13.6.1913. (Wikimedia Commons)

Die Stärke des Films liegt sicherlich in der dramatischen Verdichtung der Abläufe, die eine*n atemlos im Kinositz das Geschehen verfolgen lassen. Die Regisseurin holt die Zuschauer*innen ganz nah an die Perspektive der erst 24-jährigen Maud Watts heran. Es ist ein schöner Kunstgriff von „Suffragette“, dass dieser nicht, wie ursprünglich geplant,[1] Emmeline Pankhurst in den Mittelpunkt stellt – oder eine andere der führenden bürgerlichen Aktivistinnen –, sondern eine Arbeiterin. Anhand der fiktiven Figur der Wäscherin, die an historische Personen angelehnt ist,[2] lassen sich Merkmale historischer Frauenbewegungen zeigen.

Die militanten Suffragetten übten jedenfalls eine Faszination auf die Zeitgenoss*innen aus. Ihre gewaltbereite Vorgehensweise sprengte die wirkmächtigen Paradigmen wie Sittlichkeit und Anstand, die die bürgerliche, sogenannte Erste Frauenbewegung, geprägt hatte, und widerspricht dem Narrativ der friedfertigen Frau. Frauen, die für Ihre politischen Überzeugungen auch mit Gewalt einstehen, werden nach wie vor als gesellschaftliches Kuriosum wahrgenommen, wie sich dies in der aktuellen, von sexistischen Versatzteilen durchwirkte Berichterstattung um die in den kurdischen Volksverteidigungseinheiten kämpfenden Frauen zeigt.

Schwestern im Kampf?

Unfreiwillig in Kontakt kommt Maud Watts mit den militanten Aktivitäten gleich in der Einstiegssequenz des Films: Beim Ausliefern gewaschener Wäsche gerät sie in einen Tumult, in dem Frauen mit Pflastersteinen Schaufensterscheiben einschmeißen.

Die Szene mit der eingeschlagenen Fensterscheibe symbolisiert einen Gegensatz innerhalb der Frauenbewegung, der im Film immer wieder auf der Ebene der Bildsprache thematisiert wird: die Sorge um das tägliche Überleben der arbeitenden Frauen gegen den scheinbaren Luxus, politische Selbstbestimmung einfordern zu wollen – und zu können. So bewundert Maud Watts im Schaufenster für sie unleistbare Kinderkleidung, als der Pflasterstein die Scheibe trifft. In einer anderen Szene versucht Alice Haughton (Romola Garai) – die Ehefrau eines Parlamentsabgeordneten – Arbeiterinnen der Wäscherei für das Anliegen des Frauenwahlrechts zu gewinnen. Den von der körperlich belastenden Arbeit müden Wäscherinnen könnte dies in diesem Moment nicht egaler sein.

Die Lebensrealitäten der Arbeiterinnen war von Lohnarbeit, die zu Grunde richtete, jahrelangem (sexuellen) Missbrauch und der „zweiten Schicht zuhause“ bei der Reproduktions- und Fürsorgearbeit geprägt. Dagegen wird offensichtlich, dass die anders geratene Abhängigkeit der bürgerlichen Frauen von ihrer/n Ehe/männern es ihnen leichter machte, sich frauenbewegt zu engagieren.

Annie Kenney and Christabel Pankhurst used violent tactics in Britain as members of the Women's Social and Political Union (WSPU) (Wikicommons)

Annie Kenney and Christabel Pankhurst (WSPU) (Wikimedia Commons)

Die filmische Umsetzung in „Suffragette“ erinnert dabei an eine Szene aus dem Musicalfilm „Mary Poppins“ (1964) um das gleichnamige Kindermädchen. Poppins arbeitet für die wohlhabende Familie Banks: Winifred Banks ist Suffragette. In einer Szene kommt sie begeistert aus einer Versammlung nach Hause und singt das Lied „Sister Suffragette“. Die Köchin und eine weitere Hausangestellte sehen sich nahezu gezwungen mitzumachen. Die Gleichheit aller Frauen, die das Lied proklamiert, wird durch diese Inszenierung (unbewusst?) unterlaufen.

Die Solidarität unter Schwestern sowie die Verantwortung gegenüber den Töchtern, die im Lied „Sister Suffragette“ thematisiert wird, spielt auch im Film „Suffragette“ eine große Rolle. Symbolisiert wird dies unter anderem durch das Buch „Dreams“. Das von der südafrikanischen Frauenrechtsaktivistin Olive Schreiner im Jahr 1890 verfasste Buch wird von Emmeline Pankhurst an Mitkämpferinnen weitergegeben – in einer der Schlussszenen reicht es Emily Davison an Maud Watts weiter.

Repressionen

Wenngleich die Fabrik bzw. die Wäscherei im Film als ein potentieller Raum von Agitation und Weitergabe wichtigen Wissens dargestellt wird – ein Aspekt, den etwa Ingrid Bauer in ihrer historischen Arbeit zu den Zigarrenfabriksarbeiterinnen in Hallein zeigen konnte,[3] bleibt sie dennoch Ort der Repression. So wird Maud Watts aufgrund ihres Engagements nicht nur von den Nachbar*innen, sondern auch den anderen Arbeiter*innen geschmäht und beschimpft. Dem Ehemann wird von anderen Männern vorgeworfen, seine Frau nicht unter Kontrolle zu haben. Wie um seine verletzte Männlichkeit wieder herzustellen, wirft er Maud Watt aus der gemeinsamen Wohnung hinaus. Die Arbeitsstelle verliert sie ebenfalls.

Der Höhepunkt dieser Opfer, die Maud Watts zu einer Märtyrerin stilisieren, ist schließlich der Verlust des Sohnes. Der Ehemann gibt das Kind zur Adoption frei, weil er sich alleine der Aufgabe nicht gewachsen fühlt, das Kind aufzuziehen.[4] Sie kann nach der Entlassung aus der Haft nur mehr Unterschlupf in einer Kirche finden (auch dies ist symbolisch zu lesen).

Plakat zum Frauenstimmrecht 1946 (Schweiz) @Plakatsammlung, Museum für Gestaltung Zürich

Plakat zum Frauenstimmrecht 1946 (Schweiz) @Plakatsammlung, Museum für Gestaltung Zürich

Dass politische Interessen sich nicht mit den familiären und häuslichen Pflichten vereinbaren ließen, die dem sozialen Geschlechtscharakter von Frauen eingeschrieben seien, ist dabei ein gängiger antifeministischer Topos, der im Film immer wieder kritisch thematisiert wird. Das zieht sich durch die zeitgenössischen Reaktionen ebenso wie in popkulturellen Umsetzungen. Nicht zufällig ist Winifred Banks, die Mutter der vernachlässigten Kinder im vorher genannten Film „Mary Poppins“, Suffragette. Und dieser antifeministische Topos wirkte lange fort, wie etwa an diesem Antifrauenstimmrechtsplakat aus der Schweiz 1946 gesehen werden kann.

Kritiken

Obwohl der Film ein Augenmerk auf die unterschiedlichen Zurichtungen nimmt, die die Geschlechterverhältnisse je nach sozialer Zugehörigkeit auszeichnen, wurde er zu Recht in feministischen – vor allem US-amerikanischen und britischen – Medien dafür kritisiert, dass er die Frage nach der Präsenz von Women of Color (wie etwa Sophia Duleep Singh) bzw. Migrant*innen ebenso ausblendet wie die Partizipation von Frauenwahlrechtsaktivistinnen am kolonialen britischen Königreich.[5]

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Historische Akteurinnen der (bürgerlichen) Frauenbewegung im 19. und 20. Jahrhundert verglichen die rechtlich ungleich gestellte Situation oft mit Sklavinnenschaft, um sich so in bestehende politische Befreiungsdiskurse einzuschreiben. Oft genug tätigten sie auch antisemitische, rassistische oder nationalistische Aussagen.[6] Dies muss im Auge behalten werden, bevor eins sich unkritisch mit historischen Frauenrechtsaktivistinnen identifiziert. Denn: mit historischen Verhältnissen und Akteur*innen sollte sich komplex auseinandergesetzt werden. Dies ist aber wohl von einem Film, der als Blockbuster angelegt ist, kaum zu erwarten. Umso weniger dann noch von einem Film, der so gekonnt eine Heldinnengeschichte schreibt – und als solcher emphatisch aufgenommen wird. Unsäglich ist es jedenfalls, dass der Ausspruch Emmeline Pankhursts „Rather a rebel than a slave“ als Fanartikel auf T-Shirt gedruckt präsentiert wird.[7]

Veronika Helfert

Anmerkungen

[1] „Suffragette“ Director Sarah Gavron Talks Feminism, Race and Meryl Streep. Bust Interview, o.D.

[2] Sara Kettler, „Suffragette“. The Real Women Who Inspired the Film, 23.10.2015.

[3] Ingrid Bauer, „Tschikweiber haums uns g’nennt …“ Die Zigarrenfabriksarbeiterinnen von Hallein. Frauen. Arbeit. Geschichte, Neuausgabe, Berlin 2015.

[4] Dass der Ehemann das Oberhaupt der Familie ist und über Ehefrau und Kind in zentralen Punkten bestimmen kann, ist freilich ebenso mit der Schwäche und Unvernunft von Frauen argumentiert worden wie der Ausschluss aus politischen Vereinen und Funktionen.

[5] z.B. Anna Leszkiewicz, What did the suffragette movement in Britain really look like?, 7.10.2015.

[6] Exemplarisch z.B. Johanna Gehmacher, Völkische Frauenbewegung. Deutschnationale und nationalsozialistische Geschlechterpolitik in Österreich, Wien 1998.

[7] Jamilah Lemieux, Why those „Suffragette“ T-Shirs are a Racial Slap, 6.10.2015.

 

 

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