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Von Gnathon zu Saturio wurde 2003 als Dissertation bei Heinz-Günther Nesselrath eingereicht und von Heinz-Günther Nesselrath, Otto Zwierlein und Gustaf-Adolf Lehmann in die Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte aufgenommen. Das Buch ist gegliedert in Vorwort, Einleitung, Kapitel zum Begriff des Parasiten, zur Gestalt des Parasiten in der griechischen Komödie und zur Parasitenrolle in der römischen Komödie, ein ausführliches Literaturverzeichnis sowie zwei Indices: Namen und Sachen und Index locorum. Das Hauptaugenmerk der Studie liegt auf den Stückinterpretationen, die um zwei Unterkapitel zu den dramaturgischen Funktionen des Parasiten und den Möglichkeiten der Unterscheidung des plautinischen und des terenzischen Komödienparasiten ergänzt sind. Anhand der lateinischen Stücke, in welchen Parasiten auftreten, legt Antonsen-Resch eine kritische Reflexion der Originalitätsdebatte vor. Dabei trägt sie weniger eigene Thesen vor, als dass sie vor allem in der deutschsprachigen Philologie vertretene Positionen - vielfach in Form von ausführlichen Zitaten - gegen einander stellt und mit klarem Blick beurteilt. In erster Linie dekonstruiert Antonsen-Resch die Position, die der Freiburger Sonderforschungsbereich um Eckhard Lefèvre im Bemühen um den Nachweis der Eigenständigkeit des Plautus gegenüber seinen Vorlagen in den letzten Jahrzehnten entwickelt und in einer Flut von Publikationen vertreten hat. Otto Zwierleins Ansatz, zwei spätere Bearbeiter seien Schuld an etwaigen Unstimmigkeiten in den Komödien des Plautus, und dieser habe sich im Großen und Ganzen an seine Vorlagen gehalten, wird in seiner vollen Radikalität nicht zur Diskussion gestellt - obwohl Antonsen-Resch zurecht Plautus deutlich mehr künstlerische Freiheit zugesteht als Zwierlein. In den Kapiteln zu den einzelnen Stücken wird dem Titel entsprechend sowohl auf den jeweiligen Parasiten als auch auf die Originalitätsdiskussion eingegangen. Der Umfang hängt demnach davon ab, wie groß die Rolle des Parasiten ist und wie ausführlich und kontrovers ein Stück bislang diskutiert wurde. Bei den Bacchides des Plautus führt dieser zweifache Focus dazu, dass es auf den fast dreißig Seiten (S. 30-58) viel über das "Schlüsselstück für die neuere Plautuskritik" (Zwierlein, zitiert S. 31), kaum jedoch etwas über den namenlosen, nur kurz auftretenden Parasiten zu sagen gibt. Das schmälert den Wert der Studie keineswegs, doch wäre eine klarere Struktur der Kapitel für ein schnelleres Zurechtfinden im Text von Vorteil gewesen. Beginnend mit den Ausführungen zum Persa des Plautus, gehe ich exemplarisch auf zwei Kapitel ein: Einleitend skizziert Antonsen-Resch die Problematik um dieses Stück, das sehr unterschiedlich beurteilt wurde - nicht zuletzt aufgrund des ungewöhnlichen Personals, denn immerhin tritt ein Sklave als adulescens amans (verliebter Jüngling) auf und hat ein Parasit eine Tochter. Im Zentrum der Diskussion steht für Antonsen-Resch jedoch die Frage nach dem Wesen des Parasiten Saturio und deren Bedeutung für die Originalitätsdiskussion. Der Parasit hält in den Versen 62-76 einen umfangreichen Eingangsmonolog, in dem er sich von Quadruplatoren (also Denunzianten, die einen Teil der Klagssumme selbst kassierten) distanziert und Vorschläge macht, wie man dieses gesellschaftliche Übel beseitigen könne. In einem bislang zu unrecht weitgehend vernachlässigten Artikel weist Georg Danek,1 auf den sich Antonsen-Resch mit Gewinn bezieht, nach, dass diese Rede in den wesentlichen Punkten auf eine griechische Vorlage zurückgehen kann. Ein griechischer Sykophant dürfte demnach der Vorläufer des römischen Quadruplators gewesen sein, was zur Konsequenz hat, dass der Persa durchaus eine griechische Vorlage haben kann. Damit ist für die Einschätzung dieser Komödie und ihres Verhältnisses zum Original viel gewonnen. Kritik erscheint jedoch an einem Punkt angebracht: Antonsen-Resch übernimmt Daneks falsche Ansicht, "der Parasit gehört [sc. für das Bewusstsein des römischen Zuschauers] ausschließlich zur fiktiven Welt der Bühne, der Quadruplator ausschließlich zum realen römischen Alltag" (Danek, zitiert S. 134), und die darauf aufbauende Interpretation von Saturios Eingangsmonolog. Beide Autoren folgen der (vor allem im deutschen Sprachraum vorherrschenden) communis opinio, die eine Existenz von "Parasiten" im plautinischen Rom bestreitet. Diese Vorstellung ist durch Arbeiten wie Cynthia Damons The Mask of the Parasite. A Pathology of Roman Patronage fragwürdig geworden,2 denn auch zur Zeit des Plautus funktionierte das Patronagesystem in Rom nicht so gut, dass es keine Menschen gegeben hätte, die als "Parasiten" zu bezeichnen und vom Publikum als solche zu erkennen gewesen wären.3 Nun zum Eunuchus des Terenz: Nach Einleitung, Inhaltsangabe und einem Überblick über die "zweiteilige Disposition der Handlung" (S. 158), kommt Antonsen-Resch zu jener Stelle im Prolog des Eunuchus, an der Terenz von der Übernahme des miles gloriosus und des parasitus colax aus Menanders Kolax in seine Hauptvorlage, den Eunuchos des Menander, spricht. Der Eunuchus des Terenz basiert also auf zwei Vorlagen. Mit der Einführung des neuen Figurenpaares steht zur Diskussion, ob Terenz "auch Partien von dramatischer Bedeutung aus dem Kolax übernommen hat, und ob somit sich für seinen Eunuchus ein vom Menandreischen Eunuchos wesentlich verschiedener Handlungsverlauf ergeben habe" (Ulrich Knoche, zitiert S. 159). In einem knappen "Forschungsbericht" diskutiert Antonsen-Resch die repräsentativen Einschätzungen dieser Frage. Im Anschluss daran werden einzeln jene Szenen im Eunuchus behandelt, in welchen Gnatho, in dem die Autorin "nachweislich eine Schöpfung Menanders" (S. 167) sieht, und Thraso auftreten. Nach den Szenen II 2 und III 1 geht sie, ohne sich in dieser Angelegenheit zu entscheiden, auf die kontroversiell diskutierte Frage nach der Zahl der Parasiten in Menanders Kolax ein.4 Sie legt sich, da keine eindeutigen Argumente vorliegen, auch nicht fest, ob die Hausbelagerung in IV 7 aus dem Eunuchos des Menander stammt oder nicht, "wenn auch deren Entlehnung aus dem Kolax insgesamt grössere Plausibilität beanspruchen dürfte" (S. 176). Zum Finale, zu dem offen ist, ob die Idee dazu auf den Eunuchos oder den Kolax des Menander oder auf Terenz zurückzuführen ist, sieht sie "ein leichtes Übergewicht zugunsten der terenzischen Umgestaltung" (S. 178). Antonsen-Resch gibt einen knappen, guten Einblick in die Originalitätsdebatte, wobei sie auf relevante Szenen, in welchen weder Gnatho noch Thraso auftreten, nur verweist (S. 161, Anm. 695). Die Vorsicht, mit der die Autorin vorgeht, macht ihr Buch sympathisch, doch hätte sie ohne weiters selbstbewusster argumentieren können. Ähnlich wie zu Terenzens Eunuchus gelangt Antonsen-Resch zu guten Einschätzungen der Problemlage, auch wenn sie mehrfach unhinterfragt problematische Grundannahmen der communis opinio übernimmt.5 Jedenfalls leistet sie aufgrund ihrer kritischen Haltung gegenüber allzu einseitigen Positionen anhand des Parasiten einen willkommenen Beitrag zur Originalitätsdebatte, und erreicht damit das Ziel, das sie sich gesteckt hat. Zur Figur des Parasiten auf der griechischen Komödienbühne wird man jedoch, da sich Antonsen-Resch dazu äußerst knapp hält, auch in Zukunft bei Heinz-Günther Nesselrath,6 und zur gesellschaftlichen Bedeutung dieses Phänomens, auf die sie nicht eingeht, bei Cynthia Damon und Elizabeth Ivory Tylawsky7 nachschlagen.
Dr. Matthias Johannes Pernerstorfer Geboren 1976 in Eggenburg (NÖ).
1996 bis 2001 Studium der Theaterwissenschaft in Wien und München. 2003 bis 2005 DOC-Stipendium der ÖAW, Abschluss mit einer Dissertation zu Menanders Kolax.
Anschließend Arbeit an einem Editionsprojekt zu den "Teutschen Arien" (ÖNB Cod. 12706-12709) und Publikationstätigkeit zur griechischen Komödie.
Seit 2007 Mitarbeiter des Don Juan Archivs Wien.
Kontakt: matthias.j.pernerstorfer(at)donjuanarchiv.at © Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien Letzte Änderung: 28.12.2007 13:40 |