| Rezensionen Dr. Acula´s Empfählungen für die vampirologische Handbibliothek Rainer M. Köppl
Bram Stokers Vampirroman Dracula ist vor 100 Jahren erstmals erschienen. Im Jahre 1897 hat sich der Fürst der Vampire in unseren Köpfen eingenistet und ist seither nicht mehr wegzudenken. Längst hat er sich von seinem Schöpfer gelöst und in unserem kollektiven Bewußtsein festgesetzt: als Fixstern der populären Mythologie. Wie lebendig der untote Blutsauger ist, merkt man daran, daß die Produktionsbetriebe der Kulturindustrie auf Hochtouren arbeiten: ein oberflächlicher Blick auf die Regale einer durchschnittlichen Buchhandlung zeigt, daß wir 100 Jahre nach Draculas erstem Erscheinen in einer völlig vampirisierten Gesellschaft leben: von Renate Welsh Vampirkinderbuch Das Vamperl bis zu Friedrich Kittlers hochambitionierten "technischen Schriften" Draculas Vermächtnis reicht das überbordende Angebot an populärwissenschaftlichen Schmökern, wissenschaftlichen Studien, Erzählungen und Romanen, Parodien und Dokumentationen. 1) Heute, nahe der Jahrtausendwende, ist Dracula nachtaktiv wie eh und je: im Kino, im Fernsehen und im Theater. Sogar Marschners frühromantischer Opernheld Der Vampyr erlebt ein spektakuläres Revival. Die bisher letzte Inszenierung feierte erst am Freitag, den 16.10.1998 im Opernhaus Halle Premiere. Wer im hektischen Jubeljahr 100 Jahre Dracula Blut geleckt hat und sich nun in aller Ruhe vom Fan zum Forscher weiterentwickeln möchte, wer über den Fürsten der Vampire, seine historischen Vorbilder, seine literarischen Wurzeln und seinen spektakulären transmedialen Siegeszug durchs 20. Jahrhundert mehr erfahren möchte, dem seien
Dr.Acula's Empfählungen für die vampirologische Handbibliothek
ans Herz gelegt. 1) Friedrich Kittlers Essay, "Draculas Vermächtnis", gespickt mit Lacan- und Freud-Zitaten, erschien 1993 bei Reclam (Leipzig) in dem Sammelband F.K. Draculas Vermächtnis: Technische Schriften. Renate Welsh veröffentliche Das Vamperl in der Reihe "dtv junior" (Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1996); auch der Picus-Verlag hat mehrere Vampirkinderbücher im Programm: Ein echter Vampirfilm von Roswitha Wiedick, Die Vampirschule und Der Vampirklub, beide von Paul van Loon. Symptomatisch für den hohen Grad der Vampirisierung sind auch: Stephen Jones (ed.), The Mammoth Book of Dracula: Vampire Tales for the New Millenium (London: Robinson, 1997); und Der Rabe: Magazin für jede Art von Literatur. Nummer 49 - Der Vampir-Rabe (Zürich: Haffmanns, 1997). Besonders amüsant ist Woody Allens Geschichte, in der sich Dracula von einer Sonnenfinsternis täuschen läßt, seine Gruft tagsüber verläßt und sich damit in eine äußerst prekäre Lage bringt. Gesehen, aber noch nicht gelesen habe ich Floyd Kemskes, Bilanz der Vampire (München: Schneekluth - wen wundert's - 1997); ein Roman über "Management mit Biß", wie der Klappentext verspricht. Die Originalausgabe dieses Romans über eine Biotechnologiefirma erschien 1995 unter dem doppelsinnigen Titel Human resources
1) für Novizen
Im Jubeljahr 1997 (hundert Jahre Bram Stokers Dracula) erschien die deutsche Ausgabe von Matthew Bunsons The Vampire Encyclopedia, ein Nachschlagewerk, das die Einsteiger in die Welt der Untoten begeistern wird. Aber auch für den fortgeschrittenen Vampirologen ist die alphabetische Anordnung der Eintragungen von "Abbott und Costello treffen Frankenstein" (Vampirfilmkomödie, USA 1948) bis "Zwillinge" (sind fähig, Vampire zu erkennen) amüsant und anregend. So folgt auf den Artikel "Hämatophilie" (die krankhafte Fixierung auf Blut) die Eintragung "Hammer", und der erfahrene Vampirologe assoziiert: das ist ja nicht nur ein unentbehrliches Werkzeug für das Einschlagen der Pfähle in die Herzen von Vampiren (auf daß ihr unreines Blut verspritze), sondern auch jene englische Filmfirma, deren Produktionen eine gewisse Hämatophilie ihrer Drehbuchautoren und Regisseure nicht verleugnen können. Blättert man weiter, findet man zwischen dem gefährlichen, aber bei uns kaum geläufigen "Kukuth" (albanischer Wiedergänger) und dem berüchtigten Serienmörder "Kürten" (der Vampir von Düsseldorf), den harmlosen "Kürbis", ein Gemüse, das wir bisher für gesund und ungefährlich gehalten haben. Weit gefehlt! "Kürbis: Wie auch die Wassermelone ein Gewächs, dem die Fähigkeit zugeschrieben wird, sich in einen Vampir zu verwandeln (...)". Ist die Steiermark deshalb so vampirverseucht?
2) für Spezialisten mit dem Hang zur Perfektion, ein Werk von A - Y.
Außergewöhnlich empfählenswert [!] ist die eineinhalb Kilo schwere amerikanische Encyclopedia of the Undead, die J. Gordon Melton zusammengestellt hat. Von "Ackerman, Forrest James" (Horror - Schriftsteller und Sammler, der mehr als 200 verschiedene Ausgaben von Bram Stokers Dracula besitzt) bis "Youngson, Jeanne Keyes" (Gründerin des größten Count Dracula Fan Club) wird auf 852 Seiten alles Wissenswerte über Vampire, Vampirismus und Vampirologen mitgeteilt. Angesichts der immensen Materialfülle und der Liebe zum Detail machen die wenigen kleinen Fehler das Werk sogar noch sympathischer. So wird Murnaus filmische Dracula-Adaption Nosferatu konsequent mit dem Untertitel Eine Symphonie des Garuens versehen, aber die Neuschöpfung Garuen (statt: Grauen) klingt immerhin bedrohlich nach "garou", und dahinter verbirgt sich ein Monster, das im frankophonen Süden der Vereinigten Staaten sein Unwesen treibt: le loup-garou - der Werwolf. Nach guter anglo-amerikanischer Tradition enthält die Enzyklopädie ein umfangreiches Adressenverzeichnis (Vampir-Fanclubs, Dracula-Societies sowie einschlägige Forschungs- und Dokumentationsstellen), eine Bibliographie der Vampirdramen, -opern, -ballette und -romane sowie eine kommentierte Vampir-Filmographie mit über 650 Filmen. Zu den einzelnen Artikeln werden ausführliche Quellen- und Literaturangaben angeführt. Wer jetzt noch immer nach Argumenten für den sofortigen Erwerb dieses Werkes sucht, der soll auf den Preis schauen: 16 Dollar und 95 Cents für 850 Seiten! [Ein optischer Gag für das Kind in uns Wissenschaftlern: Beim raschen Durchblättern der Enzyklopädie flattert eine Daumenkino-Fledermaus durch das Buch!]
3) für Literaturwissenschaftler und Leseratten
Was verbindet Stephen King mit Elfriede Jelinek, Nikolai Gogol mit Christine Nöstlinger? Und was zum Teufel hat Walt Disney damit zu tun? Die Antwort findet man im Vampir-Lexikon von Erwin Jänsch. In diesem Nachschlagewerk werden 250 Autoren und ihre blutsaugerischen Kreaturen portraitiert. Vom Regiestar Woody Allen bis zur Wiener Autorin Eleonore Zusak. Leidenschaftlich und informativ schreibt Jänsch über die Heftromane (vulgo: Schundheftl), die von der Wissenschaft, wenn überhaupt, nur mit spitzen Fingern und hochgezogener Augenbraue (daher der Ausdruck Hochkultur / high-brow-culture) angefaßt werden: Es wimmelt in diesem Lexikon von Vampir-Katzen, Vampir-Pfaffen, feministischen Vampiren und Punk-Vampiren. Auch der Vampir-Ente Duckula ist eine Eintragung gewidmet. Die zahlreichen Vampirkinderbücher werden ebenso kritisch gewürdigt wie die pornographischen Vampir-Comics für Erwachsene und die klassischen Blutsauger der Weltliteratur. Selbst für erfahrene Vampirologen ist dieses hervorragende Lexikon eine Fundgrube - ein Vergnügen ist es sowieso.
4) für frankophile Draculogen
Alain Pozzuoli hat nicht nur die erste Bram-Stoker-Biographie in französischer Sprache verfaßt, sondern auch ein Dracula-Handbuch. Von A Dream of Dracula (engl. TV-Film, 1992) bis Zoltan, Draculas Dog (USA 1977) findet man in seinem Guide du Centenaire: Dracula in bunter Abfolge Filmtitel, Autoren und Sachbegriffe, in einem eigenen Bildteil sogar Farbfotos in ausgezeichneter Qualität. Neben der schmucken Ausstattung ist der hohe Nutzen des Werkes für praktizierende Draculisten zu erwähnen. So wird in der Eintragung "Orient Expreß" ("Train de luxe très prisé par les V.I.P du XIX siècle") nicht nur jene Passage aus Bram Stokers Roman zitiert, in der Jonathan Harker und seine Freunde auf der Jagd nach Graf Dracula mit dem Orient-Expreß reisen, man findet dort auch die Telephonnummern, unter denen man in Frankreich, England, Deutschland und Österreich Sitzplätze im Orient-Expreß reservieren kann. (Naturgemäß ist die österreichische Telephonnummer falsch.) Daß in einem französischen Dracula-Handbuch die Eintragung "Spécialités culinaires Dracula" nicht fehlt, versteht sich wohl von selbst: mit Rezepten für das unter Dracula-Kennern beliebte Paprikahendl, Dracula-Cocktails, etc.
5) gegen die Psychovampire
Ebenfalls im Jubeljahr 100 Jahre Dracula ist The American Book of the Dead erschienen. Unter allen Enzyklopädien ist das mein Lieblingsbuch. Mit Herz und Hirn hochprofessionell gemacht und liebevoll illustriert. Eine unerschöpfliche Fundgrube zur Geschichte der populären Kultur und Mythologie. Die bisher besprochenen vier Lexika widmen sich ausschließlich dem Wissen über die UNdankbaren Toten, die Vampire. Diese saugen den Menschen Blut und - nach der psychologischen Interpretation des Mythos - ENERGIE aus. Das American Book of the Dead widmet sich hingegen dem erstaunlich differenzierten Universum der dankbaren Toten: the Grateful Dead. Sie geben den Lebendigen unter uns pure Energie zurück. Dieses Handbuch gegen die Energieräuber ist voll von Visionen: Die Eintragungen reichen von "Acid Test"(LSD-Parties zur Bewußtseinserweiterung der Deadheads) bis "Zabriskie Point" ("one of the avant-garde curiosities of contemporary cinema"; mit einem Grateful Dead Soundtrack), von den "Grateful Dead Folktales" (eine Sammlung von historischen Legenden über dankbare Tote aus Skandinavien, Rußland, Italien, Griechenland etc.) bis zum cinema-verité-Video "Deadheads- An American Subculture". Die "Werwolfes of London" kommen ebenso zu Wort wie Rainer Maria Rilke ("Duino Elegies"), Hugh Hefners 1969er Softsex-Talkshow "Playboy after Dark" ist ebenso fixer Bestandteil der Dead-Mythologie wie Francis Ford Coppolas Film Apocalypse Now, zu dem die Dankbaren Toten den musikalischen Atem des Dschungelkrieges beisteuerten: NAPALM FOR BREAKFAST! © Institut für Theater-, Film- und
Medienwissenschaft an der Universität Wien |