Rezensionen

 

 

Siglinde Bolbecher und Konstantin Kaiser: Lexikon der österreichischen Exilliteratur. In Zusammenarbeit mit Evelyn Adunka, Nina Jakl, Ulrike Oedl. Wien, München: Deuticke 2000. 763 S. ISBN: 3-216-30548-1. Preis: ATS 599,-/DM 82,-/sFr 78,-.
Rezensentin: Brigitte Dalinger

 

 

Andreas B. Kilcher (Hg.): Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Jüdische Autorinnen und Autoren deutscher Sprache von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Stuttgart, Weimar: J. B. Metzler 2000. 664 S. m. 255 Abb. ISBN: 3-476-01682-X. Preis: ATS 570,-/DM 78,-/sFr 71,-.
Rezensentin: Brigitte Dalinger

 

Zwei neue Lexika
Das Lexikon der österreichischen Exilliteratur und
das Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur

Auf den ersten Blick scheint es sich bei diesen beiden Lexika, die im Vorjahr in Deutschland bzw. Österreich erschienen sind, um Lexika mit ähnlicher Ausrichtung zu handeln, und tatsächlich findet sich eine ganze Reihe von Namen in beiden. Schlägt man nun einen der Namen nach und vergleicht die Einträge, so wird der Unterschied in Anlage, Ziel und Absicht beider Lexika sofort klar.

Die VerfasserInnen des Lexikons der österreichischen Exilliteratur (Siglinde Bolbecher und Konstantin Kaiser, in Zusammenarbeit mit Evelyn Adunka, Nina Jakl und Ulrike Oedl) haben sich zum Ziel gesetzt, die "österreichische Exilliteratur in ihrer Gesamtheit" darzustellen. In das Lexikon aufgenommen wurden außer den Autorinnen und Autoren, die ins Exil gingen, auch diejenigen, denen die Flucht nicht gelang, die ermordet wurden oder durch glückliche Umstände überlebten. Diese Auswahl folgt der Auffassung der VerfasserInnen des Lexikons, daß die Literatur des Widerstands und die Literatur des Exils als geistige Einheit zu verstehen seien, eine Einheit, die politisch durch die gemeinsame Ablehnung von Faschismus und Nationalsozialismus hergestellt sei; demgemäß wurden auch Literaten der sogenannten "inneren Emigration" einbezogen. Meines Wissens erstmals in einem österreichischen Lexikon finden sich auch Beiträge über jiddischschreibende Autorinnen und Autoren, großteils verfaßt von Armin Eidherr.

Interessant in diesem Zusammenhang ist die Bestimmung des "Österreichischen". Die geographischen Grenzen des heutigen Österreich werden ja schon in Hinblick auf die jiddischen AutorInnen, die aus Galizien, dem heutigen Polen oder Rußland stammten, überschritten; demgemäß wurden auch andere AutorInnen aus den ehemaligen habsburgischen Kronländern aufgenommen, die in manchen Fällen den daraus entstandenen Nationalstaaten zuordenbar sind. Ebenso offen wie die geographische Zuordnung der AutorInnen bleibt auch eine ästhetische Zuordnung ihrer Schriften. Eine Suche nach einem "typisch Österreichischen" in ihren Werken sei fragwürdig, so die VerfasserInnen, das "Österreichische" der Autorinnen und Autoren sei durch ihre Biographie und die kulturellen und sozialen Einflüsse, denen sie ausgesetzt waren, bestimmt.

Diese geographisch wie ästhetisch offene Bestimmung eines "Österreichischen" in der Literatur, hier in der Exilliteratur, ist ebenso wegweisend wie der Hinweis der VerfasserInnen auf die Tatsache, daß nicht nur in den Jahren 1938 bis 1945 Literatur im Exil - Exilliteratur - entstand. Schon im Februar 1934, mit der Niederschlagung des Arbeiteraufstandes und der Installierung des Ständestaates, sahen sich viele Autoren gezwungen, Österreich zu verlassen - und bis heute entsteht Literatur im Ausland, deren Verfasser und Verfasserinnen aus Österreich stammen.

In der Einleitung zum Lexikon der österreichischen Exilliteratur wird ferner klar gemacht, daß "ins Exil gehen" nicht hieß, daß es irgendwo auf der Welt ein "bezugsfertiges Gehäuse" namens "Exil" gegeben habe - Exil mußte vielmehr, so die VerfasserInnen, "von den Vertriebenen erst erkämpft und erschlichen, erkauft und erbettelt" werden. Im weiteren wird ein Überblick über die wichtigsten Exilländer - CSR (bis 1938), Frankreich (bis 1940), Großbritannien, USA - geboten sowie über die Organisationen der Exilanten. Etwa 135.000 Menschen (Mindestschätzung) gingen aus Österreich ins Exil, etwa 65.000 Jüdinnnen und Juden wurden ermordet, rund 5% der Exilanten kehrten zurück.

Jede Schriftstellerin und jeder Schriftsteller wird im Lexikon der österreichischen Exilliteratur durch eine Kurzbiographie vorgestellt. Diese umfaßt auch eventuelle Pseudonyme, Namen der Eltern und den beruflichen und literarischen Werdegang. Ferner werden erlittene Verfolgungen, Exilwege und die Mitarbeit bei Exilorganisationen beschrieben. Eine der Kurzbiographie folgende Werkliste umfaßt die selbständigen Publikationen der Exilzeit (bis 1950), im Exil entstandene Werke sowie Werke von Vertriebenen, in denen die Themen Faschismus, Nationalsozialismus, Verfolgung und Holocaust eine wichtige Rolle spielen. Ein Verzeichnis der wichtigsten Quellen zur besprochenen Person bzw. ihrem Werk rundet die einzelnen Beiträge ab.

Das Lexikon der österreichischen Exilliteratur enthält eine Fülle von neuen und sehr brauchbaren Daten auch zu Autorinnen und Autoren, die sich kaum in anderen Lexika finden, etwa zu Else Feldmann, die 1942 deportiert wurde. Aber auch AutorInnen, die erst im Exil bekannt wurden, teilweise auch dort erst zu schreiben begannen und erfolgreich sind, wie etwa Stella Hershan, finden sich sowie Einträge zu bekannten Namen wie Ruth Klüger. Sieht man das Lexikon durch, überrascht die Zahl von heute vergessenen Dramatikerinnen und Dramatikern, wie etwa Maria Berl-Lee, Gustav(e) Beer, Friedrich Feld und Dosio Koffler; außerdem finden sich Biographien zu Historikern, wie etwa Hugo Gold, und zu Dramaturgen bzw. Kritikern, wie beispielsweise Heinrich Glücksmann, Otto Basil und Peter Loos.

Das Lexikon der österreichischen Exilliteratur ist ein wesentlicher Beitrag zur neueren Literaturgeschichte, die durch diese Darstellung der Autorinnen und Autoren und ihrer Werke hoffentlich zu intensiver Beschäftigung mit Exilliteratur angeregt wird. Wichtig und wünschenswert ist auch der von denselben VerfasserInnen geplante Band zur Geschichte der österreichischen Exilliteratur. Dieser Band böte auch einen Anlaß, um die Begriffe "Exil" und "Exilliteraur" zu diskutieren - denn meiner Meinung nach empfinden viele der genannten AutorInnen ihre Arbeit nicht unbedingt als "Exilliteratur"; vor allem für SchriftstellerInnen, die sehr jung vertrieben wurden oder erst sehr spät zu schreiben begannen, scheint die Bezeichnung doch fraglich zu sein. Klar ist, daß die Schriftsteller des "Exils", die Vertriebenen, in Österreich lange ignoriert wurden, ihre Werke wurden nicht einmal zur Kenntnis genommen, daher ist die Verwendung des Begriffs "österreichische Exilliteratur" nach wie vor wichtig und notwendig.

Das Lexikon der österreichischen Exilliteratur ist ein wesentlicher Beitrag zur neueren Literaturgeschichte, da es erstmals einen umfassenden Überblick über das Leben und Werk jener Schriftsteller und Schriftstellerinnen bietet, die in den Jahren 1933/34 bis 1945 aus Österreich vertrieben, deportiert, verfolgt oder ermordet wurden.

Einen völlig anderen Ansatz hat das Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Schon die Setzung der Worte "jüdisch" und "deutsch" im Untertitel - Jüdische Autorinnen und Autoren deutscher Sprache von der Aufklärung bis zur Gegenwart - macht klar, daß der Begriff einer "deutsch-jüdischen Literatur" nicht kommentarlos verwendet werden kann. Demgemäß weist Andreas B. Kilcher in der Einleitung auf die beachtlichen Schwierigkeiten im Umgang mit deutsch-jüdischer Literatur hin, die vor allem darin lägen, daß dieser Begriff polemisch, ideologisch und apologetisch verwendet worden sei, nicht aber "als eine wie auch immer 'wertfreie' ästhetische und literaturhistorische Kategorie." Davon ausgehend wird ein Überblick über die Erfindung, Rezeption und Verwendung des Begriffes der deutsch-jüdischen Literatur geboten, in dem auf dessen "kraß polemisch-ideologische[r] Verwendung innerhalb der völkischen Germanistik von ca. 1871 bis 1945" ebenso eingegangen wird wie auf Ernst Gombrichs "Diskussionsbemerkung" Jüdische Identität und jüdisches Schicksal (1997). Gombrich wies darin "jede noch so 'gut gemeinte' Rede von einer deutsch-jüdischen Kultur in moralischer und politischer Hinsicht als illegitim und geradezu gefährlich" zurück, gemäß Gombrich tradiere "der Begriff der deutsch-jüdischen Literatur unweigerlich die nazistische Ideologie einer jüdischen Sonderliteratur mit allen gewaltsamen Implikationen der Ausgrenzung". Andreas B. Kilcher setzt dem entgegen, daß es auch unhistorisch sei, den Begriff der deutsch-jüdischen Literatur auf die völkische Germanistik und die Nürnberger Gesetze zu reduzieren. Sein Argument basiert u.a. auf der Tatsache, daß die deutschsprachige Literatur jüdischer Autoren immer Anlaß einer breiten und vielstimmigen innerjüdischen Debatte gewesen ist, die er im folgenden in ihren einzelnen Interpretationsansätzen darstellt.

Im weiteren legt Kilcher den Ansatz für das vorliegende Lexikon dar, in dem er nach Selbstverständnis und Selbstbestimmung dessen, was deutsch-jüdische Literatur sei, fragt. Und diese Frage nach der Selbstbestimmung der Literatinnen und Literaten ist es, die die Grundlage des Lexikons der deutsch-jüdischen Literatur bildet und die die einzelnen Beiträge so spannend macht. Diese bestehen aus Namen, Abbildung, einer knappen Zeile zu den äußeren Lebensdaten, abgeschlossen werden sie von einer Aufzählung der Werke und der wichtigsten Sekundärliteratur. Der Kern der Beiträge aber ist eine Darstellung der Auseinandersetzung der Literatinnen und Literaten mit ihrer jüdischen Identität anhand ihrer Werke, aus denen teilweise ausführlich zitiert wird.

Der zeitliche Rahmen des Lexikons der deutsch-jüdischen Literatur ist von der Aufklärung bis zur Gegenwart gespannt, es finden sich daher Beiträge etwa über Heinrich Heine und Dorothea Schlegel, den Theatermann Oskar Blumenthal und den Dramatiker Hans José Rehfisch wie auch über junge Autorinnen und Autoren wie Maxim Biller, Barbara Honigmann und Doron Rabinovici. Verfaßt von namhaften WissenschafterInnen, sind die Beiträge schon im einzelnen lesenswert, da sie einen ersten Einblick in das Werk der Literaten und Literatinnen geben - vor allem aber bieten sie einen Eindruck von der Auseinandersetzung der jeweiligen Person mit ihrer jüdischen Identität. So verführt das Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur geradezu zum weiteren Blättern und Lesen, da sich im Vergleich von Beiträgen zu Autoren und Autorinnen einer bestimmten Epoche ein Bild ergibt, das die vielfältigen und sehr individuellen Zugänge zur jüdischen Identität im jeweiligen Zeitabschnitt zeigt.

In diesem Sinne ergänzen die beiden Lexika - soweit sie die gleichen Personen besprechen - einander ausgezeichnet. Findet sich im Lexikon der österreichischen Exilliteratur die "äußere" Geschichte einer Autorin bzw. eines Autors mit Kurzbiographie etc., so ist ihre / seine Auseinandersetzung mit der jüdischen Identität - die ja unter anderem ins Exil führte! - im Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur nachzulesen, etwa bei Jean Amery, Fritz Löhner, Felix Salten und George Tabori.

In beiden Lexika ist der Hinweis zu lesen, daß es nicht vollständig sei und auch nicht sein kann. Für eventuelle weitere Auflagen habe ich Vorschläge. Im Lexikon der österreichischen Exilliteratur, mit seinem Anspruch auf Miterfassung jiddischer Literatur, sollten Autoren wie Samuel Jacob Harendorf und Abisch Meisels, die beide in London im Exil waren, nicht fehlen. Im Lexikon der deutsch-jüdischen Literaturgeschichte wären auch Beiträge über Dramatiker wie Anton und Donat Herrnfeld, gerade weil deren Theaterstücke, die im jüdischen Milieu spielen, der Unterhaltungsliteratur zuzurechnen sind, interessant.

Das Lexikon der österreichischen Exilliteratur enthält eine Fülle neuer Daten, Angaben und Informationen zur Exilliteratur und ihren Autoren; das Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur bietet durch seine Darstellung der Selbstbestimmungsdiskurse der Literatinnen und Literaten ebenso neues, weil auf diese Weise erstmals zusammengestelltes Material. In der Auseinandersetzung mit den beiden Themengebieten - Exilliteratur, deutsch-jüdische Literatur - sind beide Lexika in ihrem jeweiligen Bereich als Standardwerke zu sehen.

 


© Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien
Letzte Änderung: 27.02.2001
email.GIF (73 Byte) Redakteurin: Beate Hochholdinger-Reiterer