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Karin Falkenberg versucht in ihrem Buch, den Bedeutungen des Radiohörens in den Jahren 1933 bis 1950 in Deutschland auf die Spur zu kommen. Innerhalb von 368 Seiten zeichnet sie die wechselvolle Rundfunkgeschichte zwischen Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Wiederaufbau nach und verknüpft diese mit den Alltags- und Lebenswelten von RadiohörerInnen der dreißiger bis fünfziger Jahre. Für dieses ambitionierte Vorhaben greift sie nicht auf altbekanntes und bereits viel zitiertes Material zurück, sondern erschließt neue Forschungsquellen. Anhand von literarischen und autobiographischen Texten von Schriftstellern, Expertenbefragungen und Hörerbriefen geht sie der Frage nach, welche gesellschaftspolitischen und alltagsgeschichtlichen Bedeutungen das Radiohören hatte. Den größten Teil der Forschungsergebnisse bezieht die Arbeit aber aus Interviews mit Zeitzeugen. 62 "Ohrenzeugen" der Geburtsjahrgänge 1903 bis 1945 wurden in Gesprächen zu ihren Erinnerungen an Radio- und Rundfunkgeschichte(n) befragt. Dabei "diente die von den Zeitzeugen erzählte eigene Lebensgeschichte als Hilfslinie für ihren Erzählfluß, andererseits wurde die jeweilige Biographie bei der Befragung mit einem Leitfaden zur Radio- und Hörfunknutzung verzahnt" (S. 25). Nach diesen methodischen Erläuterungen zum Forschungsdesign und einer kurzen diskursgeschichtlichen Bestimmung und Definition von Begriffen wie "Radiohören", "zuhören", "Radio", "Rundfunk" und "Hörfunk", unterteilt Falkenberg die Arbeit in drei Zeitperioden. In der ersten Phase von 1933 bis 1939, die als "Friedensjahre des Nationalsozialismus" definiert wird, etabliert sich der Rundfunk als Massen- und Propagandamedium. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 und die darauf folgenden Kriegsjahre bis 1945 bilden die zweite Phase. Das Ende des Krieges und die ersten Wiederaufbaujahre bis 1950, die von den Befragten als "Wendepunkt" dargestellt werden, finalisieren den Untersuchungszeitraum. Entlang dieser Zeitlinie zeigt die Autorin Brüche und Kontinuitäten im Stellenwert des Radiohörens auf. "Aus dem Lautsprecher rasten Reden wie ein Gewitter" (Irmgard Keun: Nach Mitternacht, zitiert nach Falkenberg S. 62). "Lili Marleen ist ein richtiger Ohrwurm. Wenn ich das heute wieder höre ..., das geht mir immer nicht mehr aus dem Kopf" (Zeitzeugin Lisa Burghof, S. 102). "Ray ging nach Hause, wo Vesta auf dem Sofa schlief und schnarchte. Ihr nagelneuer Rivard-Empfänger stand auf einem Beistelltisch und gab knisternde Geräusche von sich. Er stellte ihn ab und sie wachte auf" (Garrison Keillor: Radio Romance, zitiert nach Falkenberg S. 212). Die vorliegende kultur- und mediengeschichtliche Untersuchung der Radioalltagswelt erweist sich vor allem durch die Einbeziehung von literarischen und lebensgeschichtlichen Texten als Bereicherung. Die zahlreichen Abbildungen von privaten Photos der Befragten, Werbeplakaten und Karikaturen aus Zeitschriften und Broschüren unterstreichen die alltagsgeschichtliche Bedeutung des Radiohörens; allerdings werden diese Abbildungen nur selten in die Analyse miteinbezogen und bleiben leider oftmals unkommentiert. Geboren 1975 in Eisenstadt.
Theaterwissenschafterin, Arbeit an einer Dissertation zur Kulturgeschichte des Radios in Österreich.
Seit Mai 2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt "Hörinszenierungen österreichischer Literatur im Radio" (FWF-Projekt des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien und der Wienbibliothek im Rathaus).
Kontakt: Christine.Ehardt@univie.ac.at © Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien Letzte Änderung: 18.12.2006 13:42 |