Rezensionen

 

 

Frank Hartmann: Medienphilosophie. Wien: WUV 2000. 343 S. m. Abb. ISBN 3-8252-2112-1. Preis: € 20,50/sfr 33,50.-
Rezensent: Günter Krenn

 

Die Buchbinderpresse auf dem Cover und die Tatsache, das gedruckte Medium gewählt zu haben, sind signifikant: Medienphilosophie von Frank Hartmann (Philosoph, Autor, Universitätsdozent) ist ein Buch, das sich mit der Entwicklung der modernen Medien in Reflexion auf das geschriebene Wort befaßt bzw. die Position der Philosophie innerhalb der neuen Entwicklung beleuchtet. Trotzdem er sich "für eine Seite entschieden hat", setzt der Autor seine Blickpunkte integrativ, es geht ihm um die Korrespondenz zwischen Technologie und Gesellschaft durch die "Kommunikologie" (Theorie der Kommunikation in unserer von medialen Übergängen geprägten kulturellen Welt).

Hartmanns Konzept illustriert die Reaktion der Philosophie auf die "reale Virtualität" durch die Entstehung elektronischer Medien und entwickelt dabei einerseits eine Art Genese, andererseits eine Kontextualisierung. Wer Hartmanns Weg folgen will, muß seine Konstruktion akzeptieren: Ins Zentrum seiner Betrachtung stellt er die Kommunikologie nach der Definition Vilém Flussers, durch sie filtert der Autor seine Betrachtungen, in die er u. a. Analysen von Descartes, Kant, Herder, Humboldt, Peirce, Frege, Benjamin, Heidegger, Anders, McLuhan, aber auch Debord, Mauthner oder Neurath einbezieht. Hartmann geht von Flusser aus, nach dessen Definition die Kommunikologie heute die Funktion der Philosophie erfüllt. Die Notwendigkeit der Interpretation von Texten sei nicht mehr so stark gegeben, es geht viel mehr um Einblicke in wissensgenerierende Operationen, bei denen die Texte nur einen kleinen Bestandteil darstellen. Hier setzt seine These an, denn "Weder haben wir uns an diesen Kulturwandel mit seinen Diskursvermischungen gewöhnt, noch entsprechende interpretative Fähigkeiten entwickelt - was wiederum zu einer Konjunktur von Kommunikationswissenschaften und vor allem der Medientheorie geführt hat." (S. 13). Da die Philosophie auf die neue Entwicklung - Hartmanns Meinung zufolge - noch nicht entsprechend reagiert hat, versucht der Autor eine Kontextualisierung der Problematik unter dem Titel "Medienphilosophie".

Erster Ankerpunkt ist, hier bleibt Hartmann traditionell, Descartes, der abstraktes Denken als absolutes Wahrheitsinstrument ansah, bei dem die mathematische Beweisführung die göttliche Offenbarung abgelöst hat. Dadurch trennte sich die Theorie der Geisteswissenschaften von der Metaphysik, die Folge war ein Aufschwung der Naturwissenschaften und des Buchdrucks. An der Stelle rechtfertigt Hartmann seinen Ansatzpunkt: "Das moderne Denken ist dieser spezifischen Buchkultur verpflichtet, der Philosoph reflektiert die Tatsache des Schreibens ebenso wie die des Denkens, und erfindet sich neu als Autor. Er wendet sich jenseits akademischer Kanonisierungszwänge an eine allgemeine Öffentlichkeit, die von nun an zum Prüfstein seiner Theoriebildung werden soll." (S. 50).

Immanuel Kant, Johann Gottfried Herder und Alexander von Humboldt sind die Schwerpunkte weiterer Analysen in Hartmanns Betrachtungen des 18. und 19. Jahrhunderts: "Logische und moralische Ordnung hängen zusammen, die Frage ist nicht das Warum sondern das Wie." (S. 69). Enzyclopädien entstehen, die Welt, vor allem die bürgerliche, wird lesbar und systematisiert, die Sprache fungiert als Aufenthaltsort der Vernunft. Kant untermauert Descartes' Postulat von der Notwendigkeit des Verstandes zum Gewinn von Erfahrungen. Im 20. Jahrhundert etabliert Fritz Mauthner die Sprachkritik, in der Folge löste die Semiotik (Charles S. Peirce) die philosophische Erkenntniskritik ab. Der Logiker Gottlob Frege stellt die Medialität der Schrift ins Zentrum seiner Untersuchungen, definiert das Motiv der "Begriffsschrift" als Präzisierung des wissenschaftlichen Ausdrucks. Von ihm leitet Hartmann auf Otto Neurath über, der das visuelle Darstellungsprinzip (Bildsprache, Piktogramme, Bildstatistiken, Schautafeln usw.) thematisierte.

Die Massenmedien veränderten den philosophischen Diskurs (Edmund Husserl, Martin Heidegger), ohne jedoch - so Hartmann - dabei selbst zu dessen Grundlage zu werden, bestenfalls in Ansätzen bei Max Horkheimer oder Walter Benjamin, der bereits das Ende des Buches zugunsten neuer medialer Konstellationen diagnostizierte. Mit einem Verweis auf Günther Anders' Bild vom "antiquierten Menschen" leitet Hartmann auf die Anthropologie im technischen Zeitalter über, die von den Analytikern der Massenmedien bis hin zum Internet (Harold Innis, Marshall McLuhan) repräsentiert wird.

"Unsere Kultur hat kein Bild von der Wirklichkeit mehr, sondern schafft sich, als Produkt einer lange dauernden wissenschaftlich-technischen Revolution, ihr eigenes Imaginäres." (S. 279). Als letztes und sehr praktisches Beispiel zitiert Hartmann den amerikanischen DJ Spooky (eigentlich Paul D. Miller), der nicht nur Diskjockey, sondern auch Autor von Sach- und SF-Büchern ist: "Während seiner Performance tritt das Publikum in telekinetischen Kontakt mit seiner unmittelbaren Geschichte, mit den Bildklischees und medialen Stereotypien des zwanzigsten Jahrhunderts, mit seinem Mediengedächtnis. One World, Global Village, etc. - die Konzepte mögen täuschen, aber die mediale Entwicklung zeigt einen Drift in Richtung einer Vereinheitlichung der Lebenswelt. 'Sound' wird zu einer transzendentalen Kategorie, welche die menschliche Grundbefindlichkeit ebenso bestimmt wie die uns angeblich gemeinsame kulturelle Logik - allerdings ohne von den Philosophen der Moderne je bemerkt worden zu sein." (S. 331).

Am Ende der 343 Seiten ist der Leser einem sehr gut markierten Weg durch die Denkgebäude mehrerer Jahrhunderte gefolgt. Frank Hartmann sieht sein Buch als traditionelles "Lehrbuch" an. Genese und Überblick sind wichtig, das Kapitelende bilden Zusammenfassungen. Seine, wenn auch breitgefächerte notabene selektive Darstellung ist natürlich in Punkten angreifbar, die Konzeption bleibt jedoch stringent und dem didaktischen Vorsatz treu. Dazu gehört auch das letzte Kapitel über DJ Spooky, bei dem Hartmann die klassische Textstruktur verläßt und die Interviewform - mit erläuternden Zwischenkommentaren - wählt.

"Wir schreiben keine Texte mehr. Wir setzen Zeichen." - Mehr als abgerundet wird das Buch durch einen klug gewählten Bildapparat, der in buchstäblichem Sinne die Gedankengänge illustriert bzw. weitere Assoziationsmöglichkeiten öffnet. Vielleicht als letzte Zeichen, bevor uns im herkömmlichen Sinne Hören und Sehen vergeht?


Dr. Günter Krenn

Geb. 1961 in Ferndorf/Kärnten. Theater- und Filmwissenschafter. Mitarbeiter des Filmarchiv Austria.

Publikationen (Auswahl):

E-Mail: guekrenn@hotmail.com


© Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien
Letzte Änderung: 09.07.2002
email.GIF (73 Byte) Redakteurin: Beate Hochholdinger-Reiterer