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Filmgeschichtsschreibung als Archäologie des Commonsense - Jörg Helbigs Geschichte des britischen Films "Ich habe so eine Vorstellung, ich weiß nicht, ob sie richtig ist,
daß England auf eine undefinierbare Weise ausgesprochen filmfeindlich
ist. [...] Man könnte sich fragen, ob nicht die Begriffe Kino und England
eigentlich unvereinbar sind." lautet François Truffauts berühmt gewordene
Einschätzung des britischen Films, die zwar übertrieben erscheint, aber
dennoch zutrifft, wenn man den britischen Film aus internationaler Perspektive
betrachtet. Jörg Helbigs 1999 erschienenes Buch Geschichte des britischen Films verfolgt das Ziel, dieses filmwissenschaftliche Versäumnis nachzuholen und beansprucht für sich, die erste umfassende Darstellung der Entwicklung des britischen Spielfilms zu sein; wohlgemerkt nur des Spielfilms (!), obwohl laut Buchtitel eigentlich auch der Dokumentarfilm erfasst sein müsste. Das Buch ist streng chronologisch aufgebaut und spannt einen Bogen von den britischen Filmpionieren der Stummfilmzeit (Birt Acres, Cecil Hepworth etc.) bis zum Kino der Gegenwart. Die Kapitel sind sowohl nach bestimmten Epochen der britischen Filmgeschichte, nach bestimmten Genres, wie zum Beispiel dem Agentenfilm, als auch nach herausragenden Regiepersönlichkeiten gegliedert. So erfährt man von den Rivalitäten Hitchcocks und Asquiths während der Zwischenkriegszeit, von der Internationalisierung des britischen Kinos durch Alexander Korda, der goldenen Ära des britischen Films und der Rank-Organisation, den Hammer-Productions, dem britischen Popmusikfilm des Swinging London, der von Anderson und Richardson geprägten New Wave-Bewegung und dem New British Cinema ebenso wie von den Kunstfilmen Greenaways und Jarmans. Den Regisseuren Michael Powell und Emeric Pressburger, Carol Reed, David Lean, Peter Greenaway und Derek Jarman sind eigenständige Kapitel gewidmet. Helbigs Zielsetzung, die britische Filmgeschichte stärker in den Blickpunkt
der deutschsprachigen Filmforschung zu rücken, ist zweifellos begrüßenswert,
sein Vorhaben muss jedoch als gescheitert betrachtet werden. Das Buch
hält bei weitem nicht, was sein Vorwort verspricht. Die Absicht, 100
Jahre britischer Filmgeschichte auf 300 Seiten unterzubringen und dabei
möglichst keinen Film und keinen Namen unerwähnt zu lassen, kann nur
zu dem äußerst unbefriedigenden Ergebnis führen, dass eben alles nur
erwähnt bleibt und Helbig sich in endlose Aufzählungsketten verliert.
Filmgeschichte im Eiltempo: informativ, aber oberflächlich! Helbig zeigt keinerlei Mut zu unkonventionellen, persönlichen Gewichtungen
und Epocheneinteilungen. Er stützt sich auf den Commonsense gängiger
Etiketten wie "Swinging London" und "New Wave". Vor allem fehlt der
Mut für Randthemen. Stattdessen widmet Helbig dem britischen Agentenfilm
ganze 20 Seiten, obwohl er im Vorwort verkündet hat, mit dem Vorurteil
"Britischer Film = James Bond" aufräumen zu wollen. Der Anspruch, nichts
- auch nicht James Bond und Monty Python - auszulassen, wirkte sich
für unbekanntere Filme und Regisseure, die eine ausführlichere Darstellung
verdient hätten, verständlicherweise nachteilig aus. John Boorman zum
Beispiel bleibt nur erwähnt. Helbigs historisch-deskriptive Methode vernachlässigt fast durchwegs ästhetische und theoretische Ansätze, kritische Betrachtung und Analyse bleiben aus. Die Filme werden nur über deren zeitgenössische Rezeption präsentiert und nach Erfolg bzw. Misserfolg bei Publikum und Presse beurteilt. Man hat an vielen Stellen den Eindruck, als verschanze sich Helbig hinter den Meinungen der Regisseure, der Kritiker und des Publikums, um auf persönliche Zugänge verzichten zu können. So weist er in Zusammenhang mit Alec Guiness' Rolle des jüdischen Schurken Fagin in David Leans Oliver Twist nur darauf hin, dass diese Figur von amerikanischen Kritikern als antisemitisch beurteilt wurde, ohne dabei näher auf Guiness' Darstellung des Juden einzugehen bzw. zu diskutieren, ob und inwiefern diese als antisemitisch gesehen werden kann. Helbig geht es in erster Linie um das Zitieren von pointierten Kritikeraussagen und Bonmots sowie um das Anführen mehr oder weniger interessanter Anekdoten, die wahllos herausgegriffen und filmhistorisch irrelevant erscheinen. Sie sind größtenteils Fanwissen à la Cinema und keine seriöse Hintergrundinformation. So erfahren wir beispielsweise, dass Carol Reed - der Regisseur des erfolgreichen Films Der dritte Mann - eine "charmante und gesellige" Erscheinung und ein "hingebungsvoller Familienvater" war. Die Bedeutung dieser Information für Reeds Schaffen als Regisseur ist peinlich gering. Auch die mittlerweile schon tot zitierte Anekdote über Hitchcocks Kindheitserfahrung mit der Polizei entbehrt jeglicher inhaltlicher Motivierung und dient eher der unterhaltsamen Auflockerung als der Verdeutlichung seiner Künstlerpersönlichkeit. Mit der Geschichte des britischen Films wollte Helbig wohl in erster Linie ein akademisches Lehrbuch verfassen, was ihm nicht gelungen ist. Denn dazu geriet das Werk zu oberflächlich, neue Forschungsergebnisse werden kaum präsentiert. Zweifelhaft ist auch, ob Helbigs Buch einen wesentlichen Beitrag zur Imageverbesserung und Aufwertung des britischen Films und seiner Geschichte leisten wird. Am ehesten eignet sich der Band dazu, einen schnellen Überblick über das britische Kino zu gewinnen. Leider fehlen jedoch am Ende jedes Kapitels weiterführende Literaturhinweise, sodass man auf der Suche nach Vertiefungsmöglichkeiten auf sich allein gestellt bleibt. Diese Rezension ist auch erschienen in: medien & zeit. Kommunikation in Vergangenheit und Gegenwart, Nr. 1/2000, Jahrgang 15, S. 52 ff.
Geboren
am 10. April 1976 in Wien. Seit 1994 Studium der Germanistik und der
Philosophie an der Universität Wien. 1996-99 Nebenbetätigung als Filmvorführer
im Künstlerhaus-Kino. Seit 1999 Mitarbeiter im Filmarchiv Austria. © Institut für Theater-, Film-
und Medienwissenschaft an der Universität Wien |