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Mit einer Reihe von Enthüllungen hatte letzten Herbst das Filmarchiv Austria aufzuwarten: Eine neue Schriftenreihe wurde vorgestellt, die Edition Film und Text, die sich in ihrer ersten Ausgabe mit der frühen erotischen Filmproduktion in Österreich befaßt. Und eben diese - so die Autoren - habe nichts weniger als die österreichische Filmindustrie begründet. (S. 26) Irgendwie haben wir es ja immer geahnt, daß dieses Medium von Licht und Schatten eher im Obskuren seinen Ursprung hat als in heiteren Märchen und harmlosen Dokumentationen, wie uns die Filmgeschichte weismachen will. Auch daß Wien, parallel zu Paris, zur Entwicklung dieses Genres prädestiniert war, überrascht da wenig. Hier wie dort gibt es eine lange Tradition erotischer Literatur und Bildproduktion. Diese hängt, wenn man Norbert Elias folgt, wesentlich mit der Bindung des Adels an den Hof und dessen gleichzeitiger Entfunktionalisierung zusammen. Die stete Kultivierung des Genusses wurde diesem schließlich zur einzigen Lebensaufgabe. Nicht zufällig wurden um die Jahrhundertwende pornographische Filme "vorwiegend in adeligen Kreisen produziert und vertrieben". (S. 31) Der aristokratische Touch war aber auch für harmlosere "erotische" Filme ein gängiges Etikett. Nacktheit ließ sich offenbar leichter durch Zensur und die zeitgenössische Doppelmoral schleusen, wenn es die Distinktion des "Connaisseurs" ansprach. Schon der Begriff "pikanter Herrenabend-Film" enthüllt diesen Zusammenhang. Die Autoren erwähnen freilich noch andere wichtige Verknüpfungen zwischen Kinematographie und erotischer Motivik: die phantastische Literatur mit ihren Hypnose-Ritualen, die Orientmode, der Tanz, das Atelier des Künstlers. Sie alle bereiteten lange vor dem Laufbild die Ikonographie des erotischen Kinos vor. Weniger bekannt ist die Beziehung zum medizinischen Voyeurismus, wie Paolo Caneppele in seinem Beitrag ausführt. Auf die Vorführung sogenannter Operationsfilme, auf Filme über Krankheiten und mißgebildete Körper geht angeblich auch der Begriff des polizeilich verordneten "Herrenabends" zurück. Mit diesem Begriff überschreibt Ernst Kieninger seinen Aufsatz über die Erotik im Wanderkino. Auch er kommt zu einem ähnlichen Resultat: Das nomadische Kino war schon von seinen Aufführungsbedingungen her so manchen schlüpfrigen Jahrmarktsattraktionen verwandt. Dementsprechend wurde unter dem Vorwand "wissenschaftlicher" Sensationen und exotischer Darbietungen gerne auf "pikante" Darstellungen zurückgegriffen. Erst um 1910 nahmen Zensurprozesse und die stärker werdende Opposition vor allem des Klerus den Kinobesitzern die Lust auf derlei riskante Veranstaltungen. Anders gesagt: Je seßhafter Kinobetreiber wurden, desto weniger waren sie bereit, die gewonnene bürgerliche Reputation durch erotische Filme aufs Spiel zu setzen. In einem Inserat der Kinematographischen Rundschau von 1912 möchte ein Filmverleiher daher "feinpikante Herrenfilms, tadellos" … gegen ein "langes Sittendrama mit Asta Nielsen" eintauschen. (S. 70) Am Beispiel der österreichischen Produktionsfirma
"Saturn", deren Dokumentation schließlich Anlaß für Buch und Filmreihe
waren, verfolgt Michael Aschenbach eine ungewöhnliche Unternehmensgeschichte.
Geschickte Manöver zur Umgehung der Zensur, der Kampf um den vor allem
französisch dominierten Markt, aber auch der notwendige Schutz gegen
Urheberrechtsverletzungen prägten das kurze Leben der "Saturn". Wie sahen nun diese "Saturn"-Filme aus?
Das meiste läßt sich schon aus den Titeln erschließen: Baden verboten;
Sklavenraub; Der Traum des Bildhauers; In der Garderobe; Die Macht
der Hypnose; Der Hausarzt; Zimmer zu vermieten. Zu den besonderen Qualitäten des kleinen
Buches gehört die präzise Recherche zum Teil weit verstreuter Quellen.
Es galt, unzählige Kinozeitschriften zu durchforsten, aber auch in
Archiven nach Beschwerden und Prozeßakten zu fahnden. Kulturhistoriker,
Ausstellungsmacher, Publizist. Ausstellungen (Auswahl):
Publikationen (Auswahl):
E-Mail: christian.rapp@vienna.at © Institut für Theater-, Film-
und Medienwissenschaft an der Universität Wien |