| Rezensionen
Fünf Jahre nach der deutschen Ausgabe (Von den Ähnlichkeiten und Differenzen. Ehre und Drama des 16. und 17. Jahrhunderts in Italien und Spanien) ist nun auch die spanische Übersetzung dieses Buches herausgekommen. Alfonso de Toro, der diese Arbeit 1993 als Habilitationsschrift an der Universität Hamburg herausgebracht und dann publiziert hat, merkt in seinem Vorwort zur spanischen Ausgabe an, daß er die Thematik einem breiteren Publikum zugänglich machen wollte. Tatsächlich liegt hier eine Eins-zu-eins-Übersetzung vor, die nur durch einige Illustrationen aufgeputzt ist. Das überaus umfangreiche Werk - 685 Seiten, wovon allein 155 Seiten
Bibliographie und Stichwortverzeichnis ausmachen - kann sicherlich zu
den bedeutendsten Arbeiten über das vieldiskutierte Thema der "Ehre"
gezählt werden. Der Autor möchte mit seiner Analyse auch mit dem Klischee
aufräumen, "Ehrbesessenheit" sei ein ausschließliches Merkmal des spanischen
Kulturraumes. Daß Frauen, Kinder und das "gemeine Volk" vom Privileg der Ehre ausgeschlossen
waren, dürfte hinlänglich bekannt sein. Ehre besaßen Adelige, Priester,
Mächtige und Reiche - entweder als "Naturzustand" oder aufgrund von
Herkunft und Geld. Frauen erhielten Ehre nur durch Heirat mit einem
Mann von Ehre. Einer keuschen Jungfrau wurde zumindest ein Minimum an
Ehre zugestanden. Tüchtigkeit oder gute Charaktereigenschaften zählten
nicht ausreichend genug, um dieses Ziel zu erreichen. Entehrte zogen
den Tod einem Leben in Schande vor. Ehebruch war gleichbedeutend mit
Ehebruch der Frau. Ein Mann konnte nur dann des Ehebruchs angeklagt
werden, wenn er mit einer verheirateten Frau sexuelle Beziehungen unterhielt. Ein weiterer interessanter Teil dieses Buches behandelt den Zusammenhang
zwischen Ehre und Blutreinheit. So gut und spannend das Buch begonnen hat, so mühsam gestaltet es sich nun. Wir erfahren ausgiebigst über alle nur erdenklichen Merkmale der Tragödie, Komödie und Tragikomödie und müssen uns über 300 Seiten durch semiotische und strukturelle Modelle der italienischen und spanischen Ehrendramen quälen. Kein noch so unbedeutender Dramatiker bleibt unerwähnt, jedes Drama wird auf Biegen und Brechen einer Ehrabstufung zugeteilt. Die Protagonisten werden eingeteilt in: schuldig, nicht schuldig, entehrt, teilweise schuldig, in Opfer: verheiratet, verlobt, verheiratet mit gegenseitigem Interesse und einseitigem Interesse, sich nur verpflichtet fühlend, nicht verheiratet und betrogen, nicht verheiratet und geraubt etc. p. p. Es folgen genaue Aufbauten von Dramen, Vergleiche, Kategorisierungen, Tabellen, Diagramme und endlose Zitate aus den Dramentexten. De Toro ist derart um Beweise bemüht, daß er für eine These nicht ein bis drei Beispiele, sondern bis zu sieben gibt. Dies läßt selbst die tapferste Leserin verzweifeln. Auch kann sich die Rezensentin zwar vorstellen, daß es versierte HispanistInnen gibt, die alle Stücke von Lope de Vega oder Tirso de Molina auf Knopfdruck parat haben, aber nicht 55 spanische Stücke aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Zusätzlich bedient sich der Autor sehr vieler Abkürzungen und Kürzel, die umständlich im Anhang entschlüsselt werden müssen und nur zeigen, wieviel De Toro gelesen hat. Ein kleines Beispiel von vielen ("Übersetzung" von der Rezensentin): "....Variation 2: (CC, CSV, LT/An, LH, VH, Tol V, CD, ASASV, SH, FM)". Was dies bedeutet, erfahren wir gleich im Anschluß: "während zwischen der w.P. A und der m.P. B ein reziprokes Interesse besteht, ist die Beziehung zwischen m.P. B und m.P. C von Rivaliät und Haß geprägt." (S. 365.) Letztendlich laufen De Toros Analysen darauf hinaus, daß die Dramen
nur am Theater blutig enden und kein Abbild der Wirklichkeit waren,
sondern vielmehr die Scheinheiligkeit der Werte und der Ehre darstellen
wollten - aber auch das nicht in allen Fällen. Bei so viel Arbeitsaufwand
eine etwas dürftige Conclusio.
Studierte
Theaterwissenschaft und Spanisch an der Universität Wien und ein Jahr
lang an der Universidad de Filosofía y Letras in Granada, Spanien. 1996:
Abschluß mit Mag. Phil. Diplomarbeit: Antonio Buero Vallejo und sein
Theater unter der Zensur Francos. Mehrere Aufenthalte in Spanien.
© Institut für Theater-, Film-
und Medienwissenschaft an der Universität Wien |