Rezensionen

Werner Hecht: Helene Weigel. Eine große Frau des 20. Jahrhunderts. Vorwort v. Siegfried Unseld. 343 S. m. zahlr. Abb. Gebunden. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2000. ISBN: 3-518-41129-2. Preis: DM 58,-/ATS 423,-/SFr 52.50.
Rezensent: Dietmar Krug

Carola Stern: Männer lieben anders. Helene Weigel und Bertolt Brecht. 221 S. m. Fotos. Gebunden. Berlin: Rowohlt 2000. ISBN: 3-87134-411-7. Preis: DM 36,-/ATS 263,-/SFr 33,-
Rezensent: Dietmar Krug

Sabine Kebir: Abstieg in den Ruhm, Helene Weigel. Eine Biographie. 425 S. m. 28 Abb. 22 cm. Gebunden. Berlin: Aufbau 2000. ISBN: 3-351-02501-7. Preis: DM 46,-/ATS 336,-/SFr 44.

Rezensent: Dietmar Krug

Helene Weigel - Wir sind zu berühmt, um überall hinzugehen. Intendantin-Briefwechsel. Hrsg. v. Stefan Mahlke. 300 S. Broschiert. Berlin: Theater der Zeit 2000. ISBN: 3-9805945-9-9. Preis: DM 35,-/ATS 256,-/SFr 35,-
Rezensent: Dietmar Krug

Hommage und Projektion
Literatur zu Helene Weigels 100. Geburtstag

Der junge Werner Hecht zögerte lange, bis er sich ein Herz fasste. Seit zwei Jahren leistete er im Auftrag Helene Weigels unentgeltlich Sisyphusarbeit im Brecht-Archiv. Jetzt, Ende der fünfziger Jahre, bat er endlich um ein Honorar, und die Brecht-Witwe war enttäuscht: "Ach, a Göld willst! Du hast doch den Rrruhm!" Sie wusste, wovon sie sprach, hatte sie doch selbst durch ihre Zusammenarbeit mit Brecht ein Ausmaß an Ruhm geerntet, das Bühnenschauspielern in der Regel versagt bleibt. Ohne diese Bindung würde man jetzt wohl kaum ihren 100. Geburtstag mit drei neuen Biografien und einer Veranstaltungsreihe in Berlin begehen. Aber ebenso unzweifelhaft ist, dass sie das künstlerische und menschliche Wagnis Bertolt Brecht nicht mit leeren Händen eingegangen ist.

"Ich hasse diese Mitteilungssucht", bemerkte Helene Weigel einmal in einem Interview mit Werner Hecht. Dass es sich bei diesem Satz keineswegs um falsche Bescheidenheit oder Koketterie handelt, beweisen die äußerst spärlichen Interviews und das fast völlige Fehlen von persönlicher Briefkorrespondenz. Dieser Umstand macht es dem Biografen nicht gerade leicht; bei der Rekonstruktion dieser ungewöhnlichen Lebensgeschichte ist er auf Zeugnisse Dritter und nicht zuletzt auf ein gehöriges Maß an lückenfüllender Phantasie angewiesen. So erklärt sich, warum in drei gleichzeitig erscheinenden Biografien drei völlig unterschiedliche Bilder von Helene Weigel gezeichnet werden.

Wie schmal die Gratwanderung zwischen behutsamer Rekonstruktion und ins Kraut schießender Projektion sein kann, zeigt die Weigel-Biografie von Susanne Kebir. Die Autorin entwirft von der Schauspielerin das Bild einer modernen, unbürgerlichen Künstlerin. Als Vorkämpferin für eine emanzipierte Sexualethik habe sie durchaus die Kraft gehabt, um die zahlreichen Affären ihres Ehemannes Bertolt Brecht zu tolerieren. Im Interview mit Werner Hecht spricht die Weigel selbst allerdings eine ganz andere Sprache. Von den "manchmal untragbaren Weibergeschichten mit diesen blöden Frauenzimmern" ist die Rede: "Und das hat alles sehr, sehr weh getan." Helene Weigel wusste einfach, dass sie nicht die Macht hatte, Brecht an die Leine zu legen. Der Lebensgestus einer unbürgerlichen Sexualmoral mag in den wilden Zwanzigern chic gewesen sein - vor Verletzung und Eifersucht schützte er nicht.

Helene Weigel war überzeugt davon, an der Seite eines Genies für eine gerechtere Welt zu kämpfen; diesem Kampf widmete sie ihr gesamtes künstlerisches Potenzial und ihr enormes Organisationstalent. Und sie war jederzeit bereit, ihre eigenen Bedürfnisse der großen Sache ihres Gatten unterzuordnen. Nichts ist verfehlter als Susanne Kebirs Annahme, dass die Partnerschaft mit Brecht auf einer gleichberechtigten Basis beruht habe. Eine Frau, die am Ende ihres Lebens wünscht, nicht neben ihrem Mann, sondern zu seinen Füßen begraben zu werden, hatte ihm gegenüber ein Gefühl ganz sicher nicht: das der Gleichheit.

Ein völlig anderes Bild entwirft Carola Stern. In vertraulichem Plauderton erzählt sie die Geschichte der Partnerschaft zwischen Brecht und Weigel. Wo Kebir verkrampft am Bild der Vorkämpferin gegen die Bürgermoral festhält, da ergeht sich Carola Stern in geradezu rührender Besorgtheit um das Wohlergehen der Weigel. Immer wieder hält sie in ihrer Erzählung inne und fragt sich, ob ihre "Helli" vom bösen "Bidi" (das ist Brecht) wohl genügend Liebe, Anerkennung und Fürsorge bekommt. Wenn man etwa erfährt, dass Brecht ein guter Tänzer war, folgt sogleich die Sorge, ob die Weigel wohl davon profitiert hat: "Hat Helli es erlebt? Man wünscht es ihr." Und wie man es wünscht! Aber trotz solcher gelegentlicher Peinlichkeiten ist Sterns Buch zweifellos lesenswerter und letztlich auch informativer als das von Susanne Kebir.

Das schönste Buch zum Weigel-Jubiläum hat Werner Hecht vorgelegt, der Brecht-Kenner und Herausgeber seiner Werke. Es ist eigentlich eher ein Erinnerungsbuch als eine Biografie. Neben einem der seltenen Interviews mit der Schauspielerin enthält es eine persönliche Erinnerung des Autors, eine liebevoll bebilderte Darstellung der künstlerischen Entwicklung und eine sorgfältige Dokumentation der Pressereaktionen auf die Rollen der Schauspielerin. Hecht hat als junger Mann selbst am Berliner Ensemble gearbeitet und nach Brechts Tod im Auftrag Helene Weigels Schriften des Brecht-Archivs herausgegeben. Die daraus resultierende intime Kennerschaft sorgt jedoch zugleich für den einzigen Wermutstropfen in Hechts Buch. Dass die schweren Krisen am Berliner Ensemble in der Nach-Brecht-Ära lediglich auf ein komplexes Intrigenspiel von Staatsbürokratie und aufmüpfigen Ensemblemitgliedern beruhen, ist wohl mehr als umstritten. Hier hat Helene Weigel als treue Sachwalterin ihres großen Gatten sicherlich auch selbst für so manche museale Verkrustung gesorgt. Hechts spürbare Sympathie für die Weigel, die das Buch über weite Strecken zu einer glänzenden Hommage macht, hat in dieser Frage dazu geführt, dass einige Schatten ausgeblendet werden.

Ein eigenes Bild von Helene Weigels Intendantentätigkeit kann sich der Leser anhand des von Stefan Mahlke herausgegebenen Briefwechsels machen.

Die unterschiedlichen Weigel-Bilder, die die Biografinnen und Biografen zeichnen, beruhen aber nicht allein auf den verschiedenen Interessen und Projektionen der Autoren. Dass jeder fand, was er suchte, hatte seinen Grund in einer Ambivalenz, die das gesamte Leben der Weigel durchzieht. In den Zwanzigerjahren gibt sie sich modern und unbürgerlich, führt das Leben einer unabhängigen Künstlerin. Doch als ihr Vater sie in Berlin besucht, um sie einmal auf der Bühne zu sehen, besetzt sie die Plätze in seiner Umgebung mit Freunden - aus Angst, ihr Vater könnte erfahren, dass sie mit Brecht ein uneheliches Kind hat. Sie ist eine leidenschaftliche und begnadete Schauspielerin, eine selbstbewusste und kämpferische Frau, doch während der quälend unproduktiven Exiljahre hat sie stets eindeutige Prioritäten: den Zusammenhalt der Familie und ein ruhiges Arbeitszimmer für Brecht. Sie hat sicher gewusst, welchen menschlichen und künstlerischen Anteil sie an Brechts Lebenswerk hatte. Und doch wünscht sie sich am Ende ein Grab zu seinen Füßen. Ihre Kinder haben ihr zu Recht den Wunsch nicht erfüllt und sie an Brechts Seite begraben.

 


Dr. Dietmar Krug

Geboren in Aachen, Jahrgang 1963. Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte in Aachen und Wien, lebt seit 1988 in Wien. 1997/98 Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften (Fackel-Wörterbuch-Projekt). Derzeit freiberuflicher Verlagslektor und Rezensent.
E-Mail: dietmar.krug@netway.at


© Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien
Letzte Änderung: 25.06.2000
email.GIF (73 Byte) Redakteurin: Beate Hochholdinger-Reiterer