| Rezensionen
Pop im Zeitalter seiner theoretischen Reduzierbarkeit Poptheorie ist der Zweig der Cultural Studies, auf dem ihr Herzblatt wächst. Das hat zwei einleuchtende Gründe: Erstens kann sich der/die Pop-Theoretiker/in wissenschaftlich mit Dingen auseinander setzen, denen sie sich unter nicht-wissenschaftlichen Voraussetzungen affektiv hingibt (Stichwort: Lieblingsmusik!), und zweitens bemüht er/sie sich um Phänomene, die für andere Wissenschaften aufgrund ihrer Neigung zur Kurzfristig- und Einmaligkeit kaum zu fassen sind. Ergo: Hier kann er/sie beinahe konkurrenzlos zeigen, was er/sie drauf hat! Die beschriebene Ausgangslage verlangt einem in herkömmlichen geisteswissenschaftlichen Disziplinen Aufgezogenen Respekt und Neid ab. Der/die Poptheoretiker/in operiert mit der fundamentalen Vorläufigkeit, d. h. er/sie muss Diskursformen kultivieren, die im akademischen Betrieb Underdogs sind, weil ihnen der Ruf des Literarischen anhaftet. D. h. aber auch, dass anspruchsvolle Pop-Theorie nicht weniger gratwandert als jede andere wissenschaftliche Produktivität. Sie muss Günde für jede noch so flüchtige Begriffsbildung vorbringen und in der Bewertung dessen, was dem Herzen am nächsten ist, literarische Distanz bewahren (d. h. über die Beastie Boys so schreiben wie Arno Schmidt über Karl May). Fight the power! Eine Geheimgeschichte der Popkultur und die Formierung neuer Substreams von Rupert Weinzierl scheitert sowohl im letzteren als auch im ersten. Ein Hauptgrund für dieses Scheitern liegt darin, dass der Autor die beiden Sphären Begriffsbildung und Beschreibung, im weitesten Sinn also Theorie und Anschaulichkeit, fast vollständig auseinander dividiert. Das macht die Theorie vage und die Anschaulichkeit privat. Weinzierls
theoretischer Ansatz ist, kurz umrissen, eine Kritik an klassischen
Ansätzen der Subkulturtheorie. Sein Hauptargument diesbezüglich ist,
dass es die homogenen Subkulturen, wie sie sich in den 60ern und 70ern
etabliert haben, nicht mehr gibt. Er schlägt vor, den Begriff der Subkultur
durch den der "temporary substreams" zu ersetzen. Gerade
anhand des Beispiels von "volkstanz.net" hätte es Weinzierl in der Hand
gehabt, ein Bild von dem zu entwickeln, was er unter "temporary substreams"
im Gegensatz zu den klassischen Subkulturen versteht. Was mir an dieser
Stelle fehlt, habe ich in meiner Einleitung schon angedeutet: Wo bleibt
die literarische Intervention zwischen Reflexion und Involvierung? Wo
bleiben die flüchtig aufgeschnappten Statements von VolkstänzerInnen,
die Schnappschüsse, der "Abfall der Geschichte", um es mit Benjamin
zu sagen? Als
empirischer "Beweis" der Existenz temporärer Allianzen auf dem Gebiet
des politischen Pop fungiert ein von Weinzierl erstellter und an popkulturelle
und -politische ProponentInnen verschickter Fragebogen. Die Bandbreite
der Fragen reicht von: "Glauben Sie, dass Popkultur das Leben lebenswerter
macht?" bis "Hilft die Einbindung in neuartige subkulturähnliche Formationen
bei der Überwindung von Klassenunterschieden?" Die Fragen sind, wenn
ich das mal verkürzend und überspitzend sagen darf, so gestellt, dass
sie das normative Profiling suggestiv unterstützen, das Weinzierl im
theoretischen Teil für die "substreams" entwickelt. Wenig überraschend
resümiert er die statistische Auswertung so: "Ich bin über die Ergebnisse
sehr erfreut, weil sie meine Hypothesen über neue subkulturähnliche
Formationen zum Großteil stützen." Im dritten Teil erzählt Weinzierl das, was er im Untertitel schon versprochen hat, nämlich eine Geheimgeschichte der Popkultur. Hier könnte ein Netz an vergleichenden und historischen Links zur Formation der "substreams" entstehen. Einiges wird auch angedeutet, zum Beispiel die signifikante Stellung der Asian Dub Foundation als repolitisierendes Kollektiv. Wie bei "volkstanz.net" wird normativ formuliert, worum es sich bei der ADF handelt, die Clues werden nicht oder nur halb preisgegeben. Wer zum Beispiel ist Satpal Ram? Aus den Andeutungen im Buch entnehme ich, dass es sich um einen politischen Gefangenen handelt, der für die ADF eine zentrale Rolle in ihrer Politisierung gespielt hat. Es hätte einer Fußnote bedurft, um für Nichteingeweihte darzustellen, warum er "bedauernswert" ist, wie Weinzierl schreibt (ein in politischen Zusammenhängen übrigens fahrlässiges Adjektiv). Die
Geheimgeschichte der Popkultur berichtet zwar über viele spannende
AußenseiterInnen v. a. des amerikanischen Undergrounds, sie stellt aber
kaum Beziehungen im Sinne einer reflektierten Geschichtsschreibung her.
Wenn Weinzierl gleich zu Beginn den Anspruch auf Vollständigkeit in
den Wind schlägt (was ja durchaus zu argumentieren wäre), so tut er
es auf eine Weise, die nahtlos an seine theoretischen Willkürlichkeiten
anschließt: "Reklamationen wegen Auslassungen und blinde Flecken gerade
bei Ihrem Favoriten weise ich bereits im vorneherein kategorisch zurück
- jede Heldensage kann sich nur auf wenige Ikonen beschränken, so viel
Apodiktik muß auch 2000 sein ..." Ich sage: So viel Schlampigkeit in
der Sprache ("im vorneherein") und im Denken darf auch 2000 nicht sein.
Weder geht es um Vollständigkeit noch um Heldensagen. Es geht, wenn
ich das Unternehmen dieses Buches ernst nehme, um eine Genealogie der
"temporary substreams" und im Besonderen um die Frage, ob und wie sich
in der Geschichte des Pop historisches und politisches Bewusstsein manifestiert.
Geb. 1973 in Grieskirchen
(OÖ.). Studium der Philosophie in Wien 1992-1998. Abschließende Diplomarbeit
über den Renaissancephilosophen Giordano Bruno (Das Dazwischentreten
der Bilder). Publikationen: "Innen und außen:
Geschlecht und Geschäft. Literarisierte Orte der Leopoldstadt." In:
Wien II., Leopoldstadt. Die andere Heimatkunde. Hg. v. Werner
Hanak. Wien u.a.: Brandtstätter 1999. E-Mail: Helmut Neundlinger [h_neun@yahoo.com]
© Institut für Theater-, Film-
und Medienwissenschaft an der Universität Wien |