Rezensionen

 

 

Ulrike Dembski und Christiane Mühlegger-Henhapel (Hg.): Oskar Werner: "Welch einen sonderbaren Traum träumt' ich..." 1922-1984. Wien: Christian Brandstätter 2002. ISBN: 3-85498-190-2. 168 S. mit Abb. Preis: € 36,--/sfr 60,-.
Rezensent: Michael Csulich

 

 

Raimund Fritz (Hg.): Oskar Werner. Das Filmbuch. Wien: Filmarchiv Austria 2002. ISBN: 3-901932-19-4. 561 S. mit Abb. Preis: € 24,90.
Rezensent: Michael Csulich

 

Daß Jubiläen und Gedenkjahre veritable Stichwortgeber für Neuerscheinungen höchst unterschiedlicher Qualität auf dem Büchermarkt sind, hat etwa der jeweilige publizistische Aufwand rund um Giuseppe Verdi, Johannes Brahms, Franz Schubert und last but not least Johann Nestroy erst kürzlich in manchmal drastischer Weise vor Augen geführt. Im Fall des 80. Geburtstags von Oskar Werner stehen hier nun zwei Werke zur Diskussion, welche zwar ebenfalls a priori in den Verdacht geraten müßten, Ableger dieses Trends zu sein, sich jedoch insofern unterscheiden, als sie ihrer Leserschaft einen tatsächlich substantielleren Erkenntnisgewinn zu vermitteln vermögen.

So enthält der von Ulrike Dembski und Christiane Mühlegger-Henhapel anläßlich der umfangreichen Ausstellung im Österreichischen Theatermuseum herausgegebene Band Oskar Werner: "Welch einen sonderbaren Traum träumt' ich ..." 1922-1984 neben einer Reihe wissenschaftlicher Beiträge auch ganz persönliche Zugänge von Freunden bzw. ehemaligen Kollegen wie Elfriede Ott, André Heller oder Achim Benning. Illustriert durch zahlreiche Szenenfotos und Abbildungen wird dabei der Versuch unternommen, gerade einer jüngeren Generation, welche sich diesem Ausnahmekünstler, um das unmittelbare (Bühnen- )Erlebnis beraubt, nur noch durch Filme, Dokumentationen oder in der akustischen Spiegelung annähern kann, etwas von der Faszination weiterzugeben, die der Mensch Oskar Werner nicht alleine auf sein Publikum ausgeübt haben muß. Programmatisch ist daher die Auseinandersetzung mit dessen Bühnenschaffen, dem Triumph des Schauspielers und das letztendliche Scheitern als Regisseur und Ensembleleiter ins Zentrum dieser Monographie gerückt.

Gleichzeitig wird zumindest streckenweise auch das Bemühen um die Notwendigkeit einer kritisch-distanzierteren Reflexion des vielschichtigen Geniekults österreichischer Provenienz deutlich, welcher den in den Augen seiner VerehrerInnen ewig jugendlichen Oskar Werner von Beginn seiner Karriere an begleitet und verfolgt hat. Eine spezifische Analyse, die die historischen Wurzeln dieses Phänomens mit der kollektiven Verdrängungsmentalität der Nachkriegszeit in Beziehung setzt, wie es z.B. schon 1992 Sigrid Löfflers Text Oskar Werners Geniekult, als Rede zum 70. Geburtstag im Schauspielhaus Frankfurt gehalten und abgedruckt in ihrem Sammelband Kritiken-Portraits-Glossen (Wien 1995), präfigurierte, fehlt jedoch schmerzlich.

Daß hinter diesem in der Öffentlichkeit bis heute tradierten Ideal des "genialen Intuitiven", wie zahlreiche Selbstzeugnisse belegen können, ein penibles Rollenstudium und das intellektuelle Ausloten aller Kontextuierungen der Figur steckte, beschreibt nach einer kurzen Skizze der wichtigsten Lebensstationen durch Ulrike Dembski jener von Julia Danielczyk und Edda Fuhrich gestaltete Beitrag Der Traum vom Theatermenschen. Unleugbar ist, daß Oskar Werner während seiner gesamten Karriere hartnäckig und unnachgiebig um eine quasi mystische Vereinigung mit der darzustellenden Rolle gerungen hat, die er nur auf der Bühne als wirklich realisierbar erachtete. Ostentativ blieb dabei sein eigener Hinweis auf jene Passage aus Max Reinhardts berühmter Rede über den Schauspieler (1928/30), die den instinktiven Trieb des Menschen zum Spiel und zur Verwandlung beschreibt.

Nichtsdestoweniger läßt die paradigmatische Feststellung Oskar Werners, "Wenn ich sagen könnte, wie ich den Hamlet spiele, brauche ich ihn nicht zu spielen", parallel dazu jene tiefe Kluft zwischen dem Schauspieler und dem Regisseur/Theaterprinzipal als Konsequenz einer trotz vieler Versuche (Innsbrucker Schauspielwochen, einem Theater Ensemble Oskar Werner) für ihn nicht realisierbaren Personalunion erahnen, welche in der mißglückten Hamlet-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen 1970 aufgrund des Unvermögens "die Position des Beobachters (= Regisseurs) zu beziehen, der gleichermaßen innerhalb wie außerhalb des Geschehens zu stehen hat", vielleicht am augenfälligsten zu Tage treten sollte.

Diesem Aspekt geht in komparativer Weise die Darstellung von Christiane Mühlegger-Henhapel "Ich bin ein Mann mit einer alten Seele"- der Lebenstraum vom Theater Ensemble Oskar Werner nach, welche zudem auf die direkten Vorbilder wie Max Reinhardt, Jean-Louis Barrault und Louis Jouvet verweist. Im Rückblick betrachtet sollten die entsprechenden Bestrebungen Oskar Werners allerdings, so eine Schlußfolgerung der Autorin, letztendlich eher epigonenhaft bleiben, da er, von seiner eigenen Mission überzeugt, "den Besuchern 'letzte'- nämlich seine - Wahrheiten über das Theater geradezu aufzwingen" wollte, und sich aktuellen, zukunftsorientierten Entwicklungen verschloß. Die existentiell werdende Suche nach Wahrheit als zentrale Triebfeder seiner Persönlichkeit steht auch im Zentrum des eindringlichen Beitrags Oskar Werners Tod von Christian Berger und Michael Nolte, welcher auf wenigen Seiten ein komplexes Psychogramm des am Ende von jahrzehntelanger Alkoholsucht zerstörten und längst ohne Bezug zur eigenen Realität agierenden Schauspielers zu entwerfen trachtet.

In Rekurs auf Hugo von Hofmannsthals Titelhelden ist er immer wieder als "Schwieriger" deklariert worden, eine allzu griffige Charakterisierung, der Oskar Werner stets das Prädikat des "Unbestechlichen" entgegenhielt. Ein Besessener sei er gewesen, der ebenso an die Unsterblichkeit des Theaters im Sinne Max Reinhardts glaubte, wie an eine überzeitliche Wirkungsmächtigkeit der Sprache als Instrument geistiger Aufklärung. Daß die sehr rar gewordene Gattung des "Schauspielers als Moralist" mit Oskar Werner einen ihrer letzten Vertreter verloren hat, ist vielleicht das Fazit, welches LeserInnen aus diesem Buch gewinnen können.

Eine etwas nüchterne Form der Präsentation wählt die parallel zur umfangreichen Filmretrospektive vom Filmarchiv Austria herausgegebene Publikation Oskar Werner. Das Filmbuch, für welche Raimund Fritz verantwortlich zeichnet. Das Ziel des Bandes besteht darin, das gesamte Kinoschaffen Oskar Werners - ohne den üblichen Rekurs auf episodenhafte biographische Details und die obligaten Verweise auf die tiefe Skepsis Oskar Werners bezüglich der künstlerischen Produktionsbedingungen dieses Mediums - aus unterschiedlichen Blickwinkeln kritisch zu beleuchten. Hierfür konnte vor allem auch der umfangreiche Nachlaß des Schauspielers, der noch einen wissenschaftlichen Aufarbeitung harrt, mit sichtbarem Gewinn genutzt werden, wie die zahlreichen, bislang unveröffentlichten Aufnahmen im dritten Abschnitt des Buchs dokumentieren. Damit verbunden ist der im Vorwort selbstdefinierte Anspruch, als faktenorientiertes filmhistorisches Grundlagenwerk zu fungieren, das mit seinen Fotobeigaben den einzelnen Filmen auch optisch gerecht zu werden versucht.

Hierin liegt der große Gewinn dieses Bandes, aber auch seine Achillesferse, denn ein interdisziplinärer Zugang darf nicht erwartet werden. So nimmt denn jene an den Anfang gestellte und um Vollständigkeit bemühte Filmographie auch ein Viertel des Gesamtumfangs ein, wobei jeweils neben einer ausführlichen Inhaltsangabe ebenso Daten zu Produktionsstab und Besetzung, Erstaufführungsplakate wie Szenenfotos Eingang gefunden haben, die eine rasche Orientierungshilfe zu den einzelnen Produktionen anbieten. Verzichtet wird bei den in sich abgeschlossenen neun Essays auf die vordergründig chronologische Darstellung der Entwicklungen und Wandlungen des Filmschauspielers Oskar Werner zugunsten spezifischer Schwerpunkte und Themenbereiche (als Beispiel sei nur der Beitrag Wir können immer nur die Schatten unserer Träume widerspiegeln: Oskar Werner in Filmen von Max Ophüls und François Truffaut von Ines Steiner und Johannes Kamps genannt), eine methodische Annäherung, welche allerdings mehrfach eine Typologisierung von unterschiedlichen Genrefiguren bedingt, in denen durch Stichwörter wie "Komparsenrollen", "Nebenrollen" oder "Musikerrollen" allzu formalistische Kategorisierungstraditionen nachklingen.

Andererseits erlaubt die multiperspektivische Art der Annäherung, wie der Beitrag von Helmut G. Asper mit dem Titel "...ich glaubte, ich hörte Goethe selber lesen". Oskar Werner als Vorleser zeigt, etwa die Würdigung der gewöhnlich viel zu wenig beachteten oder auf das Element des charismatischen Sprechers reduzierten Hörfunkproduktionen Oskar Werners, in diesem Fall jener durch Max Ophüls betreuten Fassung der Novelle Johann Wolfgang von Goethes im SWR aus dem Jahr 1953. Ralf Schenks Männer im Zwielicht: Spurensuche nach zwei verschollenen Oskar-Werner-Filmen wiederum erschließt mit seiner Schilderung der Hintergründe zu Ruf aus dem Äther (1949) und Lächeln im Sturm/Un sourire dans la tempête (1950) in beiden Fällen ein der breiteren Öffentlichkeit heute kaum mehr präsentes Stück Filmgeschichte des befreiten Nachkriegsösterreichs. Ruf aus dem Äther zählt zur letzten Hinterlassenschaft der zwischen 1947-49 existierenden Pabst-Kiba-Filmproduktions-Gmbh, welche mit finanzieller Rückendeckung des Wiener Gemeinderats und einem Budget von rund 10 Millionen Schilling neben drei Spielfilmen zusätzlich Kultur-, Lehr- bzw. "Fremdenverkehrspropagandafilme" als Ausdruck einer neuen, künstlerisch hochwertigen Filmproduktion herstellen sollte. Lächeln im Sturm/Un sourire dans la tempête wiederum ist einer von mehreren französischen "Winterfilmen", die zwischen 1948 und dem Beginn der 50er Jahre in Tirol mit Billigung des französischen Militärs entstanden ist.

Nützlich ist zuletzt auch die von Raimund Fritz zusammengestellte Übersicht der zahlreichen TV-Spielfilme und Dokumentationen mit und über Oskar Werner, wobei zwar nur der deutschsprachige Raum Berücksichtigung gefunden hat, der kompendiumhafte Charakter dieser in Summe sehr informativen Publikation soll nichtsdestoweniger noch einmal unterstrichen werden.


Mag. Michael Csulich

Geboren in Wien. Studium der Geschichte und Theaterwissenschaft an der Universität Wien. Diplomarbeit über das Bild der Virago im Mittelalter.


© Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien
Letzte Änderung: 01.04.2003
email.GIF (73 Byte) Redakteurin: Beate Hochholdinger-Reiterer