Rezensionen

 

 

Slavoj Zizek u.a.: Ein Triumph des Blicks über das Auge. Psychoanalyse bei Hitchcock. Aus dem Engl. von Isolde Charim, Thomas Hübel, Robert Pfaller, Michael Wiesmüller. Wien: Turia + Kant 1998. 265 S. ISBN 3-85132-161-8. Preis: ATS 298,--/DM 42,--/€ 22,--.
Rezensentin: Beate Hofstadler

 

 

Slavoj Zizek: Lacan in Hollywood. Aus dem Engl. von Erik Michael Vogt. Wien: Turia + Kant 2000. 77 S. ISBN 3-85132-276-2. Preis: ATS 140,--/DM 20,--/€10,--.
Rezensentin: Beate Hofstadler

 

Slavoj Zizek ist einer der spritzigsten TheoretikerInnen, die sich derzeit mit Alltags- und Massenkulturen beschäftigen. Er - Philosoph, Kulturwissenschafter und Fließbanddenker aus Slowenien - analysiert in seinen Texten, die zwischen Philosophie und (Lacan orientierter) Psychoanalyse angesiedelt sind, kulturelle und soziale Phänomene des modernen Alltags, wobei er bezüglich Lacans Gedankengebäude Neuinterpretationen vorgenommen hat. Er erkennt und anerkennt die unbewusste Dynamik beziehungsweise die aufschlussreichen Projektionsebenen, die sogenannte Hollywoodfilme (beziehungsweise unsere Vorstellungen darüber) durch ihre unsichtbare Produktionsweise bieten. Seine unorthodoxe Art, komplizierte Denkansätze für das Verständnis sogenannter "low culture"-Produktionen anzuwenden, stellt Zizek auch in diesen beiden Publikationen unter Beweis.

ZizekkennerInnen ist auch sein politisches Engagement vertraut. So war er Abgeordneter der Liberal Demokratischen Partei im Slowenischen Parlament und 1990 Präsidentschaftskandidat der Republik Slowenien.

Beginnen wir mit dem früheren Werk. Das vorliegende Buch Ein Triumph des Blicks über das Auge stellt einen Sammelband vor, in dem mehrere Laibacher TheoretikerInnen auf unterschiedliche Weise Zugang zu Besonderheiten Hitchcock'scher Filme beschreiben. Dies - wie der Titel bereits ankündigt - basierend auf Lacans psychoanalytischen Konzepten. Hier sei Zizeks Auseinandersetzung exemplarisch herausgegriffen. Slavoj Zizeks Anliegen war es immer wieder, einen anderen Hitchcock zum Vorschein zu bringen oder Hitchcocks Filme anders zu lesen. Was ist er noch außer "Meister des Suspense"? Dieser Band stellt den Versuch dar, die Losung (Schibboleth) auszugeben, um Hitchcocks Besonderheiten zu erkennen, um "ihn so für ein progressives Denken und eine progressive Praxis zu retten". Die These der Laibacher TheoretikerInnen um Slavoj Zizek dazu war, dass die Logik dieselbe ist wie die, die in der Lacan'schen Psychoanalyse am Werk ist. Das bedeutet einerseits, unbewussten Strukturen nachzugehen, und andererseits zu berücksichtigen, dass gemäß Lacan, das Unbewusste wie Sprache strukturiert ist. Zizek liest Hitchcocks Filme demnach frei nach Lacan. Überhaupt könnte man sagen, es ist ein Verdienst Zizeks, sich mit Lacans Ansätzen in diesem konkreten Feld von Kulturtheorie auseinander zu setzen. Welche Merkmale lassen sich nun bei Hitchcock finden? Zizek sieht unter anderem in Hitchcocks speziellem Gebrauch von Sinthomen eine Eigenart seiner Filme. Der Begriff Sinthome stammt aus der Lacan'schen Psychosentheorie und meint zunächst bedeutungslose Motive (also keinen Signifikanten wie bei NeurotikerInnen, die ja letztlich an ihren verlorenen Erinnerungen = Verdrängung leiden). Zizek bemerkt, dass solche Motive in diversen Filmen Hitchcocks wiederkehren und erst dadurch spezielle Bedeutung erlangen: so etwa Gesten, denen von vornherein keine Sinnhaftigkeit eingeschrieben ist; oder eine Person, die an einer fremden Hand hängt, sei es, um gerettet oder fallen gelassen zu werden (Vertigo, To Catch aThief, North by Northwest etc.). Auch die bebrillte, unattraktive Frau, die jedoch mehr weiß als andere, tritt regelmäßig in Hitchcocks Filmen auf (Vertigo, Spellbound, Psycho, The wrong man etc.). Zizek zeichnet anhand solcher, sich wiederholender Motive nach, wie Bedeutung im Kontext entsteht.

Eine weiteres Spezifikum, das vorliegendem Werk seine Überschrift verleiht, liegt im Verhältnis von Auge und Blick. In seinem Seminar XI schreibt Lacan über einen unaufhebbaren Widerspruch zwischen Auge und Blick. In Ein Triumph des Blicks über das Auge wird - in Anlehnung an Lacan - die Überlegung ins Zentrum gestellt, dass der Blick über das Auge triumphiert. Es gibt etwas da draußen, dass uns betrachtet: die Vorstellung, dass wir die Objekte im Traum eines anderen sind. Für Zizek ist also bei Hitchcock speziell das Dispositiv der Blickumkehr - das Auge blickt und dieser Blick wird erwidert - dominierend, daher befindet sich - nach Zizek - der Blick auf seiten des Objekts. Das faszinierende Objekt selbst wird zum Blick. So etwa in Psycho, wenn wir uns als Zusehende dem Wohnhaus annähern, das zu einem bedrohlichen Objekt wird, weil es unseren Blick erwidert. Er - der Blick - steht also für den blinden Fleck im Feld des Sichtbaren, von dem aus das Bild selbst den Betrachter fotografiert. Diese blinden Flecken sollen in den Bereich des Sichtbaren gerückt werden. Zizek beschreibt, wie Hitchcock Zusehende in dieses Blickfeld hineinzieht.

Mit dieser verführenden These der Erwiderung des Blicks setzt Zizek, in Anlehnung an Lacan, ein Gegengewicht zur Annahme einer bloßen Blicksubjekt-Blickobjekt-Dichotomie. Aber: Dieser Blick bleibt geschlechtsneutral. An diesem Punkt verblasst das Verführerische, denn darin liegt meines Erachtens ein Mangel des Ansatzes. Feministische (Film)Theoretikerinnen haben sich mit der geschlechtsspezifischen Analyse von Filmproduktionen sehr differenziert beschäftigt. Unter anderem analysierten sie den Zusammenhang von Subjektkonstituierung und Blickdispositiv unter dem Gesichtspunkt des Geschlechterverhältnisses. Dies auf semantischer wie auf semiotischer Ebene (vgl. Koch 1980, Silverman 1984, Modleski 1986, Schade 1987, von Braun 1995/2000, Brinckmann 1997 etc.). Dabei haben sie etwa auf die geschlechtsspezifische Filmsprache hingewiesen, die sich gerade in der Blicksubjekt-Blickobjektkonstituierung spiegelt. Wer blickt wie und wer wird wie angeblickt? Wohin schaut das Auge und wen erblickt es, davon hängt es auch ab, wer den Blick besitzt und letztlich erwidert. Das sozial konstruierte Geschlecht ist diesem Blick - und somit seiner Erwiderung - eingeschrieben. Der Blick ist nicht neutral. In diesem Zusammenhang sind auch Wiederholungen bei Hitchcocks weiblichen Darstellerinnen zu sehen. In der Besetzung seiner weiblichen Rollen fallen Sinthome und Blickdispositiv zusammen. Auch bei Hitchcock mussten die Frauen blond sein, und wenn sie klug waren, dann zumindest unattraktiv. Auffallend ist auch, dass Hitchcock diesen speziellen unattraktiven intellektuellen Frauentyp unter anderem auch durch seine Tochter verkörpern ließ (Strangers on a Train). Unattraktivität wurde im Film lange Zeit durch das Tragen einer Brille zum Ausdruck gebracht. Man könnte auch sagen, Metz'sche Enunziation und Freud'sche Wiederholung fallen buchstäblich zusammen. Dieses Beispiel ist insofern interessant, als es ja mit der Brille auch um die Repräsentation eines bestimmten Blicks, den klugen Blick, den distanzierten Blick (der dem männlichen Blick zugeschrieben wird) geht. Kluge Frauen ja, sexy Frauen ja, aber kluge sexy Frauen nein. Diese Perspektive fehlt (mir) bei Zizek gänzlich. Er wirft spannende Fragen auf, versucht diese mit Hilfe Lacan'scher Psychoanalyse zu beantworten, regt zweifellos spannende Diskussionen an, denkt jedoch geschlechtsneutral. Aber dieser Band ist mehr. Hier wird Hitchcock auf spannende Weise (nach Lacan) gelesen. Wohltuend an diesem Sammelband ist auch, dass Hitchcocks Filme keinen Freud'schen Vulgärdeutungen von ödipalen Traumen und Kastrationsängsten ausgesetzt werden.

Das zweite Werk, Lacan in Hollywood, umfasst zwei Aufsätze Zizeks, die Einblicke in die unbewusste Logik von Filmproduktionen geben. Im ersten Aufsatz denkt Zizek, anhand von Hitchcockfilmen, über Sinnhaftigkeit von Neuverfilmungen nach. Im zweiten Aufsatz beschäftigt er sich mit Realitätsdarstellungen anhand des Films Matrix.

Der erste Aufsatz kann als Zusammenfassung des Sammelbandes Ein Triumph des Blicks über das Auge gelesen werden. Drei wesentliche Merkmale Hitchcock'scher Besonderheiten, die dort ausführlich behandelt werden wie Sinthome, Blickkonstituierung und Filmenden kehren in diesem Aufsatz verdichtet wieder. Daraus lässt sich für Zizek ableiten, wie Hitchcock-Neuverfilmung gelingen können. Eine Möglichkeit diskutiert Zizek am Beispiel der Neuverfilmung Gus van Sants Psycho, der sein Versprechen, eine exakte Nachverfilmung des Originals zu machen, eine totale ikonische Übereinstimmung herzustellen, nicht einlöste. Genau durch diese Gleichheit in jeder Sequenz hätten wir erfahren, dass wir es mit einem völlig anderen Film zu tun haben. Daran scheiterte auch diese Variante, die für Zizek eine ingeniöse Idee darstellt. Die nächste Möglichkeit stellt für Zizek das Aufspüren von Elementen einer Neuverfilmung an unerwarteten Orten dar wie etwa in Coppolas Conversation. So entdeckt Zizek eine Minineuverfilmung einer Sequenz, die zumindest an Psycho denken lässt. Hitchcocks Dusche beziehungsweise Sumpf, der Autos samt Opfer verschlingt, wird zu Coppolas Toilette. Sie verheißen ahnungsvoll, dass etwas geschehen wird, sie erwidern den Blick der BetrachterInnen. Bei Coppolas Conversation explodiert die Bedrohung, die in Hitchcocks Psycho in der Luft liegt. Ergänzend fällt auf, dass Zizek die Variante von Mehrfachausgängen in einem Film, wie etwa in Lola rennt, nicht zur Diskussion stellt. Obwohl Wiederholungen - also serielle Darstellungen - als Remake zu denken, meines Erachtens eine interessante Variante darstellt, die in der Kunstgeschichte ohnehin nicht neu ist.

Der zweite Aufsatz befasst sich mit einem Film des gegenwärtigen Kinos: Matrix von Andy und Larry Wachowski. Dieser Film löste in us-amerikanischen wie in europäischen Staaten heftige Diskussionen aus. Elisabeth Bronfen (Heimweh, 1999) etwa wies darauf hin, dass sich dieser Film diversen intertextuellen Zitaten aus Philosophie, Mythos, Cartoon sowie Erzählkino bedient. Ein eigenes Symposium in Karlsruhe Inside The Matrix beschäftigte sich 1999 mit der Kritik der zynischen Virtualität (http://on1.zkm.de/netCondition.root/netcondition/navigation/symposia/).

Zizek konzentriert sich in seiner Ausführung auf Repräsentationen von Realitäten. Wie verlässlich sind unsere Bilder, die wir uns von der Welt machen? Nicht die Weltverschwörungstheorien in Matrix sind interessant, sondern die Auswirkungen des Medienwechsels selbst. Die Fülle an Informationen durch Cyberspace und Datenhighway hat eine Bedeutungsüberwucherung ausgelöst. Die Bilder verlieren dadurch ihre Konkretheit, RezipientInnen fürchten sozusagen um deren Ikonizität. Nach Zizek hat dies zur Folge, dass der große Andere (der symbolischen Ordnung nach Lacan) verschwindet und eine unüberschaubare Zahl an kleinen anderen (imaginär nach Lacan) entstehen lässt. Das heißt: Mit dem Paradigmenwechsel von den technischen Bildern (Foto, Film) hin zu den digitalen Medien, verschwinden auch die SchöpferInnen zusehends aus dem Blickfeld. Warhols Ankündigung, dass jede/r zum Star werden kann, bewahrheitet sich auf Produktionsebene. Jede/r kann KünstlerIn im (anonymen) Netz werden. Sein und Schein, Original und Kopie sind als solche nicht mehr auszumachen. Wie entstehen Realitäten, wenn uns glauben gemacht wird, dass wir es hier mit Virtualität und Realität zu tun haben? Nach Zizek stellt Matrix den großen Anderen dar, den Anderen, der spricht, den Anderen der symbolischen Ordnung, die nunmehr virtueller geworden ist. Salopper ausgedrückt: Lacans großer Andere entspricht dem Freud'schen Unbewussten. (Differenz und Sprache bilden somit die wesentlichen Merkmale dieser symbolischen Ordnung.) Morpheus ist die virtuelle Verkörperung der Matrix - des Anderen - selbst. Der Film spielt mit einer wahren Realität (der größten Illusion) und einer virtuellen Realität. Darin liegt für Zizek auch das Antiquierte von Matrix. Denn wäre die Multiplikation der realen Realitäten nicht subversiver gewesen als die Multiplikation der virtuellen Realitäten, fragt Zizek. PS: Wenn Sie wissen möchten, was das Begehren Lacans mit Coca-Cola zu tun hat, dann lesen Sie auch die Einleitung...


Dr. Beate Hofstadler

Seit 1987 sozialwissenschaftliche Forschungs- und Lehrtätigkeit in den Bereichen Sexualität, Körper, Psychoanalyse, Genderperspektiven. Freie Mitarbeiterin bei Solution, Sozialforschung & Entwicklung. Freie Praxis für Psychoanalyse, Psychotherapie und Supervision in Wien.

Publikationen (Auswahl):

  • Hofstadler, Beate/Buchinger, Birgit: Vom Umgang zum Umgehen, Eßstörungen als Gegenstand medizinisch-psychotherapeutischer Praxis und Wissenschaft, in: Kleber, Jutta (Hgin): Die Äpfel der Erkenntnis. - Pfaffenweiler: Centaurus 1995, S. 121 - 145.
  • Hofstadler, Beate/Körbitz, Ulrike: Zum Verhältnis von Frauen zu Pornographie. Psychoanalytische Erhebung. Frankfurt: Brandes & Apsel 1996.
  • Buchinger, Birgit/Hofstadler, Beate: Warum bin ich dick? Vom Zusammenhang zwischen Lebensproblemen und Übergewicht bei Frauen. Wien: Döcker Verlag 1997.
  • Buchinger, Birgit/Hofstadler, Beate: KörperNormen - KörperFormen. Übergewicht bei Frauen. In: Lutter/Menasse-Wiesbauer (Hg.): Frauenforschung, feministische Forschung, Gender Studies, Entwicklungen und Perspektiven. Materialien Bd. 8, Wien 1999, S. 225-274.
  • Hofstadler, Beate/Buchinger, Birgit: KörperFormen - KörperNormen. Männer über Körper, Geschlecht und Sexualität. Wien: Turia & Kant 2001.
  • Buchinger, Birgit/Beate Hofstadler: Laute Stille, Männer sprechen über sich, in: Schaller-Steidl, Roberta u.a. (Hg.): Einsamkeiten, Orte. Verhältnisse. Erfahrungen. Figuren. Wien: Turia & Kant 2001.

Kontakt: behof@vienna.at bzw. http:// www.solution.co.at


© Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien
Letzte Änderung: 29.10.2001
email.GIF (73 Byte) Redakteurin: Beate Hochholdinger-Reiterer