FV Jus

23.10.09

Die ÖH Uni Wien unterstützt die Besetzung des Audimax!? (Update)

Von: Thomas Fussenegger, Aktionsgemeinschaft

Der folgende Artikel wurde am 23. Oktober 2009 geschrieben. Er bezieht sich auf die Forderungen, die zu diesem Zeitpunkt aktuell waren. Inzwischen haben die Menschen im Audimax diese Forderungen mehrmals überarbeitet, haben einige entfernt und andere hinzugefügt. Die aktuelle Liste der Forderungen findet ihr unter: http://unibrennt.at/ 

Die im folgenden beschriebenen Forderungen sind zwar nicht mehr die offiziellen, sie werden aber nach wie vor von verschiedenen Organisationen geflyert und deshalb ist unser Statement dazu nach wie vor aktuell:

Nur um eines vorweg klarzustellen: Es ist meine politische Überzeugung, dass die Besetzung eines Vorlesungsaales, als medienwirksame Mischung zwischen Streik und Demonstration, natürlich ein legitimes Mittel einer jeden Studentenvertretung in der Auseinandersetzung mit den übermächtigen Gegnern im Rektorat und im Ministerium ist.

Wie sieht das nun aber in diesem konkreten Fall aus? Die Zeitungen berichten, dass die Zwangsbolognisierung, also die Umstellung der Studienpläne auf Bakk/Master Ausgangspunkt der Proteste ist. An der Akademie der Bildenden Künste war das der Fall. Ist diese Zwangsumstellung aber auch der Grund für die Besetzung des Auditorium Maximum? Vertretbar wäre es, denn in vielen Fällen ist die Umstellung der Studienpläne auch an der Uni Wien extrem unqualifiziert erfolgt, die Gelegenheit wurde genutzt um Studieneingangsphasen einzuführen und heraus gekommen sind dabei oftmals unstudierbare Pläne. So sollte man z.B. in der Studienrichtung Biologie über 10 Prüfungen im ersten Semester machen, um die Studieneingangsphase (STEP) fristgerecht zu überstehen. Die Folge sind dann natürlich tausende Langzeitstudenten, weil niemand das Studium in der geplanten Mindestzeit absolvieren kann. Solche Zustände würden nach lautstarken Protestmaßnahmen schreien, aber ist das der Grund für die Besetzung des Audimax, wie von allen Zeitungen geschrieben? NEIN! Niemand dort fordert eine konkrete Verbesserung der Studienpläne.

 

Was wird nun also gefordert? Jeder von Euch kann es unter http://www.freiebildung.at nachlesen, die Betreiber der Homepage sind die „Veranstalter“ der Besetzung, oder tun zumindest so. Dort stehen 12 Forderungen:

  1. Re-Demokratisierung und Stärkung der Mit- und Selbstverwaltung in allen Bildungseinrichtungen
  2. Ausfinanzierung der Unis
  3. Selbstbestimmtes Lernen und Leben ohne Konkurrenz- und Leistungsdruck
  4. Freie Masterzugänge
  5. Keine verpflichtende STEP
  6. Abschaffung aller Bildungs- und Studiengebühren
  7. Keine Aufnahmeprüfungen
  8. Unabhängige Lehre und Forschung
  9. Schluss mit prekären Dienstverhältnissen für Lehrende, Angestellte und ArbeiterInnen
  10. Genug Studienplätze für alle
  11. Abschaffung der Erweiterungscurricula
  12. Flexible und selbstbestimmte Studienpläne

 

Ob man die Besetzung unterstützt, kann man nur entscheiden, wenn man sich mit diesen Punkten auseinander gesetzt hat. Was halten wir also davon:

 

Die Punkte 1,2,7,8 und 10 spielen alle in der Kategorie „Keine Armut mehr“. Man muss sie unterstützen, aber im richtigen Leben braucht man konkretere Lösungen.

 

Punkt 1,2 und 8 sind also eh super, kommen wir also zu Punkt 7, dieser fordert „keine Aufnahmeprüfungen mehr“ und muss zusammen mit Punkt 10 „Genug Studienplätze für alle“ betrachtet werden. Gerade hier am Juridicum können wir ein Lied davon singen, wie vollkommen überfüllt wir sind. Nur mit einem Kraftakt und der Unterstützung aller Beteiligten, von der Studienprogrammleitung, über die Professoren, über das Dekanat bis zur FV konnte gewährleistet werden, dass fast alle der 2300 neuen Studenten irgendwie in eine Übung gebracht werden konnten. In anderen Studienrichtungen ist das längst nicht mehr möglich und die Frage ist, was kann man dagegen tun? Erst recht alle Türen aufmachen? Die Kollegen von der Medizinuni bestätigen mir, dass dann ein vernünftiges Studieren einfach nicht mehr möglich ist. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns am Juridicum auch langsam die Frage stellen, wie wir mit dem ungebrochenen Ansturm an Studenten in Zukunft umgehen wollen. Die Kapazitäten sind erschöpft und wenn es nächstes Jahr wieder 20% mehr Erstsemestrige gibt, dann haben wir für die einfach keinen Platz mehr. Es kann mittelfristig nur zwei Lösungen dafür geben: Entweder wir führen auch Aufnahmeprüfungen ein oder wir bauen ein zweites Juridicum. Natürlich sind wir absolut für Variante zwei, aber in der Zwischenzeit müssen wir hier auch irgendwie studieren können.

 

Eine ganz schwierige Forderung kommt mit Punkt 3. „Leben ohne Konkurrenz- und Leistungsdruck“ zeigt, welch Geistes Kind diese Leute sind. Nicht umsonst war das einzige Logo, dass man an den Transparenten, die von der Galerie im Audimax hängen, erkennen konnte, jenes der Revolutionären Sozialistischen Organisation.

 

Punkt 4 ist nun etwas, was wir als Studentenvertreter nicht gut heißen. Es muss natürlich Beschränkungen zum Zugang zu Masterstudien geben und zwar abhängig davon, was man vorher studiert hat. Niemand soll einen Master für Physik machen können, der seinen Bakk in Publizistik gemacht hat. Beschränkungen die auf dem Notendurchschnitt beruhen, sind auch dank der professionellen Arbeit des letzten ÖH Vorsitzenden Samir Al-Mobayyed in den Gesetzesmaterialien zur UG Novelle sowieso verboten worden. Es gibt hier also nichts, wogegen man demonstrieren könnte.

 

Die Studieneingangsphasen im Punkt 5 sind auch nicht von vornherein zu verteufeln. Sie bezeichnen nichts anderes, als eben die ersten 2 Semester eines Studiums und wie schwierig oder leicht diese zu nehmen sind, hängt wieder vom Studienplan ab. Es ist ja momentan auch bei uns so, dass kaum jemand den ersten Abschnitt in 2 Semestern schafft und das wird hoffentlich bald eine Studienplanänderung nach sich ziehen. Das muss aber Fakultätsintern geklärt werden und kann nicht in eine Forderung à la „Wir wollen die ersten beiden Semester abschaffen“ münden. Die Abschaffung aller „Bildungs-“ und Studiengebühren (Punkt 6) ist auch eine Forderung von uns, hier gehen wir also d’accord.

 

 

Punkt 9 ist eine Forderung, die besser von der Gewerkschaft der öffentlich Bediensteten erhoben werden sollte und Punkt 11 ist überhaupt seltsam. Ein Erweiterungscurriculum ist nichts anderes, als die Möglichkeit, im Rahmen seines Hauptstudiums, eine „Miniausbildung“ in einem anderen Studium zu machen. Wie kann man da dagegen sein? Es verbessert die Jobchancen und erweitert die eigene Ausbildung. Nach einigem Rückfragen scheint der Grund, wieso diese Forderung überhaupt erhoben wird ein bisschen klarer: Nach der Überzeugung der Demonstranten führt nämlich genau das dazu, dass der in Punkt 3 bereits abgelehnte Leistungsdruck steigt. Soll heißen: Niemand soll mehr Zusatzausbildungen machen, weil sonst ist er besser als ein anderer und das steigert den Druck auf diesen armen Tropf, nur weil er halt keine Zusatzausbildung macht. Entschuldigung, aber da können wir nicht mit!

Bleibt zuletzt der Punkt 12, der einzige, der sich auf die Studienpläne bezieht. Flexibel und selbstbestimmt sollen sie sein, da kann man nur zustimmen. Als Hauptforderung um das Audimax zu besetzen und stündlich 800 Studenten um ihre Lehrveranstaltungen zu bringen scheint sie mir aber schon ein wenig dürftig.

Zusammenfassend bleibt für uns der Eindruck, dass es sich hier um eine - zumindest zu einem großen Teil - gesellschaftspolitische Aktion handelt, deren Forderungen wir zum Teil als kommunistisch ablehnen und zum Teil für so allgemein und undurchdacht halten, dass wir ihr unsere Unterstützung versagen müssen. Wir fordern, dass sich die Aufregung über das Wochende legen wird und das Audimax nächste Woche wieder für Vorlesungen genutzt werden kann.