Das Online Themenheft

Das Online Themenheft „Das Geheime Leben der Grätzel. Mehrsprachiger Projektunterricht mit Fokus auf den Lernraum Stadt“ wurde im Rahmen des Forschungsprojekts gemeinsam mit ExpertInnen und Studierenden der Pädagogischen Hochschule Wien erstellt und erprobt. Das Online Themenheft bietet Übungen und Lehrmaterialien zu mehrsprachigem Projektunterricht im Unterstufenbereich.

 

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Online Themenheft zum Download

 

A4, 96 Seiten
Adobe PDF, 1,6 MB

 

Onlineressourcen

Hier finden Sie alle Materialien und Weblinks für die Methoden des Online Themenheftes.

Übung A1: Und welche Sprache ist das? Das kleine Sprachenquiz

Übung A2: Welche Sprachen kennst du (noch)?

Übung A4: Erstellung von Sprachenporträts

Übung A8: SprachdetektivInnen

Übung B6: Gender Maps

Übung C2: Was bedeutet Integration?

Übung C5: Wer denkt in Schubladen? Wer will in Schachteln leben?

Übung C6: Platzmachen für Sprachen

Übung C7: Knifflige Interviewsituationen

Übung C8: Mehrsprachigkeit mit Interviews erforschen

Übung D1: Wie entsteht eigentlich die Stadt?

Übung D3: Blicke auf die Stadt: Was wird bei Stadtführungen über Wien erzählt?

Übung D4: „Was verändert sich in unserem Grätzel?!“ Stadtteilbegehung mit StadtplanerInnen

Übung D5: Was machen wir eigentlich draußen?


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Informationstext

Sprache(n) in der Österreichischen Migrationsgesellschaft
Der Informationstext setzt sich mit antirassistischer Kritik an Sprachhierarchien auseinander und gibt Tipps für die pädagogische Arbeit.

Glossar

Hier werden zentrale Begriffe und Konzepte des Online Themenheftes kurz erklärt. Die Begriffserklärungen finden Sie auch direkt im Online Themenheft.

Code-Switching

Der Begriff Code-Switching bezeichnet in der Sprachwissenschaft einen Vorgang, bei dem eine Person von einer Sprache in eine andere wechselt. Alternativ wird das Code-Switching daher auch als „Sprachwechsel“ oder „Codewechsel“ bezeichnet. Ein solcher Wechsel kann innerhalb eines Gesprächs, eines Satzes oder sogar in einem Satzteil vorgenommen werden. Außerdem kann er sowohl beim Sprechen als auch beim Schreiben auftreten. Das Code-Switching hängt meist vom jeweiligen Sprech- bzw. Schreibkontext ab und ist ein weit verbreitetes Phänomen in mehrsprachigen Gesellschaften. Lange Zeit wurde das Phänomen als sprachliches Defizit betrachtet, aktuell setzt sich aber eine neue Perspektive durch und Code-Switching wird als verbale Fähigkeit von mehrsprachigen SprecherInnen betrachtet, die ein größeres Sprachrepertoire haben und sich dadurch flexibler auf unterschiedliche Gesprächssituationen einstellen können.

Urban Citizenship

Urban Citizenship steht für Wohn- oder Stadtbürgerschaft und ist an Thomas H. Marshalls Citizenship-Konzept angelehnt. Der Begriff thematisiert das Spannungsverhältnis von urbaner Ungleichheit durch kapitalistische Stadtstrukturen, der Forderung nach gleichen, politischen Rechten für alle StadtbewohnerInnen sowie dem gleichen, freien Zugang zu relevanten gesellschaftlichen Ressourcen.

Sprachrepertoire

Der Begriff Sprachrepertoire geht auf den Soziolinguisten Gumperz zurück und wurde von der Linguistin Busch weiterentwickelt. Das Sprachrepertoire bezeichnet die Gesamtheit sprachlicher Mitteln eines Individuums, die sich erst in der konkreten Interaktion realisieren. Jeder Mensch aktiviert in unterschiedlichen Kommunikationskontexten – bewusst oder unbewusst – spezifische Sprachcodes, Register, Varietäten etc. Auf welchen sprachlichen Möglichkeitsraum das Individuum dabei zurückgreifen kann, hängt nicht nur von seinen Fähigkeiten, sondern den gesellschaftlichen Zwängen bzw. Freiheiten und dem darin eingebetteten Spracherleben ab. So erlaubt dieses Konzept neben der emotionalen und leiblichen Dimension auch die politisch-ideologische zu berücksichtigen. Sprache wird dadurch als nicht zählbar oder klar abgrenzbar definiert, sondern als Positionierung gegenüber gesellschaftlichen Diskursen und Praktiken.

Recht auf Stadt

Der Ausdruck „Recht auf die Stadt“ geht auf den französischen Soziologen Henri Lefèbvre zurück. Er stellte diese Forderung in einem 1968 publizierten Buch auf, in dem er die räumliche Abtrennung von marginalisierten französischen Vorstädten und deren Beitrag zur sozioökonomischen Ausgrenzung ihrer BewohnerInnen kritisierte. Urbaner Raum setzt sich für ihn aus drei Ebenen zusammen, auf denen StadtbewohnerInnen die Möglichkeit haben sollten, im Rahmen von Beteiligungsprozessen mitzubestimmen und sich den Raum (wieder) kollektiv anzueignen. Erstens gibt es die Ebene der „Raumrepräsentationen“. Damit ist der geplante und gebaute Raum gemeint, bei dem StadtbewohnerInnen über BürgerInnenbeteiligung und Partizipationsangebote mitbestimmen sollen. Zweitens unterscheidet er die Ebene der Raumaneignung durch Menschen, also die konkrete Nutzung des geplanten Raums. Diese „räumliche Praxis“ sollte nicht zu stark beschränkt werden. Denn wenn StadtbewohnerInnen tatsächlich die Gelegenheit haben, sich den gebauten Raum bis zu einem gewissen Grad nach ihren Bedürfnissen und Vorstellungen anzueignen, können innerhalb der geplanten Stadt neue Räume entstehen. Diese dritte Raumebene nennt Lefèbvre „Räume der Repräsentation“. Erst wenn StadtbewohnerInnen auf allen drei Raumebenen Einfluss nehmen können, ist ihre politische Teilhabe im Sinne von Urban Citizenship gesichert.

Raumkonstitution

Raumkonstitution ist ein soziologischer Begriff der die Tatsache beschreibt, dass der uns umgebende Raum kein reiner „Containerraum“ für Menschen ist, sondern zum Teil auch durch unser Verhalten und Handeln darin produziert wird. Daher bestimmen wir auch durch unser Handeln und nicht zuletzt auch durch unseren verräumlichten Habitus mit, welche Räume entstehen und wie diese Räume aussehen. Das gilt zum einen für die Stadt- und Raumplanung, aber auch für das Verhalten derjenigen, die den geplanten Raum später nutzen und darin ihre Spuren hinterlassen. Deutlich wird das beispielsweise auf Kinderspielplätzen, in denen auch jugendliche NutzerInnen in Form von Graffitis ihre „Spuren“ hinterlassen. Ein weiteres Beispiel wäre die Umnutzung von brachliegenden Flächen, etwa als Treffpunkt oder als Spielplatz. Die Wiener Stadtplanung hat auf solche Umnutzungen schon 1998 mit der Einrichtung der Projektkoordination „Mehrfach- und Zwischennutzung“ reagiert.

Raumaneignung

Raumaneignung ist ein soziologischer Begriff, der die Tatsache beschreibt, dass Menschen sich den physikalischen und auch den sozialen Raum handelnd erschließen. Er geht ursprünglich auf den russischen Psychologen Alexei Nikolajewitsch Leontjew zurück, der ein tätigkeitsorientiertes Konzept der Erschließung der Lebenswelt entwickelte und wurde in der sozialräumlichen Jugendarbeit und auch in der Soziologie übernommen. In beiden Fällen bedeutet Raumaneignung, dass wir unser direktes Lebensumfeld immer tätig zu eigen machen, indem wir es nutzen und erleben. Dabei wird auch zwischen „Gebrauch“ und „Aneignung“ von Räumen unterschieden. Unter Gebrauch von Räumen ist die Nutzung eines Raums gemäß seiner Funktionen zu verstehen und unter Aneignung die Veränderung oder Entwicklung neuer Formen der Raumnutzung. Daher entstehen durch unser Handeln auch neue Räume und der Begriff der Raumaneignung hängt daher auch stark mit dem Begriff der Raumkonstitution zusammen.

Migrationsgesellschaft

Gesellschaften (wie die österreichische) als Migrationsgesellschaften zu verstehen bedeutet, dass Migration nicht Ausnahme oder Sonderfall ist, sondern eine Tatsache, die sich im Leben der gesamten Bevölkerung widerspiegelt. Die Migrationsgesellschaft ist jedoch durch Rassismen und soziale Hierarchien strukturiert, welche analysiert und infrage gestellt werden. Städtischer Raum wird daher als transnationaler Raum gefasst, in dem gesellschaftliche Konflikte und politische Kämpfe ausgetragen werden. Dabei sind jedoch die Ressourcen, Möglichkeiten der Beeinflussung und Entscheidungsmacht sehr ungleich unter den Beteiligten verteilt.

Containermodell

Bei dem Containermodell werden Länder als Container (oder Schachteln) imaginiert, die kulturell homogene Gesellschaften enthalten, welche sich klar von anderen nationalen Containergesellschaften abgrenzen. Die österreichische Containergesellschaft wird dabei enthistorisiert und als immer gleichbleibend ausgegeben, so als hätte sie sich nicht durch all die Ein- und Auswanderungsprozesse der Vergangenheit verändert. Vorstellungen in Migrations- und Integrationsdiskursen und –politiken, die diesem Modell entsprechen, sind beispielsweise, dass MigrantInnen als Problem gesehen werden, die als „Fremde“ von außen oder einem anderen (meist nicht-europäischen) Container kommen und die „Belastbarkeit“ des „Aufnahmelandes“ (oder „Aufnahmecontainers“) überschreiten. Eine weitere damit zusammenhängende Vorstellung ist, dass Menschen sich entweder für den einen oder den anderen Container entscheiden müssen: Von MigrantInnen die aus einem anderen Container mit einer vermeintlich „ganz anderen Kultur“ kommen, wird deshalb gefordert, dass sie sich integrieren oder assimilieren, also ihre „andere Kultur“ abwerfen und die vermeintlich homogene Kultur des „Aufnahmecontainers“ übernehmen müssen.

Doing Gender/Undoing Gender

Der Begriff „Doing Gender“ geht auf die beiden SozialwissenschafterInnen Candace West und Don H. Zimmerman zurück und bezeichnet die Tatsache, dass das soziale Geschlecht („Gender“) erst durch menschliches Handeln und soziale Praktiken hergestellt wird. Konkret heißt dies, dass Menschen über „weibliches“ beziehungsweise „männliches“ Verhalten ihre Geschlechtszugehörigkeit erarbeiten. Das passiert allerdings meistens unbewusst, denn die geschlechtsspezifischen Skripte sind gesellschaftlich vorgegeben und erscheinen daher als „ganz natürlich“. Das komplementäre Konzept „Undoing Gender“ beschreibt soziale Praktiken, bei denen das soziale Geschlecht bzw. Gender einer Person nicht im Vordergrund steht und in Extremfällen gar keine Rolle mehr spielen kann.

Geschlechterperformanz

Dieses Konzept geht auf die renommierte US-Amerikanische Geschlechterforscherin Judith Butler zurück. Es baut auf linguistischen Theorien zu Sprache als Handlung (Performanz) auf. So ist etwa der Sprechakt „Ich erkläre euch hiermit zu Mann und Frau“ mehr als nur eine Informationsaussage, denn er hat soziale Konsequenzen. Bezüglich Geschlechterkonstruktionen kann etwa bereits der Ausruf „Es ist ein Mädchen!“ als Sprachakt mit weitreichenden Konsequenzen erkannt werden. Bereits bei der Geburt (bzw. schon davor, etwa bei der Ultraschalluntersuchung) kommt es durch diesen Sprechakt zu einer performativen Zuschreibung einer Geschlechtsidentität. Diese performativen Akte finden nicht im machtfreien Raum statt. So „funktionieren“ die beiden hier genannten Beispiele nur im Kontext von machtvollen Institutionen wie Kirche oder Gesundheitssystem, denen eine spezifische Definitionsmacht zugeschrieben wird. Doch der Begriff Performanz soll nicht nur auf machtvolle Zuschreibungen, sondern auch auf die Möglichkeit des „Spiels“ mit Geschlechtsidentitäten verweisen. Denn wenn davon ausgegangen wird, dass unser Geschlecht nicht durch einen „wahren Kern“ restlos definiert und festgeschrieben wird, dann ergibt sich dadurch die Möglichkeit, die Performanz eigenständig zu gestalten und neue Geschlechterpraktiken auszuprobieren.

Geschlechterrollen

Das Konzept der Geschlechterrollen ist bereits älter und wurde in neueren Diskussionen auch vermehrt kritisiert. Durch den Bezug zur Rolle als etwas „gespieltes“ soll auf den konstruierten Charakter von Geschlecht hingewiesen werden. Ähnlich wie im Theater kann auch Geschlecht als Rolle gesehen werden, die von uns entsprechend bestimmter Erwartungen gespielt wird. Der Verweis auf „Erwartungen“ kann dazu anregen, dass wir gesellschaftliche Bilder von Männern und Frauen aufmerksamer betrachten. So können wir etwa in Filmen oder Werbungen eine Vielzahl an Bildern über „richtige“ Frauen und Männer entdecken, die als Ideal gelten, dem wir nachstreben sollen. Mit dem Rollenkonzept kann also kritisch hinterfragt werden, welche dominanten Geschlechterbilder es gibt, welche Erwartungen damit einhergehen und inwiefern diese Erwartungen sich beschränkend auf Personen auswirken, weil ihnen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben und andere Möglichkeiten abgesprochen werden. Kritisiert wurde das Rollenkonzept unter anderem dafür, dass dadurch historische Änderungen schlecht erklärt werden können und dass in der Regel lediglich von Männerrollen und Frauenrollen ausgegangen wird, wodurch Zweigeschlechtlichkeit wiederum als „naturgegeben“ dargestellt wird, anstatt davon auszugehen, dass auch die Annahme, dass es nur genau zwei Geschlechter gibt, selbst eine soziale Konstruktion ist. Weiters wurde das Konzept dafür kritisiert, dass Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau dadurch oftmals aus dem Blick geraten. Das Konzept sollte also nicht unkritisch übernommen werden, kann aber als Anregung für die weitere Beschäftigung mit Geschlechterkonstruktionen dienen.

Heteronormativität

Heteronormativität beschreibt die vorherrschende gesellschaftliche Vorstellung, dass Heterosexualität die einzig mögliche bzw. die einzig „natürliche“ Norm darstellt. Aus dieser Sicht ist die Gesellschaft durch ein binäres (Mann vs. Frau) Geschlechtssystem organisiert, in dem das biologische Geschlecht mit Geschlechtsidentität, Geschlechterrolle und sexueller Orientierung „im Normalfall“ eindeutig männlich oder weiblich ausgeprägt ist. Das heißt konkret, dass es fixe Vorstellungen von „Frauen“ und „Weiblichkeit“ beziehungsweise von „Männern“ und „Männlichkeit“ gibt, und dass dies mit der Vorstellung einhergeht, dass ausschließlich Liebesbeziehungen zwischen Männern und Frauen „natürlich“ sind. In der heteronormativen Vorstellung wird eine Störung dieser Geschlechterordnung als „unnatürlich“ und daher als potenziell bedrohlich konstruiert.

Innere Mehrsprachigkeit

Jede „nationale“ Sprache weist eine Vielzahl von Dialekten, Soziolekten, Idiolekten etc. auf. Für dieses Phänomen prägte Wandruszka den Begriff der „inneren Mehrsprachigkeit“. Niemand spricht einfach Serbisch, Arabisch oder Deutsch, sondern immer ein spezifisches Serbisch, Arabisch oder Deutsch. Obwohl der Begriff hilfreich ist und die Heterogenität von Sprache verdeutlicht, reproduziert er die Vorstellung von klar abtrennbaren Sprachen. Alle Dialekte, Soziolekte etc. werden in diesem Konzept nämlich einer (nationalen) Standardsprache zugeordnet. Das Konzept des Sprachenrepertoires beispielsweise versucht ebendieser Kategorisierung zu entgehen.

Habitus

Dieser Begriff geht auf den französischen Soziologen Pierre Bourdieu zurück und bezeichnet die gesellschaftliche Prägung menschlicher Verhaltensweisen. Dabei geht es um selbstverständliche Dinge wie Sprech- bzw. Ausdrucksweise, Kleidungsstil, Musikgeschmack, Hobbies und Lesevorlieben etc. Bourdieu hat in seiner Forschung gezeigt, dass all dies nicht zufällig oder „individuell“ entsteht, sondern von der sozialen Positionierung der jeweiligen Person abhängig ist. Dabei ging es ihm vor allem darum, zu analysieren, welchen Einfluss die soziale Klasse hat. Darüber hinaus gibt es aber noch andere wichtige Einflussfaktoren auf den Habitus, wie etwa Geschlecht und Ethnisierung. So gelten für Frauen und Männer unterschiedliche „Verhaltensregeln“. Außerdem beeinflusst es das Verhalten von Personen, wenn ihnen bestimmte „kulturelle“ oder „ethnische“ Eigenschaften zugeschrieben werden.