RingVO: Öffentlichkeit / Privatheit / Geschlecht.
Alte Kategorien - Neue Verhältnisse?

up

 
Home
About
Staff
Activity
Lehre
Kontakt
Aktuell
Links
   

 

 

 

 

LV Nr. 210347, 2 Stunden
RingVO: Öffentlichkeit / Privatheit / Geschlecht.
Alte Kategorien - Neue Verhältnisse?

Lehrveranstaltungsleiterinnen:
Mag.ª Brigitte Bargetz
Mag.ª Sushila Mesquita
Mag.ª Hilde Schäffler

Ort: HS 47, Hauptgebäude
Zeit: Donnerstag, 16-19 Uhr (14-tägig; pktl.)
Beginn: 19. Oktober 2006, 16:00-17:30 Uhr

Weitere Termine:
9. November, 23. November, 7. Dezember, 14. Dezember,
11. Jänner, 25. Jänner (jeweils 16:00-19:00 Uhr)

Anrechenbarkeit:
Doktoratsstudium der Sozialwissenschaftlichen Fakultät und als Wahlfach
Für das Diplomstudium Politikwissenschaft: D1/G8/G10

up

Inhalte und Ziele der Vorlesung

Mit dem Slogan "Das Private ist politisch!" machten vor allem Vertreterinnen der zweiten Frauenbewegung in den 1970er Jahren darauf aufmerksam, dass vermeintlich private Verhältnisse und als individuell angesehene Handlungen politisch reguliert und geschlechtsspezifisch hierarchisiert sind. Vor diesem Hintergrund werden im Rahmen der Ringvorlesung aktuelle Neugestaltungen von Öffentlichkeit und Privatheit, die sich gegenwärtig im Zuge sozioökonomischer, politischer und kultureller Transformations-prozesse zutragen, in den Blick genommen und kritisch reflektiert.
Von den Vortragenden der interdisziplinär ausgerichteten Ringvorlesung wird ein breites thematisches und regionales Spektrum dieser Neugestaltungen vorgestellt und diskutiert. Die Bandbreite reicht dabei von theoretischen Auseinandersetzungen mit den Kategorien Öffentlich und Privat über die Diskussion gegenwärtiger sozio-politischer Restrukturierungen und neuer (politischer) Gestaltungsmöglichkeiten bis hin zu Erörterungen kultureller und gesellschaftlicher Zusammenhänge inner- wie außerhalb Westeuropas. Phänomene der Re/Privatisierung und Ökonomisierung, Migrationsprozesse, Räume, Sichtbarkeiten, feministische Bewegungen, queere Interventionen sowie mediale Inszenierungen, Darstellungen und Kommunikationsformen (Fotografien, Film, Internet) werden mit den "alten" Kategorien kurzgeschlossen und die daraus resultierenden, neuen Erscheinungsformen dieser kategorialen Begrifflichkeiten beleuchtet.

up

Termine, Vortragende und Titel

Termin VortragendeR Titel
19.10.2006 Brigitte Bargetz, Sushila Mesquita, Hilde Schäffler Einführung in die Thematik
09.11.2006 Martin Slama Öffentlichkeit und Privatheit, Gender und Agency in indonesischen online und offline Sphären
[abstract]
  Susanne Schröter Privatheit und Öffentlichkeit im islamischen Feminismus
[abstract]
23.11.2006 Elke Mader Orte der Liebe. Zur Inszenierung von Öffentlichkeit und Privatheit im indischen Film
[abstract]
  Michiko Mae Die Partizipationsgesellschaft: Ein neues Potenzial für den Wandel von Öffentlichkeit und Privatheit in Japan
[abstract]
07.12.2006 Elisabeth Klaus Medien und Mehr: Öffentlichkeit als gesellschaftlicher Selbstverständigungsprozess
[abstract]
  Johanna Schaffer Subkultur / dominante Öffentlichkeit / Geschlecht:
Del LaGrace Volcanos und Catherine Opies Fotografien als Arbeit an den visuellen Strukturen der Anerkennung
[abstract]
14.12.2006 Antke Engel Homo und Hetero traut vereint. Projektive Integration und neuer hegemonialer Konsens
[abstract]
  Yvonnne P. Doderer Von Women’s Spaces zu Queer Paradise. Dimensionen emanzipatorisch-urbaner Öffentlichkeiten im Horizont der Verhältnisse von Öffentlichkeit, Privatheit und Geschlecht
[abstract]
11.01.2007 Birgit Sauer Von den res publica zu den res privata. Transformationen des Geschlechterpolitischen
[abstract]
  Cornelia Klinger Vom Interieur via Innerlichkeit zum Eigenheim. Eine Besichtigung privater Innenräume in Begleitung von Walter Benjamin
[abstract]
25.1.2007 Kornelia Hauser Erfahrung und Öffentlichkeit
[abstract]
  Ursula Apitzsch Migration und Gender
[abstract]

up

Prüfungsmodalitäten

Es ist ein Essay zu verfassen, der mindestens 3 der in der Ring-VO präsentierten Beiträge reflektiert und miteinander in Beziehung setzt.

Was ist ein Essay?

Ein Essay ist eine flüssig geschriebene Erörterung eines Themas, ohne es erschöpfend zu behandeln. Ein Essay braucht vor allem einen Standpunkt, den es (theoretisch) zu begründen und (empirisch) zu verankern gilt. Auch Essays sind anspruchsvoll und sollten logische Stringenz sowie einen erkennbaren Argumentationsgang aufweisen. Etwaige Zitate oder Beispiele sollten sehr kurz sein. Der "wissenschaftliche Apparat" (Fußnoten, Literaturverzeichnisse) nimmt nicht notwendig jenen bedeutenden Stellenwert ein wie etwa in "Seminararbeiten", ebenso wenig wie eine rigide Gliederung. Dennoch sollte der Text eine nachvollziehbare Struktur und eine Transparenz des zugrunde liegenden Erkenntnis- und Vermittlungsinteresses bieten.


Was soll dieser Essay enthalten?
Inhaltliches:

1) Es muss eine wissenschaftliche Begründung der Auswahl der Vorträge geben: Es soll klar dargestellt werden, welcher Aspekt/welche Aspekte der Vorträge in dem Essay behandelt werden. Auf welche Thematik(en) fokussiere ich in der Diskussion der Vorträge? In Hinblick auf welche Aspekte setzte ich die Vorträge zueinander in Bezug?

2) Entwicklung eines wissenschaftlichen Arguments: Im Essay soll im Zuge der Diskussion der Vorträge bzw. der ausgesuchten Aspekte ein eigenes wissenschaftliches Argument entwickelt und nachvollziehbar dargestellt werden.

3) Es kann ein empirisches Fallbeispiel oder auch ein theoretisches Konzept von "Außen" herangezogen und in den Essay eingebaut werden. (z.B. zur Verdeutlichung des eigenen Arguments) Insgesamt sollen jedoch zumindest zwei Drittel der Arbeit in Bezug zu den drei ausgewählten Vorträgen stehen und maximal ein Drittel der Arbeit Thematiken, Theorien, Konzepte etc. behandeln, die nicht in den Vorträgen vorgekommen sind.


Formales

  • 10 Seiten (ohne Deckblatt und Literaturangaben) plus/minus eine Seite
  • Schrift: Times New Roman; 12 Punkt; 1,5 Zeilenabstand

Für die Zeugnisausstellung sind zudem folgende Angaben erforderlich:

* Titel der Lehrveranstaltung
* Semester (Wintersemester 2006/07)
* Vor- und Nachname
* Studienkennzahl(en)
* Matrikelnummer
* Angabe, wofür Sie das Zeugnis benötigen (Studienrichtung; Doktoratsstudium/Wahlfach/etc)
* E-Mail-Adresse für allfällige Rückfragen
* Persönliche Erklärung, dass die Arbeit eigenständig verfasst wurde. Eine eingescannte Unterschrift ist nicht notwendig!
Das Formular "Persönliche Erklrärung" kann HIER gedownloadet werden!


Weiterführende Literatur als PDF-File

Zusätzliche Angaben zu einzelnen Vorträgen

Vortrag Slama

Vortrag Klaus

Vortrag Schaffer


Abgabe- bzw. Prüfungstermine:

Bitte beachten Sie, dass Sie die jeweils spätest möglichen Abgabetermine pro Prüfungstermin einhalten:

1. Termin: 1. Februar 2007
2. Termin: 5. März 2007
3. Termin: 2. Juli 2007
4. Termin: 30. September 2007

Abgabe der Arbeiten
Übersendung per E-Mail an folgende Adresse: ringvorlesung.gender@univie.ac.at

up

Abstracts zu den Vorträgen (alphabetisch)


Ursula Apitzsch
Migration und Gender

Die Feminisierung der Migration in Europa und weltweit hat zugleich zu einer Veränderung von Migrationsprojekten und Migrationsnetzwerken geführt. Gegenüber der dauerhaften Migration durch Zuzug von Gruppen sowie durch Familienzusammenführung ist die neue Zuwanderung nach Westeuropa nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Desintegration Jugoslawiens geprägt durch transnationale pendelnde und zirkuläre Arbeitsmigrationen sowie durch undokumentierte Migration insbesondere von allein einreisenden Frauen. Daneben führt die Nachfragesituation in Bezug auf Arbeit im Care-Bereich zur Zuwanderung ausländischer –häufig illegaler – Pflegekräfte aus der globalen Peripherie. Die geschlechtsspezifische Betrachtung erweist dabei jedoch durchaus widersprüchliche Entwicklungen, die teilweise extrem zu Lasten der Frauen geht, teilweise aber auch einen Autonomiegewinn für die Frauen bedeutet.

Im geplanten Beitrag zur Ringvorlesung geht es darum, vor allem zwei Trends zu beleuchten, nämlich erstens die Feminisierung und zweitens die Irregularisierung der Migrationsbewegungen im Zuge der Globalisierung, die zu neuen Mustern der Migration gegenüber den der klassischen Arbeitsmigrationen im Rahmen von Anwerbeverträgen geführt haben. Zugleich soll problematisiert werden, ob die neuen Migrationsbiographien neue Formen "transnationaler Räume" und flexibler oder fragmentierter StaatsbürgerInnenschaften hervorbringen oder voraussetzen. Dazu sollen vor allem die Netzwerke diskutiert werden, die jeweils Transnationalität der MigrantInnenbiographien möglich machen bzw. erzwingen. Die Gender-Dimension dieser Entwicklungen soll dabei im Vordergrund der Betrachtung stehen.

Ursula Apitzsch ist seit 1993 Professorin für Politikwissenschaft und Soziologie am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der J.W. Goethe-Universität Frankfurt und Mitglied des Direktoriums des DFG-Graduiertenkollegs "Öffentlichkeiten und Geschlechterverhältnisse. Dimensionen von Erfahrung" (Frankfurt/Kassel). Gastprofessuren und Lehrtätigkeit ua. in Swansea/UK, Berkeley, Florenz, Montréal, Brisbane und Paris. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Kulturanalyse, Biographieforschung, Untersuchungen zu Migration, Ethnizität und Gender.

Ausgewählte Publikationen:
• Kulturelle Entbettung und gegenhegemoniale Netzwerke, in: Das Argument 266. Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften, Migrantinnen, Grenzen überschreitend, 48. Jg., Heft 3, Hamburg 2006

• Ethnische Ökonomie und Self-employment: Modelle für aktive Selbstintegration angesichts des Abbaus wohlfahrtsstaatlicher Politiken?, in: Brüchert, Oliver/Resch, Christine (Hg.), Zwischen Herrschaft und Befreiung. Politische, kulturelle und wissenschaftliche Strategien. Festschrift zum 60. Geburtstag von Heinz Steinert, Münster 2002 (Westf. Dampfboot)

• Migration und Biographie, Opladen 1999 (Westdt. Verl.)

[zurück]


Yvonne P. Doderer
Von Women’s Spaces zu Queer Paradise.
Dimensionen emanzipatorisch-urbaner Öffentlichkeiten im Horizont der Verhältnisse von Öffentlichkeit, Privatheit und Geschlecht

Mit dem Aufkommen und Fortschreiten von Frauen-, Lesben-, Schwulen- und seit einiger Zeit auch queeren und Transgender-Bewegungen haben sich vor allem in Großstädten und Metropolen nicht nur im deutschsprachigen Raum vielfältige Formen urbaner TeilÖffentlichkeiten herausgebildet. Welche Entwicklungen, welche Verräumlichungsprozesse und Praxen lassen sich hier nachzeichnen? Wie lassen sich diese Formen urbaner Öffentlichkeiten theoretisch fassen? Worin bestehen Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Problematiken innerhalb dieser Bewegungen? Inwieweit lassen sich diese Öffentlichkeiten (noch) als politisch verorten? Tragen diese Öffentlichkeiten zu einer Veränderung des Dualismus von bürgerlicher Privatheit und idealer Öffentlichkeit bei? Und umgekehrt: welche Einflüsse haben tradierte Konzepte von Öffentlichkeit und Privatheit auf diese Räume und Praxen? Welchen Stellenwert und welche Bedeutung haben diese Öffentlichkeiten in urban-gesellschaftlichen Zusammenhängen heute? Wie vermitteln sich diese Öffentlichkeiten nach außen und wie werden diese Öffentlichkeiten in Kunst, Kultur und Medien dargestellt? Welche zukünftigen Perspektiven haben diese Öffentlichkeiten?
Auf all diese Fragen wird der Vortrag sicherlich keine abschließenden Antworten geben, sondern vielmehr theoretische Ansatzpunkte, Forschungsergebnisse und Beispiele liefern, die zur weiteren Diskussion beitragen können.

Yvonne P. Doderer ist Professorin für GenderMediaDesign an der FH Düsseldorf und Dozentin an der Merz Akademie in Stuttgart. Studium der Architektur und Stadtplanung an der TU Stuttgart. Promotion an der Universität Dortmund zu feministischer FrauenÖffentlichkeit und urbanem Raum. Internationale Ausstellungsbeteiligungen, Lehr- und Vortragstätigkeiten, Veröffentlichungen. Laufendes Forschungsprojekt "Doing Beyond Gender" zu Projekten 'jenseits von Geschlecht' in Kunst, Kultur, Medien. Mitglied des Netzwerk Frauenforschung NRW. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Geschlechterforschung in Verschränkung mit Stadt-, Raum- und Kulturforschung, Theorie und Praxis der Gegenwartskunst.

Ausgewählte Publikationen:

• Strategien und Raumproduktionen feministischer FrauenÖffentlichkeit, in: Käthe u. Clara e.V. – Verein zur Förderung von Frauen u. Mädchen in Naturwissenschaft u. Technik e.V. (Hg.), standard: abweichung, Dokumentation 29. Kongress von Frauen in Naturwissenschaft u. Technik, Kirchlinteln 2004 (Hoffmann & Hoyer)

• Im Zeitalter des Postfeminismus!? Überlegungen zur Notwendigkeit einer Standortbestimmung, in: dérive, Zeitschrift für Stadtforschung, Nr. 15, Wien 2004

• Urbane Praktiken. Strategien und Raumproduktionen feministischer FrauenÖffentlichkeit, Münster 2003 (Monsenstein & Vannerdat)

[zurück]


Antke Engel
Homo und Hetero traut vereint.
Projektive Integration und neuer hegemonialer Konsens

Im Vortrag möchte ich mich anhand von Werbe- und Medienbildern damit befassen, wie lesbische, schwule und geschlechtlich mehrdeutige Individuen und Lebensformen öffentlich repräsentiert werden. Anhand dieser Bilder lässt sich etwas über Formen gesellschaftlicher Integration norm-abweichender geschlechtlicher und sexueller Lebensformen unter spätmodernen, neoliberalen Bedingungen erfahren. Charakteristisch für die Normalisierung divergenter sexueller Lebensformen in spätmodernen Gesellschaften erscheint mir eine paradoxe Gleichzeitigkeit von Privatisierung und Veröffentlichung: Während einerseits eine Entpolitisierung sexueller Lebensformen propagiert wird, so dass sexuelle Devianz oder Dissidenz als Privatangelegenheiten erscheinen, wird gleichzeitig die Vervielfältigung und Zirkulation öffentlicher Bilder gefördert, die bestimmte Formen homosexuellen Lebens nicht nur als akzeptabel markieren, sondern sie als Avantgarde neoliberaler Subjektivität feiern. Ich möchte den Begriff der "projektiven Integration" anbieten, um den Normalisierungsprozess zu erfassen, der Privatisierung und Veröffentlichung miteinander verknüpft. Mittels "projektiver Integration" entsteht, so meine These, ein neuer hegemonialer Konsens, der die VerUneindeutigung der Hetero/Homo-Opposition nutzt, um sozio-ökonomische Widersprüche zu de-thematisieren.

Antke Engel ist Philosophin und Queer Theoretikerin. Sie hat 2001 an der Universität Potsdam mit einer Arbeit zu queerer Politik der Repräsentation und der Strategie der VerUneindeutigung promoviert. Zwischen 2002 und 2005 war sie als Vertretungs- bzw. Gastprofessorin für Queer Theory an der Universität Hamburg tätig. Seit 2006 leitet sie das neu gegründete Institut für Queer Theory in Hamburg. Arbeitsschwerpunkte: Queer Theory und Heteronormativitätskritik, Feminismus und Gender Studies, Poststrukturalistische Theorie, Repräsentationskritik, Politische Philosophie und Kulturtheorie.

Ausgewählte Publikationen:

• Entschiedene Interventionen in der Unentscheidbarkeit. Von queerer Identitätskritik zur VerUneindeutigung als Methode, in: Harders, Cilia/Kahlert, Heike/Schindler, Delia (Hg.), Forschungsfeld Politik, Wiesbaden 2005 (VS Verlag)

• femina politica. Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft: Queere Politik: Analysen, Kritik, Perspektiven, Heft 1, 14. Jg., Berlin 2005, Hg. gem. mit Nina Schulz und Juliette Wedl

• Wider die Eindeutigkeit: Sexualität und Geschlecht im Fokus queerer Politik der Repräsentation, Frankfurt a.M. 2002 (Campus)

[zurück]


Kornelia Hauser
Erfahrung und Öffentlichkeit

Das Schlagwort von rechts der frühen 1980er lautete "Feminisierung der Gesellschaft" und gemeint war, dass die typisch weiblichen Tätigkeiten wie lieben, erziehen, und fürsorgen aufgewertet werden sollten. Der Umbau des Wertesystems, mit dem sich das Kohl-System brüstete, gelang insofern, als die Fragen, die die Frauenbewegung auf die gesellschaftliche, auf die öffentliche Tagesordnung gesetzt hatte, wieder zu Frauenangelegenheiten im Privaten werden sollten. Freiheit sollte im Privaten stattfinden – der öffentliche Raum wurde als Zwang artikuliert. Im zweiten Schritt gelang es aber auch, die Öffentlichkeit selber als unmittelbares Verhältnis unter Vertrauten, anstelle von mittelbaren Verhältnissen unter Fremden darzustellen. Hand in Hand mit der Psychologisierung von allen Problemen, ging die Psychologisierung der Öffentlichkeit einher. Der subjektive Gefühlszustand wurde wichtiger als das Handeln. Körper und Gefühl gewannen an Bedeutung, gegen Interesse und Kommunikation. Die Erziehung zur Weiblichkeit hat genau diese Dimensionen: Frauen sind zuständig für andere Körper und Gefühle (sie haben eine Gefühlskompetenz) – insofern beinhaltete die Verweiblichung der Öffentlichkeit eben dies: die Hinwendung zum Unmittelbaren, in der alles Nicht-Gekannte – das sog. Anonyme – zur Bedrohung wird. Wir können so von einer Feminisierung von Öffentlichkeit sprechen. Aber: Öffentlichkeit ist jene gesellschaftliche Form, in der Interessen und Handeln kommuniziert werden, allgemeine Angelegenheiten oder etwas, was dazu gemacht werden soll. Sie ist das Gegenteil des Privaten, Vertrauten, Intimen. Öffentlichkeit ist gedacht als die Schule der Demokratie. In ihr wird gegenstandsbezogen und nicht persönlich gehandelt.

Kornelia Hauser ist Soziologin und seit 1997 Professorin für Feministische Gesellschafts- und Kulturwissenschaften an der Universität Innsbruck. Zuvor war sie ua. Assistentin am Institut für Soziologie der Universität Bielefeld sowie von 1995 bis 1997 als Vertretung am Lehrstuhl für Politische Soziologie am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft (FU Berlin). Von 1981 bis 1998 war sie Redakteurin der Zeitschrift Das Argument. Zahlreiche Gastprofessuren ua. in Beijing/China, Zürich, New Orleans sowie in Notre Dame/USA. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte: Pragmatismus, Neokapitalismus und Heteronormativität.

Ausgewählte Publikationen:

• Angst und Öffentlichkeit – Das Politische wurde persönlich und wird weiblich konsumiert, in: AUF Eine Frauenzeitschrift, Nr. 131, Wien 2006

• Gender Studies zwischen Kulturkritik und politischer Affirmation?, in: Bauer, Ingrid (Hg.), Gender Studies. Denkachsen und Perspektiven der Geschlechterforschung, Innsbruck u.a. 2002 (Studienverlag)

• Strukturwandel des Privaten? Das "Geheimnis des Weibes" als Vergesellschaftungsrätsel, Hamburg 1987 (Argument Verlag)

[zurück]


Elisabeth Klaus
Medien und Mehr: Öffentlichkeit als gesellschaftlicher Selbstverständigungsprozess

Die Debatte um den Pflegenotstand ist eines von unzähligen Beispielen dafür, dass Öffentlichkeit nicht nur massenmediale Öffentlichkeit ist, sondern auch andere AkteurInnengruppen Einfluss darauf nehmen, was in der Gesellschaft diskutiert wird und welche Bedeutungen die verschiedenen Themen erhalten. Das, was Öffentlichkeit ausmacht, erschöpft sich auch nicht in politischer Öffentlichkeit, sondern betrifft viele Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, der Nationen- und Identitätsbildung. Die politische Debatte und die Medienberichterstattung zum Pflegenotstand sind von intensiven Äußerungen verschiedener Interessengruppen sowie von zahlreichen alltäglichen Gesprächen begleitet und hätten ohne diese Artikulationen sicher einen anderen Verlauf genommen. Um der Vielfalt an öffentlichen AkteurInnen und relevanten Themen gerecht zu werden, definiere ich Öffentlichkeit als gesellschaftlichen Verständigungsprozess, in dem die Normen und Werte einer Gesellschaft verhandelt und festgelegt werden. So gesehen, wird eine Vielfalt von Öffentlichkeiten sichtbar, die auf unterschiedlichen Ebenen und mit unterschiedlichem Wirkungsgrad agieren. Dominante öffentliche Positionen werden durch verschiedene Interessengruppen und Organisationen, aber auch in Alltagsgesprächen häufig bestätigt, manchmal aber auch in Frage gestellt. Diese Überlegungen führen zu jenem "Drei-Ebenen-Modell von Öffentlichkeit", das im Vortrag vorgestellt und ausgearbeitet wird. Für die Gender Studies ist dieser neue Blick auf Öffentlichkeit deshalb interessant, weil damit zum einen die Dichotomie von Öffentlichkeit und Privatheit überwunden und zum anderen, und damit verbunden, das Potenzial von Frauen und marginalisierten Gruppen an der Herstellung von Öffentlichkeit sichtbar werden kann. In ihrer groß angelegten historischen Fallstudie zur Sittlichkeits- und Stimmrechtsbewegung 1894-1914 hat Ulla Wischermann gezeigt, dass Bewegungskultur, BewegungsÖffentlichkeit und Öffentlichkeit/öffentliche Meinung sich auf unterschiedlichen Ebenen von Öffentlichkeit entfalten und im Herstellungsprozess von Öffentlichkeit jeweils unterschiedliche Funktionen übernehmen. Offensichtlich widersprechen Emotionalisierung, Personalisierung oder Privatisierung – zentrale Stichworte des gegenwärtigen Politik- und Medienwandels – per se der Herstellung von Öffentlichkeit gar nicht, sondern hatten immer Anteil am gesellschaftlichen Selbstverständigungsprozess. Die Frage nach dem Wandel von Öffentlichkeit erfordert deshalb, die Grauzonen zwischen den verschiedenen Ebenen von Öffentlichkeit genauer in den Blick zu nehmen.

Elisabeth Klaus, Professorin im Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg, ist dort Leiterin der Abteilung Kommunikationstheorien und Mediensysteme sowie Vorsitzende des universitätsweiten Expertinnenrates Gender Studies. Seit 2003 lebt und lehrt sie in Salzburg. Zuvor war sie Professorin am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft in Göttingen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Allgemeine Kommunikationswissenschaft, Cultural Studies und Populärkultur, Kommunikationswissenschaftliche Geschlechterforschung und Theorien der Öffentlichkeit.

Ausgewählte Publikationen:

• Kommunikationswissenschaftliche Geschlechterforschung. Zur Bedeutung der Frauen in den Massenmedien und im Journalismus, Münster 2005 (Lit-Verlag)

• Identitätsräume. Nation, Körper und Geschlecht in den Medien, Bielefeld 2004 (Transcript), Hg. gem. mit Brigitte Hipfl u. Uta Scheer

• Medienhandeln als Alltagshandeln. Über die Konstituierung gesellschaftlicher Identität durch cultural citizenship in der Mediengesellschaft, in: Imhof, Kurt/Bonfadelli, Heinz/Blum, Roger/Jarren, Otfried (Hg.), Mediengesellschaft: Strukturen, Merkmale, Entwicklungsdynamiken, Opladen/Wiesbaden 2004 (Westdeutscher Verlag), gem. mit Margret Lünenborg

[zurück]


Cornelia Klinger
Vom Interieur via Innerlichkeit zum Eigenheim.
Eine Besichtigung privater Innenräume in Begleitung von Walter Benjamin

Der Vortrag wird ein Fragment aus Walter Benjamins "Passagenwerk" zum Ausgangspunkt für eine Reise durch die Welt privater Innenräume nehmen. Die Besichtigung beginnt beim bürgerlichen Interieur um die Mitte des 19. Jahrhunderts und führt in die Zeit des Jugendstils, an die Wende zum 20. Jahrhundert.

Benjamin richtet sein Augenmerk auf die ästhetischen bzw. ästhetisch-gegen-ständlichen Aspekte des Privaten, auf die Ausstattung mit Kunst- oder kunsthandwerklichen Objekten, auf Architektur und Dekor. Dagegen bleiben die sozialen Funktionen der Privatsphäre verborgen. Dieser große blinde Fleck in Benjamins Optik resultiert weniger aus einer individuellen Absicht des Autors, der aus mehr oder weniger beliebigen Gründen sein Augenmerk auf das Mobiliar statt auf die sozialen Beziehungen im Interieur richtet. Vielmehr ist das Übersehen und "Beschweigen" der Geschlechter- und Generationenordnung (denn eben darum handelt es sich, wenn die sozialen Funktionen der Privatsphäre ausser Betracht bleiben) ein charakteristisches Merkmal der gesamten männlich dominierten Theoriebildung. Diesen Sachverhalt sowohl zu kritisieren als auch zu verändern, war und ist das hauptsächliche Anliegen feministischer Theorie der letzten Jahrzehnte. Das höchst erstaunliche Phänomen, dass die Geschlechter- und Generationenordnung einen zentralen Platz im Tableau der (modernen) Gesellschaft einnimmt und dennoch aus ihrer Analyse so gut wie vollständig ausgeblendet werden kann, wird durch das hier vorliegende Beispiel voll und ganz bestätigt.

Obwohl es offenkundig ist, dass Benjamin ein weiteres Exempel für diesen Sachverhalt liefert, wäre es witzlos, dieses Exempel einmal mehr zu statuieren. Statt zu beklagen, was Benjamin verfehlt, sollen Benjamins in anderen Hinsichten aufschlussreiche Reflexionen genutzt werden, um eine feministische Analyse des Privaten um einige Gesichtspunkte zu ergänzen, die dieser bislang fehlen. Es geht darum, mit Benjamins Hilfe sichtbar zu machen, was in der feministischen Optik, wenn schon nicht übersehen worden so doch unterbelichtet geblieben ist.

Cornelia Klinger ist Professorin für Philosophie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und ständiges wissenschaftliches Mitglied am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien. Lehraufträge und Gastprofessuren an den Universitäten Wien, Zürich, Bielefeld, Frankfurt, Klagenfurt, Innsbruck, Tübingen, München, Luzern, Berlin. Arbeitsschwerpunkte: Politische Philosophie, Gender Studies im Bereich Philosophie, Ästhetik, Theoriegeschichte der Moderne.

Ausgewählte Publikationen:

• Die Erfindung des Subjekts, Frankfurt 2004 (Suhrkamp)

• Continental Philosophy in Feminist Perspective: Re-Reading the Canon in German, University Park 2000 (Penn State University Press), Hg. gem. mit Herta Nagl-Docekal

• Flucht - Trost - Revolte. Die Moderne und ihre ästhetischen Gegenwelten, München 1995 (Carl Hanser Verlag)

[zurück]


Elke Mader
Orte der Liebe.
Zur Inszenierung von Öffentlichkeit und Privatheit im indischen Film

Der Vortrag beschäftigt sich mit Fragen der Repräsentation von Öffentlichkeit und Privatheit in Zusammenhang mit Liebe und Sexualität. Die Dichotomie "öffentlich/privat" stellt seit Beginn der Gender-Anthropologie ein wichtiges Konzept für die Analyse von verschiedenen Dimensionen von Geschlechter-Beziehungen dar, wurde aber auch immer wieder kritisch hinterfragt. Ein Kritikpunkt in diesen Diskussionen bezieht sich auf das Spannungsfeld zwischen dem Begriffspaar "öffentlich/privat" als universale Kategorie und seinen vielfältigen kulturellen Differenzierungen. Solche Fragen betreffen auch die Repräsentation von Liebe, Ehe und Erotik im indischen Film; dabei stellt sich immer wieder die Frage, wie die Konzepte von Öffentlich/Privat in diesem Zusammenhang anzuwenden sind.

Im Bollywood-Kino nimmt die Darstellung von Liebesbeziehungen sehr großen (öffentlichen, globalen) Raum ein. Sie ist mit der Repräsentation des sozialen Gefüges (Heirat, Ehe, Familie), von mytho-religiösen Werten (Liebe) und individuellen Wünschen und Begierden (Liebe, Sexualität) verbunden. Der Vortrag zeigt anhand von mehreren Filmbeispielen wie "öffentliche" und "private" Aspekte einer Liebesgeschichte inszeniert werden und welcher Stellenwert bestimmten Orten und/oder Landschaften bei der Repräsentation diverser Facetten einer Beziehung zukommt. Des Weiteren wird erörtert, inwieweit in den Filmen die Kategorien Öffentlich/Privat mit anderen Dichotomien vernetzt sind (z.B. alltäglicher Raum/imaginärer Raum, Haus/Landschaft, soziale Hierarchien/individuelle Gefühle, Tradition/Moderne). Eine Analyse der multiplen Kodierungen einzelner Szenen (Landschaft, Natur, HandlungsträgerInnen, Kleidung, Gestik, Körpersprache) ermöglicht eine Annäherung an diese Orte der Liebe und ihr Verhältnis zu den Konzepten von Öffentlichkeit und Privatheit.

Elke Mader, Professorin am Institut für Sozial- und Kulturanthropologie der Universität Wien, wiederholt Gastprofessorin am Gender Kolleg der Universität Wien (2002-2004) sowie Lehrbeauftragte im Rahmen des Interdisziplinären Lehrgangs für Höhere Lateinamerika Studien des Österreichischen Lateinamerika Instituts (1997, 2003). Leitung verschiedener Online Projekte (Lateinamerika-Studien Online; OEKU-Online). Zahlreiche Feldforschungen in Peru und Ecuador. Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte: Mythologie und Schamanismus, Subsistenzwirtschaft, Geschlechterbeziehungen, Interkulturelle Beziehungen, Wissenstransfer, Neue Medien in der Lehre. Gegenwärtig befasst sie sich vor allem mit Landschaft und Tourismus im Kontext zunehmender Globalisierung.

Ausgewählte Publikationen:

• Mensch, Person, Weltbild. Zur kulturellen Konstruktion des Menschlichen zwischen Verantwortung und Freiheit, in: Schmidinger, Heinrich/Sedmak, Clemens (Hg.), Der Mensch - ein freies Wesen? Autonomie - Personalität - Verantwortung. Darmstadt 2005 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft)

• Kultur, Raum, Landschaft. Zur Bedeutung des Raums in Zeiten der Globalisierung. Atención-Jahrbuch des Österreichischen Lateinamerika-Instituts, Frankfurt a.M./Wien 2004 (Brandes & Apsel/Südwind), Hg. gem. mit Ernst Halbmayer

• Metamorphosen der Natur. Sozialanthropologische Untersuchungen zum Verhältnis von Weltbild und natürlicher Umwelt, Wien/Köln 2002 (Böhlau) Hg. gem. mit Andre Gingrich

[zurück]


Michiko Mae
Die Partizipationsgesellschaft: Ein neues Potenzial für den Wandel von Öffentlichkeit und Privatheit in Japan

Japan als ein modernes hochentwickeltes Land, das zwischen dem „Westen“ und Asien steht, bietet für die Überprüfung „westlicher“ Theorieansätze aufschlussreiche Möglichkeiten. Auch für das Thema Öffentlichkeit und Privatheit hat Japan eine besondere Bedeutung: Es gab ein traditionelles Verständnis von Öffentlichkeit und Privatheit, das sich im Modernisierungsprozess seit Mitte des 19. Jahrhunderts mit den westlichen Konzepten der Öffentlichkeit und Privatheit verband. Einerseits entstanden daraus politische, mediale und kulturelle Öffentlichkeitsräume, die dem „westlichen“ Öffentlichkeitsbegriff entsprachen. Auf der anderen Seite war es schwierig, ein entsprechendes Konzept von Privatheit zu entwickeln. Im Zuge der Modernisierung wurde in Japan eine spezifische Genderordnung geschaffen, die eng mit der Aufteilung und Trennung in eine öffentliche und private Sphäre verknüpft war: öffentliche Räume waren den Männern vorbehalten; Frauen waren aus diesen Räumen weitgehend ausgeschlossen und galten als zuständig für den privaten Raum der Familie. Dieser Raum der Familie war aber durch die patriarchale Familienstruktur bezogen auf die Struktur des Staats, der sich als Familienstaat (kazoku kokka) verstand; er war deshalb kein wirklich geschützter privater Raum. Frauen gerieten dadurch in eine Situation, die weder dem Konzept der Öffentlichkeit noch dem der Privatheit entsprach; für diese ‚Zwischen’-Position war der Bezug auf die Nation maßgebend.

In Japan war auch lange nach 1947, nachdem durch die neue japanische Verfassung die Gleichberechtigung von Männern und Frauen garantiert wurde, die mit der Geschlechterdifferenz verbundene Zuordnung gesellschaftlicher Räume im Bewusstsein der Bevölkerung verankert. Erst seit den 1990er Jahren entstand aus der feministischen Praxis das sogenannte gender-free-Konzept, nach dem Frauen und Männer unabhängig von ihrer Geschlechtszugehörigkeit ihr individuelles, selbstgewähltes Leben führen können sollen. Dieses Konzept lag dem 1999 in Kraft getretenen „Grundgesetz zur Bildung einer Männer und Frauen gleichermaßen beteiligenden Gesellschaft“ zugrunde. Dieses Projekt einer Partizipationsgesellschaft ist für die zukünftige Entwicklung des Öffentlichkeits-/Privatheitskonzepts in Japan von großer Bedeutung. In dem Vortrag soll der Wandel des Öffentlichkeits-/Privatheitskonzepts in der japanischen Gesellschaft analysiert und gender-free in Verbindung mit dem Partizipationsgesetz als ein wegweisendes Konzept für die Entwicklung einer Zivilgesellschaft eingeführt werden.

Michiko Mae ist Professorin für das Fach "Modernes Japan" an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sowie geschäftsführende Direktorin des dortigen Ostasien-Instituts. Von 1995 bis 2001 war sie Prorektorin der HHU Düsseldorf. Sie ist als Mitherausgeberin der Reihe "Geschlecht und Gesellschaft" (Leske+Budrich) tätig und Mitgründerin (gem. mit Ilse Lenz) des seit 1992 jährlich stattfindenden Workshops "Geschlechterforschung zu Japan". Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Inter- und Transkulturalitätsforschung, kulturelle Identität, Öffentlichkeits- und Subjektivitätskonzepte im japanischen Modernisierungsprozess sowie Gender Studies bezogen auf Japan und Deutschland in vergleichender Sicht.

Ausgewählte Publikationen:

• Zwischen Globalisierung und nationaler Identität. Risiken und Chancen gesellschaftlicher Öffnung in Japan und Deutschland, Opladen 2007 (Leske+Budrich) (in Druck), Hg.

• Frauenbewegungen weltweit. Aufbrüche, Kontinuitäten, Veränderungen, Opladen 2000 (Leske+Budrich), Hg. gem. mit Ilse Lenz u. Karin Klose

• Getrennte Welten, gemeinsame Moderne? Geschlechterverhältnisse in Japan, Opladen 1997 (Leske+Budrich), Hg. gem. mit Ilse Lenz

[zurück]


Birgit Sauer
Von den res publica zu den res privata. Transformationen des Geschlechterpolitischen

Moderne Trennungen von öffentlich und privat sind Fiktionen, arbiträre Festlegungen von Ordnung, Formen der Disziplinierung sowie Kontrolle von Gesellschaft und Menschen. Was und wer zu den res publica, zu den öffentlich zu regelnden Dingen und zur Gruppe jener, die Ordnung herstellen und Entscheidungen treffen können, zählt, ist Teil eines gesellschaftlichen Diskussions- und Aushandlungsprozesses. Dieses Öffentlichsein entscheidet aber freilich über den Zugang zu Ressourcen – und in der Sphäre des Politischen zu den zentralen Ressourcen Macht, Herrschaft und Stimme.

Demokratien gründen in dieser Vorstellung von öffentlichen Dingen und öffentlichem Handeln. Spezifische Institutionen regeln die Formen öffentlicher Entscheidung – Institutionen, von denen Frauen in der politischen Moderne der westlichen Welt bis weit in das 20. Jahrhundert hinein formell oder informell ausgeschlossen waren und sind. Frauenbewegungen und Frauengruppen erkämpften das Recht auf politische Partizipation und die Öffnung politisch-demokratischer Institutionen für Frauen, so dass auch Frauen zu Agentinnen der res publica werden konnten. Vor allem aber wurde Frauen- und Geschlechterpolitik, wurden ungleiche Geschlechterverhältnisse Teil des öffentlich zu Regelnden. Westliche Wohlfahrtsstaaten entwickelten unterschiedliche Instrumente der quantitativen Repräsentation von Frauen wie auch der qualitativen Repräsentation von "Frauenthemen" in politischen Entscheidungsprozessen.

Im Zuge ökonomischer Globalisierung und politischer Internationalisierung scheinen diese – vornehmlich nationalstaatlich institutionalisierten Mechanismen der geschlechtersensiblen res publica – zu erodieren. Neue Formen politischer Entscheidung und politischer Steuerung zeichnen diese Kondition aus: Governance als eine "post-nationale" Form politischer Steuerung, Debatte und Entscheidungsfindung, und die Selbststeuerung des Individuums als neo-liberale Gouvernementalität sollen im Vortrag in ihrer geschlechterpolitischen Dimension analysiert werden: Öffnen sich neue Räume des Geschlechterpolitischen, wenn alte geschlossen werden? Sind neue Formen "öffentlichen Handelns" möglich, oder ist von einer Schließung des Öffentlichen und einer Rückkehr der res privata als Modus politischer Entscheidung auszugehen? Gender Mainstreaming als Form von Governance und neuer Gouvernementalität bildet ein Beispiel für die Analyse.

Birgit Sauer ist seit 2001 Professorin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und stellvertretende Institutsleiterin. Seit 2002 ist sie Sprecherin der Gender Kollegs der Universität Wien. Zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FU Berlin (Fachbereich Politikwissenschaft), sowie Assistentin in Freiburg (Institut für Soziologie) und Wien (Institut für Politikwissenschaft). Gastprofessuren in Seoul/Korea, Klagenfurt, Mainz und Boca Raton/USA. Forschungsschwerpunkte: Governance und Geschlecht, Politik und Kultur, Politische Rituale und Symbolik, Politik der Geschlechterverhältnisse, Staats- und Institutionentheorien

Ausgewählte Publikationen:

• Was bewirkt Gender Mainstreaming? Ansätze der Evaluierung durch Policy-Analysen, Frankfurt a.M./New York 2005 (Campus Verlag), Hg. gem. mit Ute Behning

• Geschlecht und Politik. Institutionelle Verhältnisse, Verhinderungen und Chancen, Bd. 1 der Reihe "Alte und neue Ungleichheiten. Transformationen und Perspektiven von Geschlechterverhältnissen", Berlin 2004 (Wissenschaftlicher Verlag Berlin)

• Die Asche des Souveräns. Staat und Demokratie in der Geschlechterdebatte, Frankfurt a.M./New York 2001 (Campus Verlag)

[zurück]


Johanna Schaffer
Subkultur / dominante Öffentlichkeit / Geschlecht: Del LaGrace Volcanos und Catherine Opies Fotografien als Arbeit an den visuellen Strukturen der Anerkennung

Seine eigene Frage, was es bedeute, mit Marx zu sagen, dass die bürgerliche Ideologie andere Ideologien dominiert, beantwortet der Ideologietheoretiker Louis Althusser mit einem Hinweis auf Darstellungsstrukturen und Formen (1965). Dieses Dominanzverhältnis, schreibt er, wird deutlich, weil der Protest der Arbeiterklasse sich innerhalb der Strukturen der bürgerlichen Ideologie ausdrücken muss, innerhalb ihrer Repräsentationen und Referenzbegriffe.

Meine Untersuchung richtet den Blick auf ein anderes Feld des Protestes, will aber diese Aufmerksamkeit für Repräsentationsdominanz und Formen des Protestes beibehalten. Ich werde die Fotografien Del LaGrace Volcanos und Catherine Opies von Transpersonen, Femmes, Butches, Lesbian Boys, Drag Kings und queeren S/MerInnen als Arbeit an einem visuellen Vokabular der Anerkennung beschreiben, d.h. als Arbeiten, die an den formalen Rastern, in und an den formalen Referenzbegriffen einer herrschenden bürgerlichen (etc.) Ideologie tätig sind. Darin verhandeln diese visuellen Texte enorme Spannungen, und sie tun das erfolgreich – wenn wir das Angenommenwerden der Repräsentationen durch die Repräsentierten als (einen) Maßstab des Erfolges setzten.

Um das Bedeuten dieser Fotografien auf diese Weise diskutieren zu können, bedarf es allerdings komplexerer Anordnungen als "Privatheit/Öffentlichkeit" oder "Intelligibilität/Unlesbarkeit".

Johanna Schaffer schließt diesen Winter ihre Promotion zu "Arbeit an den visuellen Strukturen der Anerkennung“ im Rahmen des Kollegs Kulturwissenschaftliche Geschlechterstudien an der Universität Oldenburg ab. Seit 2006 ist sie Assistentin für Gender Studies bei Barbara Paul an der Kunstuniversität Linz. Sie unterrichtet und übersetzt feministische, antirassistische, queere Repräsentationskritik.

Ausgewählte Publikationen:

• Sichtbarkeit = politische Macht? Über die visuelle Verknappung von Handlungsfähigkeit, in: Helduser, Urte u.a. (Hg.), Under Construction. Texte zur feministischen Konstruktivismusdebatte, Frankfurt 2004 (Campus)

• Prekäre Fantasien: Objekt- und Subjektsetzungen in lesbisch-queeren Film/Video-Bildern mit S/M-Bezug, in: Bernold, Monika/Braidt, Andrea B./Preschl, Claudia (Hg.), SCREENWISE. Film, Fernsehen, Feminismus, Marburg 2004 (Schüren Presseverlag), gem. mit Marcella Stecher

• Kinderschutzwahn? Sexerziehung! Gegen die Umcodierung des Themas "sexuelle Gewalt" in den Politiken der Rechten, in: Guth, Doris/ von Samsonow, Elisabeth (Hg.), Sex-Politik, Wien 2001

[zurück]


Susanne Schröter
Privatheit und Öffentlichkeit im islamischen Feminismus

In der islamischen Welt unterliegen Frauen vielfältigen Restriktionen im öffentlichen Raum, die von Fahrverboten über Ausgehverbote ohne die Begleitung eines männlichen Verwandten und diverse Verhüllungsverordnungen reicht. Gleichzeitig erobern Frauen höchste Staatsämter, stellen in vielen Staaten die Mehrheit der Studierenden und sind erfolgreiche Unternehmerinnen. Diese Diskrepanzen provozieren erhitzte Debatten um die Rolle von Frauen in Gesellschaft und Familie, an der sich islamische Feministinnen kreativ beteiligen. Eine ihrer gewichtigsten Argumentationsstrategien stellt die Re-Interpretation des Qur’an und der Überlieferungen dar, ein Gegen-Lesen der heiligen Texte, mit dem sie den patriarchalischen Autoritäten das Monopol auf Deutung und Vermittlung von Religion streitig machen.

Susanne Schröter, seit 2004 Professorin für Südostasienkunde an der Universität Passau, davor Gastprofessorin für Ethnologie/Anthropology an der Yale University sowie den Universitäten Mainz, Frankfurt und Trier, Research Fellow an der University of Chicago; langjährige Feldforschungen in Indonesien, darunter Langzeitforschungen auf der Insel Flores. Forschungsschwerpunkte: Islam und Geschlechterbeziehungen, Globalisierung und kulturelle Identität, Ethnische und religiöse Konflikte bzw. Multikulturalität und religiöser Pluralismus in Südostasien, Neue Medien sowie populäre Kultur in Südostasien.

Ausgewählte Publikationen:

• Gender und Diversität. Kulturwissenschaftliche und historische Annäherungen, in: Andresen, Sünne (Hg.), Gender und Diversity, Wiesbaden 2006 (VS Verlag für Sozialwissenschaften) (im Druck)

• Geschlechterforschung in der Ethnologie. Zwischen Exotisierung und Homogenisierung, in: Bußmann, Hadumod/Hof, Renate, Genus. Geschlechterforschung in den Kulturwissenschaften, Stuttgart 2005 (Kröner)

• FeMale. Über Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern, Frankfurt 2002 (Fischer)

[zurück]


Martin Slama
Öffentlichkeit und Privatheit, Gender und Agency in indonesischen online und offline Sphären

Der Vortrag stützt sich auf Publikationen aktueller, hauptsächlich sozial- und kulturanthropologischer Genderforschung mit dem regionalen Schwerpunkt Südostasien, speziell Indonesien. In dieser Literatur wird die Möglichkeit von Öffentlichkeit und Privatheit thematisiert bzw. öffentlich und privat als Analysekategorien in Frage gestellt. Der Vortrag soll also zunächst klären, in welchen Kontexten in Südostasien frau/man sinnvollerweise von öffentlichen und privaten Räumen/Sphären sprechen kann. Nicht zu kurz kommen soll hierbei die Kritik an eurozentrischen Konzepten von Öffentlichkeit und Privatheit, wobei ein Beispiel aus Zentraljava, Indonesien, diese Kritik veranschaulichen soll. Eine genderspezifische Diskussion von Öffentlichkeit und Privatheit ist nicht zu trennen von der Frage nach dem Handlungsspielraum bzw. den Handlungsmöglichkeiten (agency) von Frauen. Auch diese Frage wird aus einer indonesischen Perspektive diskutiert. Auf Basis dieser Besprechung der neueren Literatur zu Geschlecht in Südostasien wird der Vortrag die offline Welt verlassen und die Konstruktion von Öffentlichkeit und Privatheit und die sich daraus ergebende Agency der Geschlechter in indonesischen online Sphären, vor allem chat rooms, behandeln. Schließlich wird die analytische Trennung von online und offline aufgehoben, um zu zeigen, wie diese beiden Sphären ineinander verflochten sind bzw. wie sie von den indonesischen UserInnen in ihren Alltag integriert werden.

Martin Slama, Sozial- und Kulturanthropologe, beendete unlängst als Mitarbeiter an der Kommission für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ein Forschungsprojekt zur ethnischen Identität der Hadhramis in Indonesien. Zuvor führten ihn Feldforschungen und universitäre Forschungsaufenthalte wiederholt nach Indonesien. Dieses Jahr stellte er als ein Resultat dieser Forschungen seine Dissertation zu jungen InternetuserInnen in Indonesien fertig.

Ausgewählte Publikationen:

• Chatten in Indonesien. Eine sozialanthropologische Untersuchung über junge InternetuserInnen in einer multiplen Moderne, Wien 2006 (Dissertation an der Universität Wien)

• Towards a New Autonomy: Internet Practices of Indonesian Youth, Austrian Studies in Social Anthropology on Southeast Asia. SÜDOSTASIEN WORKING PAPERS, Band 5, Wien 2005 (Kommission für Sozialanthropologie der ÖAW), Link

• Die Herrschaft der Kultur und ihr Ende. Eine Interpretation indonesischer Texte der Reformära, Wien 1999 (Diplomarbeit Universität Wien)

[zurück]

up

 

 
Home | About | Staff | Activity | Lehre | Kontakt | Updates | Links