Beispiel: Adressatenanalyse
Beispiel zur Adressatenanalyse am Thema "Nationalsozialismus"

An diesem Thema lässt sich sehr deutlich zeigen, wie wichtig Adressatenanalyse sein kann und wie massiv sie sich auf den Lehr- und Lernprozess auswirken kann.
Im Folgenden sollen einige mögliche Konstellationen aufgezeigt werden, die einen höchst unterschiedlichen Verlauf der Unterrichtsstunden zum Thema mit sich bringen.

Die Klasse hat keine Ahnung von dieser historischen Epoche.
In diesem Fall - es könnte sich um eine Unterstufenklasse handeln - hat es die Lehrperson mit äußerst geringem Vorwissen zu tun. Sie kann den Inhalt in hohem Maße selbst bestimmen, muss allerdings vorsichtig mit allzu grauenhaften Einzelheiten sein, weil die Kinder nicht im Geringsten darauf vorbereitet sind.

Die Klasse äußert schon seit längerer Zeit ihr Interesse, endlich über dieses Kapitel der Geschichte informiert zu werden. Sie macht einen kompakten Eindruck und hat offensichtlich hohe kommunikative Kompetenz. Außerdem geben die SchülerInnen dem Lehrer/der Lehrerin das Gefühl, dass sie ihn/sie für außerordentlich geeignet halten, dieses Thema mit ihnen in aller Ausführlichkeit zu behandeln.
In diesem Fall werden die unterschiedlichsten Zugänge und Schwerpunkte möglich sein, vom Besuch eines Konzentrationslagers, der Konfrontation mit einem Zeitzeugen bis zum Betrachten schwieriger ("Shoah" von Claude Lanzmann) oder schockierender ("Nacht und Nebel" von Alain Resnais) Dokumentarfilme.

Die Klasse vermittelt der Lehrperson das Gefühl, "nicht schon wieder" über dieses Thema unterrichtet werden zu wollen. Einzelne SchülerInnen geben ihrem Missfallen deutlich Ausdruck, andere stimmen zu.
Am ehesten scheint bei solch einer Ausgangssituation eine Beschäftigung mit sonst eher weniger thematisierten Aspekten dieser Zeit sinnvoll erscheinen. Nicht wieder die - offensichtlich - schon bekannten Informationen, sondern lieber bei einem Teilaspekt in die Tiefe zu gehen. Das können zum Beispiel regionale Schwerpunkte sein oder biographische Untersuchungen, die Lektüre spezieller Untersuchungen oder persönliche Recherchen mittels oral history sein.

In der Klasse gibt es einzelne SchülerInnen, die dem nationalsozialistischen Gedankengut offensichtlich nahe stehen. In diesem Fall wird die Lehrperson mit massiver Argumentation von diesen SchülerInnen rechnen müssen. Schwerpunkte einer wahrscheinlich sehr emotional geführten Debatte könnten einerseits Themen wie Wiederbetätigung, das Auftreten neofaschistischer Gruppen, Rassismus oder Minderheiten sein, andererseits gäbe es auch die Möglichkeit, gerade mit solchen Menschen über die "Auschwitzlüge" zu diskutieren und sie dazu zu bringen, in einen Diskurs über dieses Thema einzutreten.
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