| Das
Mögliche regieren
Wien, 2.-4. Juli 2009
Gemeinsame Graduiertenkonferenz
der
Humboldt-Universität
zu Berlin (PhD-Net: Das Wissen der Literatur) und der
Universität
Wien (Arbeitsgruppe Kulturwissenschaften / Cultural Studies)
Wissenschaftliche Leitung:
Doz. Dr. Roland Innerhofer, Dr. Karin Harrasser, Dr. Katja Rothe (Institut
für Germanistik, Universität Wien)
Prof. Dr. Joseph Vogl, Dr. Burkhardt Wolf (Institut für
deutsche Literatur, Humboldt-Universität zu Berlin)
Keynotelecture: Niklaus Largier (University
of California, Berkeley)
Zum Programm
Kontakt: Mag. Ingo Lauggas
Die Konferenz beschäftigt sich mit den der Verhältnis von Wissensformen des frühen 20. Jahrhunderts, die ‚Regierung’ im Sinne einer Organisierung und Durchformung von Gesellschaft ermöglichen, zu Konzeptionen dessen, was Robert Musil als ‚Möglichkeitssinn’ bezeichnet hat: eine Form des Wissens, die über das Faktische, das Gegebene, das Notwendige hinaus geht; ein Wissen, das das Halb- und noch nicht Gewusste als Ressource aufsucht und das unterschiedliche (psychische, ökonomische, biologische) Vermögen zu erschließen sucht.
Ausgangspunkt der Konferenz sind Michel Foucaults Studien zur Gouvernementalität, in denen modernes Regieren als ein Prozess der Rationalisierung und Verfeinerung von politischen Technologien beschrieben wird. Damit sind Techniken angesprochen, die zwischen ‚selbstgenügsamer Regierung’ und ‚Biomacht’ (also dem Zugriff auf das Leben selbst) eingespannt sind. Was Foucaults Ansatz auszeichnet, ist seine systematische Verortung der Dimension der ‚Potentialität’ innerhalb dieser Regierungstechniken: Auf der einen Seite entsteht seit dem 18. Jahrhundert ein ‚normalisierendes’ Regulierungswissen der Biomacht in Form von Sicherheitsdispositiven (Risikoabschätzung, Gesundheitsvorsorge, Verdurchschnittlichung von Verhalten), auf der anderen Seite ein ‚minimal invasives’, liberales Politikkonzept, das, von Adam Smiths Idee einer ‚unsichtbaren Hand’ inspiriert, die Selbstregulierung fundamentaler ökonomischer Prozesse über das Konzept des Interesses strategisch nutzt. Für das politische Subjekt am Beginn des 20. Jahrhunderts hat dies weitreichende Konsequenzen, da es nicht weiter in einem verrechtlichten Akt (sei dieser als Übereinkunft oder als Akt der Unterwerfung gedacht) einen Teil seiner Handlungsfähigkeit abgibt, sondern in umfassendem Sinn Anlass und Objekt von Politik und ‚Polizey’ wird. In dieser Konfiguration wird auch ‚Führung’ zu einem zentralen Problem: In seinem Doppelsinn als anführen bzw. anleiten und sich-aufführen in einem mehr oder weniger offenen Feld von Möglichkeiten, besteht Regieren zunehmend in einem ‚Führen der Führungen’: im frühzeitigen Erkennen von Potentialitäten, in der Identitfikation von Latenzen oder in der Herstellung von Wahrscheinlichkeiten, die das Feld des Handelns strukturieren.
Die Untersuchung von Diskursen aus dem Spektrum des regierenden Wissens zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird anlässlich der Konferenz mit der Frage verknüpft, wie sich in Relation zu solchen Wissensformen die Wahrnehmung individueller Handlungsspielräume einerseits und der Entwurf gesellschaftspolitischer Alternativen andererseits transformieren. Ausprägungen „möglicher Welten“, „möglicher Gesellschaften“ und „möglicher Körper“ werden dabei mit Bezug auf eine Geschichte physischer, symbolischer und struktureller Gewalt untersucht, wobei jenen Momenten, in denen die Konstruktion imaginärer Möglichkeitswelten in Regulierungsphantasien umschlägt, besondere Aufmerksamkeit zukommt. Im Sinne einer ‚Poetologie des Wissens’ fragt die Konferenz aber auch danach, wie sich Wissen formiert, innerhalb welcher Institutionen und Medienarrangements welche Wissensformen effektiv werden, wie Wissen transportiert und transformiert wird.
Die Graduiertenkonferenz wird vom österreichischen
Bundesministerium
für Wissenschaft und Forschung gefördert.
Programm:
Ort:
Universität Wien, Dr.-Karl-Lueger-Ring 1, 1010 Wien
Abendvortrag in der Fachbereichsbibliothek Germanistik
Konferenz im Marietta-Blau-Saal
Donnerstag 2. Juli, 18.30
Niklaus Largier
Das Mögliche denken. Die Kontrolle des Möglichen, Musils Möglichkeitssinn und Foucaults Konzept der Kritik
Im Anschluss kleiner Empfang
9.00-11.00
Moderation:
Katja Rothe
Clemens Peck
Im Spiegel des Acheron – Theodor Herzl und „Der Judenstaat“
Respondenz: Ingo Lauggas
Monika Wulz
Quantitative Methoden in der Wissenschaftstheorie um 1930: Edgar Zilsels epistemologische Konzeptionen vor ihren gesellschaftspolitischen Hintergründen 1918 und 1933
Respondenz: Andrea Griesebner
PAUSE
11.15-13.15
Christian Zemsauer
Regierung der Nichtgeeigneten und Machtunwilligen
Zur gesellschaftspolitischen Ordnung in Franz Werfels Stern der Ungeborenen
Respondenz: Jeannie Moser
Wolfgang Paterno
Faust und Geist: Literatur und Boxen in der Zwischenkriegszeit
Respondenz: Michael Rohrwasser
MITTAGSPAUSE
14.30-16.30
Moderation
Christina Lutter
Simon Roloff
Poetik des Stellenlosen
Respondenz: Helmut Lethen
Lucia Iacomella
Gesteuerte Entwicklungen. Laufbahnen im Zeichen des Durchschnittsmenschen um 1900
Respondenz: Eva Horn
PAUSE
16.45-18.45
David Wachter
Kontingenzregierung(en): Sozialtechnologie und ästhetischer Normalismus bei Musil
Respondenz: Wolfgang Müller-Funk
Florian Kapeller
Die Organisation des Möglichen. Poetologien kapitalistischen Organisationswissens bei Robert Musil
Respondenz: Thomas Brandstetter
Malte Kleinwort
Direkte Konfrontation, Askese und Querulantentum. Handlungsspielräume in Kafkas Romanfragment Das Schloss
Respondenz: Roland Innerhofer
GEMEINSAMES ABENDESSEN
9.00-11.00
Moderation
Roland Innerhofer
Lea Hartung
„Suppose you wanted to change the entire course of economic policy…“ Die Mont Pèlerin Society und das Wissen der ökonomischen Regierung
Respondenz: Karin Harrasser
Dominik Maeder
„Better living through death.“ Zur Gouvernemedialität neuerer US-amerikanischer TV-Serien am Beispiel von Six Feet Under
Respondenz: Dorothea Walzer
PAUSE
11.15-13.15
Clemens Apprich
Stadt am Netz – Inszenierungen digitaler Gemeinschaften
Respondenz: Katja Rothe
Michael Dominik Hagel
Insulares Regieren. Soziogenese auf Robinson Krusoes Insel - zu Johann Karl Wezel
Respondenz: Burkhardt Wolf
MITTAGSPAUSE
14.30-16.30
Moderation
Karin Harrasser
Rosemarie Brucher
Künstlerische Selbstverletzung: Momente des Widerstands oder Ausdruck von Liberalität?
Respondenz: Niklaus Largier
Renate Wöhrer
Das Dokumentarische und Formierungen von Wissen
Respondenz: Gisela Steinlechner
ENDE

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