Dieser Artikel erschien in Der Standard vom 19.10.2001

Das Gestalten gestalten, das Lernen lernen ...

Ein großer, origineller Wissenschafter und Querdenker weilte wieder einmal in Österreich: Heinz von Foerster, der am Donnerstag den Ehrenring der Stadt Wien wie auch den Ehrenpreis der Viktor-Frankl-Gesellschaft überreicht bekam, gab wieder Anregungen zur Verbesserung universitärer Ausbildungssysteme, die vor dem Hintergrund der heimischen Reformen von einiger Brisanz sind.
 

Karl H. Müller, Gerhard Grössing
 

Gesellschaftliche Systeme funktionieren in der Regel nicht so, wie sie zu funktionieren vorgeben: Sicherheitssysteme schaffen neue Risiken, das Gesundheitssystem produziert eigene Krankheiten, Freizeitbereiche bedingen zusätzlichen Stress und erhöhte Belastungen. In diesem Sinne operieren gesellschaftliche Systeme alltäglich fernab von jenen Zwecken, durch die sie sich definieren und legitimieren. Dieses Prinzip aus John Galls amüsantem Buch „Systemantics“ beruft sich unter anderem auch auf Heinz von Foerster, der am Donnerstag den Ehrenring der Stadt Wien wie auch den Ehrenpreis der Viktor Frankl-Gesellschaft für sein Lebenswerk überreicht bekam. Aus diesem Anlaß weilte Heinz von Foerster einige Tage in Wien und stellte bei einigen Veranstaltungen und Gesprächen in den Vordergrund, wie sehr sich speziell das Bildungssystem seinen eigentlichen Funktionen im Wege steht – und zu welch unerwarteten Leistungen es imstande wäre.
„Das ganze Bildungssystem wird von der Seite der Fragenden her dominiert, nicht von der Seite der Befragten“. Heinz von Foerster hatte schon in den sechziger Jahren in einer Reihe von Experimenten zu zeigen versucht, wie sehr Schulen und Universitäten an der Standardisierung und Konformierung von sprachlichen Relationen beteiligt sind. Prüfungen prüfen in erster Linie die Prüfer. „Man versucht, die Kinder zu trivialisieren anstatt sie mit ihren zunächst originellen und kreativen Assoziationen ernst zu nehmen.“ Er selbst hatte als Lehrender an der Universität von Illinois gegen Ende der sechziger Jahre und zu Beginn der siebziger Jahre einige aufregende Experimente mit Studenten durchgeführt. Das Ergebnis bestand in völlig neuen Erkenntnismöglichkeiten, in schweren universitären Existenzkrisen – und stets in unerwarteten und auch unerwartbaren Resultaten.
Für den Fall neuartiger Sichten und Einsichten hat Heinz von Foerster ein selbst heutzutage interessantes Erfolgsbeispiel vorzuweisen, das er auch als sein Gründungsgeschenk dem am Institut für Zeitgeschichte eröffneten „Heinz von Foerster-Archiv“ überreichte. Zwischen 1973 und 1974 wurde nämlich von ihm an die Studierenden seines letzten großen Seminars an der Universität Illinois zum Thema „Kybernetik der Kybernetik“ keine der herkömmlichen Seminarverpflichtungen auferlegt. Die Aufgabe lautete vielmehr, etwas als Gruppe aufzubauen, das niemand allein zuwege brächte – und das die einzelnen Teilnehmer auch nicht unabhängig voneinander hätten entwickeln können. Unter starkem Foersterschen kommunikativen Engagement resultierte daraus eine von den Studenten selbst gestaltete „große Enzyklopädie“ der Kybernetik, die unter dem Seminartitel „Cybernetics of Cybernetics“ erstmals 1974 als Buch erschienen ist und 1995 vom Verlag Future Systems neu aufgelegt wurde. „Dieser Verlag hat sich auf die Herausgabe nicht-herstellbarer Bücher spezialisiert – und da war es für mich klar, ‚Cybernetics of Cybernetics’ dort nochmals erscheinen zu lassen.“ Das Inhaltsverzeichnis dieses Buches findet sich passenderweise in seiner Mitte, es enthält ebenfalls in seinem Zentrum eine kybernetische Selbstbeschreibung und beinhaltet ein damals noch mechanisches System von Querverweisen und Verbindungen, die erst Jahrzehnte später als Hypertext bekannt werden sollten.
Ein zweiter Foersterscher Großversuch, universitäre Bildungseinrichtungen beim Wort zu nehmen, endete hingegen in einer veritablen politischen Krise. Der Justizausschuß des Staates Illinois lud im Sommer 1970 die gesamte Universitätsleitung und auch Heinz von Foerster vor und übte zum Teil heftigste Kritik an „obszönen“, „schmutzigen“ und „völlig inakzeptablen“ Lehrinhalten. Eine der Zeitungsschlagzeilen verwendete für dieses Tribunal den Ausdruck des „Grillens“ und „Röstens“. „Plötzlich war für uns eine hochdramatische Situation entstanden.“.  Was war geschehen? Studenten hatten in den an sich konfliktreichen späten sechziger Jahren den Wunsch geäußert, nicht nur andauernd mit den Resultaten der Forschung konfrontiert zu werden, sondern auch mit dem Prozeß zur Gewinnung von Ergebnissen. So entstand 1968 die Idee zu einem Seminar mit dem scheinbar schlichten Titel „Heuristik“, an dem neben Heinz von Foerster auch Biologen wie John Lilly – einer der Pioniere für tierische Kommunikationssysteme, speziell jene von Delphinen - oder der Komponist Herbert Brün teilnahmen. Die erste Aufgabe bestand in einem damals wie heute ungewöhnlichen Schritt. Unter dem Titel „Right or wrong: My Desires“ mußten die Teilnehmer in den ersten vier Wochen eine Arbeit erstellen, welche ihre wichtigsten Wünsche – gereiht nach ihrer Dringlichkeit – zum Ausdruck brachten. Sie sollten sich nicht davon ablenken lassen, ob diese Wünsche vernünftig oder leicht erfüllbar wären, sie sollten nur einmal ihre eigenen Wünsche kundtun. „Die Studenten waren völlig überrascht, dass sich jemand darum kümmerte, was ihre Wünsche und Interessen waren.“ Diese selbst festgelegten Wünsche wurden zum Ausgangspunkt für vielfältig rückgekoppelte Kommunikationsprozesse innerhalb der Gruppe selbst. Als eines der Ergebnisse dieses Heuristikkurses wurde ein „Whole University Catalog“ geschaffen, der nach dem Muster des „Whole Earth Catalog“ – einer Art Weltalmanach – aufgebaut war. Und dieser scheinbar einfache Prozeß der Festlegung von Wünschen und ihr ausdrückliches Hervortreten musste zwangsläufig alle universitären Tabuthemen streifen: von Marihuana über politische Philosophie bis hin zu sexuellen Neigungen oder zum Problem, wie man den Lebensunterhalt möglichst kostensparend bestreitet. Die Verbindung von besorgten Eltern zur Politik war nur kurz – und der Skandal enorm. „In der Dokumentation, die wir in größter Eile zunächst für die Universität vorbereiten mussten, kam uns aber zu Hilfe, dass im März ein Bericht des Kongresskomitee für Bildung und Arbeit mit dem Titel ‚Verbesserung des Lernens’ erstellt worden war. Und wir brauchten die dort genannten Ziele nur seitenweise abschreiben und hatten die besten Gründe zur Hand, warum wir unseren Heuristik-Kurs in dieser Form abhielten.“ Und auch vor dem Justizausschuß blieb Heinz von Foerster dabei, dass man Universitäten erst dann regulieren kann, wenn man zunächst einmal weiß, was in ihnen vor sich geht.
„Wir müssten offene Bildungsinstitutionen schaffen, in denen die Lehrenden nicht wissen, welche Ergebnisse bei ihren Veranstaltungen erzielt werden und in denen die Autonomie der Studierenden ernst genommen wird. Stellt Euch vor, es gäbe eine Welt mit „Schulen zweiter Ordnung“, in denen man das Lernen lernt, das Gestalten gestaltet, das Planen plant - oder das Erfinden erfindet.“