Dieser Artikel erschien in der Wiener Zeitung vom 9./10.11.2001

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Heinz von Foerster zum 90. Geburtstag

Karl H. Müller

Einer der Wege, einen runden Geburtstag – Heinz von Foerster wird am 13. November dieses Jahres neunzig Jahre alt – dramaturgisch nicht zum devotionalen Rührstück zu schrumpfen, liegt unter anderem darin, dem Jubilar selbst die Möglichkeit zur Gestaltung zu überlassen. Sentimentalitäten wären in diesem Fall zumindest authentisch – und die Devotion paradox zugespitzt eine in eigener Sache. Zwar ist niemand bei Heinz von Foerster vorstellig geworden, doch lässt sich immerhin die kontrafaktische Frage stellen: Was hätte er wohl  unternommen, wäre jemand an ihn herangetreten, damit er eine Würdigung in eigener Person verfasst?
Nun, wahrscheinlich seine erste Reaktion hätte darin bestanden, dieses Anliegen auf den Kopf zu stellen. Er hätte entweder nicht über sich und wenn über sich nicht über sein Leben und wenn über sein Leben dann nicht über sein wissenschaftliches und wenn über sein wissenschaftliches dann über eher unbekannte Seiten und Aspekte geschrieben. Vielleicht hätte er den 90. Geburtstag dazu benutzt, auf die besonderen Gewohnheiten des Zählens hinzuweisen – und auf die seltsame Konvention, Geburtstage nicht in Tagen zu zählen – die ersten hundert Tage, die ersten tausend Tage, die ersten zehntausend Tage ...-, sondern ausschließlich in Jahresintervallen – auch das Geburtstagsquartal oder die Geburtstags-Olympiade hat es nie zum besonderen gesellschaftlichen Festgrund gebracht. Ein Selbst-Bildnis zum Geburtstag wäre von ihm nahezu sicher durcheinandergewirbelt worden. Dieses Sich-Entziehen in eigener Sache findet sich im übrigen als langjährige Eigenschaft – man wird mit Ausnahme der letzten Zeit sehr wenige autobiografische Hinweise von ihm entdecken. „Mir ist nämlich aufgefallen, auch schon zu früheren Zeitpunkten, dass ich selten über mich reflektiere. Ich denke zwar oft über das ‚Ich’ nach, aber über mich selbst eigentlich nie.“ Diese Trennung von „Ich“ und „Mich“ betonte er in unserem Gesprächsband „Der Anfang von Himmel und Erde hat keinen Namen“. Und andererseits taucht dieses Motiv des Invertierens und des auf den Kopf Stellens von eingelebten Denkmustern seit frühesten Jahren bei ihm auf – es stellt so etwas wie die Foerstersche Konstante dar. Erwin Schrödinger entwickelte beispielsweise im Jahre 1944 ein gewichtiges bio-physikalisches Prinzip, wonach Ordnung sich von Ordnung ernährt: „order based on order“. Rund eineinhalb Jahrzehnte später stehen bei Foerster zwei Menus auf der Karte, mit der sich Ordnung ernährt, die Schroedingersche Menufolge von Ordnung aus Ordnung – und die Foerstersche von Ordnung aus Un-Ordnung. Wird, wie bei Tadeusz Kotarbinski, die Verschiedenheit von Karte und Landschaft betont – „the map is not the territory“-, dann folgt postwendend die Foerstersche Umkehrung – „the map is the territory“. Ein Motto einer Journalistenschule „Sage es, wie es ist“ entwickelt sich bei Forster spontan zu „Es ist, wie ihr es sagt“. Schon sehr früh wurde von ihm ein Satz aus Ludwig Wittgensetins „Tractatus“ invertiert, und zwar die Proposition „Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit“ hin zu „Die Wirklichkeit ist ein Modell des Bildes“. In dieser Umkehrung liegt im übrigen schon viel von den späteren „konstruktivistischen“ Perspektiven. Überhaupt scheint das, was seit den achtziger Jahren als „radikaler Konstruktivismus“ weithin bekannt wurde und das untrennbar mit den Namen Heinz von Foerster, Humberto R. Maturana, Francisco J. Varela oder Ernst von Glasersfeld gekoppelt ist, aus einer Vielzahl solcher Umkehrungen und Inversionen zu bestehen. Aphorismen wie - „Der Hörer, nicht der Sender, bestimmt den Inhalt einer Nachricht“, „Wahrnehmen ist Handeln“ oder „Wenn ich nicht sehe, dass ich blind bin, dann bin ich blind; wenn ich aber sehe, dass ich blind bin, dann sehe ich“ – beziehen ihre Wichtigkeit aus den Umkehrungen und Inversionen von überkommenen Denkgewohnheiten. Und „radikal“ kann man diese Richtung passenderweise vor allem deshalb nennen, weil sie den Dingen nicht auf den Grund geht, sondern ihnen den Grund entzieht.
Heinz von Foerster hätte aber bei solchen Inversionen nicht innegehalten. Er hätte diese Umkehrung in einem zweiten Schritt dazu benutzt, auf dieser umgestülpten Basis neue und überraschende Verbindungen zu knüpfen. Wie immer diese Inversion ausgefallen wäre, er hätte sie dafür verwendet, scheinbar disparate Bereiche in Beziehung zu setzen, sie miteinander zu einem neuen Muster zu verbinden und sie in ungewöhnliche Kontexte einzubetten. Möglichkeiten dazu gäbe es vielfältige. So führen etwa Geburtstage, ihre Würdigungen und die Operation des Zählens sehr schnell in die Bereiche von Sprache, Rechnen und, womit Sie als Leserin oder Leser höchstwahrscheinlich nicht „gerechnet“ haben dürften – von Algorithmen, d.h. von Rechen-Programmen. Und Heinz von Foerster würde möglicherweise Wert darauf legen, wie sehr der Algorithmus für Geburtstage das Alltags-Leben organisiert, weil in einem solchen „Geburtstags-Programm“ enorm viele verschiedenen Verhaltensweisen integriert und „gepackt“ werden können. Heinz von Foerster bemühte gesprächsweise dafür einmal den mit Geburtstagen familienähnlichen Algorithmus für Weihnachten. „Der Algorithmus, Weihnachten auszurechnen, ist unglaublich viel kürzer als das fertige Weihnachten. Wenn ich nicht jeden Schritt vorschreiben muß, wie Weihnachten stattzufinden hat, hat das enorme Vorteile. Wenn ich Leuten zuhöre, wenn sie mir erzählen, was Weihnachten ist, dann haben sie einen eingebauten Algorithmus, der mir jetzt erzählt, was Weihnachten ist.“ Und auch Geburtstage verfügen, so wahrscheinlich Heinz von Foerster, über ihre eingebauten Algorithmen: sie erfordern die Organisation einer der Zahl nach variablen Zusammenkunft, den Transfer von Geschenken oder Glückwünschen, sie gehen zumeist mit Kerzen, Licht und Süßem einher, werden tendenziell auf den Abend gelegt – und so weiter und so weiter. Der Algorithmus Geburtstag trägt damit auf seine Weisen, so Heinz von Foerster, effektiv zur Leichtigkeit der Koordination und des Miteinander-Seins bei.
Dieses Muster vom Geburtstag hin zum Zählen, zur Sprache, zu Algorithmen und wiederum zurück zu Geburtstagen stellt eine unkonventionelle und gegen-intuitive Kombination – und damit wohl ein typisch Foerstersches Arrangement dar. Andere Beispiele für solche neuartigen Verbindungsmuster finden sich bei ihm sonder Zahl. So lenkte er unter dem Schlagwort der „trivialen Maschine“ die Aufmerksamkeit zunächst auf jene Apparate, die auf „Knopfdruck“ funktionieren – oder funktionieren sollten: auf Kühlschränke, Personal Computer, Autos, Kaffeemaschinen ... Solche „trivialen Maschinerien“, so die Foerstersche Erweiterung und Ausdehnung, finden sich aber auch bei Erklärungen aller Arten, in denen ein Prozeß mit Hilfe von allgemeinen Gesetzen oder in denen ein menschliches Verhalten unter Hinweis auf den „Charakter“ einer Person, auf ihre „Motive“ oder auf andere „Faktoren“ vollständig „erklärt“ wird. Triviale Maschinerien, darunter fallen – nochmals erweitert – herkömmliche Vorstellungen und Modelle, die mit linearen Kausalitäten und mit unmittelbaren Input-Output-Verbindungen operieren dazu gehören aber auch Schemen, die mit Ursache-Wirkung, mit Stimulus-Response oder auch mit unabhängigen und abhängigen Größen ihr Auslangen finden. „Triviale Maschinerien“, damit wurde von Heinz von Foerster ein faszinierender Bogen von technischen Geräten bis weit in das Alltagsdenken und in die traditionellen wissenschaftlichen Argumentationslinien gezogen. Demgegenüber wurde von ihm ein zweiter Bereich skizziert – jener der nicht-trivialen Maschinerien, die von ihren eigenen inneren Zuständen abhängen. Solche nicht-trivialen Maschinerien erfordern einen ganz anders strukturierten Zugang, für den aber selbst innerhalb des wissenschaftlichen Bereichs noch kaum die passenden Instrumente, Analyseweisen und Sprachen entwickelt worden sind. Auch die komplexen Um-Welten der Gegenwart werden bevorzugt in das Vokabular und in die Mechanik des Zeitalters von Wärme- und Dampfmaschinen getaucht.
Heinz von Foerster hat sich über die Jahre als ein Meister im Auffinden ungewöhnlicher Beziehungen erwiesen. Gregory Bateson, einer der Pioniere von Kybernetik, Systemtheorie, Anthropologie und Kognitionsforschung erfand dafür die Metapher vom „Muster, das verbindet“. Im Foersterschen Werk konzentrieren sich die unterschiedlichsten „Verbindungs-Muster“: „Selbst-Organisation“, „lernendes Gedächtnis“, „Gegenstände als Tätigkeiten“ – all diese Konzeptionen besitzen ihren Ursprung zunächst in Inversionen .und Umdrehungen - und verdanken ihre weitere Karriere jenen ungewohnten Verbindungen, die Heinz von Foerster für sie musterhaft zu knüpfen wußte.
In einem weiteren Schritt hätte Heinz von Foerster seine Würdigung womöglich auf eine zweite Stufe geschoben – und den Begriff des Geburtstages auf sich selbst – den Geburtstag nämlich – angewendet. Genauer – er hätte nach dem „Geburtstag des Geburtstages“ gefragt. Auf diesem Weg wäre unter Umständen ein kulturgeschichtlich aufschlussreicher Streifzug durch mittelalterliche und neuzeitliche Feierpraktiken entstanden, die lange Zeit unter Ausschluß von Geburtstagen passierten. Möglicherweise wären einige Hinweise gegeben worden, welche Kulturen die wiederkehrenden Jahrestage der Geburten ihrer Mitglieder zelebrierten und welche nicht - oder seit welcher Zeit man sinnvollerweise von Geburtstagsfeiern sprechen kann, obwohl die Geburtstagsfeier des Geburtstages wahrscheinlich keinen einzelnen Tag als Geburtstag in eigener Sache vorweisen kann: Die Geburtswehen des Geburtstages selbst werden eher in Jahrzehnten und Jahrhunderten gemessen. Dieser Wechsel von der ersten zur zweiten Ordnung ist nachgerade zur Foersterschen „Trademark“ geworden – und Bücher wie „Cybernetics of Cybernetics“ oder Artikel wie „Verstehen verstehen“ stimmen schon von ihren Titeln her auf solche Selbstbezüglichkeiten ein. Der wichtige Schritt liegt stets in der Selbsthinwendung eines Begriffs, einer Theorie, eines Operators, einer Funktion oder einer Menge auf sich selbst. Handelt beispielsweise die Kybernetik erster Ordnung davon, Steuerungs-, Regelungs- und Kommunikationsprozesse in technischen, tierischen oder menschlichen Systemen zu beschreiben, so wendet sich die Kybernetik zweiter Ordnung dem Beschreiber und dem Konstrukteur solcher Systeme selbst zu – und wird dergestalt zur „Kybernetik der Kybernetik“. Kybernetik erster Stufe beobachtet Systeme, Kybernetik zweiter Stufe beobachtet den Beobachter. Solche selbstreferentiellen Explorationen besitzen ihre eigenen Reize, ihre besonderen Fallen, ihre charakteristischen Paradoxien und ihre eigentümlichen Schwierigkeiten. Selbstreferentielle Sätze, beispielsweise jener, den Sie gerade lesen, sagen etwas über sich aus. Ein selbstreferentieller Satz kann einen gravierenden Feler enthalten, fragen, was eine Frage ist, aus fünfundzwanzig Wörtern zusammengesetzt sein – oder den Schluß eines Absatzes bilden.
Heinz von Foerster war jedenfalls seit den späten sechziger Jahren – zusammen mit Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela - ganz wesentlich am Aufbau einer passenden „Sprache zweiter Ordnung“ beteiligt – und Forschungsrichtungen zweiter Ordnung ihren wissenschaftlichen Stammplatz zu sichern. Und es gehört wahrscheinlich zu den erfolgreichen Foersterschen Pionierleistungen, dass sich solche Frage- und Problemstellungen nach und nach verbreitern und ausweiten konnten.
Und gegen Ende hin hätte sich in eine solche Würdigung in eigener Person wahrscheinlich ein Paradox, ein Aphorismus oder ein Koan verirrt, welche dem Bisherigen nochmals eine neuartige Note verleiht. Für einen Geburtstag wären unter Umständen Anleihen beim „Onkel Ludwig“ – Ludwig Wittgenstein war als Bekannter der Eltern Heinz von Foersters immerhin einer der zahlreichen „Onkel“ aus Kindertagen – genommen worden. Er hätte wahrscheinlich die mittlerweile siebente Proposition aus dem „Tractatus“ in Ruhe belassen – er hätte über sie nicht gesprochen, sondern geschwiegen. Aber möglicherweise hätte er nochmals darauf verwiesen, wie wichtig die passenden Kontexte für Geburtstage sind. Zeitungen eignen sich immer nur in Grenzen zum Feiern eines Geburtstages. „Wer träumend sagt ‚Ich feiere Geburtstag’, auch wenn er dabei hörbar redete, hat sowenig recht, wie wenn er im Traum sagt ‚Ich feiere Geburtstag’, während es tatsächlich sein Geburtstag ist. Auch wenn sein Traum wirklich mit den Geräuschen des Feierns zusammenhängt.“

 Karl H. Müller ist Gründungsmitglied der „Heinz von Foerster-Gesellschaft“ und Mitherausgeber mehrerer Bücher zu Heinz von Foerster, u.a. auch (zusammen mit Albert Müller) von „Heinz von Foerster, Der Anfang von Himmel und Erde hat keinen Namen. Eine Selbsterschaffung in sieben Tagen“ (erscheint im Kadmos-Verlag zum 90. Geburtstag in seiner dritten Auflage) und (zusammen mit Albert Müller und Friedrich Stadler) „Konstruktivismus und Kognitionswissenschaft. Heinz von Foerster gewidmet (Springer-Verlag) Einen umfassenden Überblick zu Heinz von Foerster eröffnen neuerdings die Sammlungen im Wiener Heinz von Foerster-Archiv (www.univie.ac.at/heinz-von-foerster-archive)