Zu Diensten Ihrer Majestät - Geschichte der Organisation des Wiener Hofes in der frühen Neuzeit

Instruktionen

Im Rahmen des Projekts wird die in vielen Bereichen der „Verwaltung“ (Grundherrschaft, Städte und Gemeinden, Adelshöfe, Gesandtschaftswesen etc.) anzutreffende Quellengattung der „Instruktionen“ in der Frühen Neuzeit quellenkritisch und quellenkundlich näher beleuchtet. Gerade diese zwischen Norm und Praxis stehende Quellengattung bietet nämlich sehr wertvolle und vielfältige Auswertungsmöglichkeiten.

Instruktionen sind normative Texte. Sie determinieren Rechte sowie Pflichten für die Ausübung einer Funktion bei Hof und sind ein Ausdruck des „Sollens und Wollens“ seitens desjenigen, der sie erlässt. Gegenüber den Rechten, die sich vor allem auf Rechte im Bereich von Zeremoniell, Rang und Dienstentgelt beschränken (Zutrittsrechte, Nähe zum Kaiser, Besitz von Schlüsseln, Besoldung etc.), überwiegen die Pflichten.

Instruktionen sind meist in manchmal mit Nummern oder mit Zahlworten versehene Absätze gegliedert. In der Regel beginnen die Instruktionen mit der Nennung der Funktion/Funktionseinheit, für welche die Instruktion ausgestellt wurde. Betreffen sie eine konkrete Person, dann steht der Name des Funktionsträgers auch im selben Absatz. Zu Beginn findet sich mehrmals ein Passus, der den jeweiligen Funktionsträger ermahnt, seinen Dienstpflichten „ordentlich“ nachzukommen und sich in der Funktionspraxis exakt an seine Instruktion zu halten – zum Wohl des Kaisers oder der Kaiserin. Oft folgt dann ein Absatz, in dem das Tätigkeitsprofil der Funktion abgesteckt, die betreffende Funktion hierarchisch innerhalb der Organisationsstruktur verortet und eine Vertretungsregelung fixiert wird. In diesen allgemeinen Abschnitten wird manchmal auch der Anlass zur Normsetzung, etwa eine veraltete Dienstanweisung, und die Zielsetzung genannt. Eine Motivation kann die Überalterung der alten Instruktion und die Sichtbarmachung des Zweckes der Ordnung sein.

Die eben genannten, als Passepartout gehandhabten „Bausteine“ einer Instruktion treten im Text nicht unbedingt gebündelt auf, sondern finden sich im Text wiederholt, ergänzt oder „mitten“ im Text angesprochen. Den Großteil einer Instruktion macht klarerweise die Aufzählung der Pflichten des Funktionsträgers aus: Pflichten und Rechte gegenüber den Untergebenen und den Vorgesetzten, eine Fixierung seines Zuständigkeitsbereiches (Hofküche, Hofkeller, Hofstall etc.) am Wiener Hof, die Pflichten auf Reisen oder bei öffentlichen Anlässen. Bei denjenigen Funktionen, denen Personal unterstellt war, werden immer auch Strafkompetenzen und zu verhängendes Strafmaß beziehungsweise die strafenden Instanzen erwähnt. Am Schluss einer Instruktion kommt in der Regel nochmals ein „allgemeiner“ Absatz, in dem der Kaiser erneut zu Eifer und Gehorsam ermahnt, aber auch gleichzeitig im Fall eines ordnungsgemäß versehenen Diensts Vertrauen und Respekt ausspricht. Eine derartige Formulierung kommt vor allem in den Dienstanweisungen für höherrangige Bedienstete (beispielsweise den Hofmeister) vor.

Aussagewert – Organisationsstruktur, „Firmenphilosphie“ und Tätigketisprofil

Die scheinbar spröden Instruktionen bieten unterschiedliche Auswertungsmöglichkeiten. Mit ihrer Hilfe kann das Tätigkeitsprofil für die instruierte Funktion erstellt werden. In Summe kann mithilfe der Insturktionen Organisation des Wiener Hofs rekonstruiert werden, da in den einzelnen Instruktionen immer auch das Verhältnis der betreffenden Funktion zu den über-, unter- und nebengeordneten Funktionen beschrieben wird. Auch wenn den Instruktionen aufgrund ihres normativen Charakters immer „Beispielcharakter“ zukommt, so sind sie trotzdem als Anleitung für die praktische Umsetzung gedacht gewesen. Liegen mehrere Instruktionen für eine Funktion vor, lassen sich Veränderungen und Entwicklungen erkennen.

Auch hinsichtlich der „Firmenphilosophie“ am Wiener Hof bieten die Instruktionen Informationen. Die Kontrolle von Religionsausübung und die immer wieder konkret formulierte Angst vor dem Eindringen des Protestantismus am Wiener Hof kommt zum Ausdruck. Alle Anwesenden am Hof hatten sich ordentlich zu verhalten, und dieses Verhalten wurde in den Instruktionen seinem Gehalt nach definiert. Der Wiener Hof versuchte, auf das gesamte Hofpersonal erzieherisch zu wirken – nicht nur im religiösen Bereich.

Ein immer wiederkehrendes Element in den Instruktionen sind Rangfragen. Immer wieder tritt die Angst hervor, dass sich jemand Rechte herausnimmt, die ihm nicht zustehen. In diesem Bereich wird auch deutlich, wie am Wiener Hof Rang über Präzedenz, allen voran der Kaiser, visualisiert und erzeugt wurde. Das Essen an verschiedenen Speisetafeln in richtiger Reihenfolge, unterschiedliche Speisen und Weinqualitäten für verschiedene Rangklassen, Zutrittsordnungen und das Naheverhältnis zur Person des Kaisers sind nur einzelne Beispiele, wie Rangunterschiede hergestellt und verdeutlicht wurden. Die Person des Kaisers oder der Kaiserin steht verständlicherweise im Zentrum. Vor allem im Bezug auf den Kaiser lassen sich Regelungen mitunter in zwei Richtungen verstehen: Die bevorzugte Behandlung des kaiserlichen Trinkgefässes könnte beispielsweise pars pro toto zum einen die besondere Würde des Kaisers hervorheben, zum anderen lassen sich diese Maßnahmen aber auch als Sicherheitsvorkehrung verstehen. Die oftmalige Ermahnung zu Sauberkeit und Hygiene, vor allem in Bezug auf die Küche und die Dienststellen, die mit Geschirr oder Nahrungsmitteln zu tun hatten, bringt wohl auch die Angst vor Lebensmittelvergiftungen zum Ausdruck. Eine weitere Konstante in den Dienstanweisungen ist die immer wiederkehrende Ermahnung zur Sparsamkeit und zu wirtschaftlicher Amtsführung. In diesem Bereich entwickelt sich ein regelrechter Kontrollwahn, wobei auch Angst vor Betrug, Korruption und Amtsmissbrauch mitschwingt. Die Bemühung um Sparsamkeit unterlief allerdings die Bemühung des Wiener Hofes um Repräsentativität. Es galt, vor allem wenn Gäste anwesend waren, die Devise: „So protzig wie nötig, so sparsam wie möglich“.

Instruktionen können eine Vielzahl von Fragen zum Wiener Hof beantworten beziehungsweise Ausgangspunkt für weitere institutionssoziologische, rechtsgeschichtliche und organisationstechnische Fragestellungen sein. Instruktionen sind normative Quellen, die „Praxis“ nachzeichnen oder überhaupt modellierend begründen wollen, häufig aber nur auf die Praxis reagieren, diese immer ein Stück weit in sich tragen, aber nicht direkt widerspiegeln. Die Analyse und Interpretation von Instruktionen kann detaillierte Einblicke in den Alltag und die Organisation des Wiener Hofs gewähren.

Nähere Informationen zu den Instruktionen am Wiener Hof:
Martin SCHEUTZ–Jakob WÜHRER, Dienst, Pflicht, Ordnung und „gute Policey“. Instruktionsbücher am Wiener Hof im 17. und 18. Jahrhundert, in: Der Wiener Hof im Spiegel der Zeremonialprotokolle (1652–1800). Eine Annäherung, hg. v. Irmgard PANGERL–Martin SCHEUTZ–Thomas WINKELBAUER (Forschungen zur Landeskunde von Niederösterreich 31/Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte 47, Innsbruck–Wien–Bozen 2007) 15–228. (Bestellmöglichkeiten: 1, 2, 3)
Jakob WÜHRER–Martin SCHEUTZ, Zu Diensten Ihrer Majestät. Hofordnungen und Instruktionsbücher am frühneuzeitlichen Wiener Hof. Eingeleitet mit quellenkundlichen und editionstechnischen Überlegungen (Quelleneditionen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 6, Wien–München 2011).