Zu Diensten Ihrer Majestät - Geschichte der Organisation des Wiener Hofes in der frühen Neuzeit

Instruktionsbücher

Im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv befinden sich im Bestand der „Zeremonialakten“ vier umfangreiche Sammelhandschriften, in denen vor allem Instruktionen, vereinzelt aber auch verschiedene Ordnungen für den Hof (Feuer-, Trauerordnungen) und Gutachten der für strittige Entscheidungen zuständigen Hofkonferenz verzeichnet sind:

Gebrauchsspuren (abgegriffene Einbände, brüchige Buchrücken, Anmerkungen, Ergänzungen und Korrekturen mit Tinte und Bleistift) verraten, dass alle vier Instruktionsbücher eifrig benutzt wurden. Keines der Instruktionsbüchern ist von einer einzigen Hand durchgängig geschrieben worden, die Eintragungen erfolgten in mehreren Schüben.

Der Entstehungszeitraum der einzelnen Bände lässt sich nur erschließen, da der Zeitpunkt der Eintragung in der Regel nicht festgehalten wurde und vor allem im ersten Band auch das Ausstellungsdatum der eingetragenen Instruktion nicht kopiert wurde. Die vier Instruktionsbücher lassen sich bei aller Vorsicht wie folgt datieren:

Quellenkritik und Aussagewert

Die vier Instruktionsbücher waren in ihrer Gesamtheit das normative Rückgrad für die Organisation des Wiener Hofes, Musterbücher für das komplexe und interdependente Verwaltungsgefüge bei Hof – „zusammengebastelt“ aus den Instruktionen.

Sie dienten als mittelfristiges Gedächtnis und zum raschen Nachschlagen der vorgesetzten Hofbeamten, indem sie den Zuständigkeitsbereich der Hofbeamten fixierten. Die Instruktionsbücher sind nicht nur eine Sammlung der Dienstanweisungen, sondern ergeben eine intertextuelle Sinneinheit, da innerhalb der Texte durch Anmerkungen immer wieder auf andere Texte oder Textstellen in den Instruktionsbüchern referenziert wurde. Die Instruktionsbücher wurden ganz bewusst zueinander in Beziehung gesetzt.

In den Instruktionsbüchern wurde kein Wert darauf gelegt, eine Funktion bei Hof an einer bestimmten Person festzumachen oder die Anstellung einer konkreten Person im Instruktionsbuch zu dokumentieren. Viel eher ging es darum, eine von der Person losgelöste Organisationsstruktur des Wiener Hofs zu errichten und zu fixieren. Es fällt nämlich auf, dass die Instruktionen teilweise „entpersonalisiert“ wurden, weder Nennung des Ausstellungsdatums, des Ausstellers noch des Empfängers finden sich.

Die Organisationsstruktur, die von den Instruktionsbüchern festgehalten wurde, unterlag Veränderungen. Deshalb findet man in den Instruktionsbüchern wohl auch mehrere Dienstanweisungen für dieselbe Funktion. Die Widerholungen halten sich aber in Grenzen. Dafür kann es zwei Gründe geben. Einerseits bedingt der Versuch, immer die aktuellsten Dienstanweisungen aufzunehmen, sicher von Zeit zu Zeit eine neuerliche Eintragung einer Instruktion. Dagegen spricht, dass Dienstanweisungen aus weit auseinander liegenden Zeiträumen in den Handschriften enthalten sind. Hierzu lässt sich aber feststellen, dass das vielleicht nur ein Indiz dafür ist, dass sich die Dienstanweisungen über die Jahre hinweg inhaltlich nicht wesentlich verändert haben. „Aktuell“ in Bezug auf die Dienstanweisungen in den Instruktionsbüchern – und das geht Hand in Hand mit dem „anonymisierten“ Charakter der abschriftlich eingetragenen Instruktionen – meinte „inhaltliche aktuell”, nicht unbedingt „zeitlich aktuell“. Instruktionen besitzen, wie Hofämter selbst, transpersonalen Charakter. Der Inhalt der Instruktion existiert auch ohne die konkrete Person, die den Dienst ausübt. Kommt ein neuer Amtsträger, dann wurde sein Name in die Instruktion eingetragen und bei diesem Anlass konnte auch der Inhalt modifiziert werden.

Die Instruktionsbücher tragen in ihrer Gesamtheit betrachtet einen hohen Aussagewert in sich. Schon zeitgenössich wurden sie bewusst zusammengestellt, sodass den in ihnen eingetragenen Texten eine besondere Bedeutung zukommt. Dies in Vergleich zu Instruktionen, die nicht für Wert befunden wurden, in die Instruktionsbücher eingetragen zu werden. Die Komposition der „Instruktionsbücher“ war mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Insgesamt war diese Serie der Kern einer entlang der Zeitachse protokollierten Hofordnung. Sie können der Ausgangspunkt und die Basis für die Erforschung der Organisationsgeschichte des Wiener Hofs für vom 17. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts sein. In den Instruktionsbüchern ist nämlich genau das abgebildet, was von Interesse ist, nämlich Veränderungsprozesse. Schon zeitgenössisch wurde durch sie der rote Faden für die Erforschung der Hoforganisation ausgelegt.

Hofordnungen können sowohl hinsichtlich Funktion als auch Quellensorte als Vorgänger der Instruktionsbücher betrachtet werden. Für den Wiener Hof gibt es Hofordnungen im klassischen Sinn nur aus der Regierungszeit Ferdinands II. Wichtig für die Entwicklung des Wiener Hofes waren vor allem die beiden Hofordnungen von 1527 und 1537, die aus diesem Grund neben den vier Instruktionsbüchern und zwei weiteren Hofordnungen aus der Zeit Ferdinands, nämlich einer Hofordnung für den Kinderhofstaat von 1529 und einer Hofordnung für den erzherzoglichen Hofstaat von 1538 ebenfalls in die erarbeitete Edition (OnlineEdition) aufgenommen wurden.

Nähere Informationen zu den Instruktionsbüchern:
Martin SCHEUTZ–Jakob WÜHRER, Dienst, Pflicht, Ordnung und „gute Policey“. Instruktionsbücher am Wiener Hof im 17. und 18. Jahrhundert, in: Der Wiener Hof im Spiegel der Zeremonialprotokolle (1652–1800). Eine Annäherung, hg. v. Irmgard PANGERL–Martin SCHEUTZ–Thomas WINKELBAUER (Forschungen zur Landeskunde von Niederösterreich 31/Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte 47, Innsbruck–Wien–Bozen 2007) 15–228. (Bestellmöglichkeiten: 1, 2, 3)
Jakob WÜHRER–Martin SCHEUTZ, Zu Diensten Ihrer Majestät. Hofordnungen und Instruktionsbücher am frühneuzeitlichen Wiener Hof. Eingeleitet mit quellenkundlichen und editionstechnischen Überlegungen (Quelleneditionen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 6, Wien–München 2011).