Der Europamythos
Marion Romberg
Attribute

Die Entführung der Europa - Ausschnitt aus einem römischen Mosaik, 1. H. 1. Jh. n.Chr., Oldenburg Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte, inv. LMO 14.008Europa und der Stier auf einem Attischen Roten Figur Krater, um 490 Bv. Chr. Tarquinnia, Museo Nazionale Tarquiniese, Italien, Inv RC7456Johann Eysenhut, Die kniende Europa liebkost den Stier, 1471 (Forschungsbibliothek Gotha, Xyl. 8)Franz Hogenbergs Europa, Kupferstich, 20 x 15,5 cm, in: Michael Eytzinger, De Europa..., Köln 1588, Wien, ÖNB, Slg. d. Inkunabeln, alten und wertvollen Drucken, 47 Ji. 69, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der ÖNBEuropa-Allegorie im Gartenpavillon von Stift Melk (NÖ), 1763-1764

 

Simon Vouet (1590-1649), Europa und der Stier werden geschmückt, Öl auf Lw, 179 x 141,5 cm, Lugano, Slg. Thyssen-Bornemisza, Quelle: www.wga.hu aus: ZDF-Dokumentation "EU von A bis Z", ausgestrahlt am 2.6.2009Griechische 2 EURO MünzeGeburtstagstorte des EU-Kommissionspräsidenten Barroso am 23. März 2006Michael Jastrams Skultur "Europa auf dem Stier"

So verschieden die obigen Bilder hinsichtlich Komposition, Material oder Funktion sind, so beziehen sie sich alle auf ein und dieselbe mythische Erzählung: Europa auf dem Stier. Man fragt sich, was heute von der Liebe Zeus’ zu der phönizischen Königstochter mit Namen Europa geblieben ist. Wurde Europa nun von Zeus geraubt oder doch verführt bzw. wenn man sich die Bilder von Johann Eysenhut oder Simon Vouet anschaut, kann auch die Frage gestellt werden, wer hat wen verführt? Was hat die EU, wenn sie wie bspw. 2006 auf der Hochzeitstorte des EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso den Europamythos verwendet, mit dieser Ent-/Verführung zu tun? Der Kunsthistoriker William Sebastian Heckscher schrieb einmal:
„Texts are matched to pictures, pictures are reduced to motivs, motivs are associated with ideas, ideas are invested in forms.“
Heckscher bringt mit diesen Worten den Wandel den der antiken Mythos über die Jahrhundert bis heute durchgemacht hat, prägnant auf den Punkt. Angefangen hat alles mit der literarischen Niederschrift antiker Autoren wie Homer, Aischylos, Moschos, Ovid... Diese Mythenerzähler hielten in ihren Werken, das Wissen um die römisch-griechische Götterwelt für die nachfolgenden Generationen fest. Inspiriert von der Dramatik und Emotionalität mancher Erzählungen verwendeten Maler und Bildhauer diese mythischen Erzählung als Quell für eine Vielzahl an Bilder. Da meist nie die Geschichte in ihrer ganzen Länge erzählt werden konnte, entwickelten sich mit der Zeit eigene bildliche, die Geschichte auf das wesentlichste verkürzende Motive, wie im Fall des Mythos von der Prinzessin und dem Göttervater, für den von nun Europa und der Stier stand. Der dritte und vierte Schritt „motivs are associated with ideas, ideas are invested in forms“ soll im Rahmen dieses Beitrags in der erforderlichen Kürze untersucht werden, da es sich herausstellen wird, dass von Epoche zu Epoche sich aufgrund kulturelle, politischer, sozialer Veränderungen die Verwendung sowie die Assoziationen veränderten. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf den Wandel in der Bildwelt, jedoch ist diese nicht immer ohne zeitgenössiche Texte verständlich. Aus diesem Grund wird zu Beginn ein jeder Epoche stets eine Text gewählt, der in gewisser Weise die Essenz der Verwendung des Europamythos innerhalb einer bestimmten Epoche bzw. Jahrhundert verdeutlicht. 


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