Dóm Gerle
Dóm Christophe-Antoine Gerle (ca.1740-1801), Prior, Abgeordneter, Prophet des „Höchsten Wesens“;

Gerle wurde um 1740 in einem Dorf in der Auvergne geboren, trat vermutlich schon in jungen Jahren dem Mönchsorden der Kartäuser bei und stieg zum Prior des Klosters Port-Ste-Marie auf.
1789 wurde er vom Klerus der Provinz Riom als Deputierter zu den Generalständen entsandt. Dort sympathisierte er von Anfang an mit der Sache des Dritten Standes, bald gehörte er dem Kreis um Abbé Sieyes und Abbé Gregoire an. Im Rahmen des Ballhausschwures fiel er durch besonders leidenschaftliche Patriotismusbekundungen auf, die ihm bei Davids berühmtem Gemälde jener Szene einen Platz im Vordergrund einbrachten.

Bald darauf fiel dóm Gerle allerdings durch Begeisterungsfähigkeit völlig anderer Art auf: Er erachtete es offenbar als seine Pflicht, die Nationalversammlung mit großem Ernst auf die Visionen einer gewissen Suzanne Labrousse hinzuweisen, die damals in Paris als „Prophetin“ aktiv war und behauptete, die Folgen der damaligen politischen Umwälzungen vorhersehen zu können. Gerle erntete damit nur Spott und trug seine Vorliebe für Okkultismus wenigstens vorerst nicht mehr so offen zur Schau.
Gerle schloss sich den ab 1790 schnell Einfluss gewinnenden Jakobinern an und knüpfte engen Kontakt zu Robespierre. Als Deputierter der Nationalversammlung fiel er kaum durch besondere Wortmeldungen auf, bis er am 12. April 1790 inmitten der ohnehin schon durch Tumulte geprägten Debatte über den Verkauf der noch in geistlichem Besitz befindlichen Güter durch seinen überraschenden Vorschlag, den Katholizismus zur Staatsreligion zu machen, die Stimmung endgültig zum Überkochen brachte. Gerles Vorschlag wurde am folgenden Tag auf Initiative seiner eigenen Fraktionskollegen abgelehnt (vgl. Tackett 1996, S.267-269).

Nach der Auflösung der Verfassungsgebenden Nationalversammlung verschwand Gerle eine Zeit lang aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. Seine guten Kontakte zu Robespierre schützten ihn angesichts seines nun wieder auflebenden Hanges zum Okkultismus vor strafrechtlicher Verfolgung und verschafften ihm 1794 großen Einfluss beim Aufbau des als Ersatz für die katholische Kirche gedachten Staatskultes vom „Höchsten Wesen“. Eine Sonderrolle in diesem Kult spielte offenbar die etwa 70jährige selbsternannte Prophetin Catherine Théot, die sich selbst als „Mutter Gottes“ inszenierte. Sie stand Gerle geistig sehr nahe und lebte offenbar auch gemeinsam mit ihm. Agenten des Komitees für Innere Sicherheit lieferten detaillierte Berichte über spiritistische Sitzungen, in denen es zur Nennung Dóm Gerles und vor allem Robespierres als „Propheten“, deren Willen sich alle „wahren Gläubigen“ unterzuordnen hätten, kam. Diese als Beweis für eine theokratische Verschwörung gehandelten Informationen wurden eine mächtige Waffe in der Hand der Feinde Robespierres, die sich bei der Beseitigung des „Unbestechlichen“ im selben Jahr als äußerst nützlich erwies. Théot und Gerle wurden zwar nicht hingerichtet, die alte „Prophetin“ starb aber bald im Gefängnis. Auch Gerle kam erst nach längerer Gefangenschaft frei. Unter der Herrschaft des Direktoriums wurde er nochmals für kurze Zeit als Mitarbeiter ins Innenministerium berufen. Über seine letzten Lebensjahre und die Umstände seines Todes 1801 ist nichts bekannt.

Literatur:

MICHAUD, Louis-Gabriel (Hg), Biographie Unverselle Ancienne et Moderne, Bd 16 (2. verb. u. erw. Ausgabe, Paris 1856), S.326 f.

WALTER, Gérard, Répertoire de l´Histoire de la Révolution Francaise (Paris 1941), S.202

TACKETT, Timothy, Becoming a Revolutionary - The Deputies of the French National Assembly and the Emergence of a Revolutionary Culture (Princeton 1996)
Die Kirchengüter-Debatte in der Nationalversammlung
AG 3
Attribute
Schon beim Zusammentreten der Generalstände war Antiklerikalismus unter den Abgeordneten des Dritten Standes ein häufigeres Phänomen als das Anfangs noch lange nicht von allen geteilte Misstrauen gegen den Adel. (vgl. Tackett 1996, S.67 f.) Auch wenn diese Kirchenfeindlichkeit lange Zeit aus Rücksicht auf die den Dritten Stand unterstützenden Angehörigen des Niederen Klerus kaum offen zur Schau getragen wurde, ist es doch wenig überraschend, dass in der Nationalversammlung die Privilegien und der große Grundbesitz der Katholischen Kirche schon bald zu einem Diskussionsthema wurden.
Deutliche Risse zwischen dem Linken Flügel der Nationalversammlung und den der niedrigen Geistlichkeit angehörenden Deputierten bildeten sich im Zuge der Abschaffung des der Kirche zustehenden Zehent am 4. August 1789 und der bald darauf geführten Debatten über die Religionsfreiheit.

Kurz nach dem Umzug der Nationalversammlung nach Paris geriet angesichts der Suche nach einem Ausweg aus der immer bedrohlicheren Finanzkrise des Staates der Grundbesitz der Kirche unter gezielten Beschuss. Da sich seit dem Zerfall der Koalition der Monarchiens die Mehrheitsverhältnisse zu Ungunsten der konservativen Kräfte verändert hatten, konnten die geistlichen Abgeordneten nur hilflos zusehen, wie Rechte und Besitz ihres Standes zunehmend beschnitten wurden.
Schon am 2. November beschloss die Nationalversammlung, dass ein nicht näher definierter Teil der weltlichen Güter der Kirche dem Staat zur Deckung seiner Schulden zur Verfügung gestellt werden sollte. Als zwei Wochen später Finanzminister Necker verkündete, bis zum Jahreswechsel müssten irgendwie 170 Millionen Livres für die Gläubiger des Staates aufgetrieben werden, wurde in der Nationalversammlung debattiert, diese Summe eben durch den Verkauf von Kirchenbesitz aufzubringen. Drei Tage lang, vom 18. bis zum 21. Dezember 1789, wurde erbittert diskutiert. Obwohl ein Teil des Rechten Flügels der Nationalversammlung drohte, bei einem entsprechenden Beschluss fortan die Sitzungen zu boykottieren, war die Mehrheit für den Verkauf von Königs- und Kirchengütern im Wert von 400 Millionen Livres, womit der Druck der ersten Assignaten finanziert wurde (vgl. Tackett 1996, S.259-262). Dass schon am 24. Dezember auch noch religiöse und politische Freiheit für Protestanten beschlossen wurde, gefolgt von der Auflösung aller kirchlichen Orden am 13. Februar 1790, demütigte die nach wie vor in der Nationalversammlung anwesenden katholischen Geistlichen noch weiter und vertiefte die Gräben zwischen rechtem und linkem Flügel der Versammlung.

Der Höhepunkt der Debatte um den Verkauf der Kirchengüter wurde schließlich im Frühjahr 1790 erreicht: Nachdem Finanzminister Necker im März erneut einen sehr pessimistischen Bericht über die Wirtschaftslage und den drohenden Staatsbankrott abgeliefert hatte, wurde am 9. April in der Nationalversammlung der endgültige Verkauf des verbliebenen weltlichen Besitzes der katholischen Kirche in Frankreich gefordert. Im schonungslos formulierten Antrag der Jakobiner wurde als Begründung neben der Sanierung der Staatsfinanzen auch dezidiert angegeben, dass die Macht der Kirche für immer gebrochen werden sollte (vgl. Tackett 1996, S.266). Die durch drastischen „Personalabbau“ beim Klerus zu senkenden Ausgaben der Kirche sollten fortan direkt vom Staat finanziert werden, was einer „Verstaatlichung“ der Kirche schon sehr nahe kam.
Die Folge dieses Antrages war eine Reihe von Tumulten geprägter Sitzungen. Anhänger des rechten und linken Flügels der Nationalversammlung schmetterten einander in stundenlangen Debatten gegenseitig Vorurteile und Anschuldigungen entgegen. Bischof Boisgelin, einer der einflussreichsten Vertreter des hohen Klerus in der Versammlung, listete in seiner Rede feierlich eine Vielzahl an Versprechen auf, welche die Nationalversammlung angeblich gegenüber der Kirche gebrochen hätte.
Überraschender Höhepunkt der Sitzung am 12. April war der offensichtlich zur Entschärfung des Antrages seiner Parteifreunde gedachte Vorschlag des dem Club der Jakobiner angehörenden Kartäusermönchs Dóm Gerle, im Gegenzug zur Enteignung und „Verstaatlichung“ der Katholischen Kirche diese zur alleinigen Staatsreligion Frankreichs zu erheben! Die Versammlung geriet daraufhin völlig außer Kontrolle und wurde vertagt.
In der Sitzung vom 13. April schließlich gelang es den Jakobinern, die Debatte in ihrem Sinne zu beenden: Enteignung und staatliche Finanzierung der Kirche wurden beschlossen. Der von Dóm Gerle offenbar ohne Absprache mit dem Club vorgebrachte Vorschlag, den Katholizismus zur Staatsreligion zu machen, wurde mit Verweis darauf abgelehnt, dass die Kirche ohnehin bereits durch die staatliche Finanzierung gegenüber anderen Konfessionen bevorzugt sei.
In direkter Reaktion darauf traten alle konservativen Mitglieder des Komitees für Kirchenangelegenheiten von ihren Ämtern zurück. Außerdem erhoben sich in einer offenbar für diese Situation abgesprochenen, demonstrativen Handlung alle in der Versammlung anwesenden, feierlich gekleideten geistlichen Würdenträger von ihren Sitzen und begannen mit zum Himmel erhobenen Händen eine Eidesformel zu rezitieren, deren genauer Wortlaut allerdings im einsetzenden Stimmengewirr unterging (vgl. Tackett 1996, S.267-269). Der endgültige Bruch zwischen dem ehemaligen Ersten Stand und der Nationalversammlung war somit vollzogen.

Der rechte Flügel der Nationalversammlung hatte so zwar in der Versammlung eine Niederlage erlitten, die Debatte um den Verkauf der Kirchengüter war aber noch nicht völlig vom Tisch: Die durchaus noch über Einfluss in der Versammlung verfügenden konservativen Abgeordneten und Anhänger des Klerus wie der kurz darauf zum Präsidenten gewählte Comte de Virieu waren trotz allem davon überzeugt, die Meinung einer „schweigenden Mehrheit“ der Bevölkerung zu vertreten. Sie verfassten daher eine Protestnote gegen den Beschluss der Nationalversammlung und begannen, Unterschriften zu sammeln. Zur großen Überraschung auch vieler Jakobiner, die darin durchaus eine gefährliche Entwicklung hin zur lange befürchteten Konterrevolution sahen, gelang die Mobilisierung der Provinzen gegen die in Paris tagende Nationalversammlung aber keineswegs! Vielmehr trafen Unterstützungserklärungen ein, in denen die Beschlüsse der Versammlung befürwortet wurden!

Das Ende der Kirchengüter-Debatte in der Nationalversammlung bedeutete letztlich weit mehr als das vorläufige Ende von Kirche und Klerus als wesentlicher Machtfaktor in der Nationalversammlung. Es war überhaupt eine vernichtende Niederlage für den rechten Flügel der Versammlung, von der sich die konservativen und reaktionären Abgeordneten nie wieder völlig erholten. Das sowohl radikalen wie gemäßigten Reformern zu Beginn des Jahres 1790 durchaus real scheinende Gespenst der Konterrevolution verlor viel von seinem Schrecken. Vermutlich hätten sonst Abgeordnete wie Lafayette und Abbé Sieyes auch wesentlich größere Hemmungen gehabt, den immer mehr von Radikalen dominierten Jakobinerklub durch Abspaltung und Gründung eines neuen, aus der „Gesellschaft von 1789“ hervorgehenden Klubs der gemäßigten Reformer zu schwächen.


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