Kehr, Paul Fridolin
Kontexte

* 1860 Waltershausen bei Gotha (Thüringen)
† 9. November 1944 Wässerndorf bei Würzburg

Paul Fridolin Kehr studierte nach dem Besuch des Halberstädter Gymnasiums in Göttingen, München und wieder in Göttingen Geschichte. Schnell entdeckte er seine Neigung zur Quellenkunde. 1883 promovierte er mit einer Untersuchung über Hermann v. Niederaltaich. Früh fesselten ihn mittelalterliche Quellen. Von Anfang an war es sein Ziel, nach Rom zu kommen.

1884 bewarb er sich erfolgreich um die Aufnahme in die Wiener Diplomata-Abteilung. 1885 erfüllte sich sein Wunsch, nach Rom zu reisen. Er hatte neben einem Auftrag der MGH eine Aufgabe für die Historische Kommission der Provinz Sachsen im Reisegepäck. Das noch ungeordnete Vatikanische Archiv wurde sein Hauptarbeitsort.

Seit Oktober 1886 war Kehr ständiger Mitarbeiter der Diplomata-Abteilung und bearbeitete zusammen mit Karl Uhlirz einen Großteil der Urkunden Ottos II. In jeder freien Minute untersuchte Kehr die Diplome Ottos III., an denen die Untersuchungen erst begannen. Er wollte alleine eine zusammenhängende Darstellung des Kanzleiwesens erstellen.

Paul Kehr verspürte den Wunsch, den Geschichtlichen Hilfswissenschaften auch in Deutschland zum Aufschwung zu verhelfen, wollte jedoch die Verbindungen zur MGH aufrecht erhalten und seine Loyalität gegenüber Sickel nicht verletzen. Als 1888 die Arbeiten an den Urkunden zu Otto II. abgeschlossen waren, erachtete Kehr dies als den geeignetsten Zeitpunkt für seine Rückkehr nach Deutschland. Er informierte Sickel über seinen Entschluß. In diesem Jahr kam es zum Bruch zwischen Sickel und Kehr, da dieser sich nur per Brief von seinem Lehrer verabschiedete.

Ein weiterer Grund für Sickels Ärger über Kehr war, daß niemand wußte, wie weit er mit den Arbeiten zu den Diplomen Ottos III. fortgeschritten war. Ein Teil der bereits verrichteten Arbeiten mußte noch einmal erledigt werden. Im Herbst 1889 erreichten Kehrs Aufzeichnungen das Wiener Institut. Seine Untersuchungen konnten 1890 mit dem Titel 'Die Urkunden Ottos III.' herausgegeben werden.

In Deutschland (Marburg) habilitierte sich Paul Kehr und übernahm eine Privatdozentur. Sein Ziel war es, eine dem Wiener Institut nachempfundene Schule in Deutschland zu gründen. 1893/94 gründete er mit Hilfe von Friedrich Althoff ein Seminar für Geschichtliche Hilfswissenschaften und parallel dazu eine Archivschule. Hier wurde der Sitz der Prüfungskommission für den Archivdienst eingerichtet.

1895 siedelte Kehr nach Göttingen um. Dort hatte er 1896 ein Unternehmen zur Untersuchung der älteren Papsturkunden angeregt und so die Lehren Sickels bezüglich der Papstdiplomatik weitergeführt. Daraus sollte sein Lebenswerk entstehen. Seine Bemühungen einer Institutsgründung fielen jedoch auch in Göttingen nicht auf fruchtbaren Boden. Es fehlte die nötige Verbindung zur MGH.

1903 ging er als Leiter des Preußischen Instituts nach Rom. Kehr baute es zu einer enormen Forschungs- und Ausbildungsstätte aus. Hier widmete er sich ganz den Papsturkunden. Mit den 'Papsturkunden in Italien' veröffentlichte er bisher unbekanntes Material. Aufgrund der ungeahnten Materialfülle gab er nach Landschaften geordnete Regestenwerke (Italia Pontifica, Germania Pontifica,...) heraus.

1908 fungierte er neben Harry Bresslau, Michael Tangl und seinem Schüler Karl Brandi als Mitbegründer der Zeitschrift 'Archiv für Urkundenforschung'. Sie sollte Publikationsorgan und Sprachrohr gegen die 'alte Diplomatik' sein. Hier sollten nicht nur Urkunden, sondern auch andere schriftliche Quellen wie Briefe, Akten, Amtsbücher etc. thematisiert werden.

Von 1915-29 war Kehr Generaldirektor des Preußischen Staatsarchivs in Berlin. 1917 wurde er Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Deutsche Geschichte. 1919-36 war er Vorsitzender der Zentraldirektion der MGH. Desweiteren war er von 1924 bis zu seiner Auflösung Direktor des Preußischen Instituts in Rom.

Paul Kehr war bei seinen Kollegen wegen seinen kritischen Worten unbeliebt, er selbst bezeichnete sich gar als einen innerlich kalten Menschen. Seine wissenschaftliche Leistung hingegen ist eindrucksvoll, aber von Kritikern auch oft als einseitig bezeichnet worden, da sich seine Forschungen meist nur der Quellenkunde bedienen und hauptsächlich im Bereich der Diplomatik angesiedelt sind. Seiner Ansicht nach musste ein Historiker in seiner Zeit hauptsächlich die Historischen Hilfswissenschaften beherrschen, Neuere und Neueste Geschichte seien lediglich etwas für „Mädchenlyzeen“, so Kehr. Trotz seiner Abneigung gegenüber dem Universitätsbetrieb wurde er vor allem in seinen acht Jahren in Göttingen zum Lehrer von Karl Brandi und Albert Brackmann. Sein Organisationstalent und seine weit reichenden Beziehungen - unter anderem zu Papst Pius XI. und Kaiser Wilhelm II. -konnten zweimal die Schließung der MGH verhindern.
Paul Kehr bleibt das Verdienst, die Sickel'sche Methode als erster nach Deutschland gebracht zu haben.


<<Gatterer, Johann Christoph  ||  Lehmann, Paul>>