Meinen Beitrag über die Geschichte des Fingerabdrucks für die IKF_Sommerakademie “Spuren und Archive des Bösen” in Maria Taferl gibt es auch im aktuellen IFKnow zum Nachlesen und hier als PDF-Download:
Die Idee bei dem Beitrag ist es, ausgehend von der aktuellen Diskussion um staatliche Datenspeicherung, zu zeigen, dass Ausweitung und Widerstand Grundelemente der Debatte um Überwachung und Identifizierung sind – und das nicht erst seit zwanzig Jahren. Anhand der Einführung des Fingerabdrucks Anfang des 20. Jahrhunderts lassen sich diese Diskussionen sehr gut fassen und herausarbeiten.
Wem Facebook und Konsorten schon in der heutigen Ausprägung unheimlich sind, der sollte den folgenden Artikel besser gar nicht lesen:
“Eine schwedische Software-Firma kombiniert Gesichtserkennung, Augmented Reality und soziale Netze zu einem neuen Dienst: ‘Recognizr’ sagt, wer im Café neben einem sitzt.” [weiterlesen auf heise.de]
Klingt zwar noch etwas nach düsterer Überwachungszukunft, ist aber gar nicht mehr weit weg: Die Technologie, so einer der Entwickler, sei “schon so weit, dass eine kommerzielle Anwendung innerhalb von zwei Monaten machbar wäre.”
1903
Der Jurastudent und Hauslehrer Andreas Dippold wird in Bayreuth für die mit dem Tod endende Misshandlung seines Schülers Heinz Koch zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Daher rührt der Ausdruck “Dippoldismus”, der in der deutschen medizinischen Literatur manchmal für das Prügeln von Kindern aus vermuteten sexuellen Motiven verwendet wird.
Ein Definitions-”Stub” findet sich auch in der englischen Wikipedia. Auf den Begriff gestoßen bin ich durch einen Vortrag des Wissenschaftshistorikers Michael Hagner (Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich) – Hagner bereitet zur Zeit eine Monografie vor, die er als “Mikrostudie des Wissens” zum Fall Dippold bezeichnet. Man darf gespannt sein auf die Publikation, die noch heuer erfolgen soll.
Heute am 28. Jänner 2010 wird zum vierten Mal der europäische Datenschutztag begangen. Der Tag, der an die Unterzeichnung der Europäischen Datenschutzkonvention am 28.01.1981 erinnert, soll insbesondere für Themen rund um den Datenschutz sensibilisieren.
Auf WELT ONLINE heißt es zum Sprengstoffalarm am Münchner Flughafen:
Die Bundespolizei hatte am Mittwoch den Terminal 2 des Münchner Flughafens für knapp drei Stunden gesperrt, nachdem dort der Laptop eines Passagiers auf Sprengstoff angeschlagen hatte. Der unbekannte Fluggast hatte trotz des Alarms weitergehen können, ohne festgehalten zu werden. Schuld ist nach Ansicht von Regierungspräsident Christoph Hillenbrand eine Kontrolleurin der von der Regierung von Oberbayern beauftragten privaten Sicherheitsfirma. Sie wollte den Laptop zwar einer Nachkontrolle unterziehen, doch der Englisch sprechende Reisende reagierte nicht und verschwand mit dem Notebook in der Menge.
Die Schuld an dem folgenreichen Vorfall wird auf einen Menschen abgeschoben. Andere politische Stimmen machen darüber hinaus die unzureichende Ausbildung bzw. die schlechte Bezahlung des Sicherheitspersonals mitverantwortlich.
Doch wer redet eigentlich von der gravierenden Fehlleistung des Detektors, der Maschine, welche immerhin der Auslöser der ganzen Misere war? Natürlich hätte die Sicherheitskraft den Mann ein zweites Mal kontrollieren müssen, doch handelte es sich bei dem Mann nicht um einen „… völlig unauffälligen, etwa 50-jährigen, englischsprachigen Mann“, wie die Auswertung der Videobilder im Nachhinein ergab (BR-Online)?
Ich frage mich, ob der gesunde Menschenverstand, das Bauchgefühl der Sicherheitskraft ihr im Moment der Kontrolle nicht genau das vermittelt hat. Für mich stellt dieser Vorfall jedenfalls das beste Beispiel dafür dar, welche gravierenden Folgen ein Fehlalarm in sicherheitspolitisch nervösen Zeiten haben kann. Ohne den Fehlalarm der Maschine kein Fehlverhalten der Sicherheitskraft. Im Endeffekt ist nicht die Sicherheitskraft alleine schuld, sondern ein ganzes komplexes Akteur-Netzwerk aus Sicherheitspersonal, deren Ausbildung und Bezahlung, politischen Rahmenbedingungen, Sprengstoffdetektoren, Laptops, Schwellenwerten, eiligen Geschäftsmännern usw.
In allen vier Walt Disney Themenparks in Orlando/Florida sind bereits seit 2006 Fingerabdruckscanner im Einsatz [vgl. Lyon, David (2007): Surveillance Studies. An Overview. Cambridge: Polity Press. p.109]
Der gespiecherte Fingerabdruck soll das Ticket ersetzen. Laut Kim Prunty, Sprecherin von Walt Disney World, werden dafür “nur” numerische Codes gespeichert. Mehr Informationen bei CBCNews.
Wieder mal ein Beispiel bei dem der Fingerabdruck für Werbung genutzt wird. Als Metapher für “einen bleibenden und individuellen Eindruck hinterlassen” haben sich die Papillarlinien an den Fingerspitzen wohl mittlerweile durchgesetzt und den Geschmack der erkennungsdienstlichen Behandlung verloren. Erstaunlich daran ist, dass Fingerabdrücke zur Identifizierung trotzdem allgegenwärtig sind, siehe Flughäfen oder Reisepässe.
Sinn und Unsinn der Vorratsdatenspeicherung 12. Jänner 2010 Beginn 16 Uhr Ort: OCG, A-1010 Wien, Wollzeile 1-3
Referenten: Rechtsanwalt Mag. Ewald Scheucher, Arbeitsgruppe Vorrat, Experte in Grundrechtsschutz BSc. Christian Czeczil, e-commerce monitoring GmbH, Experte in der “Umgehung” der Vorratsdatenspeicherung Dr. Hans G. Zeger, Obmann der ARGE DATEN Diskutiert werden sowohl die Grundrechtsfragen der Vorratsdatenspeicherung, aber auch welche technische Auswirkungen zu erwarten sind. Eintritt frei, Anmeldung erbeten (email hidden; JavaScript is required)
So sah eine Prognose Studie von IBM aus dem Jahr 1987 unter anderem die Zukunft der Nutzung des Computers. Die FAZ untersucht in ihrer Samstagsausgabe (02.01.2010) die damals aufgestellten zehn Thesen für das Jahr 2010 und entlarvt These neun als Irrtum:
„Auch im Jahre 2010 wird die aufgeklärte und demokratische Gesellschaft ihre spezifischen Ängste haben, aber sie werden wenig mit dem Computer zu tun haben. Themen wie ‘Angst vor Überwachung’, ‘Jobkiller’, ‘Datenschutz’ u.a. werden nicht mehr im Zusammenhang mit dem Computer gesehen. Datenschutz wird als Bürgerrecht akzeptiert und respektiert sein.“
Dass aber einige der Thesen wirklich eingetreten sind, kann man im gesamten Artikel nachlesen.
Eine steigende Zahl von Überwachungskameras wird still und heimlich mit Gesichtserkennungstechnologien ausgestattet. Im australischen Sydney etwa plant der Immobiliengigant Westfield ein Einkaufszentrum mit der entsprechenden Technologie auszustatten. Dabei sollen aufgenommene Gesichter mit einer Datenbank abgeglichen werden, um Kriminelle leichter identifizieren zu können. Derartige Technologien waren vorher bereits am Sydney Airport eingesetzt worden. [Weiterlesen]
Wenn sich diese Meldung nicht als Ente entlarvt, wirds jetzt richtig gruselig: futurezone berichtet von einer Chinesin, die sich die Haut ihrer Fingerkuppen verpflanzen lies (Kostenpunkt angeblich 10.000 Euro), um mit einem gefälschten Pass nach Japan einzureisen. Aufgeflogen ist sie, weil Beamten seltsame Narben an ihren Fingern aufgefallen waren.
Im Rahmen von Geschichte am Mittwoch hält Peter Becker, derzeit Gastprofessor für “Österreichische Geschichte mit Schwerpunkt im 19. und 20. Jahrhundert” am Institut für Geschichte an der Uni Wien, am 9.12.2009 um 18:00 Uhr im HS 45 einen Vortrag:
Von Mäusen und anderen Menschen. Neurowissenschaften und Kriminologie im Gespräch
Abstract: Seit den 1990er Jahren lässt sich ein nachhaltiges Vordringen von Neurowissenschaftern in gesellschaftspolitische Diskussionen verfolgen. Hirnforscher sind heute public intellectuals, die als Experten zu Fragen der Sicherheits- und Bildungspolitik gehört werden. Ich werde diesen Weg aus dem Labor in die politische Öffentlichkeit aus einer wissenssoziologischen Perspektive analysieren. Mich interessieren die Übersetzungsstrategien, die Erkenntnisse über aggressives Verhalten von genmanipulierten Mäusen für die Diskussion über menschliches Gewaltverhalten in einem gesellschaftlichen Kontext nutzbar machen.
In den 1920 und 30 war sie stilprägend. Madame Vionnet, der großen Puristin und Innovatorin unter Frankreichs Kleidermachern ist derzeit eine schöne Ausstellung im Pariser Musee des Arts decoratifs gewidmet. In der Schau erfährt man, dass Madame Vionnet nicht nur das Kleidermachen revolutionierte, weil sie anstatt wie bisher mit Schnittmustern zu arbeiten den Stoff direkt auf ihren Modellen drapierte. La Vionnet war auch eine der ersten Kämpferinnen gegen Produktfälscherei. In einem kurzen Filmauschnitt mit dem Titel “The Fingerprints of Fashion” aus dem Jahre 1922 sieht man wie Madeleine Vionnet assistiert von einem französischen Kriminologen auf einem Etikett ihrer Kleider ihren Fingerabdruck plaziert. Angeblich hat Frau Vionnet zurselben Zeit Prozesse gegen Fälscher sowie einen Verein gegen, heute würde man sagen, Produktpiraterie gegründet.
Frau Vionnet war eine ziemliche Copyright Fetischistin. So bekam jede ihrer Kreationen eine Nummer zugewiesen und wurde in ihren Atelier in Verbrechermanier fotografiert (von vorne, von hinten und von der Seite). Auf jedes Kleidungsstück lies sie darufhin ein Copyright eintragen. Die insgesamt 20.000 Fotos archivierte sie in mehreren Alben in ihrem Atelier.
Zweierlei ist an der Sache interessant: erstens ob Madeleine Vionnet tatsächlich an die Wirksamkeit ihres Fingerabdruckes glaubte. Also ob sie davon ausging, dass potentielle Käuferinnen oder auch die Polizei- keine Ahnung wie damals Vergehen gegen das Copyright geahndet wurden- wirklich den Fingerabdruck auf einem Etikett analysieren würde. Aber vermutlich war der Akt sowieso nur symbolisch gedacht.
Und zweitens: Die Produktfälscherei und ihre Ahndung historisch zurückzuverfolgen. Ich weiß, dass es in Paris ein Musée de la contrefacon gibt, aber mehr auch nicht.