Vor einiger Zeit haben wir auf eine Aktion des tschechischen Kollektivs Ztohoven mit dem Titel “Občan K.” (“Bürger K.”) hingewiesen, das dieser Gruppe einigen Ärger mit den Behörden einbrachte: Die Künstler ließen sich neue Personalausweise ausstellen und benützten dafür gemorphte Porträtfotos, die sich aus den Bildern mehrerer Personen zusammensetzten und so die gewünschte Eindeutigkeit von Foto-IDs unterwanderten. Am 8. November startet nun der daraus entstandene Dokumentarfilm der Gruppe in ausgewählten tschechischen Kinos: Občan K. – dokumentární film o záměně identit členů umělecko-aktivistické skupiny Ztohoven (Bürger K. – Ein Dokumentarfilm über die Identitätsverwechslungen der Künstler-Aktivistengruppe Ztohoven).
Hier gibt’s den Trailer dazu:
Und auf ARTE lief vor einiger Zeit ein sehenswertes Porträt über die Gruppe und ihre Aktionen – dazu gehörten subversive Ampelmännchen, das Austauschen von Werbeplakaten und als Highlight eine vorgespielte atomare Explosion im tschechischen Frühstücksfernsehen: (2 Teile)
Heute mal ein TV-Tipp für alle, die sich für mediale Repräsentationen von Überwachtungstechniken interessieren. Person of Interest ist eine CBS-Serie und läuft seit September 2011.
Der Trailer fasst die Rahmenhandlung ganz gut zusammen:
Protagonist Harold Finch hat eine gigantische Überwachungsmaschine gebaut, die terroristische Anschläge vorhersagen soll, um ein zweites 9/11 zu verhindern. Die Maschine spuckt allerdings nicht nur terroristische Vorhaben aus, sondern jegliche Art von Straftaten. Da die Regierung an der Verhinderung nicht-terroristischer Straftaten aber kein Interesse hat, verfolgt Finch diese mit seinem Partner John Reese selbst. Die Serie macht ständig Überwachungstechniken zum Thema und spielt dabei mit Utopien und Visionen.
Folgender Dialog aus Episode 2 soll das verdeutlichen. Finch zeigt einem Partner das große Netzwerk an Servern, die die Daten sammeln; der fragt noch einmal nach, ob es sich hier nicht um ein “Orwellian Nightmare” handelt:
Finch: That´s every e-mail, every phone call, surveillance cameras … Partner: In the country? Finch: No, that’s just New York. I’m starting with the basics here. I’m trying to teach it to track people using cell phone location data, facial recognition. I’m almost ready to move on to the next problem. Partner: What’s the next problem? Finch: Sorting them all out. Terrorists don’t exactly stand out on street corners, you know? You have to teach the machine to sift through the e-mails, wire-tapped phones, bank transactions …
Wem Guido Knopps Dauerpräsenz als DER Historiker in deutschen Medien auf die Nerven geht, dem könnte dieses Lied von Rainald Grebe gefallen. Auch meine Lieblingszeilen:
Die Geschichte hab ich griffbereit wie eine Tafel Schokolade /
Ich zieh sie aus der Tasche, wenn ich Hunger auf sie habe.
Über Bilder von TäterInnen und Verdächtigen schreibe ich nicht zum ersten Mal. Meinen letzten Beitrag, bei dem ich Bilder von Prominenten-Mugshots gezeigt habe, möchte ich jetzt ergänzen. Ich bin in der aktuellen Spex über ein Interview mit Lady Gaga gestolpert, genauer gesagt, nicht über das Interview, sondern über ein Foto ihres aktuellen Single-Covers. Ein Mugshot anderer Art:
Zwei Zitate aus “Zodiac” (USA 2007, Regie: David Fincher):
Can I give you a piece of advice? You’re looking in the wrong place. Handwriting, fingerprints, that’s what this whole thing’s about. Stick to the evidence.
Do you know what the chances of us arresting someone are now? Too much time has gone by, okay? Too much of the evidence is lost. People get old, Robert. They forget.
In Linz, wo man derzeit am Bahnhof ziemlich pentrant mit “Willkommen in Linz, der Kulturhauptstadt Europas 2009″ begrüßt wird, war Anfang Jänner die Premiere des Singspiels (was genau das ist, weiß ich leider auch nicht) “Fouché“. Der deutsche Komponist Franz Hummel hat es extra für die Stahlstadt im Kulturrausch verfasst.
Warum ich das hier blogge? Joseph Fouché, duc d’Otrante gilt angeblich als der Begründer des Polizeistaates im napoleonischen Frankreich.
Auf Wikipedia erfährt man so einiges über ihn: Vom Ordensmann brachte er es während der französischen Revolution zum Politiker. Mit Robespierre verkracht, war er entscheidend am Sturz des Jakobiners beteiligt. Schließlich unterstütze er Bonaparte beim Staatsstreich. Sein ausgedehntes Spionagesystem, das alle gesellschaftlichen Klassen und Schichten umspann, machte ihn als Napoleons Polizeiminister legendär. Nachdem Fouché wegen Intrigen gegen Napoleon abgesetzt und, weil Napoleon offenbar keinen besseren finden konnte, wieder eingesetzt wurde, baute er sein System weiter aus. Fouché machte nichtsdestotrotz mit den Intrigen weiter und schloss sich nachdem Napoleon 1814 das Handtuch werfen musste den wiedereingesezten Bourbonen an.
Interessant, dass er sei es von den Monarchisten als auch den Republikanern immer wieder nach der jeweiligen Machtübernahme als Polizeiminister übernommen wurde. Das lag vermutlich weniger am Vertrauen in seine Fähigkeiten, als an der Angst vor seiner Macht, die ihn offenbar unersetzbar machte.
Doch was hat das eigentlich mit Linz zu tun, werden aufmerksame LeserInnen langsam fragen. Dort lebte Fouché offenbar einige Monate, nachdem er aus Frankreich verbannt wurde.
Die Handlung des Filmes “Boys Don’t Cry” (USA 1999, Regie: Kimberly Peirce) in einem einzigen Satz zusammenzufassen, ist zugegeben kein leichtes Unterfangen: Der Film behandelt die Lebensgeschichte “von Brandon Teena, einem jungen Transsexuellen, der sich biologisch im falschem Geschlecht fühlte und deshalb als Mann sein Leben zu meistern suchte” (Wikipedia) – ein Thema also, das für die meisten TV-Konsumenten wohl eher nicht alltäglich ist.
Wie aber die Leute von aonTV, dem IPTV der Telekom Austria, diesen Film als TV-Tipp ankündigen, lässt mich daran zweifeln, ob diese Menschen den Film gesehen und auch nur ansatzweise darüber nachgedacht haben:
Lesbe gibt sich als Kerl aus – mit katastrophalen Folgen, Oscar für Hilary Swank!
Auf ihrem neuen Album “In aller Stille” befassen sich Die Toten Hosen – nicht mehr die Jüngsten, daher nun auch mit ernsteren Themen – unter anderem mit Datensammlungen. Im Song “Die letzte Schlacht” klingt das so:
Wir sind ‘ne schweigende Armee
Macht euch auf was gefasst
Wir sind die Graue Masse
Die kein Geheimnis hat
Weil man alles von uns weiß
Und uns ständig kontrolliert
Unsere Wege verfolgt und einstudiert
Auf der Suche nach der Norm
Forscht man uns akribisch aus
Speichert Informationen
Über unseren Lebenslauf
Was wir tun und was wir lassen
Wie wir denken, wie wir fühlen
Was wir mögen, was wir hassen am System
So weit, so bedrohlich. Doch die Subversion folgt sogleich im Refrain:
Ihr könnt uns jagen wie ihr wollt
Lernt uns ruhig noch besser kennen
Beim Versuch uns zu manipulieren
Doch ihr habt euch schwer getäuscht
Wenn ihr glaubt, dass man uns lenkt
Die letzte Schlacht gewinnen wir
Weil wir euch einzeln durch die Netze gehen
Am politischen Anspruch hält die Band fest, unterbrach ihre Pause im vergangenen Jahr sogar für den Protest gegen den G-8-Gipfel in Heiligendamm. Das Stück «Die letzte Schlacht» greift die jüngsten Datenskandale und die Datensammelwut der Unternehmen auf. Dabei ziehen die Hosen mit einer Liedzeile den Hut vor den großen Polit- Rockern der 70er und 80er Jahre, Ton Steine Scherben. «Die letzte Schlacht gewinnen wir» sang einst Rio Reiser, für Campino «eine ganz große Ausnahme-Erscheinung als Texter in der deutschen Musikkultur».
Heute spielen die “Hosen” in der (natürlich ausverkauften) Wiener Stadthalle.
“CSI-Experience: Angehende Tatortermittler gesucht” – so die vielsagende Ankündigung einer “interaktiven Ausstellung” mit dem Titel “CSI: The Experience™” über die US-TV-Serie, die nun in Wien am Riesenradplatz Station macht und wohl einen Beitrag zum “CSI-Effekt” liefern wird.
Im Pressetext von der Ausstellungs-Website klingt das Versprechen der MacherInnen so (meine Hervorhebungen):
Die neue interaktive Wissenschaftsausstellung (sic!) zur erfolgreichen Fernsehserie, beginnt mit ihren Ermittlungen (…)
Inspiriert von der erfolgreichen CBS Fernsehserie, beleuchtet diese Wanderausstellung den Prozess der wissenschaftlichen Ermittlung und realen Untersuchungsmethoden, die bei der Lösung von Verbrechen zur Anwendung kommen.
Ich denke, wir müssen einen ‘Betriebsausflug’ dorthin machen…
Ob sich das ARD mit der Sendereihe “Die großen Kriminalfälle” einen großen Gefallen tut, möchte ich nicht beurteilen. Die heutige Folge“Der Ripper von Magdeburg” war jedenfalls in mehrfacher Hinsicht bloggenswert.
Kriminalfälle bestimmen den Fernsehalltag und wenn sie dann noch authentisch sind, umso besser. Schaulust und Sensationsgier als Dilemma, wie Dr. Watson in einer Sherlock Holmes-Geschichte äußerte: “Natürlich ist es völlig unmöglich, Sensation von Kriminalität zu trennen, und so steht der Chronist immer vor einem Dilemma.“ [Arthur Conan Doyle, Das Abenteuer mit dem Pappkarton]
Die Aufbereitung der Sendung war betont dokumentarisch mit viel Zeitzeugen-Interviews, chronologisch, unboulevardesk. Und dennoch: Es wird die Lebensgeschichte des Jürgen S. nachherzählt, er selbst kommt nicht zu Wort. Hans-Dieter Rutsch, der Sendungsmacher, meinte dazu: “Wir haben uns während seiner letzten Hafttage an ihn gewandt. Doch er wollte sich nicht äußern. Das haben wir zu respektieren.”
Jürgen S. wurde Anfang der 70er Jahre verurteilt, weil er seinen Stiefvater mit einem Messer schwer verletzte. Aus der Haft entlassen wird er wenige Jahre später wegen dreifachen Mordes in der DDR zum Tode verurteilt, 1991 kommt er frei, tötet eine junge Frau und wird 1995 erneut verurteilt, zu 13 Jahren Haft, im März 2008 kommt er frei. Dass der soeben entlassene Jürgen S. überhaupt Protagonist der Sendungsreihe wird, ist reichlich hinterfragenswert und das Ende der Sendung wirkt mehr als zynisch: “Er hat eine neue Chance. Zwei seiner Chancen zuvor haben vier Menschen mit dem Leben bezahlt.” Seinen letzten Mord beging Jürgen S., so legt die Sendung nahe, weil er es nicht mehr schaffte, sich in die Gesellschaft einzugliedern. Das wird Jürgen S. nach 13 weiteren Jahren Gefängnis nicht leichter fallen.
Welche Schlüsse sollen wir also aus der Geschichte ziehen? Nicht zufällig hat sich die Teleschau für folgenden Einstieg bei der Sendungsankündigung entschieden:
Die Nachbarn ahnen wahrscheinlich nicht, welche Gefahr auf der anderen Seite des Gartenzauns lauert. Niemand in der Kleinstadt wird vermuten, dass der Mittfünfziger, der im Frühjahr 2008 herzog, vor Jahren andernorts für schreckliche Schlagzeilen sorgte. ‘Der Ripper von Magdeburg’ lebt mitten unter ihnen.
Nach seiner Verurteilung zum Tode, Jürgen S. hatte alle drei Morde gestanden, widerruft er sein Geständnis, der Fall wird neu aufgerollt, nicht zuletzt auch, weil die UNO zur Todesstrafe und Folter in der DDR recherchiert. Entscheidend aber ist: Der Tathergang wird erneut rekonstruiert. Dabei fällt den Beamten ein neues Detail auf. Auf seiner Kleidung und seinen Schuhen findet sich nur Blut einer Leiche. Bei dem Blutbad, das die Beamten in Magdeburg vorfinden, ist das aber unerklärbar. Im Gutachten heißt es: Im Nachhinein lässt sich nicht mehr klären, wie die Tat abgelaufen ist. Jürgen S. Todesurteil wird in eine lebenslange Haft umgewandelt.
Verdeutlicht wieder die zentrale Bedeutung der Details: Kriminalbeamte sind eben Zeichensammler.
Die bestechende Evidenz von DNA-Analysen ist ein beliebter Topos in diversen TV-Krimiserien. Vor allem Produktionen in der Machart von “CSI: Crime Scene Investigation” basieren zu einem Gutteil auf dem Glauben an die Technik, die sich einfach nicht “irren” kann.
Das Thema wird auch in einer Folge der US-Serie Monk aufgegriffen: In Season 4, Episode 10 (“Mr. Monk Goes to a Fashion Show”) verläuft die Beweisführung zunächst ähnlich: Ein Mordfall wird neu aufgerollt, weil der neurotische Protagonist Zweifel an der Verurteilung des vermeintlichen Täters hat. Diese Verurteilung basierte aber auf einer DNA-Analyse, und die ist bekanntlich so gut wie unfehlbar, wie der “Experte” in der Serie, der Gerichtsmediziner, feststellt:
“People lie. People lie all the time. But DNA – never lies.”
Ähnlich argumentiert dann auch der – wie das Publikum an dieser Stelle schon vermutet – tatsächliche Mörder. Er hat nämlich, basierend auf der Evidenz der DNA-Analyse, ein Alibi, was er nicht müde wird zu betonen:
“What about the evidence, Mr Monk? What about – you’ve heard of DNA, right? I mean, does that ring a bell here, hm? … It couldn’t have been me – just not possible.”
Dass es doch möglich war, sich ein solch bestechendes Alibi zuzulegen, klärt sich schließlich auf: Der (korrupte) Experte nämlich, der Gerichtsmediziner, hatte die DNA-Probe gefälscht. Er wird der Beihilfe zum Mord und der Fälschung von Beweismitteln überführt:
Das Auge ist wohl das beliebteste Organ, wenn es um Identifizierungs- und Überwachungsmetaphern geht: Man wird “gesehen”, sei es von Überwachungskameras, sei es von Gott, der ja angeblich ALLES sieht. (Dazu fällt mir die Aussage eines Kollegen bei unserem Workshop im August ein, der in einer Diskussion über christliche Vornamen meinte: “Gott hat kein Identifizierungsproblem.”)
Nicht zufällig auch die Wahl des Titelbildes unserer Website: Das Auge wird einerseits mithilfe von Identifizierungstechniken analysiert (Irisscan), andererseits verweist es auf Überwachungsmetaphern – das “Allsehende Auge”. Ein Blick (no pun intended) zu Wikipedia, wo unter dem Lemma All-seeing eye (disambiguation) folgende Bedeutungen zu finden sind:
Eye of Sauron or the Lidless Eye, in J. R. R. Tolkien’s The Lord of the Rings
Und weiter geht die Assoziationskette: Von “All Seeing I” (= 4. Wikipedia-Bedeutung) stammt ein nettes, in der Inszenierung zum Thema passendes Musikvideo:
Tony Christie feat. All Seeing I – Walk Like a Panther
(Danke an Josef K. für den Hinweis auf das Video.)