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Serendipity, Podcasts und Lebensläufe

Oktober 19th, 2011 Daniel Meßner

Eigentlich war ich auf der Suche nach neuen Fragestellungen für die Podcast-Reihe “Stimmen der Kulturwissenschaften“. Dafür lese ich gerade das – sehr zu empfehlende – Buch “Geschichte als Passion” von Alexander Kraus und Birte Kohtz. In Interviews mit HistorikerInnen bzw. WissenschaftsforscherInnen – darunter so namhafte ForscherInnen wie Lorraine Daston oder Hans-Jörg Rheinberger – gehen sie der Frage nach, was HistorikerInnen eigentlich tun, wenn sie Geschichte schreiben:

Wie entsteht das Wissen von der Vergangenheit, das der Begriff “Geschichte” bezeichnet? (S. 8)

Zunächst hat mir die grundsätzliche Beschäftigung über die Frage nach dem Mehrwert eines Gesprächsformats gefallen.

I don’t even believe in interviews. What are you getting from me? You are not getting any definitive statement. You’re getting another version. (S. 24)

So reagierte Hayden White auf den Wunsch von Ewa Domanska, ihn zum 20. Jahrestag von Metahistory zu interviewen.1

Alexander Kraus und Birte Kohtz haben die Gespräche sehr gut vorbereitet, indem sie viele der Texte ihrer InterviewpartnerInnen gelesen haben und in ihren Fragen darauf Bezug nehmen. Zufällig habe ich gestern in einem Podcast ein Interview gehört, bei dem es auch um Wissensvermittlung durch Interviewgespräche geht. Tim Pritlove – der im Podcastformat Raumzeit ForscherInnen der ESA und des DLR befragt – argumentierte, dass er nicht allzu vorbereitet in ein Interviewgespräch geht, um Serendipity-Effekte zu ermöglichen. Der Vorteil dabei ist, dass sich der Moderator – stellvertretend für die ZuhörerInnen – das Thema im Verlaufe des Gespräch aneignen kann.

Die Bezeichnung “Serendipity” geht zurück auf das Märchen “Drei Prinzen aus Serendip” des persischen Dichters Amir Khusrau, wobei die Begriffsschöpfung vom englischen Dichter Horace Walpole stammt.

Der Begriff „Serendipity” bedeutet demnach eine durch Zufall, Glück und Scharfsinnigkeit ermöglichte Entdeckung. Diese setzt die Fähigkeit zur freien Assoziation und Offenheit für ungewöhnliche Beobachtungsweisen voraus.2

Auf eine interessante Wendung des Serendipity-Themas bin ich gestoßen, nachdem ich zufällig im Anschluss an das Podcast-Interview das erste Gespräch mit Julia Voss aus “Geschichte als Passion” gelesen habe. Ich wusste zunächst nicht warum, aber irgendwie hat mich ein Teil des Podcast-Interviews nicht besonders überzeugt.

Der Teil nämlich, indem Tim Pritlove erklärte, dass ihn die Konsequenz mancher Raumfahrt-WissenschaftlerInnen beeindruckte. Dass manche, seit sie das erste Mal ein Kinderbuch über Raumfahrt in Händen hielten, wussten, dass Sie einmal für die Raumfahrt arbeiten wollen. Diese stringente Lebensplanung wurde als durchweg positiv beschrieben, nach dem Motto: “Die wissen, wo sie hingehören.” Wenn es um Lebensläufe geht, wird der Serendipity-Effekt in sein Gegenteil verkehrt. Das wiederum – und ich hoffe, hier schließt sich der Kreis – hat Julia Voss sehr schön als Konstruktion entlarvt, wenn sie sagt:

Gerade bei amerikanischen wissenschaftshistorischen Büchern gibt es oft diese Einleitungen à la “when I was a child my mum told me and my questions has always been”, doch ich glaube, dass sie ganz oft frei erfunden sind. (S. 58)

  1. Ewa Domanska/Hans Kellner/Hayden White (1994): Hayden White – The Image of Self-Presentation, in: Diacritics, 24/1, S. 91–100 [↩]
  2. Aus: Jakob Krameritsch (2005): Geschichte(n) im Netzwerk. Hypertext und dessen Potenziale für die Produktion, Repräsentation und Rezeption der historischen Erzählung, S. 186. [↩]

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“Welt der Habsburger” online

Mai 29th, 2010 Stephan Gruber

Seit einigen Tagen ist die multimediale Ausstellung “Welt der Habsburger“ im Internet frei zugänglich. Neben Hunderten von Bildern, Texten und Storys bietet die Website mittels einer Zeitleiste, einer Landkarte und eines Stammbaums die Möglichkeit, in die Geschichte des Adelsgeschlechts einzutauchen.

Ich habe in den letzten 2 Jahren als inhaltlicher Mitarbeiter – “Autor und Kurator”, wie das in den Projekt-Facts so schön heißt – am Entstehen dieser virtuellen Ausstellung mitgewirkt. Daher lade ich alle LeserInnen herzlich ein, nach Lust und Laune die Website zu besuchen, in der man aufgrund der Fülle des Ausstellungsmaterials sicher viel Zeit verbringen kann.

Nachdem die Ausstellung nun öffentlich zugänglich ist, lebt sie natürlich vom Zuspruch der BesucherInnen; das Ausstellungsteam freut sich über Rückmeldungen jeder Art. Besonders MedienvertreterInnen, LehrerInnen und StudentInnen, aber auch alle anderen seien daher eingeladen, die Online-Ausstellung weiterzuempfehlen, über sie zu berichten oder sie im Schulunterricht einzusetzen.

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Dippoldismus

Februar 18th, 2010 Stephan Gruber

Wieder mal ein neues Wort gelernt: Dippoldismus. Definitionsversuch aus der “Datenschlag-Chronik des Sadomasochismus [DACHS]“:

1903
Der Jurastudent und Hauslehrer Andreas Dippold wird in Bayreuth für die mit dem Tod endende Misshandlung seines Schülers Heinz Koch zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt.
Daher rührt der Ausdruck “Dippoldismus”, der in der deutschen medizinischen Literatur manchmal für das Prügeln von Kindern aus vermuteten sexuellen Motiven verwendet wird.

Ein Definitions-”Stub” findet sich auch in der englischen Wikipedia. Auf den Begriff gestoßen bin ich durch einen Vortrag des Wissenschaftshistorikers Michael Hagner (Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich) – Hagner bereitet zur Zeit eine Monografie vor, die er als “Mikrostudie des Wissens” zum Fall Dippold bezeichnet. Man darf gespannt sein auf die Publikation, die noch heuer erfolgen soll.

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Novellant

Juli 23rd, 2009 Stephan Gruber

Wieder ein neues, interessantes Wort gelernt – “Novellant“:

Die erste gedruckte Wochenzeitung wurde nach derzeitigem Kenntnisstand 1605 in der Reichsstadt Straßburg von dem Verleger und Buchbinder Johann Carolus auf den Markt gebracht, der im Vorjahr eine Druckerei erworben hatte und dadurch auch zum Buchdrucker geworden war: Im wöchentlichen Postrhythmus und in der Reihenfolge des Posteingangs druckte er seit der zweiten Oktoberwoche 1605 die neuesten Nachrichten. Carolus hatte sich bereits früher, möglicherweise seit dem neuerlichen Anschluß Straßburgs an die Infrastruktur der Reichspost im Jahr 1601, als “Novellant“, also als professioneller Händler handschriftlich vervielfältigter wöchentlicher Nachrichten betätigt. Im Dezember 1605 beantragte er beim Straßburger Magistrat die Druckerlaubnis und das Monopol für diese wöchentlichen Nachrichten. Der Magistrat bewilligte das Ansuchen, und Carolus setzte den Druck seiner Wochenzeitung fort. Die Zeitung, die im Titel den Begriff “Relation” trug, bezog ihre Nachrichten aus dem Kommunikationsnetz der Taxis-Post mit den Nachrichtenzentren Rom, Venedig, Wien, Prag, Antwerpen und Madrid an der Spitze.

Drauf gekommen bin ich durch die relativ beliebige Suche nach einem User Name für Twitter…

[Winkelbauer, Thomas: Ständefreiheit und Fürstenmacht. Länder und Untertanen des Hauses Habsburg im konfessionellen Zeitalter. Teil 1. Österreichische Geschichte 1522–1699, Wien 2003, S. 353 (meine Hervorhebung)]

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Der starke Arm von Stuart Hall

April 20th, 2009 Stephan Gruber

Wusste ich’s doch: Stuart Hall ist ein starker Typ. Nein, nicht (nur) der Kulturtheoretiker, sondern sein Namensvetter: Dieser geht der mir bis vor wenigen Minuten unbekannten Profession des Armwrestling nach. Dachte ich bis vor kurzem noch, mit Darts und Poker wäre die Spitze des Sportfernsehens erreicht, belehrt mich nun das Armwrestling-Magazin auf Eurosport eines Besseren. Und just dort nehmen offenbar Größen des Genres wie Stuart Hall (Spitzname “The Secret”) an diversen Wettbewerben teil.

The Secret Stuart Hall

"The Secret" Stuart Hall

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Piraten retten die Ökonomie

Februar 10th, 2009 Anna Masoner

Anders als in den meisten Ländern der EU, wo Filesharer hemmungslos kriminalisiert werden, gehts in Holland zu. Im Lande der Piraten, immerhin parktizieren dort angeblich rund 30 Prozent der Bevölkerung Filesharing, gab die niederländische Regierung ein Forschungsprojekt in Auftrag. Das Ziel war herauszufinden, wie groß die von Musik-und Filmindustrie vielbeschworenen Auswirkungen von Filesharing auf die die sinkenden Einnahmen wirklich sind.

Das Ergebnis der Studie? Nun, zum einen fand sich keine direkte Verbindung zwischen sinkenden Verkaufszahlen von CDs und Co und Filesharing. Ganz im Gegenteil. Laut der Autorin der Studie, Annelies Huygen, hat Filsharing durchaus positive Effekte. Es sind nämlich die selben Leute, die Videospiele im Netz downloaden und kaufen. Die Möglichkeit eine Sache quasi zur preview gratis zu konsumieren führt öfter als die Unterhaltungsindustrie glaubt zum Kauf.

Hygen kommt zum Schluß, dass das illegale Downloaden der niederländischen Ökonomie jährlich an die 100 Mio. Euro einbringt.

Interessant ist übrigens, dass eine Studie, die von der kanadischen Regierung in Auftrag gegeben wurde und letzten Herbst erschienen ist, zu einem ähnlichen Schluß kommt.

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SCIgen – Computer Science Papers auf Knopfdruck

Januar 12th, 2009 Stephan Gruber

Für die automatisierte Generierung postmoderner Texte gibt es wie berichtet den Postmodernism Generator. Aber nicht nur postmodernes Blabla ist offenbar recht einfach zu erschaffen, für computerwissenschaftliche Texte gibt es ein ganz ähnliches Tool, das “research papers, including graphs, figures, and citations” auf Knopfdruck erstellt – noch dazu mit freier Wahl der Autorenschaft: SCIgen – An Automatic CS Paper Generator. Angeblich ist dieses Programm sogar nützlich:

One useful purpose for such a program is to auto-generate submissions to conferences that you suspect might have very low submission standards.

Vielleicht sollten wir uns gleich bei einer solchen Niedrig-Standard-Konferenz mit diesem Paper bewerben: Daniel Messner, Anna Masoner and Stephan Gruber: The Effect of Stochastic Communication on Artificial Intelligence

(Danke an Patrick für den Hinweis.)

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Abschied, geschmackloser Art

Januar 2nd, 2009 Daniel Meßner

Ein Nachruf soll ja eigentlich ein Lebenswerk würdigen, zumindest aber an Taten/Werke von Verstorbenen erinnern. Robert Misik verfasste im Standard zum Beispiel neulich einen Nachruf auf Samuel Huntington.

Und manchmal passiert es, dass Menschen ihren eigenen Nachruf lesen (dürfen/müssen). Schließlich liegen in den meisten Redaktionen bereits Nachruf-Entwürfe für berühmte Persönlichkeiten. Im August 2008 konnte so Steve Jobs schon mal seinen Nachruf begutachten.

Ausriss MISSEinen ziemlich miesen Nachruf hat sich die Zeitschrift MISS in der aktuellen Jänner-Ausgabe erlaubt, indem sie in der Kategorie ABSCHIEDE schon mal einen Nachruf auf Patrick Swayze brachte. Wohlwissend, dass der  Schauspieler lebt.

“Vielleicht ist es schon vorbei, wenn Sie, liebe Leser, diese Zeitung in Händen halten.”

Habe ich irgendwo den Sarkasmus verpasst, die Ironie verschlafen? Oder ist der Beitrag einfach nur geschmacklos?

Besonders da es in den letzten Monaten seit Swayzes Erkrankung immer wieder Gerüchte in Boulevardblättern gab, dass der Schauspieler bald sterben werde. Swayze dementierte diese Gerüchte mehrfach.

Für ihn und seine Familie grenze die Verbreitung falscher Informationen an emotionale Grausamkeit, so Patrick Swayze zu den Gerüchten, er sei vom Krebs besiegt worden. Ist zwar nicht nach der seriösesten Quelle zitiert, aber immerhin.

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