In aller Ruhe, während Joly verdutzt zu lesen begann, trat Simonini hinter ihn, hielt ihm den Lauf der Pistole an den Kopf und drückte ab.
Joly fiel zur Seite, mit hängenden Armen, während ihm ein dünner Streifen Blut aus einem Loch in der Schläfe rann. Es war nicht schwer, ihm die Pistole in die Hand zu legen. Zum Glück geschah dies sechs oder sieben Jahre bevor ein wunderwirkendes Pulver entdeckt wurde, das es ermöglichte, auf einer Waffe die unverwechselbaren Abdrücke der Finger, die sie berührt hatten, sichtbar zu machen. Zu der Zeit, als Simonini seine Rechnung mit Joly beglich, galten noch die Theorien eines gewissen Bertillon, die auf den Messungen des Skeletts und anderer Körperteile des Verdächtigen beruhten. Keinem Menschen wäre der Verdacht gekommen, dass Jolys Tod kein Suizid war.
Eco, Umberto (2011): Der Friedhof in Prag. Roman. München: Hanser, S. 317.
Olaf Terpitz (Leipzig) hat für H-Soz-u-Kult ein sehr spannend klingendes, letztes Jahr erschienenes Buch über Identifikationspolitiken im zaristischen Russland rezensiert:
Avrutin, Eugene M. (2010): Jews and the Imperial State. Identification Politics in Tsarist Russia. Ithaca: Cornell University Press.
Leider ist das Buch bisher noch nicht in österreichischen Bibliotheken verfügbar, das sollte sich aber demnächst ändern. Terpitz’ durchaus positives Fazit, das das Werk in die auch von uns verfolgten Forschungsansätze einordnet und daher dankenswerter Weise unser Projekt in einer Fußnote erwähnt:
Avrutin verwendet in seiner Studie mit großer Detailkenntnis einen innovativen Forschungsansatz, der bereits für das europäische Mittelalter und die Frühe Neuzeit fruchtbar gemacht wurde.1 Durch das Prisma von Bevölkerungsmanagement betrachtet, erscheint dabei das Verhältnis zwischen zarischem Staat und jüdischer Bevölkerung nicht nur in einem neuen Licht, sondern wirft auch kritische Fragen zu bisherigen Konzepten von Integration und Emanzipation auf. Das sich der „papiernen Zugehörigkeit“ widmende Forschungsfeld bietet zudem einen differenzierten Zugriff auf „Identität“, indem es von Formen der (materiell sichtbaren) Identifikation bzw. Identifizierung ausgeht. Es werden dergestalt Aushandlungsprozesse zwischen verwaltendem Staat und verwalteter Bevölkerung markiert, die einerseits rechtliche, kulturelle und soziale Aspekte von „Identität“ erfassen und problematisieren, wodurch andererseits jeweilige Absichten und Maßnahmen, Begegnungsstrategien und lebensweltliche Dispositionen deutlich herausgearbeitet werden können. In der Fragestellung verknüpft finden sich somit drei Perspektiven: die staatliche, die jüdische und die Interaktionen zwischen beiden Akteursgruppen.
Vgl. beispielsweise die Arbeiten von Valentin Groebner und das an der Universität Wien angesiedelte Forschungsprojekt „Verdaten. Klassifizieren. Archivieren. Identifizierungstechniken zwischen Praxis und Vision“. [↩]
Thomas Claes: Passkontrolle! Eine kritische Geschichte des sich Ausweisens und Erkanntwerdens, Vergangenheitsverlag, Berlin 2010, 140 Seiten, ISBN 978-3940621276 , Preis: 14,90 Euro
Ausweise, Pässe und andere Identifizierungstechniken haben eine Geschichte. Somit verändern sich auch die Praktiken des Identifizierens von Personen und die damit verbundenen Artefakte im Laufe der Zeit. Thomas Claes zeichnet in „Passkontrolle! Eine kritische Geschichte des sich Ausweisens und Erkanntwerdens“ eine Geschichte des Ausweises nach vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Während dieser Zeit wandelten sich Pässe von Legitimationsinstrumenten, die das „Nicht-am-Platz-sein“ rechtfertigten sollten, zu einem immer stärker individualisierten Artefakt, das zunehmend mit biometrischen Daten verbunden wurde.
Das Passwesen ist einer der wichtigsten Bereiche ziviler Identifizierung und es stellt sich daher die Frage des Warum: Welche Funktionen erfüllen Ausweise und Pässe? Claes betont hier vor allem die kontrollierende und disziplinierende Funktion von Ausweisen durch Obrigkeiten: „Identifizierungsdokumente waren folglich schon immer Mittel der Kontrolle.“1 Wesentliche Wegmarker in der Entwicklung von Ausweisen und Pässen waren die Französische Revolution und die Einführung des Personenstandes (état civil) Ende des 18. Jahrhunderts. Die Erfindung der Staatsbürgerschaft führte zu wesentlichen Veränderungen des Passwesens: „Der moderne Staat wollte seine eigenen Subjekte erkennen, überwachen und kontrollieren“, betont Claes. Deutlich wird die Verknüpfung von Nationalstaatsbildung und Passwesen: „Die Geschichte des Passes ist auch die Geschichte des modernen Staates.“2Hauptzweck ziviler Identifizierung ist vor allem die Zugangskontrolle: Identifizierungsdokumente regeln den Zugang zu bestimmten Territorien und Räumen wie Städte oder Nationalstaaten. Allerdings gilt es zu betonen, dass sie gleichzeitig ermächtigende und limitierende Effekte haben. Auch darauf verweist Claes, denn Zugehörigkeit zu einem Staatswesen bedeutet auch Zugang zu Bürgerrechten und eben nicht nur staatliche Kontrolle. Staatenlosigkeit bedeutet Rechtlosigkeit. Ausweise und Pässe markieren somit immer auch eine Grenze zwischen Inklusion und Exklusion.
Während die politischen Rahmenbedingungen für die Ausweitung des Passwesens mit den Nationalisierungsbewegungen in Europa im 19. Jahrhundert gesetzt werden, gilt es ebenso, den Übergang von Mittelalter/Früher Neuzeit hin zur Moderne zu erklären. Als Gründe für die Ausweitung der Anwendung von Ausweisen und Pässen nennt Claes das Bevölkerungswachstum im 19. Jahrhundert, die gestiegene Mobilität – zum Beispiel durch die Eisenbahn – und die rasch wachsenden Großstädte durch die Industrialisierung. „Vormoderne Gesellschaften benötigen keine Mittel zur genauen Identifikation“, so das Fazit des Autors.3 Doch mobile Bevölkerungsgruppen gab es auch schon im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, worauf Claes selbst verweist, darunter Boten, Kaufleute aber auch Pilger, Bettler, Handwerker, Tagelöhner und nicht zuletzt Soldaten. Dennoch werden Ausweisdokumente, wie der Geleitbrief, nicht an individuelle Personen gekoppelt, geschweige denn mit biometrischen Merkmalen ergänzt. Für das Passwesen bedeutete der Erste Weltkrieg eine Zäsur. Claes betont die liberalen Passbestimmungen in Europa – die er mit dem Schengenraum vergleicht – und die mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges ein Ende fanden. Eine interessante Neuerung wurde nun in den Pass aufgenommen: Fortan wurde auch ein Foto des Passinhabers zur Pflicht; neben der Unterschrift des Passträgers das wichtigste biometrische Merkmal – bis heute.
Eine Geschichte des Passwesens verweist auf wesentliche (Macht-)Verhältnisse, innerhalb dessen Menschen interagieren. Claes beschreibt, wie es gerade nach dem Ersten Weltkrieg Probleme mit Flüchtlingen gab, die keine Ausweise hatten oder die sich im Sinne der Nationalstaaten nicht klar zuordnen ließen. Das gilt ebenso für nicht-sesshafte Bevölkerungsgruppen, die von Obrigkeiten häufig als Sicherheits- und Ordnungsproblem wahrgenommen wurden – und werden. Claes erwähnt mit dem sog. „Nansen-Pass“ des Völkerbundes einen Lösungsansatz. Der 1920 gegründete Völkerbund war eine wichtige Institution hinsichtlich der Standardisierung von Ausweisdokumenten. Ein Einschnitt in der Geschichte des Passwesens war die 1938 durch die Nationalsozialisten eingeführte Kennkartenverordnung und der Kennkartenzwang, der die politische Instrumentalisierung von Ausweisen besonders verdeutlicht. Denn zum Besitz einer Kennkarte verpflichtet wurden alle wehrpflichtigen Männer spätestens drei Monate vor ihrem 18. Geburtstag und alle Juden mit deutscher Staatsbürgerschaft. Die Wechselwirkungen zwischen politischen Machtverhältnissen und technischen Möglichkeiten wird von Claes eher vernachlässigt, zugunsten einer Ausrichtung vor allem auf den politischen Kontext.
Die technischen Neuerungen durch den Einsatz von EDV in der Verwaltung prägte die Geschichte der Ausweise in den 1980er-Jahren. Bemerkenswert sind die „Datenschutzrechtlichen Bestimmungen“ im Passgesetz der deutschen Bundesregierung von 1986, in dem es unter §16 heißt: „Der Paß darf weder Fingerabdrücke noch verschlüsselte Angaben über die Person des Inhabers enthalten.“ Die verstärkten Bemühungen biometrische Daten auf Ausweisen und Pässen zu integrieren, zeichnen gegenwärtige Tendenzen aus. Als Gründe führt Claes Terrorismus – vor allem 9/11 – sowie Globalisierungsbewegungen an. Biometrie spielte vorher vor allem durch Unterschrift und Lichtbild des Passträgers auf Ausweisen eine Rolle, während alle anderen biometrischen Verfahren im zivilen Bereich keine Anwendung fanden. Seit Fingerabdrücke auf Reisepässen und Personalausweisen gespeichert werden, ist dies anders, wobei zu betonen ist, dass es weiterhin zu keinen Überschneidungen mit der strafrechtlichen Anwendung von Fingerabdrücken kommt. Biometrie schließt nun – so Claes – „die Jahrhunderte alte Lücke zwischen Mensch und Dokument.“4 Außer Acht gelassen wird hier von Claes – dessen Anspruch es ist, eine kritische Geschichte des Passwesens zu verfassen –, dass das nur gilt, wenn es zu einem 1-zu-1-Vergleich zwischen Passträger und den Fingerabdrücken, die auf dem Pass gespeichert sind, kommt. Schließlich müssen die Meldebehörden die Daten nach Aushändigung des Passes löschen. Ein 1-zu-1-Vergleich ist derzeit aber noch nicht möglich und wird auch – wenn die technischen Probleme überwunden sind – nicht im großen Maßstab durchführbar sein, dafür ist der Vergleich zweier Fingerabdrücke zu komplex und nicht vollständig automatisiert durchführbar, sondern immer von menschlicher Expertise abhängig.5 Für eine strafrechtliche Verwendung reicht die Speicherung der Zeigefingerpapillarlinien nicht aus. Kritik übt Claes hingegen an der Speicherung biometrischer Lichtbilder: „Der Sinn, biometrische Passbilder im Ausweis zu speichern, ist jedoch weniger ersichtlich.“6 Doch gerade hier ergeben sich zukünftig neue Methoden der Identifizierung, die es gilt im Auge zu behalten. So können die Daten eines Reisepasses kontaktlos mit Hilfe eines RFID-Chips ausgelesen werden. Anschließend würde sich zum Beispiel mit einem Face-recognition-System die Möglichkeit ergeben, die Person zu identifizieren.
Die Frage, was es bedeutet, eine Person zu identifizieren, wirft das Beispiel des neuen Personalausweises in Deutschland, der sog. ePass, auf. Die Kritik, die an den neuen Ausweisen geübt wurde, ist, dass diese nicht sicher genug seien, und Claes geht näher auf einen Test des Chaos Computer Clubs ein, der Sicherheitslücken der neuen Personalausweise aufgezeigt hat. Ohne Zweifel ist es wichtig, auf die Sicherheitslücken hinzuweisen, aber, dabei darf nicht vergessen werden, dass mit den Ausweisen versucht wird, Identitäten von Personen, die im Internet Geschäfte tätigen, eindeutig sicherzustellen. Hier stellt sich allerdings die Frage, ob das generell überhaupt möglich ist. Die Ausweise sollen gewährleisten, dass eine Person im Internet auch die Person ist, für die sie sich ausgibt. Das ist allerdings nicht möglich über biometrische Daten, die auf einem Dokument gespeichert sind. Schließlich kommt es nicht zu einem 1-zu-1-Vergleich zwischen Pass und Internetanwender. Nur weil eine Person im Besitz des Passes ist und die PIN des Benutzers weiß, ist sie noch lange nicht die Person, für die sie sich ausgibt. Die Unsicherheit der Verwendung, wie sie der Chaos Computer Club aufzeigte, geht vor allem von der Möglichkeit aus, Schadsoftware über den Computer oder das Kartenlesegerät zu installieren. Das lässt sich ohnehin nie verhindern. Hier hätte Claes meines Erachtens stärker auf die soziale Interaktion des Identifizierens eingehen können, also auf die Praxis des Identifizierens und die Frage, wie Personen zu bestimmten Zeiten mit Hilfe von Pässen identifiziert wurden. Denn wird nicht meistens der Abgleich, ob Person und Ausweis zusammengehören, in die Frage ausgelagert, ob der Ausweis gefälscht ist oder nicht?
Mein Eindruck ist, dass bei dem Buch die Grenzen zwischen akademischem Fachbuch – vor allem was die Sprache betrifft – und Sachbuch, für einen breiteren Markt, verschwimmen. Sprachlich hätten dem Buch erzählende Passagen, vor allem als Einstieg in die Kapitel, und personalisierte Beispiele gutgetan. Dazu gehört auch, dass das Buch anschaulicher hätte gestaltet werden können. Gerade Ausweise hätten sich angeboten, wie das Cover auch zeigt, über Bilder einen besseren Eindruck davon zu vermitteln, wie sich Ausweise in den letzten Jahrhunderten veränderten oder auch, welche Merkmale zu welchen Zeiten auf den Pässen gefordert waren.
Insgesamt bietet das Buch einen guten Einstieg in das Thema. Es liest sich schnell und vermittelt einen kompetenten Überblick über wichtige Entwicklungen des Passwesens und über aktuelle Forschungsfragen. Darüber hinaus werden LeserInnen im Literaturteil auf einschlägige weiterführende Lektüre verwiesen. So werden viele Standardwerke genannt, die sich für eine vertiefende Lektüre empfehlen würden – insbesondere der Sammelband „Documenting Individual Identity“, herausgegeben von Jane Caplan und John Torpey, ist hier zu nennen.7
Siehe u.a. Cole, Simon A. (2002): Suspect identities. A history of fingerprinting and criminal identification. 2nd print. Cambridge, MA: Harvard Univ. Press [↩]
Caplan, Jane (Hg.) (2001): Documenting individual identity. the development of state practices in the modern world. Princeton N.J. u.a.: Princeton Univ. Press [↩]
Nachdem der SammelbandErmitteln, Fahnden und Strafen. Kriminalitätshistorische Studien vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, herausgegeben von Andrea Griesebner und Georg Tschannett, vor wenigen Monaten im Löcker Verlag erschienen ist, steht jetzt der Termin zur Buchpräsentation fest.
Zeit: Mittwoch, 20. Oktober 2010, 20 Uhr
Ort: Seminarraum 1, Institut für Geschichte
Geboten werden — neben den üblichen Danksagungen — auch Einblicke in die historisch-kulturwissenschaftlichen Arbeiten. Stephan Steiner liest Ausschnitte aus Quellen — z. B. Gerichtsprotokolle oder Selbstzeugnisse —, die von den AutorInnen kurz kommentiert werden.
Nähere Infos gibt´s auf der Einladung, die hier zum Download bereitsteht.
Vor einigen Tagen ist der Sammelband Ermitteln, Fahnden und Strafen. Kriminalitätshistorische Studien vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, herausgegeben von Andrea Griesebner und Georg Tschannett, im Löcker Verlag erschienen. Der Band enthält zehn Beiträge von jungen Absolventen und Absolventinnen der Studienrichtung Geschichte der Universität Wien, darunter auch zwei Aufsätze von uns:
DANIEL MESSNER: Erkennungsdienstliche Behandlung verdächtiger Personen. Über technisierte Identifizierung durch Fotografie, Anthropometrie und Daktyloskopie
STEPHAN GRUBER: Steckbrieflich gesucht. Behördliche Fahndung in der Habsburgermonarchie im 18. Jahrhundert
Andrea Griesebner, Georg Tschannett (Hg.):
Ermitteln, Fahnden und Strafen
Kriminalitätshistorische Studien vom 16. bis zum 19. Jahrhundert
Wien: Löcker 2010
12,5 x 10,5 cm
Broschur
282 Seiten
€ 22,–
ISBN 978-3-85409-553-8
“No, you are nothing. These papers tell me you are nothing. Nothing at all. You do not exist.”
“One day! They are out of date by one day, that is all.”
“Sir, this gentleman comes through all the time,” Klingermann gave Alois an uncomfortable look. “He is… he is well known to me. I can vouch for him.”
“Oh, you can vouch for him, can you Klingermann? And why do you think the Imperial Government in Vienna spends a fortune every month on papers, stamps, passports and vouchers, then? For fun? What do you think a voucher is? It is a stamped piece of paper to be carried around at all times, legitimising the bearer. Or does this non-existent citizen of nowhere imagine that he will carry you around as his voucher?”
“But as a German, I am allowed free passage into Austria!”
“But you are not a German. You may have been, from these papers, a German yesterday. But today, today you are no one and nothing.”
aus Stephen Fry: Making History, London 1997, S. 32
Nachdem mir das Buch nun von mehreren Seiten nahegelegt wurde, sollte “Angriff auf die Freiheit” von Ilija Trojanow und Juli Zeh vielleicht doch noch auf meine Leseliste. Interessant ist jedenfalls, dass der Anmerkungsapparat als PDF downloadbar ist.
Auf den ersten Blick erscheint mir die Debatte ein wenig oberflächlich abgehandelt, da wird viel hineingepackt, um ein Schreckensszenario zu skizzieren. Aber ist auch kein Wunder, die beiden AutorInnen verstehen das Buch als Kampfschrift, die viele Menschen aufrütteln soll.
Wichtige theoretische Literatur lässen die Anmerkungen jedenfalls vermissen, ist allerdings ja keine wissenschaftliche Abhandlung. Doch ein Hinweis auf die Technik selbst fehlt mir schon – oder vielleicht auch nur, weil die Technik als Truth Machine seit Simon Coles Vortrag in Oxford gerade meine Lieblingsidee ist.
Die Einleitung und der Vorbericht zum Interview mit den beiden AutorInnen auf 3Sat ist jedenfalls interessant. Da wird ein Klischee nach dem anderen aufgewärmt, dabei alle Themen bunt gemischt, um am Ende ein paar Standardfragen zu stellen, die kritisch daherkommen sollen. Sieht so populäre Aufbereitung des Themas aus?
Ein eher kurzfristiger Veranstaltungshinweis: Heute, 1. Oktober 2009, findet um 18.30 im Palais Epstein eine Buchpräsentation statt, unter anderen mit Dietmar Kammerer, offenbar aber NICHT öffentlich zugänglich (siehe unten):
Unter dem Titel “Quadriga” und dem Motto “Überwachung – Bespitzelung – Sicherheit” werden folgende Werke präsentiert: Ilija Trojanow und Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte. (Hanser) Ines Geipel: Zensiert, verschwiegen, vergessen. (Artemis und Winkler) Dietmar Kammerer: Bilder der Überwachung. (Suhrkamp) Am Podium diskutieren – moderiert von Zita Bereuter (FM4) und Peter Zimmermann (Ö1) – Ines Geipel, Dietmar Kammerer, Florian Klenk und Ilija Trojanow. (18.30 Uhr, Palais Epstein)
HINWEIS: Die in der “Parlamentswoche” angeführten Veranstaltungen sind grundsätzlich nicht öffentlich, Teilnehmerinnen und Teilnehmer benötigen eine Einladung. Journalistinnen und Journalisten benötigen für eine Teilnahme einen JournalistInnenausweis bzw. eine Akkreditierung als Parlamentsjournalisten.
Auf der Verlagswebsite von Suhrkamp gibt’s ein paar Details zu Dietmar Kammerers Buch “Bilder der Überwachung“:
Videoüberwachung produziert Bilder, in Hollywood-Filmen wie Der Staatsfeind Nr. 1 oder Die Truman Show werden die Kameras aber auch selbst zum Bild; den Police-Song »Every Breath You Take« kann man als Hymne der Sicherheitsfetischisten interpretieren und Michel Foucaults »panoptische Gesellschaft« muß angesichts technologischer Fortschritte neu gedacht werden. Diese kulturwissenschaftliche Studie über Videoüberwachung und ihre medialen Repräsentationen führt von 1667, als der »Sonnenkönig« Louis XIV. die Straßenbeleuchtung zentralisieren ließ, bis in die Gegenwart, in der gesichtserkennende Systeme Täter aus der Menge fischen sollen, Bürgerrechtler zur Überwachung der Überwacher aufrufen und Passanten vor echten Videokameras falsches Theater spielen.
Die HSK-Redaktion scheint’s aber auch mit einer Portion Humor zu nehmen: Im aktuellen “hsk digest” (September 03, 2009) wurde nicht nur die eben genannte “Erwiderung auf die Replik zur Rezension” versandt, sondern auch ein Hinweis auf eine Konferenz mit dem passenden Titel “Gelehrte Polemik: Typen und Techniken wissenschaftlicher Konfliktführung” (23.-25. September 2009, Gießen).
Das Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte stellt fünf Jahrgänge der Zeitschrift “Rechtsgeschichte” online zur Verfügung. Bei der ersten Durchsicht bin ich über die Rezension von Simon Coles “Suspect Identities” und Jane Caplans und John Torpeys “Documenting Individual Identity” gestoßen, verfasst von Miloš Vec.
Der Grund, warum ich das schreibe, ist eine Beschwerde: Von dem Buch gibt es in ganz Wien offenbar nur ein öffentlich verfügbares Exemplar; im Institut für Wissenschaftsforschung. Nicht nur mehr Exemplare wären wünschenswert, auch eine deutsche Übersetzung könnte ich mir gut vorstellen.
Wann immer einen die Dinge erschreckten, sei es eine gute Idee, sie zu messen.
Die Pest der vorgetäuschten Identitäten, sagte Humboldt. Zwei Mitarbeiter von ihm, Daguerre und Niepce, arbeiteten an einer Erfindung, die Abhilfe schaffen werde. Dann werde die Obrigkeit offizielle Abbilder haben, und man werde sich nicht mehr als Berühmtheit ausgeben können.
Zwei Zitate aus Daniel Kehlmanns “Die Vermessung der Welt“. Ich hab das Buch recht unterhaltsam gefunden, auch wenn ich nicht unbedingt in die ausufernden Lobeshymnen einstimmen würde. Ganz so nichtssagend wie manch anderer Leser fand ichs aber auch wieder nicht.
[Kehlmann, Daniel: Die Vermessung der Welt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2008 (erstmals 2005), S. 22 und 257]
Einmal muß Schluß sein. – Nichts dergleichen. – “Du willst nicht verstehen.” – Wie es gewesen sein wird. – Es war an der Zeit. – Wie lange noch? – “Das ist Geschichte.” – Komplett sogar. – “Es vergessen.” – Noch war es nicht vorbei.
Diese Sätze bilden in zehn Kapiteln die Klammern, zwischen denen sich in Doron Rabinovicis Roman “Ohnehin” die Handlung entfaltet. Der Roman ist vor allem eine wunderbare Reflexion über das Erinnern und Vergessen; auch über die unterschiedlichen Definitionen und Zugänge zu diesen Begriffen. Rabinovicis Interesse am individuellen wie kollektiven Umgang mit der Vergangenheit kommt nicht von ungefähr, hat er doch 2000 mit einer Dissertation sein Studium der Geschichte an der Universität Wien abgeschlossen, die den Titel trägt: “Instanzen der Ohnmacht. Die Wiener jüdische Gemeindeleitung 1938 bis 1945 und ihre Reaktion auf die nationalsozialistische Verfolgung und Vernichtung”.
Also: Leseempfehlung (auch wenn wahrscheinlich nicht alle meine Meinung teilen werden) – für HistorikerInnen ebenso wie für Naschmarkt-BesucherInnen.
Kleine Leseprobe zum Abschluss (auf der Homepage des Autors gibts noch ein bisschen mehr):
Er lebte in einer anderen Zeit, oder lebte eben nicht in ihr, sondern war an sie verloren, in sie eingefroren. Er war aus der Welt, und nicht in einer eigenen, vielmehr war er in gar keiner, war er ein Gefangener, der nicht einmal über einen Kerker oder irgendeine Zelle, nicht über einen Zusammenhalt verfügte, denn alles in ihm und um ihn zersplitterte von einem Moment zum anderen.