Dezember 31st, 2008 Daniel Meßner
Nächstes Jahr, also in wenigen Stunden, beginnt das Darwin-Jahr. Zum Gedenken gibts gleich zwei Jubiläen. Charles Darwins Geburtstag jährt sich zum 200. Mal (12.2.1809-19.4.1882) und die Erstausgabe von “On the origin of species by means of natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for life” erschien vor 150 Jahren. Eine digitalisierte Fassung gibts hier.
Einige Medien haben es sich nicht nehmen lassen, bereits im Dezember Specials zu bringen. So ist in der dieswöchigen Zeit ein Beitrag, und das aktuelle Heureka!, die Falter-Wissenschaftsbeilage, widmet sich ebenfalls Darwin und der Evolutionstheorie.
Kaum eine Wissenschafts-Theorie die stärker verklärt wird als die Evolutionstheorie und ich bin mal gespannt, was wir im Laufe des Jahres noch alles über Darwin lesen werden. Wäre auch eine kleine Untersuchung wert, schließlich ist es gerade die Evolutionstheorie, die seit 1860 in populären Medien diskutiert wird. Kaum ein Wissenschaftler wurde häufiger karikiert. Was wiederum wesentlich zu ihrer Verbreitung beitrug.
Die Bedeutung Darwins liegt nach Eve-Marie Engels darin, dass er mit seiner Theorie das Verständnis der Stellung des Menschen im Naturganzen entscheidend veränderte. Darwin eröffnete mit der Abstammungslehre und der Idee der natürlichen Selektion neue Denkhorizonte und Forschungswege. Damit zog sein Werk Konsequenzen für alle Human- und Geisteswissenschaften nach sich und war auch auf die Gesellschaft übertragbar. (Engels, Eve-Marie: Charles Darwin, München 2007, S. 11)
Im Heureka! gibt es einen Beitrag von Ulrike Fell: “Mit der Evolution rechnen”. Fell beschreibt einige Anwendungsmöglichkeiten computergenerierter Evolutionsanwendungen, zum Beispiel bei der Erstellung von Phantombildern.
Erfolge bringen die evolutionären Verfahren auch in der Bildverarbeitung. Evolutionäre Algorithmen helfen der Polizei bei der Erstellung von Phantombildern. Dabei berechnen Programme aus Merkmalen, an die sich der Zeuge erinnert, eine Serie zufällig erzeugter Gesichter. Aus dieser ‘Elterngeneration’ sucht sich der Zeuge jene Bilder aus, die dem Verdächtigen am meisten ähneln. Daraus komponiert der Algorithmus immer neue Varianten, bis der Zeuge zufrieden ist.

Francis Galton, 1883, Inquiries into Human Faculty and its Development
Mich erinnert das an die Kompositfotografien von Francis Galton. Sicher, der Vergleich ist eher schief als eben. Schließlich legt Galton mehrere Bilder übereinander, um Ideal-Typen zu visualisieren.
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Dezember 30th, 2008 Stephan Gruber
Eine interessante Vokabel benutzt Michael Hagner in seinem Artikel “Das Hirnbild als Marke. Der Siegeszug des Neuroimaging und seine Folgen” (Recherche 3/2008, S. 4–5): Er bezeichnet die inflationär verwendeten Hirnbilder als Evidenzgeneratoren:
Es ist also nicht die jenseits der Geschichte in sich ruhende Form des im Schädel schwimmenden Gehirns, die einem Hirnbild Glaubwürdigkeit vermittelt. Dass diese Bilder als Evidenzgeneratoren funktionieren, hängt von den jeweiligen Sinnkontexten ab, in denen sie hergestellt, inszeniert und verbreitet werden.
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Dezember 29th, 2008 Stephan Gruber
Wir halten uns nie an die Gegenwart. Wir rufen uns die Vergangenheit zurück; wir greifen der Zukunft vor, als käme sie zu langsam und als wollten wir ihr Eintreten beschleunigen, oder wir rufen uns die Vergangenheit zurück, als wollten wir sie festhalten, da sie zu schnell vorübereilte, wir sind so unklug, dass wir in Zeiten umherirren, die nicht die unsrigen sind, und nicht an die einzige denken, die uns gehört, und wir sind so eitel, dass wir an jene denken, die nichts sind, und uns unüberlegt der einzigen entziehen, die weiterbesteht. Das kommt daher, weil die Gegenwart uns meistens weh tut. Wir verbergen sie unserem Blick, weil sie uns betrübt, und wenn sie uns angenehm ist, bedauern wir, sie entschwinden zu sehen. Wir bemühen uns, sie durch die Zukunft abzusichern, und meinen die Dinge zu ordnen, die nicht in unserer Macht stehen, und das für eine Zeit, die zu erreichen für uns ganz ungewiss ist.
Jeder prüfe seine Gedanken. Er wird finden, dass sie ganz mit der Vergangenheit oder der Zukunft beschäftigt sind. Wir denken fast überhaupt nicht an die Gegenwart, und wenn wir an sie denken, so nur, um aus ihr die Einsicht zu gewinnen, mit der wir über die Zukunft verfügen wollen. Die Gegenwart ist niemals unser Ziel.
Die Vergangenheit und die Gegenwart sind unsere Mittel; allein die Zukunft ist unser Ziel. Deshalb leben wir nie, sondern hoffen auf das Leben, und da wir uns ständig bereit halten, glücklich zu werden, ist es unausbleiblich, dass wir es niemals sind.
Blaise Pascal (1623–1662), aus: Gedanken über die Religion und einige andere Gegenstände (Pensées sur la religion et sur quelques autres sujets)
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Dezember 18th, 2008 Stephan Gruber
“The Economy of Sexual identity: Subcapitalist semantic theory and constructivism”
If one examines material narrative, one is faced with a choice: either reject Sartreist existentialism or conclude that the significance of the participant is social comment, given that consciousness is interchangeable with narrativity. Lyotard uses the term ‘material narrative’ to denote a self-falsifying totality. It could be said that in A Portrait of the Artist As a Young Man, Joyce affirms constructivism; in Dubliners, however, he denies subcapitalist semantic theory.
The subject is contextualised into a that includes sexuality as a paradox. Thus, if material narrative holds, we have to choose between subcapitalist semantic theory and neotextual nationalism.
Schlüssig, nicht? Der Postmodernism Generator, der diesen Text ausgespuckt hat, hat zwar schon einige Jahre auf dem Buckel, ist aber immer noch eine geniale Idee: “The essay you have just seen is completely meaningless and was randomly generated by the Postmodernism Generator.”
Das Programm wurde 1996 geschrieben, also in dem Jahr, in dem auch die sogenannte “Sokal-Affäre” für Aufregung sorgte: Der Physiker Alan Sokal schaffte es, in der Cultural Studies-Zeitschrift Social Text diesen Hoax-Artikel zu veröffentlichen; es folgte ein Science War unter anderem mit Bruno Latour.
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Dezember 16th, 2008 Anna Masoner
Interessantes berichtete gestern die SZ unter dem Titel Filmchen im Pass in der Rubrik Digitales. Die deutsche Bundesdruckerei tüftelt derzeit gemeinsam mit dem koreanischen Tech-Riesen Samsung anscheinend an einem Gadget, das kleine Videosequenzen in den Pass bringen soll. Warum? Diesmal mal nicht um die Ausweise fälschungssicherer zu machen, wie das beliebte Argument bei der Implementiereung von Biometrie in Ausweisdokumente lautet, sondern um Identitätsdiebstahl vorzubeugen. Kurze Videosequenzen, die den Kopf von vorne, wie von beiden Seiten zeigen, würden eine Person viel eindeutiger identifizieren als ein Foto, heißt es aus der Staatsdruckerei. Dass Menschen, die sich ähnlich sehen, Ausweise untereinander austauschen, fürchtet die Staatsdruckerei derzeit wohl mehr, als dass sie selber welche produzieren.
Funktionieren solls jedenfalls mit speziellen Anzeigefolien aus speziellen Leuchtdioden. In drei bis fünf Jahren soll die Technik marktreif sein.
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Dezember 15th, 2008 Stephan Gruber
dieStandard.at berichtet über eine Analyse von “Germany’s Next Topmodel” und ähnlichen TV-Sendungen, die die Medienwissenschaftlerin Tanja Thomas, Jun.-Prof. für Kommunikationswissenschaft und Medienkultur an der Universität Lüneburg, kürzlich in Salzburg präsentiert hat. Interessant ist das Vokabular, das Thomas zur Charakterisierung dieser Sendung benutzt, um einen Bogen von der Vermessung des Körpers zu Patriarchat und Neoliberalismus zu spannen:
Die “Vermessung und Verdatung von Körpermaßen” sei zwar sehr wohl Ausgangspunkt der Sendung, die Wirkung gehe aber darüber hinaus. Unter einer “politisch-kritischen Perspektive” betrachtet, lade die Show ein “zur Unterwerfung unter patriarchalische Strukturen und zur Einübung und Internalisierung des männlichen Blicks“. “Aufforderungen zur Arbeit am eigenen (Körper-)Ich, zur Unterwerfung unter Normalisierungserwartungen und Konformitätsdruck” seien stets Bestandteil von TV-Formaten dieser Art.
Wenig überraschend fallen die Forum-Kommentare zum Artikel aus: Das Spektrum reicht von Zustimmung über (undifferenziertes) Einstimmen in Patriarchat-/Neoliberalismus-Kritik-Floskeln bis zu bekannten “Genderwahn“-Stereotypen, etwa vom User “Die freie Meinungsäusserung, die wir meinen..”:
wieder eine arbeitslose Sozialwissenschaftlerin…….. die hier mit dem Genderwahn kostenlose Werbeflächen, Stipendien, Projektfinanzierungen usw. aufstellt. Insofern: eine gewisse Intelligenz ist ihr nicht abzusprechen. Und das Ökohaus im Grünen ist aufgrund des jüngsten Geldflusses aus der Steuerkasse schon bestellt.
(jeweils meine Hervorhebungen)
(Danke an Irene für den Hinweis.)
[UPDATE: Das Forum ist mittlerweile geschlossen]
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Dezember 12th, 2008 Daniel Meßner
Dass über Evidenz nicht erst seit heute nachgedacht wird, zum Beispiel während der aktuellen Tagung “Der Einbruch des Realen” im IFK, zeigt sehr schön folgendes Zitat:
Die Wahrheit ist immer konkret.
Wenn die Internet-Quelle Recht hat, dann stammt das Zitat von Lenin, der damit das Dialektikverständnis Rosa Luxemburgs kritisieren wollte:
Er zitiert hier den russischen Sozialisten Tschernischewsky, der in Anlehnung an Hegel schreibt: “Eine abstrakte Wahrheit gibt es nicht, die Wahrheit ist konkret – Alles hängt von den zeitlichen und räumlichen Umständen ab.”
Draufgekommen bin ich aber nicht selber, sondern durch Günter Wallraff, der im Club 2 diese Woche zu Gast war.
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Dezember 12th, 2008 Stephan Gruber
Auf ihrem neuen Album “In aller Stille” befassen sich Die Toten Hosen – nicht mehr die Jüngsten, daher nun auch mit ernsteren Themen – unter anderem mit Datensammlungen. Im Song “Die letzte Schlacht” klingt das so:
Wir sind ‘ne schweigende Armee
Macht euch auf was gefasst
Wir sind die Graue Masse
Die kein Geheimnis hat
Weil man alles von uns weiß
Und uns ständig kontrolliert
Unsere Wege verfolgt und einstudiert
Auf der Suche nach der Norm
Forscht man uns akribisch aus
Speichert Informationen
Über unseren Lebenslauf
Was wir tun und was wir lassen
Wie wir denken, wie wir fühlen
Was wir mögen, was wir hassen am System
So weit, so bedrohlich. Doch die Subversion folgt sogleich im Refrain:
Ihr könnt uns jagen wie ihr wollt
Lernt uns ruhig noch besser kennen
Beim Versuch uns zu manipulieren
Doch ihr habt euch schwer getäuscht
Wenn ihr glaubt, dass man uns lenkt
Die letzte Schlacht gewinnen wir
Weil wir euch einzeln durch die Netze gehen
Hintergrund für den Song laut dpa-Meldung:
Am politischen Anspruch hält die Band fest, unterbrach ihre Pause im vergangenen Jahr sogar für den Protest gegen den G-8-Gipfel in Heiligendamm. Das Stück «Die letzte Schlacht» greift die jüngsten Datenskandale und die Datensammelwut der Unternehmen auf. Dabei ziehen die Hosen mit einer Liedzeile den Hut vor den großen Polit- Rockern der 70er und 80er Jahre, Ton Steine Scherben. «Die letzte Schlacht gewinnen wir» sang einst Rio Reiser, für Campino «eine ganz große Ausnahme-Erscheinung als Texter in der deutschen Musikkultur».
Heute spielen die “Hosen” in der (natürlich ausverkauften) Wiener Stadthalle.
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Dezember 10th, 2008 Stephan Gruber
Virtuelle Alternativwelten und Online-Nachbildungen der ‘echten’ Welt erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Boomten lange Zeit Fantasy-Umgebungen wie “World of Warcraft” (kurz WoW), so scheint nun die ‘schöne’ Realität auf dem Vormarsch. Das “Second Life” (Slogan “Your world. Your imagination.”) gibt es ja schon länger, nun stößt auch Sony mit seiner Playstation 3 in diese Richtung: “PlayStation®Home” nennt sich das Projekt, das seit einigen Monaten als “closed beta trial”, also für eine geschlossene Community läuft. Morgen öffnet Sony die “Home”-Welt dann für alle PS3-User.
Ich habe mich in diese mir bisher fremde Online-Welt gewagt. Noch bevor ich allerdings in diese schöne neue Welt durfte, wurde ich mit handfesten ‘realen’ Nutzungsbedingungen konfrontiert – ich muss also vor meinem Eintritt quasi meine Privatsphäre draußen lassen: Ich werde “überwacht“, alles was ich online tue, wird “aufgezeichnet” und “erfasst“; wenn ich mich schlecht benehme, kann ich auch mit den “Strafverfolgungsbehörden” zu tun kriegen. (Ziemlich sicher verstoße ich mit diesem Blog-Eintrag auch schon gegen einige dieser Bestimmungen, z. B. die Verschwiegenheitsklausel, die der Beta-Version eine geheimbündlerische Aura verleiht.)

Wenn ich damit einverstanden bin – die Hemmschwelle zum “Bestätigen” der Vereinbarung ist ja sehr gering –, dann kann ich daran gehen, mein virtuelles Alter Ego zu erschaffen. Die Akribie, mit der ich hier vorgehen darf, erinnert fast an polizeiliche Identifizierungstechniken wie die Bertillonage. Geschlecht, Schädelform, Gesicht, Körperform, Haut, Haare, auch Kleidung – alles darf ich nach meinen Wünschen bis ins letzte Detail anpassen.



Faszinierend ist dabei, dass die meisten User offenbar versuchen, ein (idealisiertes) Abbild ihres ‘echten’ Körpers zu erschaffen. Wenn also jemand mal diesem jungen Mann im Kino oder in der Bowlingbahn von PlayStation®Home begegnen sollte: Ich bin’s.

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Dezember 10th, 2008 Stephan Gruber
“CSI-Experience: Angehende Tatortermittler gesucht” – so die vielsagende Ankündigung einer “interaktiven Ausstellung” mit dem Titel “CSI: The Experience™” über die US-TV-Serie, die nun in Wien am Riesenradplatz Station macht und wohl einen Beitrag zum “CSI-Effekt” liefern wird.
Im Pressetext von der Ausstellungs-Website klingt das Versprechen der MacherInnen so (meine Hervorhebungen):
Die neue interaktive Wissenschaftsausstellung (sic!) zur erfolgreichen Fernsehserie, beginnt mit ihren Ermittlungen (…)
Inspiriert von der erfolgreichen CBS Fernsehserie, beleuchtet diese Wanderausstellung den Prozess der wissenschaftlichen Ermittlung und realen Untersuchungsmethoden, die bei der Lösung von Verbrechen zur Anwendung kommen.
Ich denke, wir müssen einen ‘Betriebsausflug’ dorthin machen…
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Dezember 9th, 2008 Daniel Meßner
Ob sich das ARD mit der Sendereihe “Die großen Kriminalfälle” einen großen Gefallen tut, möchte ich nicht beurteilen. Die heutige Folge “Der Ripper von Magdeburg” war jedenfalls in mehrfacher Hinsicht bloggenswert.

Kriminalfälle bestimmen den Fernsehalltag und wenn sie dann noch authentisch sind, umso besser. Schaulust und Sensationsgier als Dilemma, wie Dr. Watson in einer Sherlock Holmes-Geschichte äußerte: “Natürlich ist es völlig unmöglich, Sensation von Kriminalität zu trennen, und so steht der Chronist immer vor einem Dilemma.“ [Arthur Conan Doyle, Das Abenteuer mit dem Pappkarton]
Die Aufbereitung der Sendung war betont dokumentarisch mit viel Zeitzeugen-Interviews, chronologisch, unboulevardesk. Und dennoch: Es wird die Lebensgeschichte des Jürgen S. nachherzählt, er selbst kommt nicht zu Wort. Hans-Dieter Rutsch, der Sendungsmacher, meinte dazu: “Wir haben uns während seiner letzten Hafttage an ihn gewandt. Doch er wollte sich nicht äußern. Das haben wir zu respektieren.”
Jürgen S. wurde Anfang der 70er Jahre verurteilt, weil er seinen Stiefvater mit einem Messer schwer verletzte. Aus der Haft entlassen wird er wenige Jahre später wegen dreifachen Mordes in der DDR zum Tode verurteilt, 1991 kommt er frei, tötet eine junge Frau und wird 1995 erneut verurteilt, zu 13 Jahren Haft, im März 2008 kommt er frei. Dass der soeben entlassene Jürgen S. überhaupt Protagonist der Sendungsreihe wird, ist reichlich hinterfragenswert und das Ende der Sendung wirkt mehr als zynisch: “Er hat eine neue Chance. Zwei seiner Chancen zuvor haben vier Menschen mit dem Leben bezahlt.” Seinen letzten Mord beging Jürgen S., so legt die Sendung nahe, weil er es nicht mehr schaffte, sich in die Gesellschaft einzugliedern. Das wird Jürgen S. nach 13 weiteren Jahren Gefängnis nicht leichter fallen.
Welche Schlüsse sollen wir also aus der Geschichte ziehen? Nicht zufällig hat sich die Teleschau für folgenden Einstieg bei der Sendungsankündigung entschieden:
Die Nachbarn ahnen wahrscheinlich nicht, welche Gefahr auf der anderen Seite des Gartenzauns lauert. Niemand in der Kleinstadt wird vermuten, dass der Mittfünfziger, der im Frühjahr 2008 herzog, vor Jahren andernorts für schreckliche Schlagzeilen sorgte. ‘Der Ripper von Magdeburg’ lebt mitten unter ihnen.
Nach seiner Verurteilung zum Tode, Jürgen S. hatte alle drei Morde gestanden, widerruft er sein Geständnis, der Fall wird neu aufgerollt, nicht zuletzt auch, weil die UNO zur Todesstrafe und Folter in der DDR recherchiert. Entscheidend aber ist: Der Tathergang wird erneut rekonstruiert. Dabei fällt den Beamten ein neues Detail auf. Auf seiner Kleidung und seinen Schuhen findet sich nur Blut einer Leiche. Bei dem Blutbad, das die Beamten in Magdeburg vorfinden, ist das aber unerklärbar. Im Gutachten heißt es: Im Nachhinein lässt sich nicht mehr klären, wie die Tat abgelaufen ist. Jürgen S. Todesurteil wird in eine lebenslange Haft umgewandelt.
Verdeutlicht wieder die zentrale Bedeutung der Details: Kriminalbeamte sind eben Zeichensammler.
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Dezember 8th, 2008 Stephan Gruber
Einen interessanten Call for Papers für NachwuchswissenschaftlerInnen gibt es wieder mal vom IFK: Unter dem Titel “Was zeigt sich im Archiv und im Feld? Zum Vetorecht des Realen” veranstaltet das IFK im April 2009 eine Themenbörse, für die man sich bis 30. Jänner 2009 bewerben kann:
Das IFK lädt bis zu 20 NachwuchswissenschafterInnen österreichischer Universitäten und Forschungseinrichtungen (DissertantInnen und Postdocs) zur Präsentation möglichst kontroversieller Thesenpapiere, die von erfahrenen WissenschafterInnen des In- und Auslandes kommentiert werden.
Und noch vor Weihnachten, genauer am 11. und 12. Dezember 2008 findet am IFK die Tagung “Der Einbruch des Realen” statt.
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Dezember 5th, 2008 Stephan Gruber
Die letzten beiden Tage habe ich in Leipzig verbracht, wo ich im Forschungskolloquium am Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur einen Vortrag halten durfte. Im Zuge der Reise bin ich – neben den üblichen Kontrollinstanzen und Ausweispflichten des internationalen Flugverkehrs – auf zahlreiche interessante Artefakte von Identifizierungstechniken gestoßen: Vor allem öffentliche Anschläge und Hinweise der Polizei sind in Leipzig zuhauf zu finden. Hier eine kleine Auswahl als ‘Fotostory’:

Ein Hinweis auf die Kamera-Überwachung des Bahnhof-Vorplatzes.

Auch das Innere des Bahnhofes wird natürlich überwacht.

Per Anschlag gesucht wird ein Mörder …

… und 'natürlich' die üblichen Verdächtigen – "Terroristen".

Und schließlich mein 'Lieblingsfund' am Weihnachtsmarkt: eine Warnung vor Taschendieben, die von Umhängetaschen angeblich "magisch" (sic!) angezogen werden.
Insgesamt hatte ich also eine interessante Reise nach Leipzig – und noch dazu eine erfolgreiche: Mein Vortrag am Simon-Dubnow-Institut war sozusagen mein erster “professioneller” Auftritt im internationalen akademischen Gewerbe. Und angenehmer hätte diese Premiere nicht verlaufen können, sowohl was das ‘Drumherum’ betrifft als auch die Veranstaltung selbst – ich habe mich sehr wohl gefühlt. Mein Dank gilt vor allem Yaron Jean, der das Kolloquium in diesem Semester organisiert.
Dass ich mich wohl gefühlt habe, dokumentiert das letzte Bild vom Mittagessen im Thüringer Hof – entspannter können die letzten Vorbereitungen für einen Vortrag wohl kaum ablaufen …

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Dezember 3rd, 2008 Anna Masoner
In Zukunft müssen wir uns vielleicht nicht mehr über misslungene Schnappschüsse ärgern. Eine intelligente Digitalkamera rückt dann unserer Gesichter ganz automatisch ins rechte Licht. Entwickler um den isralischen Computerwissenschaftler Daniel Cohen-Or haben an der Universität Tel-Aviv nach eigenen Aussagen den Schönheitscode gecknackt. Dass Schönheit in den Augen des Betrachters liegt, ist demnach wohl passé. Die Wisssenschaftler arbeiten an einer Software, die die Proportionen eines Gesichts fast unmerklich verändert.
Und so kam der Algorhythmus auf dem die digitale SchönheitsOP basiert, zustande: Versuchspersonen mußten die Gesichter von 68 israelischen und deutschen Männern und Frauen im Alter zwischen 25 und 40 Jahren nach ihrer Schönheit auf einer Skala eintragen. Daraufhin wurden mit 250 Messungen Eigenschaften und Proportionen einzelner Gesichtszüge verglichen, z.B. der Abstand zwischen Augen und Ohren.
Mal sehen, ob das Verschönern auch mit biometrischen Passbildern funktioniert.
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Dezember 3rd, 2008 Stephan Gruber
Nach unserer Projektantrags-Einreichung haben wir nun von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften die erfreuliche Nachricht erhalten, die erste Hürde übersprungen zu haben: Das “Vergabekomitee für DOC-team” hat beschlossen, unseren “Stipendienantrag extern begutachten zu lassen” und uns im Februar 2009 zu einem Hearing einzuladen.
Das gespannte Warten kann also weitergehen …
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