Schloss Schönbrunn, Wien
Mai 27th, 2009 Stephan Gruber


Wann immer einen die Dinge erschreckten, sei es eine gute Idee, sie zu messen.
Die Pest der vorgetäuschten Identitäten, sagte Humboldt. Zwei Mitarbeiter von ihm, Daguerre und Niepce, arbeiteten an einer Erfindung, die Abhilfe schaffen werde. Dann werde die Obrigkeit offizielle Abbilder haben, und man werde sich nicht mehr als Berühmtheit ausgeben können.
Zwei Zitate aus Daniel Kehlmanns “Die Vermessung der Welt“. Ich hab das Buch recht unterhaltsam gefunden, auch wenn ich nicht unbedingt in die ausufernden Lobeshymnen einstimmen würde. Ganz so nichtssagend wie manch anderer Leser fand ichs aber auch wieder nicht.
[Kehlmann, Daniel: Die Vermessung der Welt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2008 (erstmals 2005), S. 22 und 257]

Die neue Suchmaschine Wolfram Alpha ist online, interessant genug. Darüber geschrieben wird viel, zum Beispiel hier und da. Für die meisten Stichwörter, die für mich spannend gewesen wären, bin ich leider auf später vertröstet worden. Beim Suchwort “Fingerprints” heißt es: Forensics. Functionality for this topic is under development …
[Update 3.6.2009] Why Wolfram Alpha won´t work for Historians und Wolfram Alpha und Geschichte?

Da gibt es diese These in meiner Diplomarbeit über die Standardisierung der Polizeifotografie. Nicht, dass ich die These entwickelt hätte, aber in der Anwendung auf meinen Quellenbestand hat sie sich als sehr brauchbar erwiesen. In Anlehnung an Susanne Regener gehe ich davon aus, dass die Polizeifotografen in den Anfangsjahren (ab 1870) auf der Suche nach dem “richtigen” Bild waren. Eine Phase des wilden Bildagierens [siehe: Susanne Regener, Die fotografische Erfassung, S. 68].
Grund dafür war, dass die Polizei über kein eigenes Darstellungsmuster verfügte, da die Fotografie zunächst ein bürgerliches Medium war. Diese These ließ sich mit dem von mir bearbeiteten Fotobestand gut nachweisen, da es viele unterschiedliche TäterInnen-Bilder enthält. Schließlich, so die These, kam es nach einigen Jahrzehnten zur Standardisierung, indem sich die von Alphonse Bertillon verwendeten Maßstäbe durchsetzten. Das bedeutete vor allem die Darstellung in Profil- und Frontalbild.
Auf der Zeitgeschichte-Plattform Eines Tages von Spiegel-Online veröffentlichte Christoph Gunkel eine Geschichte, “Bitte lächeln, sie sind verhaftet”, mit VerbrecherInnen-Fotos von Prominenten. Im Text weist er, wenig überraschend, auf Bertillon als “Vater der Polizeifotos” hin:
“Tausende von Verdächtigen fotografierte und vermaß Bertillon in den folgenden Jahren – stets nach demselben Muster: frontal, im Profil von links und in Dreiviertel-Vorderansicht. [...] Damit war das standardisierte Polizeifoto geboren, auch wenn sich Bertillons Vermessung des Knochenbaus langfristig nicht durchsetzte.”
Zweifel an der These kommen mir aber, wenn ich mir die Bilder anschaue: von einer Standardisierung ist ziemlich wenig zu sehen. Mick Jagger muss sein Schild selber halten, 50 Cent hatte einen Maßstab im Hintergrund, bei Jimi Hendrix sind die Infos handgeschrieben, während Martin Luther King ein Schild um den Hals hat. Von den Qualitätsunterschieden der Aufnahmen möchte ich gar nicht sprechen und auf Haltung und Mimik wurde auch nicht bei allen Wert gelegt (vergleiche bsp. David Bowie und Hugh Grant). Ein großer internationaler Mugshots-Vergleich steht also noch aus.
Meine These:
Die Phase des wilden Bildagierens dauert noch an.

In Linz findet am Freitag, 15. Mai 2009, ein eintägiger Workshop zur Geschichte und Gegenwart der Kriminologie statt, organisiert von Peter Becker. Im Mittelpunkt stehen die Neurowissenschaften als neue Form der Kriminalbiologie.
New Members of the Research Family?
Neurosciences and their Presence in Crimonological Debates