CSI-Effekt in Medien und Öffentlichkeit
published by Daniel MeßnerWie sehr die Debatten um Kriminaltechniken auch einer kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung bedürfen, zeigt der aktuelle Fall des “Phantoms von Heilbronn”. Die DNA einer UwP (Unbekannte weibliche Person) fand sich ab 1993 über 40 Mal an verschiedenen Tatorten in Deutschland, Österreich und Frankreich. Wie sich herausstellte, stammt die DNA von einer Mitarbeiterin der Wattestäbchen-Firma.

Das Ausmaß der Ermittlungen macht den Fall zu einer der größten Ermittlungspannen in der deutschen Kriminalgeschichte: In Heilbronn suchten 30 BeamtInnen zwei Jahre lang, sammelten 16.000 Überstunden und prüften 3.700 Spuren. Insgesamt waren 200 Personen (PolizistInnen, Staatsanwälte, KriminaltechnikerInnen) an der Ermittlung beteiligt.
Und wie zu erwarten, wird jetzt die Frage nach der Zuverlässigkeit der DNA-Analyse gestellt. “Wie zuverlässig sind DNA-Analysen?”, fragte zum Beispiel Ingo Arzt in der gestrigen taz und stellte fest, dass der Ermittlungsfehler das Vertrauen in die Methoden der DNA-Analyse erschüttert. Und im Kommentar zum Artikel von Christian Rath “Blindes Vertrauen in die Technik”, ebenfalls taz, heißt es: “Die peinliche Fahndung nach dem “Phantom” zeigt überdeutlich, dass keine Technik – und erst recht nicht die Polizei – blindes Vertrauen verdient hat.”
Wie zu erwarten war, ist die Grundsatz-Debatte um die Zuverlässigkeit von DNA-Analysen für die Polizei eher kein Thema. Die BeamtInnen betonen, die DNA-Analyse sei nur ein Teil der Ermittlungsarbeit. Daneben werden schließlich auch Zeugenaussagen, Motive, Alibis und Tathergänge untersucht. Die DNA-Analyse ist daher nur ein Ermittlungsansatz.
Die Technik-Erschütterung kommt vor allem von medialer Seite, schließlich ist die Steigerung der Sicherheitsempfindung ein wesentliches Moment der Technik. Für die meisten, die mit DNA-Analysen arbeiten ist klar, dass die Technik fehleranfällig ist. Das wird in vielen Berichten deutlich. So sagt Nicole von Wurmbschwark, Professorin für Forensische Genetik in Kiel gegenüber der taz: “Ich kann also das Risiko, zu falschen Ergebnissen zu kommen, immer nur minimieren.”

Eine Art CSI-Effekt zeigt sich in den Medien und der Öffentlichkeit. Als CSI-Effekt werden die Auswirkungen von Krimi-Serien auf das Verhalten von Geschworenen und VerbrecherInnen bezeichnet. “Der CSI-Effekt aus den TV-Krimis bewirkt einen Glauben an die “DNA als Königin der forensischen Technologie. Wir sehen auch in anderen Bereichen, dass der Genetik als Wissenschaft ein privilegierter Zugang zur Wahrheit zugeschrieben wird”, meinte die Politologin Barbara Prainsack neulich im STANDARD. So sind die Erwartungen der Öffentlichkeit an die Effizienz von Kriminalitätsbekämpfung auf einem unrealistischen Niveau. Die Technik verspricht letztlich Trost: Die Wissenschaft bringt am Ende unweigerlich die Wahrheit ans Licht, objektiv und unfehlbar. Die Technik soll´s also richten: “Fingerabdrücken traute man einst zu, Verbrechen zu verhindern. Ähnlich hohe Erwartungen hatte man an DNA-Technologien, als diese nutzbar wurden. Solche übersteigerten Erwartungen sind wieder etwas am Abflauen,” erklärt Prainsack.
Der aktuelle Fall zeigt, wie die Ergebnisse einer Ermittlungstechnik von den ErmittlerInnen höher eingestuft wurden, als andere Ermittlungsansätze. Ein gekipptes Verhältnis, hin zur Technik. Denn, dass das Phantom in derart verschiedenen Milieus unterwegs war, machte schon seit einiger Zeit einige ErmittlerInnen stutzig.
Interessant ist nun, wie die Konkurrenz der unterschiedlichen Ermittlungsansätze von den Medien interpretiert wird. Bernd Dörries in der Süddeutschen schrieb dazu: “Die DNS hatte immer recht. Die Kommissare, die auf ihr Gefühl hörten und zweifelten, hatten nichts mehr zu sagen.” Wer anderen Ermittlungsansätzen folgt und einem technischen Ergebnis widerspricht, hört also auf sein Gefühl. Fein. Der technischen Forensik wird damit eine objektive Wissenschaftlichkeit zugeschrieben, die sich dann auch in Dörries Kommentar zeigt: “Das ist wirklich sehr peinlich für unsere Polizei und man sollte das zum Anlass nehmen deren generelle Technikgläubigkeit mal zu hinterfragen.” Und die der Medien und der Öffentlichkeit dann bitte auch gleich.

Was können nun Kulturwissenschaften zur Klärung des Problems beitragen?
Erstens die Debatte um eine historische Dimension erweitern. Wenn zum Beispiel der Grazer Kriminalist Hans Groß um 1900 “Realien als Beweismittel” fordert, als Ersatz für das, “was durch den Zweifel an der Richtigkeit der Zeugenaussagen schwanken und unbrauchbar wurde”, dann zeigt sich die Konkurrenz der Ermittlungsmethoden nicht erst als aktuelles Problem.
Zweitens die Zuschreibungen und die komplexen Durchsetzungs- und Anwendungsmechanismen erklären, weil Kulturwissenschaften die Techniken in einen breiteren Kontext einbetten. Denn die konkrete Anwendung von Techniken hängt von mehreren Faktoren ab, nicht zuletzt von politisch-kulturellen Konstellationen. Moderne Strafjustiz ist ein ExpertInnen-Netzwerk, weshalb es entscheidend ist, die Abstimmung zwischen Institution, AkteurInnen, Technologien und Praktiken zu untersuchen.
Übersteigerte Technikgläubigkeit zeigt sich also nicht nur bei der polizeilichen Ermittlungsarbeit, sondern vor allem in den Medien und der Öffentlichkeit.

März 18th, 2010 at 08:05
[...] neue Identifizierungstechnik “sogar einem DNA-Abgleich überlegen” sein. Und wie unfehlbar der ist, wissen wir ja [...]