Workshop ’08
Verdaten. Klassifizieren. Archivieren.
Identifizierung von Personen aus kulturwissenschaftlicher Perspektive
Internationaler Workshop für NachwuchswissenschaftlerInnen und ExpertInnen
8. bis 10. August 2008, Wien (geschlossene Veranstaltung)
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[ablichten – archivieren – ausweisen – authentifizieren – beschreiben – digitalisieren – dokumentieren – erfassen – festhalten – fotografieren – identifizieren – klassifizieren – kontrollieren – medialisieren – ordnen – registrieren – sammeln – sortieren – speichern – technisieren – überwachen – verdaten – vermessen – verweisen – verwissenschaftlichen – zuschreiben]
Von 8. bis 10. August 2008 haben wir am Institut für Geschichte der Universität Wien einen interdisziplinären Workshop zum Thema “Verdaten. Klassifizieren. Archivieren. Identifizierung von Personen aus kulturwissenschaftlicher Perspektive” organisiert. Der Workshop setzte sich zum Ziel, den Begriff der Identifizierung von Personen in unterschiedlichen historischen und gesellschaftlichen Kontexten zu diskutieren und zu hinterfragen.
Schon aus alltagspraktischen Gründen ist die Unterscheidbarkeit von Individuen in allen Gesellschaften und zu verschiedenen Zeiten unentbehrlich. Unterschiedliche Identifizierungstechniken basieren auf bestimmten und historisch wandelbaren Vorstellungen dessen, wann und wie eine Person “unverkennbar” ist, das heißt als “dieselbe” gilt und wiedererkannt werden kann. Dreh- und Angelpunkt einer kulturhistorischen Auseinandersetzung mit Personenidentifizierung ist die Verwissenschaftlichung des Menschen, die von der Forschung im 18. und 19. Jahrhundert angesiedelt wird: Damals entdeckten neue wissenschaftliche Disziplinen wie die Kriminalwissenschaften den menschlichen Körper als Objekt, das vermessen und verdatet wurde, und verknüpften Charaktereigenschaften mit diesen “objektivierten” Daten.
Vor diesem Hintergrund interessiert uns das Thema Identifizierung und Verdatung auf drei Ebenen: Erstens sollen auf der Diskursebene die Überschneidungen und Wissenszirkulationen zwischen unterschiedlichen Bereichen der (institutionalisierten) Wissenschaft (Medizin, Rechtswissenschaften, Kriminalwissenschaften, Physiologie, Psychiatrie, Biologie, Statistik/Mathematik, Informatik) untersucht werden. Zweitens soll auf gesellschaftspolitischer Ebene beleuchtet werden, wie über die stereotype Konstruktion “schädlicher”, “gefährlicher” Subjekte die Anwendung von Identifizierungstechniken durch obrigkeitliche Organe (Polizei, Gerichtswesen, Militär) gesellschaftlich legitimiert wird. Auf einer dritten Ebene interessieren wir uns für die individuelle Erfahrung einzelner AkteurInnen, die diesen Identifizierungstechniken unterworfen werden, die also in den obrigkeitlichen “Blick” geraten – und die zuweilen Gegenstrategien entwickeln, um diesem Blick auszuweichen.
Die breite kulturwissenschaftliche Herangehensweise ermöglicht es, eine Vielzahl von Quellen heranzuziehen: von mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ausweisen und Steckbriefen über Militärakten, moderne Polizeiakten und -fotografien bis hin zu Reporten und Berichten über computergestützte biometrische Verfahren. Obwohl in geographischer Hinsicht der Fokus auf Territorien in Europa liegt, sollen Forschungen zu anderen Regionen nicht von vornherein ausgeschlossen werden.
Ziel des Workshops war es, NachwuchswissenschaftlerInnen eine Plattform zu bieten, ihre bisherigen Forschungen zum Themenfeld der Identifizierung einem internationalen ExpertInnenteam zur Diskussion zu stellen.
Fragestellungen:
- Welche Rolle spielt der Körper im Zusammenhang mit Identifizierungstechniken?
- Wie wird der Mensch/der menschliche Körper zum Objekt der Wissenschaften?
- Durch welche (technischen) Verfahren wird ein Körper in “Datensätze” transformiert? (Datensätze verstehen wir als Komplexitätsreduktion, als Abstraktion, das heißt von der rein sprachlichen Beschreibung bis hin zu Logarithmen.)
- Gibt es im Kontext der Identifizierungstechniken einen “nicht verdateten Körper”? Was wäre der “vor”-verdatete Körper?
- Wie bekommt das in den Wissenschaften erzeugte Wissen gesellschaftspolitische Relevanz?
- Inwiefern setzen Identifizierungstechniken Normierungen und Typologisierungen der Menschen voraus oder verstärken sie? Wie wirkt sich ihre Anwendung auf die Wahrnehmung von “Anderen”, von anderen “Rassen” oder gesellschaftlichen Randgruppen aus?
- An welchen Gruppen von Personen (etwa “VerbrecherInnen”) werden bestimmte Identifizierungstechniken zunächst “erprobt”? Wie erfolgt die Ausweitung der Techniken auf weite Teile der Bevölkerungen?
- Wer sind die AkteurInnen bei der Durchsetzung und Popularisierung von Identifizierungstechniken? Welche Interessen verfolgen sie?
- Wie stellen die Obrigkeiten Evidenz her?
- Wo sind Bruchstellen in den Ansprüchen auf umfassende, “lückenlose” Identifizierung sichtbar? Wo sind Fehlerquellen auszumachen? Wo werden Gegenstrategien jener sichtbar, die in den identifizierenden Blick genommen werden?
