Standardisierung & Professionalisierung – Frühmoderne Identifizierung 1782–1867
Dissertationsprojekt von Stephan Gruber
Kurzbeschreibung:
Stephan Gruber untersucht die Ausverhandlungs- und Implementierungsprozesse von Identifizierungstechniken in der Phase des Aufbaus polizeilicher Strukturen in der Habsburgermonarchie im Zeitraum von 1782 bis 1867. In diesem Kontext beschäftigt er sich mit dem zunehmend standardisierten Einsatz von schriftlichen Dokumenten (Steckbriefen, Pässen und Ausweisen), mit denen individuelle Identitäten festgeschrieben werden sollten.
Problemstellung & Zielsetzung
Ausgangspunkt: Wie wurden Menschen vor der Erfindung von Fotografie, Bertillonage und Daktyloskopie identifiziert? Welche Identifizierungstechniken standen im (früh-)modernen habsburgischen Staat um 1800 zur Verfügung, zu einer Zeit, in der „moderne“ staatliche Strukturen und das Behörden- und Polizeiwesen auf- und ausgebaut wurden?
Ziel ist die Untersuchung einer Transformationsphase von lokaler, uneinheitlicher Identifizierungspraxis hin zu den Praktiken der standardisierten Polizeiapparate des 19. und 20. Jahrhunderts. Zentrale Quellengruppen werden Steckbriefe, Personenbeschreibungen, Registraturen und Identitätspapiere sein. Die Herrschafts- und Institutionengeschichte soll mit Ansätzen der Mikro- und Alltagsgeschichte verknüpft werden: Bestehende Arbeiten zur Polizeigeschichte sollen um Fragestellungen nach menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren und situiertem Wissen erweitert werden. Die polizeiliche Identifizierungspraxis wird in einen Kontext des Ausbaus von Herrschaftstechniken und damit in eine Geschichte der Staatsbildung eingebettet.
Die Studie soll einen Bogen über verschiedene Wissenssysteme spannen: von der Kriminalitätsgeschichte über die Rechts- und Militärgeschichte bis hin zur Wissenschafts-, Technik- und Körpergeschichte. Die Untersuchung beginnt bei Steckbriefen und Personenbeschreibungen: Wer waren die Personen hinter diesen Quellen – sowohl die „professionellen Identifizierer“ als auch die beschriebenen Menschen? Woher bezogen die Behörden ihr Wissen? Wie stellten sie eine „falsche“ Identität fest, wie Authentizität? Und welches subversive Potenzial steckte im Problem der Authentizität von Personenbeschreibungen? Auch medienwissenschaftliche Fragestellungen nach Zirkulation, Veröffentlichung, Anbringung und Publikation in Zeitungen sollen verfolgt werden. Außerdem ist nach dem (Miss-)Erfolg der steckbrieflichen Fahndung zu recherchieren.
