Februar 10th, 2009 Anna Masoner
Anders als in den meisten Ländern der EU, wo Filesharer hemmungslos kriminalisiert werden, gehts in Holland zu. Im Lande der Piraten, immerhin parktizieren dort angeblich rund 30 Prozent der Bevölkerung Filesharing, gab die niederländische Regierung ein Forschungsprojekt in Auftrag. Das Ziel war herauszufinden, wie groß die von Musik-und Filmindustrie vielbeschworenen Auswirkungen von Filesharing auf die die sinkenden Einnahmen wirklich sind.
Das Ergebnis der Studie? Nun, zum einen fand sich keine direkte Verbindung zwischen sinkenden Verkaufszahlen von CDs und Co und Filesharing. Ganz im Gegenteil. Laut der Autorin der Studie, Annelies Huygen, hat Filsharing durchaus positive Effekte. Es sind nämlich die selben Leute, die Videospiele im Netz downloaden und kaufen. Die Möglichkeit eine Sache quasi zur preview gratis zu konsumieren führt öfter als die Unterhaltungsindustrie glaubt zum Kauf.
Hygen kommt zum Schluß, dass das illegale Downloaden der niederländischen Ökonomie jährlich an die 100 Mio. Euro einbringt.
Interessant ist übrigens, dass eine Studie, die von der kanadischen Regierung in Auftrag gegeben wurde und letzten Herbst erschienen ist, zu einem ähnlichen Schluß kommt.
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Januar 18th, 2009 Stephan Gruber
Der Klappentext zu einer Sammlung von Erzählungen Edgar Allan Poes mit dem Titel “Der Untergang des Hauses Usher und andere Erzählungen” beschreibt den Schriftsteller so: “Edgar Allan Poe hat unverkennbare Spuren hinterlassen: Dem Detektivroman prägte er mit Auguste Dupin den Prototyp der exzentrischen, aber genialisch-scharfsinnigen Spürnase auf. Sherlock Holmes und zahlreiche Film- und Fernsehdetektive sind nach seinem Vorbild geschaffen.”
In der Kurzgeschichte “Der Mann der Menge” (S. 30–40, Online-Volltext bei zeno.org) beschreibt der Erzähler das Leben auf den Straßen Londons und seine Klassifizierung der Vorübergehenden unter anderem so:
Meine Beobachtungen waren zunächst ganz allgemeiner Art. Ich sah die Passanten nur als Gruppen und stellte mir ihre Beziehungen zueinander vor. Bald jedoch ging ich zu Einzelheiten über und prüfte mit eingehendem Interesse die zahllosen Verschiedenheiten in Gestalt, Kleidung, Haltung und Mienenspiel. (…)
Ferner gab es viele entschlossen und kühn aussehende Gestalten, die ich mühelos als zur Zunft der Taschendiebe gehörig erkannte, von der alle Großstädte heimgesucht werden. Ich beobachtete diese Herren sehr genau und konnte mir kaum vorstellen, wie sie von wirklich vornehmen Leuten jemals für ihresgleichen gehalten werden könnten. Die Weite ihrer Manschetten und ein gewisser übertriebener Freimut mußte sie sogleich verraten.
Die Spieler, von denen ich nicht wenige entdeckte, waren noch leichter herauszufinden. Sie trugen die verschiedenste Kleidung, von der des tollkühnen Taschenspielers mit Samtweste, phantastischem Halstuch, goldenen Ketten und Filigranknöpfen bis zu der des sorgfältig gekleideten Geistlichen, denn gerade dies Gewand erregt am wenigsten Verdacht. Sie alle zeichneten sich durch eine gewisse dunkle Gesichtsfarbe, ein mattes Auge und bleiche zusammengekniffene Lippen aus. Und noch zwei andere Merkmale waren es, an denen ich sie erkennen konnte; sie sprachen stets in gesucht leisem Ton und hielten den Daumen rechtwinklig zur Hand weit abgestreckt. (…)
Weiter herabsteigend auf der Stufenleiter der menschlichen Gesellschaft, fand ich dunklere und schwierigere Aufgaben zum Analysieren. Ich sah jüdische Hausierer mit Falkenaugen, die aus Gesichtern blitzten, in denen alles andere nur das Gepräge kriechender Demut trug; freche gewerbsmäßige Bettler, die mit schalen Blicken jene Genossen besseren Schlages musterten, die nur Verzweiflung, Mitleid heischend, in die Nacht getrieben: gebrechliche, gespenstisch dürre Gestalten, auf die der Tod schon seine schwere Hand gelegt, die kraftlos daherschwankten und jedermann flehend ins Antlitz blickten, als suchten sie einen Trost, eine verlorene Hoffnung (…)
Die Geschichte schließt mit der Beschreibung eines alten Mannes, den der Erzähler verfolgt hat:
»Dieser alte Mann«, sagte ich schließlich, »ist das Urbild und der Dämon des Triebes zum Verbrechen. Er kann nicht allein sein. Er ist der Mann der Menge. Es wäre vergeblich, ihm zu folgen, denn ich werde weder ihn noch sein Tun tiefer durchschauen. Das schlechteste Herz der Welt ist ein umfangreicheres Buch als der ›Hortulus Animae‹, und vielleicht ist es nur eine der großen Gnadengaben Gottes, dies: ›Es läßt sich nicht lesen.‹«
(Danke für den Literaturtipp an Irene.)
Nachtrag 19. 1.: Poe “feiert” heute seinen 200. Geburtstag.
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Dezember 5th, 2008 Stephan Gruber
Die letzten beiden Tage habe ich in Leipzig verbracht, wo ich im Forschungskolloquium am Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur einen Vortrag halten durfte. Im Zuge der Reise bin ich – neben den üblichen Kontrollinstanzen und Ausweispflichten des internationalen Flugverkehrs – auf zahlreiche interessante Artefakte von Identifizierungstechniken gestoßen: Vor allem öffentliche Anschläge und Hinweise der Polizei sind in Leipzig zuhauf zu finden. Hier eine kleine Auswahl als ‘Fotostory’:

Ein Hinweis auf die Kamera-Überwachung des Bahnhof-Vorplatzes.

Auch das Innere des Bahnhofes wird natürlich überwacht.

Per Anschlag gesucht wird ein Mörder …

… und 'natürlich' die üblichen Verdächtigen – "Terroristen".

Und schließlich mein 'Lieblingsfund' am Weihnachtsmarkt: eine Warnung vor Taschendieben, die von Umhängetaschen angeblich "magisch" (sic!) angezogen werden.
Insgesamt hatte ich also eine interessante Reise nach Leipzig – und noch dazu eine erfolgreiche: Mein Vortrag am Simon-Dubnow-Institut war sozusagen mein erster “professioneller” Auftritt im internationalen akademischen Gewerbe. Und angenehmer hätte diese Premiere nicht verlaufen können, sowohl was das ‘Drumherum’ betrifft als auch die Veranstaltung selbst – ich habe mich sehr wohl gefühlt. Mein Dank gilt vor allem Yaron Jean, der das Kolloquium in diesem Semester organisiert.
Dass ich mich wohl gefühlt habe, dokumentiert das letzte Bild vom Mittagessen im Thüringer Hof – entspannter können die letzten Vorbereitungen für einen Vortrag wohl kaum ablaufen …

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November 26th, 2008 Stephan Gruber
Klingt spannend, der Sammelband “Kriminalisieren – Entkriminalisieren – Normalisieren. Criminaliser – Décriminaliser – Normaliser“, bereits 2006 herausgegeben von Claudia Opitz, Brigitte Studer und Jakob Tanner. Heute ist auf H-Soz-u-Kult eine Rezension des Bandes von Peter Becker erschienen. Er beschreibt den Band so:
Die sozial- und kulturwissenschaftlich inspirierten Zugangsweisen zum institutionellen wie gesellschaftlichen Umgang mit Personen, die entweder Normen verletzt hatten oder zu einer Risikogruppe zählten, bilden die konzeptuelle Klammer für die Beiträge. Die Begriffstrias ‚Kriminalisieren, Entkriminalisieren, Normalisieren’ ist ein gut gewählter Titel, weil er das Verständnis von Kriminalität als Resultat eines komplexen Zuschreibungsprozesses mit erheblichen institutionellen Konsequenzen zum Ausdruck bringt.
Der Band erzählt keine kohärente Geschichte; er reduziert sich aber auch nicht auf die Publikation von Vorträgen, die auf der Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Jahre 2004 gehalten wurden.
Der Band spricht viele für uns relevante Themen und Thesen an (Verständnis von Kriminalität als Resultat eines Zuschreibungsprozesses, institutionelle Konsequenzen dieses Prozesses, Grenzziehungen zwischen ‘Anständigkeit’ und ‘Devianz’, Bedrohungsvorstellungen,…)
Eine Inhaltsübersicht ist auf der Verlagswebsite zu finden. Peter Beckers rundum positives Fazit:
Der Band präsentiert Arbeiten aus der Schweiz bzw. über die Schweiz. Das ist der Entstehung des Bandes geschuldet. Die Beiträge zu diesem Band sind lesenswert und eröffnen neue Einblicke in die Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex von Kriminalisierung und Normalisierung aus einer interdisziplinären und meist auch vergleichenden Perspektive. Der Band ist daher ohne Einschränkung zu empfehlen.
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