Vor einiger Zeit haben wir auf eine Aktion des tschechischen Kollektivs Ztohoven mit dem Titel “Občan K.” (“Bürger K.”) hingewiesen, das dieser Gruppe einigen Ärger mit den Behörden einbrachte: Die Künstler ließen sich neue Personalausweise ausstellen und benützten dafür gemorphte Porträtfotos, die sich aus den Bildern mehrerer Personen zusammensetzten und so die gewünschte Eindeutigkeit von Foto-IDs unterwanderten. Am 8. November startet nun der daraus entstandene Dokumentarfilm der Gruppe in ausgewählten tschechischen Kinos: Občan K. – dokumentární film o záměně identit členů umělecko-aktivistické skupiny Ztohoven (Bürger K. – Ein Dokumentarfilm über die Identitätsverwechslungen der Künstler-Aktivistengruppe Ztohoven).
Hier gibt’s den Trailer dazu:
Und auf ARTE lief vor einiger Zeit ein sehenswertes Porträt über die Gruppe und ihre Aktionen – dazu gehörten subversive Ampelmännchen, das Austauschen von Werbeplakaten und als Highlight eine vorgespielte atomare Explosion im tschechischen Frühstücksfernsehen: (2 Teile)
“Türen auf” für die Justizpanne des Jahres: Ein Serieneinbrecher marschiert seelenruhig aus der Justizanstalt Wien-Josefstadt, obwohl die Polizei monatelang hinter dem 31-Jährigen her war. Wie ihm das gelingen konnte: Der Serbe tauschte die Identität mit seinem Zellen-Kompagnon und stolzierte an seiner Stelle in die Freiheit.1
Offenbar reichte also quasi der älteste Trick der (Identifizierungs-)Welt aus, um die Behörden zu täuschen, wie der ORF Teletext2 es darstellt:
Nur mit dem Namen und dem Geburtsdatum des Zellen-Mitbewohners wurde der 31-Jährige entlassen und tauchte unter. Der “richtige” Häftling ist übrigens auch frei – er kann für den Irrtum nicht verantwortlich gemacht werden.
Angesichts des hohen Grades der Peinlichkeit, den diese Sache offenbar für die Behörden bedeutet, überrascht es nicht, dass die Justizanstalt in einer ersten Reaktion eine der scheinbar sichersten Identifizierungstechniken herbeiruft:
Als Konsequenz aus dem peinlichen Irrtum kündigte die Vollzugsdirektion an, künftig Fingerabdrücke zu nehmen.3
Was das genau bedeuten soll, bleibt (vorerst) offen; die Behörde verlässt sich anscheinend darauf, dass das Reizwort “Fingerabdrücke”, das Sicherheit und Unfehlbarkeit suggeriert, die Leserschaft ausreichend beruhigt, dass solche “Peinlichkeiten” nicht zur Regel werden…
Gerade bin ich völlig zufällig durch einen Spam-Forumsbeitrag auf folgende Website gestoßen: fakepassportsale.cc. Diese Seite verspricht hochwertige Fälschungen verschiedener Ausweisdokumente unterschiedlicher Herkunftsländer – ganz einfach per Internet-Bestellung:
Welcome to FakePassportSale.cc – the unique producer of quality fake documents. We offer only original high-quality fake passports, driver’s licenses, ID cards, stamps and other products for following countries: Australia, Belgium, Brazil, Canada, Finland, France, Germany, Holland, UK, USA and some others.
Scheint auch nicht die einzige Website zu sein, die ein solches “Service” anbietet, Google liefert unter dem Suchbegriff “fakeID” noch einige andere Anbieter. Offen bleibt vorerst (wie bei allen anderen Spammern, Cheap-Viagra-Verkäufern und Konsorten), wieviele naive Menschen diese “Dienste” tatsächlich in Anspruch nehmen …
In Tschechien sorgte kürzlich eine Kunstaktion mit dem Titel “Občan K.” (“Bürger K.”) für Aufsehen – und Ärger mit den Behörden: Mitglieder der künstlerischen Aktionsgruppe Ztohoven (bedeutet etwa “Rausvonhier”) ließen sich neue Personalausweise ausstellen. Das Besondere daran: Sie benutzten “gefälschte” Ausweisfotos, indem die Porträtfotos von jeweils zwei Personen so gemorpht wurden, dass beide Personen dasselbe Bild benutzen konnten. Somit konnte eine Zeit lang mit der Identität des jeweils Anderen gelebt werden, einschließlich Heirat und Wahlen. Ziel der Aktion war, auf den relativ einfachen Missbrauch persönlicher Daten von x-beliebigen Personen aufmerksam zu machen. Nach der (freiwilligen) Aufdeckung der Aktion folgte jedoch die polizeiliche Verfolgung …1
Wir erklären unsere volle Solidarität mit den derzeitig stattfindenden Protesten an verschiedenen österreichischen Bildungsinstitutionen. Wir rufen dazu auf, die Proteste aktiv zu unterstützen und auszuweiten.
Dank des Engagements der Studierenden ist der dringende Bedarf an einer bildungs- und gesellschaftspolitischen Debatte sichtbar geworden.
Die Solidarität von Lehrendenseite war vom ersten Moment an vorhanden, bislang aber eher vereinzelt und zumeist informell. Die letzten Jahre waren geprägt von einem rasanten Abbau universitärer Demokratie, einer sich verschärfenden Ausrichtung von Bildungspolitik an Marktlogiken bei gleichzeitig struktureller Verknappung der Ressourcen an Universitäten.
Lehrende und Forschende sind mit dem Zwang konfrontiert, unaufhörlich Forschungsanträge für Drittmittellukrierung zu formulieren sowie eine immer weiter ausufernde Bürokratisierung zu bedienen und werden durch intransparente Evaluierungsverfahren in der beruflichen Existenz bedroht. Die systematische Prekarisierung von Lehrenden, Forschenden und Studierenden hat Vereinzelung, Verunsicherung, Demotivierung und Konkurrenzdenken zur Folge.
Nicht zuletzt in Folge der Groß-Demonstration am 28. 10. 2009 erklären wir:
1. Wir Lehrende solidarisieren uns mit der Protestbewegung.
2. Wie fordern eine Demokratisierung der Universitäten, freien Zugang zu allen Bildungseinrichtungen und deren ausreichende finanzielle Ausstattung.
3. Wir fordern alle studierenden, forschenden und lehrenden KollegInnen aller Bildungseinrichtungen auf, der gegenwärtigen Situation Rechnung zu tragen und Lehrveranstaltungen für bildungs- und gesellschaftspolitische Fragen und Forderungen der Protestbewegung zu nutzen.
4. Wir fordern alle studierenden, forschenden und lehrenden KollegInnen aller Universitäten
dazu auf, die Einrichtung kollektiver Orte für die Debatte um die Gegenwart und Zukunft von
Bildung und Gesellschaft zu unterstützen und sich daran zu beteiligen.
Diese Erklärung wurde von etwa 150 Lehrenden und Forschenden der Akademie der bildenden Künste, der Uni Wien, der TU Wien und der BOKU Wien einstimmig angenommen.
Heute, Montag, 2. 11., 18 Uhr findet dazu das 3. Treffen für solidarische Lehrende und Forschende statt, und zwar im Großen Hörsaal 1 der Fakultät für Chemie, Währingerstraße 38-42.
Die Tagung hat das Ziel den Zusammenhängen und Verstrickungen von alltäglicher Praxis, den Überwachungspraxen und Techniken/Technologien auf die Spur zu kommen, die unser Leben prägen, es bestimmen, es beeinflussen oder in mancherlei Hinsicht auch leichter und angenehmer machen. Außerdem stellt sich die Frage inwiefern durch alltägliche Umdeutungen und Aneignungen, Eigensinn, Praktiken der Verweigerung oder gar Widerständigkeit gegenüber Technik beziehungsweise Kontrolle und Überwachung in den Alltagspraxen gibt oder entsteht.
Für die automatisierte Generierung postmoderner Texte gibt es wie berichtet den Postmodernism Generator. Aber nicht nur postmodernes Blabla ist offenbar recht einfach zu erschaffen, für computerwissenschaftliche Texte gibt es ein ganz ähnliches Tool, das “research papers, including graphs, figures, and citations” auf Knopfdruck erstellt – noch dazu mit freier Wahl der Autorenschaft: SCIgen – An Automatic CS Paper Generator. Angeblich ist dieses Programm sogar nützlich:
One useful purpose for such a program is to auto-generate submissions to conferences that you suspect might have very low submission standards.
“The Economy of Sexual identity: Subcapitalist semantic theory and constructivism”
If one examines material narrative, one is faced with a choice: either reject Sartreist existentialism or conclude that the significance of the participant is social comment, given that consciousness is interchangeable with narrativity. Lyotard uses the term ‘material narrative’ to denote a self-falsifying totality. It could be said that in A Portrait of the Artist As a Young Man, Joyce affirms constructivism; in Dubliners, however, he denies subcapitalist semantic theory.
The subject is contextualised into a that includes sexuality as a paradox. Thus, if material narrative holds, we have to choose between subcapitalist semantic theory and neotextual nationalism.
Schlüssig, nicht? Der Postmodernism Generator, der diesen Text ausgespuckt hat, hat zwar schon einige Jahre auf dem Buckel, ist aber immer noch eine geniale Idee: “The essay you have just seen is completely meaningless and was randomly generated by the Postmodernism Generator.”
Das Programm wurde 1996 geschrieben, also in dem Jahr, in dem auch die sogenannte “Sokal-Affäre” für Aufregung sorgte: Der Physiker Alan Sokal schaffte es, in der Cultural Studies-Zeitschrift Social Textdiesen Hoax-Artikel zu veröffentlichen; es folgte ein Science War unter anderem mit BrunoLatour.
Auf ihrem neuen Album “In aller Stille” befassen sich Die Toten Hosen – nicht mehr die Jüngsten, daher nun auch mit ernsteren Themen – unter anderem mit Datensammlungen. Im Song “Die letzte Schlacht” klingt das so:
Wir sind ‘ne schweigende Armee
Macht euch auf was gefasst
Wir sind die Graue Masse
Die kein Geheimnis hat
Weil man alles von uns weiß
Und uns ständig kontrolliert
Unsere Wege verfolgt und einstudiert
Auf der Suche nach der Norm
Forscht man uns akribisch aus
Speichert Informationen
Über unseren Lebenslauf
Was wir tun und was wir lassen
Wie wir denken, wie wir fühlen
Was wir mögen, was wir hassen am System
So weit, so bedrohlich. Doch die Subversion folgt sogleich im Refrain:
Ihr könnt uns jagen wie ihr wollt
Lernt uns ruhig noch besser kennen
Beim Versuch uns zu manipulieren
Doch ihr habt euch schwer getäuscht
Wenn ihr glaubt, dass man uns lenkt
Die letzte Schlacht gewinnen wir
Weil wir euch einzeln durch die Netze gehen
Am politischen Anspruch hält die Band fest, unterbrach ihre Pause im vergangenen Jahr sogar für den Protest gegen den G-8-Gipfel in Heiligendamm. Das Stück «Die letzte Schlacht» greift die jüngsten Datenskandale und die Datensammelwut der Unternehmen auf. Dabei ziehen die Hosen mit einer Liedzeile den Hut vor den großen Polit- Rockern der 70er und 80er Jahre, Ton Steine Scherben. «Die letzte Schlacht gewinnen wir» sang einst Rio Reiser, für Campino «eine ganz große Ausnahme-Erscheinung als Texter in der deutschen Musikkultur».
Heute spielen die “Hosen” in der (natürlich ausverkauften) Wiener Stadthalle.
Eine ‘Anekdote’ aus dem Identifizierungs-Alltag: Eine besonders ‘perfide’, weil nervtötende Identifizierungsmethode wird bei der Hotline der Telekom Austria (0800 100 100) angewandt. Zunächst wird man von einer aggressiv-freundlichen Automatenstimme begrüßt und in Sicherheit gewogen: Der Anruf werde, so das Versprechen, durch das automatisierte Navigationssystem nämlich derart beschleunigt, dass man “schnell und einfach” mit einer (echten) Person verbunden werde, die mit Rat und Tat zur Hilfe stehe. Nach gefühlten 5 Minuten der Selbstbeweihräucherung durch die Hotline-Stimme darf man dann endlich auswählen, zu welchem Thema man Hilfe wolle.
Und dann kommt der Identifizierungs-Part: Um den Anruf zu “beschleunigen”, solle man bitte seine Telefonnummer (die unschuldige Telekom-Hotline kennt natürlich keine Call ID …) und Kundennummer wahlweise eintippen oder einsprechen – unendliches Herumärgern mit der Sprach- und Tastenerkennung ist vorprogrammiert.
Aber nun ist man endlich und eindeutig identifiziert, wer man denn sei und was man eigentlich wolle. Doch die Vorfreude auf die persönliche Beratung kommt zu früh: Denn als Lohn für die Bereitstellung aller Informationen bedankt sich die Hotline-Stimme nun bei den geduldigen KundInnen für den Anruf – leider rufe man aber für dieses spezielle Problem (genauer gesagt “andere Fragen”) außerhalb der dafür vorgesehenen Beratungszeit an. “Auf Wiedersehen!” Tütütüt …
Ja, ebenfalls, ☠☣♨☭☄♒✆ Maschine!
(Ein P.S. für ‘Advanced Hotline Callers’ und Masochisten: Es gibt eine beinahe subversiv anmutende Methode, die Maschine auszutricksen und doch zu einer Person aus Fleisch und Blut durchzudringen. Nämlich: Einfach ein Beratungs-Thema auswählen, für das doch noch jemand am anderen Ende der Leitung zu erreichen ist. Nach ein paar Versuchen klappts bestimmt … Kleiner Tipp: “Information” bekommt man auch nach 18 Uhr, “andere Fragen” sind zu dieser späten Stunde nicht mehr erlaubt.)