Steckbriefe für Kinder
November 2nd, 2009 Stephan Gruber

Was 123people.at doch alles weiß: Die selbsternannte “Personensuchmaschine” verspricht “personenbezogene Fotos, Videos, E-Mail Adressen, Telefonnummern” zu quasi allen existierenden Menschen. Da wundert es nicht, dass sogar zu Von Graf Anton Johann Pergen – der war Ende des 18. Jahrhunderts Wiener Polizeichef… – Informationen zu finden sind, wenn auch (noch) keine Telefonnummer.
123people erhielt übrigens vor kurzem einen Big Brother Award. Auszug aus der Begründung:
Personen werden willkürlich Parteien zugeordnet und Bilder falschen Personen, Personen werden verwechselt oder überhaupt neu erschaffen, indem Daten von mehreren Individuen zu einem Datensatz zusammengezogen werden. Überprüft wird von 123people.at ganz offensichtlich überhaupt nicht, was Suchalgorithmus und Schwarmintelligenz da an Profilen zusammenpfuschen.
Nachdem der Europäische Gerichtshof vorgestern zum Schluß gekommen ist, dass die EG-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung gesetzeskonform ist, brachte futurezone heute ein interessantes Interview mit dem Leiter des Ludwig-Boltzmann-Institus für Menschenrechte in Wien Hans Tretter.
Tenor des Gesprächs: Nichts genaues weiß man (noch) nicht, jedenfalls was die Anwendung der Richlinie in Österreich anbelangt.
Da wir in letzter Zeit ein wenig Zitat-lastig waren, wollte ich auch meinen Teil dazu beitragen.
Jetzt sammeln Karla Kolumna und ich Daten. Wichtige Daten!
Wärter Karl:
Daten? Ich kenne nur Leute, die Briefmarken sammeln, oder Bierdeckel, oder schlechte Noten.
[Benjamin Blümchen, Der Computer, Folge 63]
Aus einem aktuellen, für unser Projekt höchst interessanten Call for Papers des Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK):
23.–29. August 2009, Maria Taferl (Niederösterreich)
IFK_faculty:
Leitung: Prof. Dr. Helmut Lethen (IFK, Wien)Weitere Mitglieder:
Prof. Dr. Peter Becker (Johannes Kepler Universität Linz)
Prof. Dr. Elisabeth Bronfen (Universität Zürich)
Prof. Dr. Michael Hagner (ETH Zürich)
Prof. Dr. Eva Horn (Universitäten Basel und Wien)Rahmenthema: Spuren und Archive des “Bösen”
Die historische Spannbreite der Akademie erstreckt sich von der Physiognomik, frühen Kriminologie und Kriminalanthropologie im 18. und 19. Jahrhundert (Lavater, Lombroso, Gross u. a.), den Rassen- und Dekadenztheorien des Fin de Siècle und den ersten Verbrecherdateien (Fotos, Fingerabdrücke) bis hin zur Gegenwart. Archäologisch sollen die Vorgänger der modernen Kriminalistik, Rasterfahndung und biometrischen Verfahren zur Personenfeststellung analysiert werden, die gegenwärtig im “Kampf gegen den Terror” und gegen das Verbrechen eingesetzt werden. Ziel der Akademie ist es, die Diskurse über Normalität, soziale Devianz und Verbrechen und die Verfahren der Datenerhebung bzw. -speicherung von der Daktyloskopie und Fotografie bis hin zum so genannten “genetischen Fingerabdruck” und der elektronischen Iriserkennung nachzuzeichnen und in ihren jeweiligen historischen Kontexten zu verorten. Dabei soll das enge Wechselspiel von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft in der kulturellen Festlegung, der sozialen Definition und der polizeilichen wie juristisch-institutionellen Einhegung, Kontrolle und Verfolgung des “Bösen” untersucht werden.
Subthemen:
1. Spuren der “Bösen”: Kriminologie, Kriminalpolitik und Kriminalistik aus dispositivanalytischer Sicht (Peter Becker)
2. Hollywood und Krieg (Elisabeth Bronfen)
3. Der Körper des “Bösen” (Michael Hagner)
4. Spuren lesen – das Indizien-Paradigma (Eva Horn)
5. Die Physiognomie des “Bösen” in Literatur, Grafik und Fotografie (Helmut Lethen)Bewerbungsunterlagen und weitere Informationen unter: www.ifk.ac.at
Bewerbungsfrist: 15. März 2009
dieStandard.at berichtet über eine Analyse von “Germany’s Next Topmodel” und ähnlichen TV-Sendungen, die die Medienwissenschaftlerin Tanja Thomas, Jun.-Prof. für Kommunikationswissenschaft und Medienkultur an der Universität Lüneburg, kürzlich in Salzburg präsentiert hat. Interessant ist das Vokabular, das Thomas zur Charakterisierung dieser Sendung benutzt, um einen Bogen von der Vermessung des Körpers zu Patriarchat und Neoliberalismus zu spannen:
Die “Vermessung und Verdatung von Körpermaßen” sei zwar sehr wohl Ausgangspunkt der Sendung, die Wirkung gehe aber darüber hinaus. Unter einer “politisch-kritischen Perspektive” betrachtet, lade die Show ein “zur Unterwerfung unter patriarchalische Strukturen und zur Einübung und Internalisierung des männlichen Blicks“. “Aufforderungen zur Arbeit am eigenen (Körper-)Ich, zur Unterwerfung unter Normalisierungserwartungen und Konformitätsdruck” seien stets Bestandteil von TV-Formaten dieser Art.
Wenig überraschend fallen die Forum-Kommentare zum Artikel aus: Das Spektrum reicht von Zustimmung über (undifferenziertes) Einstimmen in Patriarchat-/Neoliberalismus-Kritik-Floskeln bis zu bekannten “Genderwahn“-Stereotypen, etwa vom User “Die freie Meinungsäusserung, die wir meinen..”:
wieder eine arbeitslose Sozialwissenschaftlerin…….. die hier mit dem Genderwahn kostenlose Werbeflächen, Stipendien, Projektfinanzierungen usw. aufstellt. Insofern: eine gewisse Intelligenz ist ihr nicht abzusprechen. Und das Ökohaus im Grünen ist aufgrund des jüngsten Geldflusses aus der Steuerkasse schon bestellt.
(jeweils meine Hervorhebungen)
(Danke an Irene für den Hinweis.)
[UPDATE: Das Forum ist mittlerweile geschlossen]
Auf ihrem neuen Album “In aller Stille” befassen sich Die Toten Hosen – nicht mehr die Jüngsten, daher nun auch mit ernsteren Themen – unter anderem mit Datensammlungen. Im Song “Die letzte Schlacht” klingt das so:
Wir sind ‘ne schweigende Armee
Macht euch auf was gefasst
Wir sind die Graue Masse
Die kein Geheimnis hat
Weil man alles von uns weiß
Und uns ständig kontrolliert
Unsere Wege verfolgt und einstudiertAuf der Suche nach der Norm
Forscht man uns akribisch aus
Speichert Informationen
Über unseren Lebenslauf
Was wir tun und was wir lassen
Wie wir denken, wie wir fühlen
Was wir mögen, was wir hassen am System
So weit, so bedrohlich. Doch die Subversion folgt sogleich im Refrain:
Ihr könnt uns jagen wie ihr wollt
Lernt uns ruhig noch besser kennen
Beim Versuch uns zu manipulieren
Doch ihr habt euch schwer getäuscht
Wenn ihr glaubt, dass man uns lenkt
Die letzte Schlacht gewinnen wir
Weil wir euch einzeln durch die Netze gehen
Hintergrund für den Song laut dpa-Meldung:
Am politischen Anspruch hält die Band fest, unterbrach ihre Pause im vergangenen Jahr sogar für den Protest gegen den G-8-Gipfel in Heiligendamm. Das Stück «Die letzte Schlacht» greift die jüngsten Datenskandale und die Datensammelwut der Unternehmen auf. Dabei ziehen die Hosen mit einer Liedzeile den Hut vor den großen Polit- Rockern der 70er und 80er Jahre, Ton Steine Scherben. «Die letzte Schlacht gewinnen wir» sang einst Rio Reiser, für Campino «eine ganz große Ausnahme-Erscheinung als Texter in der deutschen Musikkultur».
Heute spielen die “Hosen” in der (natürlich ausverkauften) Wiener Stadthalle.
Virtuelle Alternativwelten und Online-Nachbildungen der ‘echten’ Welt erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Boomten lange Zeit Fantasy-Umgebungen wie “World of Warcraft” (kurz WoW), so scheint nun die ‘schöne’ Realität auf dem Vormarsch. Das “Second Life” (Slogan “Your world. Your imagination.”) gibt es ja schon länger, nun stößt auch Sony mit seiner Playstation 3 in diese Richtung: “PlayStation®Home” nennt sich das Projekt, das seit einigen Monaten als “closed beta trial”, also für eine geschlossene Community läuft. Morgen öffnet Sony die “Home”-Welt dann für alle PS3-User.
Ich habe mich in diese mir bisher fremde Online-Welt gewagt. Noch bevor ich allerdings in diese schöne neue Welt durfte, wurde ich mit handfesten ‘realen’ Nutzungsbedingungen konfrontiert – ich muss also vor meinem Eintritt quasi meine Privatsphäre draußen lassen: Ich werde “überwacht“, alles was ich online tue, wird “aufgezeichnet” und “erfasst“; wenn ich mich schlecht benehme, kann ich auch mit den “Strafverfolgungsbehörden” zu tun kriegen. (Ziemlich sicher verstoße ich mit diesem Blog-Eintrag auch schon gegen einige dieser Bestimmungen, z. B. die Verschwiegenheitsklausel, die der Beta-Version eine geheimbündlerische Aura verleiht.)

Wenn ich damit einverstanden bin – die Hemmschwelle zum “Bestätigen” der Vereinbarung ist ja sehr gering –, dann kann ich daran gehen, mein virtuelles Alter Ego zu erschaffen. Die Akribie, mit der ich hier vorgehen darf, erinnert fast an polizeiliche Identifizierungstechniken wie die Bertillonage. Geschlecht, Schädelform, Gesicht, Körperform, Haut, Haare, auch Kleidung – alles darf ich nach meinen Wünschen bis ins letzte Detail anpassen.



Faszinierend ist dabei, dass die meisten User offenbar versuchen, ein (idealisiertes) Abbild ihres ‘echten’ Körpers zu erschaffen. Wenn also jemand mal diesem jungen Mann im Kino oder in der Bowlingbahn von PlayStation®Home begegnen sollte: Ich bin’s.

Eine ‘Anekdote’ aus dem Identifizierungs-Alltag: Eine besonders ‘perfide’, weil nervtötende Identifizierungsmethode wird bei der Hotline der Telekom Austria (0800 100 100) angewandt. Zunächst wird man von einer aggressiv-freundlichen Automatenstimme begrüßt und in Sicherheit gewogen: Der Anruf werde, so das Versprechen, durch das automatisierte Navigationssystem nämlich derart beschleunigt, dass man “schnell und einfach” mit einer (echten) Person verbunden werde, die mit Rat und Tat zur Hilfe stehe. Nach gefühlten 5 Minuten der Selbstbeweihräucherung durch die Hotline-Stimme darf man dann endlich auswählen, zu welchem Thema man Hilfe wolle.
Und dann kommt der Identifizierungs-Part: Um den Anruf zu “beschleunigen”, solle man bitte seine Telefonnummer (die unschuldige Telekom-Hotline kennt natürlich keine Call ID …) und Kundennummer wahlweise eintippen oder einsprechen – unendliches Herumärgern mit der Sprach- und Tastenerkennung ist vorprogrammiert.
Aber nun ist man endlich und eindeutig identifiziert, wer man denn sei und was man eigentlich wolle. Doch die Vorfreude auf die persönliche Beratung kommt zu früh: Denn als Lohn für die Bereitstellung aller Informationen bedankt sich die Hotline-Stimme nun bei den geduldigen KundInnen für den Anruf – leider rufe man aber für dieses spezielle Problem (genauer gesagt “andere Fragen”) außerhalb der dafür vorgesehenen Beratungszeit an. “Auf Wiedersehen!” Tütütüt …
Ja, ebenfalls, ☠☣♨☭☄♒✆ Maschine!
(Ein P.S. für ‘Advanced Hotline Callers’ und Masochisten: Es gibt eine beinahe subversiv anmutende Methode, die Maschine auszutricksen und doch zu einer Person aus Fleisch und Blut durchzudringen. Nämlich: Einfach ein Beratungs-Thema auswählen, für das doch noch jemand am anderen Ende der Leitung zu erreichen ist. Nach ein paar Versuchen klappts bestimmt … Kleiner Tipp: “Information” bekommt man auch nach 18 Uhr, “andere Fragen” sind zu dieser späten Stunde nicht mehr erlaubt.)

… im doppelten Sinn. In den letzten Wochen haben wir unsere ganze Anstrengung darin gesetzt, unseren Antrag für das Förderungsprogramm DOC-team zu verfassen. Gestern haben wir den Antrag nun (endlich) eingereicht. Die Zeit des (an)gespannten Wartens auf einen Bescheid kann also beginnen. Auf diesen ersten Schritt haben wir angestoßen:

(Foto: Stephan Gruber)
Einige Anmerkungen zum Identifizierungsvorgang bei dieser Einreichung: Im Zuge der Antragstellung mussten wir einen “Online-Erfassungsbogen”(!) ausfüllen, auf dem wir unter anderem eine Klassifizierung unseres Projektes und unserer institutionellen Zugehörigkeiten zu treffen hatten. Die Einordnung in einen Fachbereich mittels Kennzahl erfolgt auf Basis der Klassifikationsdatenbank der Wissenschaftszweige, die von der Statistik Austria erstellt wird. Nach Übertragung unserer Daten sind diese nun in einer Datenbank der Stipendienabteilung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gespeichert.
Unser nächster Wegpunkt in diesem Antragsverfahren: Die erste Hürde ist Ende November; hier erfahren wir, ob unser Projekt in Begutachtung geht.
Stay tuned …
Die Wiener Städtische Versicherung (und offenbar auch andere Versicherungen) legt ihren Haushaltsversicherungs-Polizzen nun einen Werbefolder bei, der den EmpfängerInnen den Erwerb eines Produktes namens M-DotDNA empfiehlt:
Winzige M-DotDNA-Mikropunkte markieren Gegenstände, wie zum Beispiel Fahrräder, Laptops, TV- oder Hi-Fi-Geräte, Skier, Videoausrüstung und Handys, gegen Diebstahl.
Der Clou an diesem Produkt – und hier kommen die professionellen Identifizierer, nämlich die Polizei, ins Spiel:
Diese Markierung ist mit freiem Auge nicht sichtbar, für die Polizei mit speziellen Lesegeräten allerdings sehr wohl. Die Polizei kann Ihr Eigentum mithilfe dieser Markierung jederzeit identifizieren.
Zur Untermauerung der Wirksamkeit des Produkts gegen Einbrüche wird gleich eine Statistik nachgeschoben:
In Wohnungen, die mit M-DotDNA gesichert sind, ist die Einbruchsgefahr nachweislich um 50 Prozent zurückgegangen. Warnaufkleber an Türen und Fenstern weisen auf das Sicherungssystem hin und machen diese Haushalte für Diebe unattraktiv, sodass Einbrecher Wohnungen oder Häuser, die mit M-DotDNA geschützt sind, eher meiden.
Mit beigelegtem “Gutschein für Ihre Sicherheit” kann man das Produkt um 50 statt 144 Euro erwerben. Warum man sich aber nicht einfach einen solchen Warnaufkleber besorgen soll, der wohl bedeutend günstiger als um 50 Euro angefertigt werden kann, darauf geht der findige Sicherheits-Werbeprospekt nicht ein. Stattdessen wird ein ganz anderes – wenn auch weniger nachvollziehbares – Argument gebracht:
Je mehr Gegenstände im Haushalt an möglichst vielen Stellen markiert sind, desto weniger ist ein Dieb daran interessiert, einzubrechen und etwas zu stehlen!
In diesem Sinne: Fürchtet euch vor den High-Tech-Dieben, die anscheinend doch mit freiem Auge erkennen, welche Gegenstände an wievielen Stellen mit der Wertgegenstände-DNA markiert sind!
Internationale Konferenz, 10.09.-12.09.2008, Berlin
Eine Veranstaltung des Graduiertenkolleg “Geschlecht als Wissenskategorie” an der Humboldt-Universität zu Berlin
Internationaler Workshop für NachwuchswissenschaftlerInnen und ExpertInnen
8. bis 10. August 2008, Wien (geschlossene Veranstaltung)
Kontakt: email hidden; JavaScript is required
[ablichten – archivieren – ausweisen – authentifizieren – beschreiben – digitalisieren – dokumentieren – erfassen – festhalten – fotografieren – identifizieren – klassifizieren – kontrollieren – medialisieren – ordnen – registrieren – sammeln – sortieren – speichern – technisieren – überwachen – verdaten – vermessen – verweisen – verwissenschaftlichen – zuschreiben]
Dieser Workshop wird von Stephan Gruber, Anna Masoner und Daniel Messner organisiert.