Fußballklubs im Nationalsozialismus : »Ostmark«, »Altreich« und »Protektorat Böhmen und Mähren« im Vergleich
Mittwoch, 22. Juni 2011, 10.00 – 21.00 Uhr
Gerhard-Hanappi-Stadion (Aula)
Keißlergasse 6
1140 Wien
Die Tagung »Fußball unterm Hakenkreuz. 70 Jahre ›Großdeutscher Meister‹ Sportklub Rapid« findet am 70. Jahrestag des Finales um die »Großdeutsche Meisterschaft« 1941 statt. Auf Basis der jüngst veröffentlichten Studie »Grün-Weiß unterm Hakenkreuz« und vergleichbarer Arbeiten zum FC Schalke 04 wird über die historische Einordnung des Finales diskutiert. Dabei soll geklärt werden, was aus Wiener und Gelsenkirchener Sicht heute von den Mythen rund um das Spiel übrig bleibt.
Ein zweites Ziel der Tagung ist es, die Geschichte des Sportklubs Rapid im Nationalsozialismus mit der anderer Fußballvereine in der »Ostmark« (ab 1939: »Alpen- und Donau-Reichsgaue«), dem »Altreich« und dem »Protektorat Böhmen und Mähren« zu vergleichen. Da der SK Rapid als bisher einziger österreichischer Bundesliga-Verein seine NS-Geschichte umfassend aufarbeiten ließ, bietet die Tagung die Möglichkeit, eine kritische Zwischenbilanz zum Forschungsstand bei anderen österreichischen Klubs zu ziehen und möglichen Bedarf an weiterer Forschung aufzuzeigen.
Gleichzeitig sollen mögliche Besonderheiten der Situation in Wien bzw. der »Ostmark« im Vergleich mit anderen Regionen des Deutschen Reichs sowie besetzten Gebieten herausgearbeitet werden.
Veranstalter:
Projektteam »Grün-Weiß unterm Hakenkreuz«
SK Rapid / Rapid museum
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW)
Institut für Politikwissenschaft, Universität Wien
Wem Guido Knopps Dauerpräsenz als DER Historiker in deutschen Medien auf die Nerven geht, dem könnte dieses Lied von Rainald Grebe gefallen. Auch meine Lieblingszeilen:
Die Geschichte hab ich griffbereit wie eine Tafel Schokolade /
Ich zieh sie aus der Tasche, wenn ich Hunger auf sie habe.
Vor einigen Tagen ist der Sammelband Ermitteln, Fahnden und Strafen. Kriminalitätshistorische Studien vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, herausgegeben von Andrea Griesebner und Georg Tschannett, im Löcker Verlag erschienen. Der Band enthält zehn Beiträge von jungen Absolventen und Absolventinnen der Studienrichtung Geschichte der Universität Wien, darunter auch zwei Aufsätze von uns:
DANIEL MESSNER: Erkennungsdienstliche Behandlung verdächtiger Personen. Über technisierte Identifizierung durch Fotografie, Anthropometrie und Daktyloskopie
STEPHAN GRUBER: Steckbrieflich gesucht. Behördliche Fahndung in der Habsburgermonarchie im 18. Jahrhundert
Andrea Griesebner, Georg Tschannett (Hg.):
Ermitteln, Fahnden und Strafen
Kriminalitätshistorische Studien vom 16. bis zum 19. Jahrhundert
Wien: Löcker 2010
12,5 x 10,5 cm
Broschur
282 Seiten
€ 22,–
ISBN 978-3-85409-553-8
Einmal muß Schluß sein. – Nichts dergleichen. – “Du willst nicht verstehen.” – Wie es gewesen sein wird. – Es war an der Zeit. – Wie lange noch? – “Das ist Geschichte.” – Komplett sogar. – “Es vergessen.” – Noch war es nicht vorbei.
Diese Sätze bilden in zehn Kapiteln die Klammern, zwischen denen sich in Doron Rabinovicis Roman “Ohnehin” die Handlung entfaltet. Der Roman ist vor allem eine wunderbare Reflexion über das Erinnern und Vergessen; auch über die unterschiedlichen Definitionen und Zugänge zu diesen Begriffen. Rabinovicis Interesse am individuellen wie kollektiven Umgang mit der Vergangenheit kommt nicht von ungefähr, hat er doch 2000 mit einer Dissertation sein Studium der Geschichte an der Universität Wien abgeschlossen, die den Titel trägt: “Instanzen der Ohnmacht. Die Wiener jüdische Gemeindeleitung 1938 bis 1945 und ihre Reaktion auf die nationalsozialistische Verfolgung und Vernichtung”.
Also: Leseempfehlung (auch wenn wahrscheinlich nicht alle meine Meinung teilen werden) – für HistorikerInnen ebenso wie für Naschmarkt-BesucherInnen.
Kleine Leseprobe zum Abschluss (auf der Homepage des Autors gibts noch ein bisschen mehr):
Er lebte in einer anderen Zeit, oder lebte eben nicht in ihr, sondern war an sie verloren, in sie eingefroren. Er war aus der Welt, und nicht in einer eigenen, vielmehr war er in gar keiner, war er ein Gefangener, der nicht einmal über einen Kerker oder irgendeine Zelle, nicht über einen Zusammenhalt verfügte, denn alles in ihm und um ihn zersplitterte von einem Moment zum anderen.
Geschichte ist eine Wundermaschine, und darum geht es in diesem Buch. Es handelt von den Bildern und Inszenierungen einer fernen und manchmal komplett fiktiven Epoche, die fünfhundert, siebenhundert oder tausend Jahre in der Vergangenheit liegt. Und die mit der Gegenwart durch dicke Bücher, starke Kabel und farbenprächtige, bewegte Bilder verbunden ist.
So leitet Valentin Groebner seinen Essay “Das Mittelalter hört nicht auf. Über historisches Erzählen” ein. Auf eine ausführliche Vorstellung des Buches kann ich verzichten, diese ist mit durchwegs positiven Rezensionen an anderer Stelle zu finden. Eine Leseempfehlung will ich aber dennoch abgeben: Der Text liest sich mit seinen spitzen Bemerkungen über die Disziplin und Kollegenschaft der “Mediävistik”, aber auch mit seinen allgemeineren Überlegungen “Über historisches Erzählen” sehr flüssig und unterhaltsam. Zum Beispiel (S. 72):
Mediävisten, so scheint mir manchmal, gleichen (…) gelegentlich auf gespenstische Weise Bauchrednern mit jener besonderen Art von Hörschaden, dass sie das, was sie selbst sagen, für die Stimme der Quellen aus der Vergangenheit halten.
Besonders jene Passagen haben mir gefallen, in denen Valentin Groebner den politischen Ge-/Missbrauch der Geschichte “des Mittelalters” reflektiert: wenn etwa die “Anderen” (= Nicht-Westlichen) mit “dem Mittelalter” gleichgesetzt werden – zum Beispiel wenn von “dem Islam” die Rede ist, der in “mittelalterlichen” Strukturen verhaftet sei und “noch” keine Aufklärung erfahren hätte.
Auch die Überlegungen zu den Begriffen “Authentizität“, “noch”, “echt” oder “wahr” fand ich interessant, etwa wenn “das Mittelalter” als Metapher für eine “noch” unberührte, heile, geordnete Welt herhalten muss. (Ein kurzer netter Satz über die “Identifikation mit diesem fernen Zeitalter” auf S. 127: “Ganz wir, ganz fremd, deshalb so echt.”)
Und einen Absatz (S. 156) empfand ich auch als ziemlich passende Beschreibung meiner momentanen Tätigkeit als Mitarbeiter für eine Online-Ausstellung:
Historikerinnen und Historiker sind am Beginn des 21. Jahrhunderts nicht mehr Abstammungsbeweiser, die für die Ursprünge und Kontinuitäten zuständig wären. Sondern sie sind, ob sie wollen oder nicht, Spezialisten für Materialrecherche und pittoreske Bilder, Kombinatoren fürs Exotische, die sich durch Finde-Know-how besondere Qualifikationen zulegen.
Auf der Verlagshomepage gibt’s übrigens eine Leseprobe.
Vor allem an mich selbst geht die Empfehlung. Das Buch liegt nämlich schon seit September auf dem Stapel der Bücher, die ich unbedingt lesen will. Aber eine Rezension von Gerhard Mumelter im standard vom Wochenende hats mir wieder ins Gedächtnis gerufen. Der fast 400 Seiten starke Schmöker des Historikers Gerald Steinacher zeichnet die unglaublichen Fluchtrouten von so namhafter NS Kriegsverbrechern wie Adolf Eichmann, Erich Priebke und Josef Mengele nach. Sie alle hatten eines gemeinsam: auf ihrer Flucht Ende der 40er/Anfang der 50er Jahre über italienische Hafenstädte nach Südamerika oder in arabische Staaten legten sie sich bei einen Zwischenstopp in Südtirol neue Identitäten und diesbezügliche Ausweise zu. Ein gut organisiertes Netzwerk von ehemaligen Nationalsozialisten in dem auch zahlreiche kirchliche Vertreter und sogar das rote Kreuz involviert waren, half ihnen dabei.
Falsche Ausweise zu bekommen, war damals in Italien kein Problem. Zahlreiche Fälscherbanden boten gegen Bezahlung ihre Dienste an. Zudem gab es eine Unzahl an echten und falschen delegierten internationaler Organisationen und Staaten.
Das Buch “Nazis Auf der Flucht. Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee entkamen” ist im Studienverlag erschienen.
Wir halten uns nie an die Gegenwart. Wir rufen uns die Vergangenheit zurück; wir greifen der Zukunft vor, als käme sie zu langsam und als wollten wir ihr Eintreten beschleunigen, oder wir rufen uns die Vergangenheit zurück, als wollten wir sie festhalten, da sie zu schnell vorübereilte, wir sind so unklug, dass wir in Zeiten umherirren, die nicht die unsrigen sind, und nicht an die einzige denken, die uns gehört, und wir sind so eitel, dass wir an jene denken, die nichts sind, und uns unüberlegt der einzigen entziehen, die weiterbesteht. Das kommt daher, weil die Gegenwart uns meistens weh tut. Wir verbergen sie unserem Blick, weil sie uns betrübt, und wenn sie uns angenehm ist, bedauern wir, sie entschwinden zu sehen. Wir bemühen uns, sie durch die Zukunft abzusichern, und meinen die Dinge zu ordnen, die nicht in unserer Macht stehen, und das für eine Zeit, die zu erreichen für uns ganz ungewiss ist.
Jeder prüfe seine Gedanken. Er wird finden, dass sie ganz mit der Vergangenheit oder der Zukunft beschäftigt sind. Wir denken fast überhaupt nicht an die Gegenwart, und wenn wir an sie denken, so nur, um aus ihr die Einsicht zu gewinnen, mit der wir über die Zukunft verfügen wollen. Die Gegenwart ist niemals unser Ziel.
Die Vergangenheit und die Gegenwart sind unsere Mittel; allein die Zukunft ist unser Ziel. Deshalb leben wir nie, sondern hoffen auf das Leben, und da wir uns ständig bereit halten, glücklich zu werden, ist es unausbleiblich, dass wir es niemals sind.
Klingt spannend, der Sammelband “Kriminalisieren – Entkriminalisieren – Normalisieren. Criminaliser – Décriminaliser – Normaliser“, bereits 2006 herausgegeben von Claudia Opitz, Brigitte Studer und Jakob Tanner. Heute ist auf H-Soz-u-Kult eine Rezension des Bandes von PeterBecker erschienen. Er beschreibt den Band so:
Die sozial- und kulturwissenschaftlich inspirierten Zugangsweisen zum institutionellen wie gesellschaftlichen Umgang mit Personen, die entweder Normen verletzt hatten oder zu einer Risikogruppe zählten, bilden die konzeptuelle Klammer für die Beiträge. Die Begriffstrias ‚Kriminalisieren, Entkriminalisieren, Normalisieren’ ist ein gut gewählter Titel, weil er das Verständnis von Kriminalität als Resultat eines komplexen Zuschreibungsprozesses mit erheblichen institutionellen Konsequenzen zum Ausdruck bringt.
Der Band erzählt keine kohärente Geschichte; er reduziert sich aber auch nicht auf die Publikation von Vorträgen, die auf der Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Jahre 2004 gehalten wurden.
Der Band spricht viele für uns relevante Themen und Thesen an (Verständnis von Kriminalität als Resultat eines Zuschreibungsprozesses, institutionelle Konsequenzen dieses Prozesses, Grenzziehungen zwischen ‘Anständigkeit’ und ‘Devianz’, Bedrohungsvorstellungen,…)
Eine Inhaltsübersicht ist auf der Verlagswebsite zu finden. Peter Beckers rundum positives Fazit:
Der Band präsentiert Arbeiten aus der Schweiz bzw. über die Schweiz. Das ist der Entstehung des Bandes geschuldet. Die Beiträge zu diesem Band sind lesenswert und eröffnen neue Einblicke in die Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex von Kriminalisierung und Normalisierung aus einer interdisziplinären und meist auch vergleichenden Perspektive. Der Band ist daher ohne Einschränkung zu empfehlen.