Mehrsprachigkeit bei Gericht und Behörden
Transdisziplinärer Forschungsschwerpunkt an den Instituten für Afrikawissenschaften und Sprachwissenschaft der Universität Wien

 

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Jeder Angeklagte hat das Recht "in einer für ihn verständlichen Sprache über die Art und den Grund der gegen ihn erhobenen Beschuldigung in Kenntnis gesetzt zu werden."

EMRK Artikel 6/3a



 
 

 

 

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Workshops

D o k u m e n t a t i o n

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Der Workshop

„Schnittstellen“ – unter diesem Titel trafen sich am 12. März und 13. März 2010 VertreterInnen unterschiedlicher Institutionen aus Wissenschaft und Praxis, um über Möglichkeiten der Zusammenarbeit zur Verbesserung der Kommunikationsbedingungen in Asyl- und Strafverfahren mit MigrantInnen aus afrikanischen Herkunftsländern zu diskutieren.

Der Komplexität des Gegenstandes entsprechend, war das Themenspektrum der Diskussion sehr breit:

Ein Schwerpunkt des Workshops lag in der Rolle und den Aufgaben von DometscherInnen bei Gerichten und Behörden. Beate Matschnig, Klaus Krainz und Bettina Rittsteuer zeigten in ihren Beiträgen aus unterschiedlichen Perspektiven auf, welche Anforderungen sich aus dem gesellschaftlichen und institutionellen Kontext der Kommunikationssituation in Asyl- und Strafverfahren für DolmetscherInnen ergeben. Neben Fragen, ob DolmetscherInnen „neutral“ und „objektiv“ sein können und sollen und ob die oft geforderte „Kommunikation im Dreieck“ aufgrund der Asymmetrie in der Kommunikation überhaupt möglich ist, wurde auch über Aufgaben von DolmetscherInnen im Spannungsverhältnis zwischen Sprach- und Kulturmittlung sowie Hilfsfunktionen für Gericht/ Behörde diskutiert.

Ein Beispiel für die Übernahme von Hilfstätigkeiten durch DolmetscherInnen ist das Protokolldiktat. Waltraud Kolb zeigte in ihrem Vortrag anhand von transkribierten Tonaufzeichnungen von Verhandlungen beim Unabhängigen Bundesasylsenat, wie es zu einer Festschreibung von Missverständnissen in Verhandlungsprotokollen kommen kann. Die anwesenden DolmetscherInnen und VertreterInnen der Translationswissenschaften brachten wiederholt in die Diskussion ein, dass es im Bereich der Verschriftlichung des Kommunikationsprozesses in Form von Verhandlungsniederschriften keine klare Rollenverteilung gebe: Wer übernimmt das Protokolldiktat? Wer trägt die Verantwortung für den Inhalt der Niederschrift? Wer kontrolliert die Selektion und Kohärenz der im Protokoll wiedergegebenen Inhalte?

In m Teil des Workshops wurde auch über die Bedingungen der Kommunikation außerhalb des Verhandlungssaales aufmerksam gemacht. Alexia Stuefer, Margit Ammer und Katharina Köhler zeigten in ihren Beiträgen auf, dass für Teile der schriftlichen Kommunikation zwischen Behörden/ Gerichten und AntragstellerInnen/ Beschuldigten kein Recht auf Übersetzung gegeben sei. Zusätzlich ist nicht immer gewährleistet, dass in der Rechtsberatung ein/e DolmetscherIn hinzugezogen wird.

Brigitta Busch brachte in die Diskussion ein, wie komplex Repertoires von MigrantInnen aus afrikanischen Herkunftsländern sein können und wie schwierig es mitunter für Personen mit plurilingualem Hintergrund ist, über ihr Repertoire zu sprechen bzw. dieses zu erklären.

Gabi Slezak und Martina Rienzner zeigten in ihrem Beitrag, welche Auswirkungen dies auf die Wahl der Dolmetschsprache bei Behörden und Gericht hat. Ein Großteil der MigrantInnen aus afrikanischen Herkunftsländern wird in Englisch oder Französisch gedolmetscht, obwohl ihr Repertoire mehrere Sprachen umfasst. Kommunikationsprobleme in Verhandlungen werden nur sehr selten auf eine evtl. „falsche“ Sprachwahl zurückgeführt und somit auch die zu Beginn eines Verfahrens getroffene Festlegung der Dolmetschsprache meist nicht mehr revidiert.

Für akademisch ausgebildete und gerichtlich beeidete DolmetscherInnen für Englisch bringt dies große Herausforderungen mit sich. Bettina Rittsteuer schätzt, dass ca. 70-80 Prozent der fremdsprachigen Personen, für die sie als Dolmetscherin für Englisch eingesetzt wird, aus afrikanischen Herkunftsländern kommen. Neben dem Verstehen der jeweiligen Aussprache im Englischen, bereitet auch die Interpretation der Redebeiträge der zu vernehmenden Personen Probleme, da dem/der in Österreich sozialisierten DolmetscherIn oft das notwendige kulturelle Wissen fehlt.

Ziel des Workshops war in erster Linie neue „Schnittstellen“ zwischen Wissenschaft und Praxis aufzubauen bzw. bereits bestehende zu festigen. Der Beitrag von VertreterInnen des Vereins „Fair und Sensibel“ (Birgitt Albrecht und Michael Zach) zeigte, wie Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis und insbesondere auch Kooperation zwischen MigrantInnen und Behörden funktionieren kann. Letztlich geht es in beiden Fällen darum, Stereotype und Vorbehalte abzubauen und „interkulturelle“ Kompetenz aufzubauen.

Wir bedanken uns bei allen TeilnehmerInnen, die durch ihre Diskussionsbereitschaft, wesentlich zum Gelingen des Workshops beigetragen haben!

 

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