Mehrsprachigkeit bei Gericht und Behörden
Transdisziplinärer Forschungsschwerpunkt an den Instituten für Afrikawissenschaften und Sprachwissenschaft der Universität Wien

 

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Jeder Angeklagte hat das Recht "in einer für ihn verständlichen Sprache über die Art und den Grund der gegen ihn erhobenen Beschuldigung in Kenntnis gesetzt zu werden."

EMRK Artikel 6/3a



 
 

 

 

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Annotierte Bibliografie (Projekt PluS)

Mehrsprachigkeit & Recht

> Blommaert, Jan, Bock, Mary & McCormick, Kay. 2006. Narrative Inequality in the TRC hearings. On the hearability of hidden transcripts. Journal of Language and Politics, 5(1), 37-70.
Die Institution der Wahrheits- und Versöhnungskomission (TRC) in Südafrika bot erstmals Gesellschaftsmitgliedern, die unter dem Apartheidregime in der Öffentlichkeit stimm- und machtlos waren, ein öffentliches Forum (von Prestige und Macht),über ihre persönlichen Erfahrungen zu sprechen. Ihren individuellen Leidensgeschichten kam damit in der Aufarbeitung der nationalen Geschichte eine wesentliche Rolle zu.In dem Bestreben, Ungleichheiten der Apartheidära für eine nationale Bewusstseinsarbeit bestmöglich auszugleichen, war jedoch die Gestaltung der Anhörungen einer formalistischen Struktur und strengen Kontrolle unterworfen. Am Beispiel von Narrativen von Zeugen und Opfern greifen die AutorInnen den Aspekt der jedem öffentlichen Forum inhärenten Ungleichheit auf und zeigen diskursanalytisch deren Auswirkungen auf die Verständlichkeit von Aussagen. Bezugnehmend auf Scotts Diskurskonzept öffentlicher und versteckter Transkripte im Kontext hegemonialer Strukturen und extremer Ungleichheit verstehen sie die Anhörungen vor der TRC (und deren öffentliche Ausstrahlung in den Medien) als einen Prozess, in dem Codes des Widerstandskampfs zu Öffentlichen werden.
Anhand der drei Fallbeispiele wird erkennbar, dass sich diese subalternen Codes für das offizielle Format staatlicher Autorität nicht eignen (Substandard-Varietäten von Englisch –Dialekt, Slang), unterschiedliche kommunikative Kompetenzen dazuführen, dass bestimmte Stile, Formate und Genres Individuen nicht zugänglich sind und dadurch die Kommunikation stark beeinträchtigt wird. Als Co-Autoren kommt hier den Commissioners der Hearings eine wichtige Aufgabe in der Rekontextualisierung des Narrativs und im Sichtbarmachen versteckter Transkripte zu, um damit substanziell zum Verstehen beizutragen. Auch sind die spezifischen Anforderungen an Narrative,die das neu entstandene Genre von TRC-Anhörungen mit sich bringt, nicht allen Beteiligten bewusst (pretextual gaps). Die Protokolle der Anhörungen sind der Öffentlichkeit am leichtesten zugänglich. In Gesellschaften mit großen Gegensätzen wie der Post-Apartheid Gesellschaft Südafrikas, bedeutet das Öffnen von Diskussionsforen für die „Nicht-Elite“ nicht unbedingt mehr Gleichheit sondern führt mitunter dazu,dass sich Asymmetriennoch stärker manifestieren. Diskursanalytische Betrachtungen können helfen, versteckte Transkripte verständlich zu machen und dafür zu sorgen, dassnicht nur jene Narrative gehört und verstanden werden, die den Erwartungen an einen Wahrheits- und Versöhnungsdiskurs entsprechen.
> Corcoran, Christine. 2004. A critical examination of the use of language analysis interviews in asylum proceedings. A case study of a West African seeking aslym in the Netherlands. International Journal of Speech, Language and the Law, 2, 200-221.
Der Einsatz von Sprachanalysen zur Feststellung von Herkunftsregionen (LADO) als Kontrollmechanismus im Asylverfahren ist linguistisch sehr umstritten. Zu den zentralen Kritikpunkten zählt die geringe Berücksichtigung biografischer Zugänge bei der Erhebung von Daten zu Spracherwerb und Verwendung von Sprachvarietäten. Corcoran hebt in diesem Zusammenhang die Interviewführung als entscheidenden Faktorhervor, der asymmetrische Machtverhältnisse dahingehend verstärkt, dass biografische Angaben nurfür die Elizitierung linguistischer Merkmale zugelassen, nicht aberfür die Interpretation der Daten herangezogen werden. Anhand eines Beispiels aus dem holländischen Asylverfahren zeigt er auf, dass das geringe Bewusstseinfür die Hegemonie von Standardvarietäten – im konreten Fall des Englischen - seitens der AsylbeamtInnen dazu führen kann, dass Informationen zum Sprachrepertoire übersehen werden (z.B. speech accommodation im Zusammenhang mit Sprachregimen). Dadurch, dass jegliche Form linguistische Merkmale aus einer Interaktion, die zudem wie im konkreten Fall triadisch sein kann, zu elizitieren, Momentaufnahmen sprachlicher und kommunikativer Realisierung darstellen, sieht Corcoran nicht die Voraussetzung gegeben, anhand dieser Merkmale eine Identifikation der Herkunftsregion von AsylwerberInnen durchführen zu können.
> Eades, Diana. 2003. Participation of second language and second dialect speakers in the legal system. In: Annual Review of Applied Linguistics 23, 113–133.

Eades, Diana 2008. Language and Disadvantage before the law. In Dimensions of Forensic Linguistics. edited by Teresa M. Turell and John Gibbons. Amsterdam: John Benjamins 179-195.

Eades, Diana 2008. Courtroom Talk and Neocolonial Control. Berlin: Mouton de Gruyter. Eades, Diana 2010. Sociolinguistics and the Legal Process. Bristol: Multilingual Matters.
Die Arbeiten von Eades behandeln Fragestellungen, die im Hinblick auf die Wahrung der Grundrechte im Zusammenhang mit sprachlicher Vielfalt in der anglophonen Rechtsprechung relevant werden. Dabei geht es jedoch nicht bloß um Herausforderungen bei gedolmetschten Verhandlungen, Eades schließt in ihre Analyse von Kommunikationssituationen auch den Umgang mit Nichtstandard-Varietäten des Englischen sowie Englisch als Lingua Franca (ELF) bei Gericht mit ein. Sie verweist hier auf die Bedeutung des individuellen Spracherlebens und –erwerbs und die Notwendigkeit, dass justizielle EntscheidungsträgerInnen diese bei der Einschätzung der sprachlichen und kommunikativen Ressourcen von Verfahrensbeteiligten berücksichtigen, nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Entscheidung, ob ein/e DolmetscherIn hinzugezogen wird (Sprachwahl). Eine Frage, die sich diesbezüglich aufdrängt, ist: Welche sprachlichen Ressourcen sind notwendig, damit ZeugInnen und Angeklagte im Gerichtssaal bei einem Kreuzverhör (cross-examinations) erfolgreich partizipieren können? Eades untermauert ihre Argumentation mit zwei Beispielen aus ihrem Forschungsfeld zu Englischvarietäten von aboriginal Australiens, die sie im Rahmen ihrer Zusammenarbeit mit der Strafrechtspraxis in Australien erhoben hatte. Die Autorin beleuchtet,dass dialektale Unterschiede sowohl im Vokabular als auch auf der Ebene der Pragmatik eine entscheidende Rolle im Zugang zu Recht haben können. Umso mehr ist es ihrer Auffassung nach Aufgabe der Justiz, wissenschaftliche Ergebnisse in ihre Arbeitspraxis miteinzubeziehen, die eigenen Sprachideologien kritisch zu reflektieren und für entsprechende Fortbildungsmöglichkeiten für EntscheidungsträgerInnen zu sorgen. Schließlich gilt es, sprachliche Diversität zu erkennen und zu verstehen, sie zu respektieren und für die Wahrung von Menschenrechten zu nützen.
> Maryns, Katrijn. 2005. Monolingual language ideologies and code choice in the Belgian asylum procedure. Language & Communication, 25, 299-314.
Ob Flüchtlinge die Möglichkeit haben vor einer Asylbehörde ihr Recht auf Schutz vor Verfolgung einzufordern, hängt nicht unwesentlich von den sprachlichen und kommunikativen Ressourcen ab, die ihnen für das Verfahren zur Verfügung stehen. Maryns analysierte bereits im Rahmen ihrer Dissertation Auswirkungen der Sprachwahl auf die Verständigung zwischen AsylwerberInnen und BeamtInnen im belgischen Asylverfahren, wobei der Fokus auf die Rolle monolingualer Sprachideologien für die Anwendung von Standard- vs. nichtstandardisierter Varietäten lag. Darauf aufbauend widmet sich ihr Artikel Einschränkungen von Ressourcen auf sprachlicher wie kommunikativer Ebene durch die Wahl einer (englischen) Standardvarietät. Dabei wird veranschaulicht, welche Auswirkungen das Festhalten an einsprachigen Normen für das Verstehen von Fluchtgeschichten und Ausverhandeln von Bedeutung hat. Maryns vergleicht anhand eines Fallbeispiels aus Westafrika Narrative (schriftlich und mündlich) zu unterschiedlichen Verfahrensabschnitten und zeigt, wie Rekontextualisierung auf der Basis von Missverständnissen und Kommunikationsstörungen vollzogen wird und zu Fehleinschätzungen des Fluchtgegenstands durch die Behörde führt. “Performance plays a crucial role in the contextualisation of information across institutional and socio-cultural spaces, yet the imposed medium of performance diminishes the interlocutor’s chances to tune in interactionally.”
> Slezak, Gabriele. 2010. Mehrsprachig im einsprachigen Kontext: Einschätzung von Sprachkompetenz und Gestalten von Rahmenbedingungen für Kommunikation bei Gerichten und Behörden in Österreich. Sprache und Translation in der Rechtspraxis, Rienzner Martina, Slezak Gabriele (Hg.), Stichproben Nr. 19
Sprachliche und kommunikative Fähigkeiten mehrsprachiger SprecherInnen finden aktuell in der Behörden‐ und Gerichtskommunikation in Österreich kaum Berücksichtigung. Vielmehr verlangt ein von einsprachigen Normierungen bestimmter Verfahrenskontext eine Anpassung des Sprachrepertoires an Standardvarietäten, die von statischen Konzepten von Sprachen und Sprachkompetenz beeinflusst sind. Eine mehrjährige Forschung zu Sprachwahl, Einsatz von DolmetscherInnen und Verschriftlichungsprozess bei österreichischen Gerichten und Behörden zeigt, dass mehrsprachige Praktiken von Verfahrensbeteiligten eine große Herausforderung für die Interaktion in Verhandlungen darstellen, zugleich aber die Bedürfnisse mehrsprachiger SprecherInnen an die kommunikativen Rahmenbedingungen nicht sichtbar sind.
> Wee, Lionel. 2007. Linguistic Human Rights and Mobility. Journal of Multilingual and Multicultural Development, 28(4), pp.325-338.
Sprachenrechte im Kontext zunehmender Mobilität und transnationaler Kommunikation sind in erster Linie Grundrechte von Individuen, die es - unabhängig von Nationalität und Aufenthaltsort - zu wahren gilt. In großem Widerspruch dazu steht jedoch deren praktische Umsetzung, die an erster Stelle Nationalstaaten - und nicht übergeordneten, transnationalen Institutionen – zukommt, die die Wahrung dieser Grundrechte zum überwiegenden Teil an Staatszugehörigkeit knüpft und sie damit auf Rechte von (anerkannten) Minderheiten beschränkt. In der vorliegenden Publikation greift Wee dieses Spannungsfeld auf, um die aktuelle Diskussion in der Linguistik, die die Bedeutung von transnationalen Sprachvarietäten, translanguaging und social languages in Beziehung zum monolingualen Habitus nationalstaatlicher Institutionen setzt, in den Menschenrechtsdiskurs einzubringen. Die Sprachenrechte plurilingualer Individuen, die um politisches Asyl ansuchen, können durch monolinguale Ideologien verletzt werden, wenn sprachliche Diversität (Nichtstandard-Varietäten, Varietätenvielfalt) nicht anerkannt und damit auch rechtlich nicht berücksichtigt wird. Wee plädiert im Hinblick auf die Konzeption universeller linguistischer Grundrechtsstandards dafür, Sprachen nicht als voneinander abgrenzbare Entitäten zu verstehen sondern vielmehr die sprachlichen und kommunikativen Ressourcen (lebensweltliche Praxis) und die Beziehung von Individuen zu diesen als Referenz heranzuziehen.
> Thetela, Pulie. 2003. Discourse, culture and the law: The analysis of crosstalk in the Southern African bilingual courtroom. AILA Review, 165, 78-88.
In Südafrika und Lesotho dominiert eine Standardvarietät des Englischen als Gerichtssprache und offizielle Sprache des Rechtssystems, obwohl die Mehrheit der Kommunikationsteilnehmer*innen andere sprachliche Ressourcen in justiziellen Interaktionssituationen einsetzen. Thetela untersucht den Einfluss von linguistisch-kultureller Distanz auf Machtverhältnisse im mehrsprachigen Gerichtssaal. Dabei schließt sie in ihrelinguistische Analyse auch die Ebene transkultureller Kommunikation alsbedeutenden Aspekt in Englisch-Sesotho-gedolmetschten Verhandlungen ein. Thetela verweist auf das komplexe Zusammenspiel syntaktischer, semantischer Merkmale und unterschiedlicher Referenzrahmen, das bedeutende Auswirkungen auf den Translationsprozess und die Rekontextualisierung von Aussagen haben kann. Die sprachliche Normierung führt im transkulturell-kommunikativen Kontext von Gerichtsverhandlungen im südlichen Afrika zu einer Verstärkungv on Asymmetrien und letztlich für die Mehrheit von Angeklagten und Zeug*innen zu einer Beschneidung ihrer Rechte.

 

Transkulturelle Kommunikation & Dolmetschen

> Morris, Ruth. 1999. The gum syndrome: predicaments in court interpreting. Forensic Linguistics 6 (1), 1-28.
Der Kaugummi auf der Schuhsohle – lästig, aber mensch wird ihn auch nicht los. Der vorliegende Artikel untersucht Rollenbilder von Dolmetscher*innen bei Gericht. Von seiten der justiziellen Entscheidungsträger*innen werden Dolmetscher*innen häufig als Störfaktoren wahrgenommen, auf die sie aber auch zugleich angewiesen sind – d. h., die mensch auch nicht los wird – und von denen von einem Moment auf den anderen erwartet wird, zu Retter*innen der Situation zu mutieren. Grundsätzlich werden Dolmetscher*innen von Richter*innen eher als Instrumente denn als Akteur*innen betrachtet. Die Verfahrensbeteiligten sehen in ihnen wiederum häufig – und ganz im Gegensatz dazu – eine unerschöpfliche sprachliche und auch psychlogische Ressource. Morris untersucht in ihrem Artikel anhand von Beispielen aus der Praxis, welche individuellen Auswirkungen diese Rollenbilder und Erwartungshaltungen auf die Dolmetscher*innen und das translatorische Handlungsgefüge im Hinblick auf die Schaffung und Bewahrung von Bedeutung haben.
> Moeketsi, Rosemary. 1999. Discourse in a multilingual courtroom: A court interpreter’s guide. Pretoria: Van Schaik.
Moeketsi untersucht die Beziehung von Sprache und Recht in der Praxis des Gerichtssaales. Dabei schließt sie in ihre Analyse des Interaktionssettings auch die räumliche Dimension als eine bedeutende kommunikative Determinante mit ein. Moeketsi verweist auf die paradoxe Situation, dass die starke Asymmetrie des Feldes – Macht, Steuerung, Kontrolle - einerseits nahezu jegliche sinnvolle Kommunikation zwischen den beteiligten Akteur*innen von Beginn an verunmöglicht (Einseitigkeit), das Gericht aber andererseits dieselbe Macht strategisch einsetzt, um die aus juristischer Sicht notwendige Kommunikation in irgend möglicher Form aufrecht zu erhalten. Im Rahmen des transkulturell-kommunikativen Kontexts Südafrikas führen sprachideologische Haltungen zu einer zusätzlichen Verschärfung dieser Asymmetrie, was die Manövrierfähigkeit der Verfahrensbeteiligten weiter einschränkt. Im Hinblick auf die für das Gericht notwendige Aufrechterhaltung der Kommunikation kommt den eingesetzten Dolmetscher*innen eine entscheidende Rolle zu. Moeketsi geht in ihrer Publikation detailliert auf spezifische dominante Frage- bzw. Antwortstrategien ein. Sie zeigt weiters, dass die Art der im Gerichtssaal zur Anwendung kommenden kommunikativen Darstellungsweisen mehr mit literarischen Genres (z. B. Drama) als mit alltäglicher Kommunikation in Beziehung zu setzen ist. Weiters verweist sie darauf, dass die Funktion der kommunikativen Auseinandersetzung weit über die eines Informationsgewinns oder –austausches hinausgeht. Für das Verständnis des translatorischen Handlungsgefüges (Stichwort Skopos) sind diese Erkenntnisse von grundlegender Bedeutung. Moeketsi bringt eine Vielzahl an konkreten Beispielen, wie Dolmetscher*innen mit den an Sie gestellten Herausforderungen umgehen können, wobei Ihre Argumentation aus einer ethischen und im Sinne der ohnmächtigen Verfahrensbeteiligten empathischen Perspektive erfolgt.
> Kadrić, Mira. 2011. Dialog als Prinzip. Für eine emanzipatorische Praxis und Didaktik des Dolmetschens. Tübingen: Narr.
Der vorliegende Band untersucht das Handlungsgefüge des Dolmetschens aus der emanzipatorischen Perspektive von Augusto Boals Theater der Unterdrückten. Er zeigt im Rahmen szenischer Darstellungen, welche Gestaltungsmöglichkeiten und welches Wirkungsspektrum Dolmetscher*innen in sozialen Spannungsfeldern im Hinblick auf die Schaffung und Bewahrung von Bedeutung entfalten können. Dolmetscher*innen werden dabei als Protagonist*innen innerhalb asymmetrischer Interaktionskonstellationen erfahrbar. Nicht Dienst-Leistung, sondern Selbstbestimmung, Mitbestimmung und solidarisches Handeln stehen im Vordergrund. Wirklichkeit beruht auf Verwirklichung. Die traditionellen Maximen der Treue und Loyalität – zu wessen Vorteil? - werden im Spannungsfeld divergierender Interessen beleuchtet. Das Durchspielen unterschiedlicher Handlungsoptionen ermöglicht ein Aufbrechen von Routinen und scheinbar fixierten Handlungsmustern. Dabei widersteht die Autorin einer Finalisierung von Konzepten, sondern verweist vielmehr darauf, dass eine jegliche neue Kommunikationssituation – selbst in ausgeprägt strukturierten institutionellen Kontexten – immer auch einen experimentellen Charakter beinhaltet. Diesen unkontrollierbaren, freien und dynamischen Raum gilt es im Hinblick auf das Gelingen von Kommunikation zu füllen und zu nutzen.
> Kadrić, Mira. 20093. Dolmetschen bei Gericht. Erwartungen. Anforderungen. Kompetenzen. Wien: Facultas.
Es handelt sich hierbei um Basisliteratur, die die translationswissenschaftliche Theorie zum Dolmetschen bei Gericht mit den in Österreich geltenden gesetzlichen Rahmenbedingungen zum Einsatz von Dolmetscher*innen in detaillierter Weise zusammenführt. Neben der Perspektive der Dolmetscher*innen selbst – Ausbildung, Berufsbild, Selbstverständnis – wird auch die Sicht der Richter*innen – Entscheidungsprozesse zur Bestellung von Dolmetscher*innen und Erwartungshaltungen an diese – in ausführlicher Weise behandelt. Dabei wird ersichtlich, dass die Rollenerwartung letzterer an erstere deutlich über die von (passiven) Sprachmittler*innen hinausgeht. Darüber hinaus lässt sich aus den in der Publikation dargestellten empirischen Forschungsergebnissen zur aktuellen österreichischen Gerichtspraxis schließen, dass es den Entscheidungsträger*innen bei Gericht hinsichtlich der Verwendung von Dolmetscher*innen weniger um ein Gelingen von Kommunikation als vielmehr um einen ungestörten Verfahrensablauf und institutionelle Effizienz geht.
> Mason, Marianne. 2008. Courtroom Interpreting. Lanham (MD): University Press of America.
Marianne Mason Forschungsarbeit fokussiert auf kognitive Prozesse beim Gerichtsdolmetschen. Basierend auf Daniel Giles modèle d'efforts für das Konsekutivdolmetschen beschreibt Mason kritische Momente und Parameter für eine optimale Allokation kognitiver Ressourcen. Neben der möglichen kognitiven Überlastung kann auch eine unbalancierte Aufmerksamkeitsverteilung zu qualitativ inadäquaten Translaten führen. Im Gerichtskontext kann dies zu unmittelbaren negativen Konsequenzen für die davon Betroffenen führen. Mason diskutiert anhand von Beispielen aus der Praxis, welche präventive Strategien angewandt werden können. Zur Vermeidung eines memory overloads bzw. zur Sicherung eines möglichst vollständigen Translats könnten Dolmetscher*innen beispielsweise geneigt sein, die Ausgangsredner*innen zu unterbrechen. Dabei ist jedoch neben jurisitschen Aspekten auch zu berücksichtigen, dass diese Unterbrechungen selbst aus Sicht der Pragmatik kommunikative Signale darstellen, die von den Zuhörer*innen (z. B. den Geschorenen) je nach eigenem kommunikativen (sozio-kulturellen) Background interpretiert werden. Eine Unterbrechung hat direkte Auswirkungen auf die Dynamik des Narrativs und der Interaktion. Durch semikonsekutives Dolmetschen könnten solche Unterbrechungen vermieden werden. Doch Mason hält eine durchgehende Anwendung dieses Modus in der Praxis aufgrund der starken kommunikativen Asymmetrie für nicht realisierbar. Semikonsekutives Dolmetschen würde darüber hinaus die Dynamik des Narrativs weiter einschränken. Mason sieht vor allem noch Handlungsspielraum in der Optimierung der Notizentechnik und spricht sich deshalb explizit für verstärkte Forschungsmaßnahmen in dieser Hinsicht aus.
> Hale, Sandra, B. 2004. The Discourse of Court Interpreting. Discourse practices of the law, the witness and the interpreter. Amsterdam: Benjamins.
Hales Publikation gilt als Basiswerk zum Gerichtsdolmetschen. Sie fokussiert auf die Dolmetschung unterschiedlicher Fragetypen, den translatorischen Umgang mit diskursiven Gliederrungssignalen und spezifischen Realisierungsformen des Antwortens (Sprachenpaar Englisch-Spanisch). Sie weist darauf hin, dass das ‚Was‘ untrennbar mit dem ‚Wie‘ verwoben ist. Weiters stellt Hale Steuerungs- und Regelungsmechanismen für die kommunikative Interaktion im Gerichtssaal dar und widerspricht dominanten translationswissenschaftlichen Positionen, die von einer relativ stabilen Machasymmetrie im Gerichtssaal ausgehen.
> Russel, Debra & Hale, Sandra (eds.). 2008. Interpreting in Legal Settings. Washington D. C.: Gallaudet University Press.
Kolb, Waltraud & Pöchhacker, Franz: Interpreting in Asylum Hearings: Roles and Norms Revisited. In: Russel & Hale (eds.), 26-50.

Kolb & Pöchhackers Forschungsarbeit beruht auf der Beobachtung, Audioaufnahme und Transkription von 14 Asylanhörungen in Österreich in englisch-deutscher Dolmetschung. Die Evaluierung der Daten erfolgte anhand Vermeers Skopos- und Wadensjös Interaktionstheorie. Abgesehen von den festgestellten gravierenden qualitativen Mängeln der Translate ist in diesem Artikel vor allem das beschriebene Rollenverhalten der Dolmetscher*innen aufschlussreich. Häufig übernehmen diese Aufgaben der Behörde (z. B. als Co-Interviewer*innen) oder produzieren Translate, die sich nicht an die beteiligten Personen richten, sondern direkt zur Verschriftlichung im Akt dienen (protokollfertiges bzw. Aufs-Blatt-Dolmetschen). Die ethische Prämisse der versuchten Äquidistanz wird dabei ökonomischen Interessen – erwartete Wiederbestellung durch Beitrag zur institutionellen Effizienzsteigerung – untergeordnet.

Morris, Ruth: Taking Liberties? Duplicity or the Dynamics of Court Interpreting. In: Russel & Hale (eds.), 1-25.

Im Gerichtskontext herrscht für das Handlungsgefüge des Dolmetschens ein idealisiertes Leitbild vor. Es wird seitens der Entscheidungsträger*innen unter der Prämisse der Äquivalenz ausnahmslos eine perfekte Leistung erwartet, wobei die agierenden Dolmetscher*innen – vollkommen unterscheidungslos und somit quasi gleichberechtigt untereinander – als beliebig austauschbare, kommunizierende Gefäße („mouthpiece“) betrachtet werden. Vollständigkeit und Treue zum Original stellen dabei den Heiligen Gral des Dolmetschens dar. Dieses Märchenbild hat jedoch auch seine Brüche, denn ganz im Gegensatz dazu besteht seitens des Gerichts aber auch zugleich ein hohes Frustrationspotential, da es den Entscheidungsträger*innen nicht wirklich möglich ist, die Translate in realis auch zu evaluieren (eine Art des Ausgeliefert-Seins). Die Entscheidungsträger*innen des Gerichts verlangen nach Eindeutigkeit und fühlen doch, dass Sprache immer mehrdeutig bleibt. Hieraus erwächst ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber den Dolmetscher*innen, da diese aus Sicht des Gerichts somit immer auch in der Lage sind, selbst Bedeutung zu konstrieren. Sie tun dies u . a. beispielsweise durch Gatekeeping, die Wahl der Lexik, die Geschwindigkeit/Verlangsamung der Wiedergabe der Translate (z. B. in einem Kreuzverhör), durch Weglassungen oder Hinzufügungen oder auch durch die vermehrte oder verringerte Direktheit der Ausdrucksform. Die gesamte Dynamik des Kommunikationsprozesses kann durch die Dolmetscher*innen steuernd verstärkt oder aber auch eingeschränkt werden. Anhand praktischer Fallbeispiele, vor allem aber auf Grundlage des Strafprozesses gegen John Demjanjuk wegen Verbrechen in nationalsozialistischen Vernichtungslagern (Hebräisch-Ukrainisch-Englisch) wird das Paradoxon der idealisierten, statischen Erwartungshaltungen auf der einen und der interessengeleiteten, dynamischen Handlungen auf der anderen Seite untersucht. Es geht Morris somit um eine Dislozierung des vermeintlich Universellen ins konkrete Soziale.
> Bahadır, Şebnem. 2008. Verknüpfungen und Verschiebungen. Dolmetscherin, Dolmetschforscherin, Dolmetschausbilderin. Berlin: Frank & Timme.
Şebnem Bahadır unternimmt in diesem Band den Versuch einer ganzheitlichen Darstellung von Dolmetscher*innen, die somit auch ihre Körperlichkeit und situativ wechselnden Identitäten miteinschließt. Die Steuerung und Kontrolle von Unterwerfungs- und Domierungsprozessen (z. B. Kolonisierung) erfolgt immer auch durch Translate. Bahadır verortet somit das Handlungsgefüge des Dolmetschens im Zentrum der Macht. Einer Macht, der sich die Dolmetscher*innen bewußt sein sollten und für die sie auch Verantwortung zu tragen haben. In diesem Kontext nimmt Bahadır eine Abkehr vom Denken defizitärer Kommunikation (z. B. Dolmetschen als Fehlerquelle, Dolmetscher*innen als Störfaktoren, zwischen Scylla & Charybdis, etc.) vor und lenkt den Blick auf ein Gelingen und dafür verantwortliche Verstärkungsfaktoren. Dolmetschen, das heißt nach Bahadır einschätzen, verstehen, und sich zu eigen machen. Es heißt Entscheidungen treffen und bedeutet somit eine Abkehr von der Illusion von Gemeinsamkeit und Sicherheit. In diesem Sinne kann Professionalisierung nur als ein in Bewegung bleiben, als ein hin und her Schwingen und Pendeln und nicht als ein befestigbarer Weg verstanden werden. Bahadır tritt wider Verfestigung, Kodifizierung oder Universalisierung auf, die alle der Einmaligkeit, Unmittelbarkeit und Dynamik von gedolmetschter Interaktion entgegenstehen würden. Zur Vorbereitung auf das reale Handlungsgefüge des Dolmetschens findet Bahadır theaterpädagogische Ansätze hilfreich. Ein Sich-Ausprobieren, das Theater des Dolmetschens: Dolmetscher*innen als Dirigent*innen, Regisseur*innen, Schauspieler*innen. Proben. Darstellen. Verändern. Nichts anderes geschieht in jeder neuen Handlungssituation: ein Versuch, eine Darstellung, eine Adaptation …
> Bahadır, Şebnem. 2010. Dolmetschinszenierungen. Berlin: Saxa.                                 
Bei dieser Publikation handelt es sich um einen Sammelband, der bisher einzeln veröffentlichte Artikel Bahadırs zusammenführt. Bahadırs Forschungsarbeit liegt eine ganzheitliche Perspektive auf uns Menschen als Handlungsträger*innen mit situativ ständig wechselnden Identitäten im Dolmetschgefüge zugrunde. Dolmetschen, das Theater des Dolmetschens, ist dabei immer auch mit einer Inszenierung, die die Inszenierung des Körpers miteinschließt, verbunden. Bahadırs verweist in diesem Kontext auf Vermeer, der nicht nur darauf hinwies, dass die Krawatte sondern auch deren Farbe mitdolmetschen und somit zur Bedeutungskonstruktion beitragen würde. Dolmetscher*innen machen nicht nur, sondern sie ‚sind‘ auch. Positioniert. Verortet. Dolmetscher*innen haben in Sekundenbruchteilen, teils bewusst, teils unterbewusst, Entscheidungen zu treffen und müssen auch mit den Konsequenzen dieser leben (d. h. Verantwortung für ihr Sichverhalten tragen). Translatorische Ethik ist unter diesem Gesichtspunkt weniger als ein Einhalten von übereingekommenen Codices als vielmehr mit dem bewussten Verlust der Unschuld des eigenen Handelns verbunden. Translationsdidaktisch kann Dolmetschen als Performance betrachtet werden, wobei der Aufführung die Probe vorausgeht und jegliche Aufführung doch immer auch Probe bleibt (Einmalig- und Unmittelbarkeit einer jeglichen Dolmetschung). Dieser hohe und einer jeglichen Dolmetschung innewohnenende Grad der Experimentalität steht in starkem Widerspruch zur gerichtlichen Vorstellung eines perfekten, vordefiniert-fixierten und ständig zu reproduzierenden Handlungsablaufs.
> Dizdar, Dilek. 2006. Translation. Um- und Irrwege. Berlin: Frank & Timme.                    
Die Forschungsarbeit Dizdars kann im Hinblick auf ein besseres Verständnis des Entstehens, der versuchten Fixierung oder der Transformation von Bedeutung als grundlegend betrachtet werden. Aus ihrer de/konstruktivischen Perspektive beinhaltet ein Ausgangstext (sous rature!) kein Informationsangebot im Sinne einer Behältnismetaphorik, sondern s(t)imuliert und evoziert vielmehr eine Vielzahl von Assoziationen, aus deren Vielfalt es für Translator*innen eine Auswahl zu treffen gilt. Dabei lenkt sie den Blick weg vom ‚Transfer’ zum Umfeld und Wirkungsfeld des gesamten Evokations- und Selektionsprozesses. Translator*innen sind in diesem Sinne nicht mehr einfach Dienstleister*innen, sondern Handlungsträger*innen, die Bedeutung produzieren und manipulieren. Ein jeglicher Text, so auch ein Translat, trägt viele Spuren in sich. Aus Dizdars de/konstruktivistischer Sicht sind Ausgangstexte S(t)imulationen. Sie spielen dabei nur eine von vielen Rollen im Translationsprozess und gehen als Spur in das Translat ein. Für die Rollengestaltung des Ausgangstexts sind die Translator*innen entscheidend. Das Translat selbst wiederum trägt in Folge als S(t)imulation zur Entstehung anderer Texte bei, es webt sich somit als weitere Spur in die Welt der Intertextualität ein. Dizdar sieht dabei die Wiederholung als eine Grundeigenschaft der Sprache, wobei eine Wiederholung immer mit einer Verschiebung und somit auch einer Veränderung einhergeht. Der Translationsprozess stellt für sie eine manipulierte Wiederholung dar. Translation heißt für Dizdar immer auch Versuch, sich auf ‚das Andere’ oder ‚die Anderen’ zu beziehen, wobei translatorisches Handeln eine Gratwanderung zwischen Sich-dem-Anderen-Öffnen und das Andere durch Aneignung und Assimilation vernichten darstellt.
> Prunč, Erich. 2007. Entwicklungslinien der Translationswissenschaft. Von den Asymmetrien der Sprachen zu den Asymmetrien der Macht. Berlin: Frank & Timme.
Prunčs Publikation stellt eine Einführung in die Translationswissenschaft dar. Translation bedeutet für ihn Handlung. Für den Kontext des Gerichts- und Behördendolmetschens sind vor allem die Kapitel über die kulturelle Wende in der Translationswissenschaft, die Felder der Macht, über Translationsethik und –kultur, sowie Kapital und Habitus (inklusive inhärenter Wertehaltungen) von Bedeutung. Prunč lenkt dabei die Aufmerksamkeit auf die Macht der Macher und sieht in Dolmetscher*innen keine gesichtslosen Diener*innen, sondern vielmehr selbstbewusste Gestalter*innen eines sozialen Raums. Kommunikative Signale (z. B. Zeichen) beziehen sich aus seiner Perspektive immer auf andere Signale, jedoch nie auf etwas, das sich jenseits dieser Signale (die Wirklichkeit?) befindet. Laut Prunč existiert somit jenseits der Sprache keine Wahrheit. Daraus lässt sich ableiten, dass ein Translationsverständnis, das auf die Formulierung eines Bezeichneten durch ein anders-sprachliches Bezeichnendes abzielt, nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Translation bedeutet für ihn ein ständiges In-Beziehung-Setzen des Erkannten oder Gesagten zu anderen Sinngefügen und damit einhergehend die Produktion von neuem Sinn.
> Shlesinger, Miriam & Pöchhacker, Franz (eds.). 2010. Doing Justice to Court Interpreting. Amsterdam: Benjamins.
Morris, Ruth. Missing stitches. An overview of judicial attitudes to
interlingual interpreting in the criminal justice systems of Canada and
Israel. In: Shlesinger & Pöchhacker (eds.), 55-84.


Morris argumentiert in diesem Artikel, dass es für das Handlungsfeld des Gerichtsdolmetschen vorrangig weder neuer gesetzlicher Regelungen noch adaptierter organisatorischer Rahmenbedingungen bedarf. Die sich alltäglich im Gerichts- und Behördenkontext wiederholende Farce inadäquater Dolmetschungen ist für sie zweierlei begründet: Zum einen trägt laut Morris Analyse niemand Verantwortung für die Konsequenzen dieser Handlungsweisen und zum anderen trägt die indifferente Haltung der Entscheidungsträger*innen zu Sprache als Handlungsinstrument (Bedeutungs- bzw. Wirklichkeitskonstruktion) zu einer weitgehenden Ausblendung der Handlungsmacht von Dolmetscher*innen bei. Eine Veränderung ist somit nur dann möglich, wenn die Entscheidungsträger*innen sowohl Haltung als auch Verständnis zu Funktionalität von Sprache ändern und auch Verantwortung für ihre diesbezüglichen Entscheidungen tragen.

Jacobson, Bente. Interactional pragmatics and court interpreting. An analysis of face. In: Shlesinger & Pöchhacker (eds.), 193-222.artinsen, Bodil & Dubslaff, Friedel. The cooperative courtroom. A case study of interpreting gone wrong. In: Shlesinger & Pöchhacker (eds.), 163-192.

Basierend auf den Theorien Goffmans, sowie Brown & Levinsons untersucht Jacobson im vorliegenden Artikel den Umgang mit imageschützenden oder –gefährdenden Kommunikationsweisen in einem gedolmetschten dänischen Strafverfahren. Im Rahmen starker kommunikativer Asymmetrie besteht für Beteiligte mit eingeschränkter Handlungsmacht immer die Gefahr eines Gesichtsverlustes der es vorzubeugen gilt. Die Anwendung dieser imageschützenden Strategien kann jedoch wiederum zu einer unmittelbaren Bedrohung des Images der mächtigeren Kommunikationsbeteiligten führen. Während Dolmetscher*innen diese Strategien und Praktiken der Beteiligten wahrnehmen, interpretieren und in ihre translatorischen Handlungen einfließen lassen, haben sie zugleich ihr eigenes Gesicht in der Interaktion zu wahren. Jacobson stellte fest, dass der beobachtete Dolmetscher dabei die jeweiligen imagesichernden oder -bedrohenden Handlungsweisen mittels seiner Translate häufig modifizierte, um sein eigenes Image und/oder das eines der an der Kommunikation Beteiligten zu wahren. Diese pragmatischen Handlungsweisen wirken sich direkt auf die Bedeutungskonstruktion aus und regen zu weiterer ganzheitlicher Dolmetschforschung an, die sich von ihrer bisherigen weitgehenden Fixierung auf Text, Sprache oder Kognition löst.
> Blommaert, Jan. 2006. How legitimate is my voice? A rejoinder. Target 18:1, 163-176.
Blommaerts besonderer Beitrag zu transkulturell-kommunikativen Prozessen im Gerichts- und Behördenbereich ist durch diesen Artikel zweierlei: Zum einen, dass bestimmte Formen der Ausdrucksweise unterschiedliche kontext- und situationsgebundene Funktionen erfüllen können, wobei diese nicht frei interpretierbar sind, sondern einer hierarchischen Ordnung unterliegen. Diese Formen stellen im Rahmen transkulturell-kommunikativen Handelns große Herausforderungen dar, da diese lokal gebunden sind und deren Bedeutung außerhalb dieses spezifischen Feldes ihre Funktionalität verlieren (eingeschränkte Identifizier- und Reproduzierbarkeit). Zum zweiten für seine Konzeption der „Stimme“, die es auch in einem gedolmetschten triadischen Setting – in unterschiedlichen Kontexten und Auditorien sowie bei unterschiedlichen Anlässen – zu bewahren gilt. Unter „Stimme“ versteht Blommaert die Fähigkeit, sich nach eigenen Gutdünken – und durch selektive Aktivierung des eigenen kommunikativen Repertoires – ganzheitlich verständlich machen zu könnnen. Das Konzept von Blommaerts „Stimme“ stellt somit eine Ablösung und Erweiterung von der für transkulturell-kommunikative Prozesse dominanten Kategorie der Sprache dar. Für das Handlungsgefüge des Gerichtsdolmetschens ergibt sich aus dieser Öffnung für die sozialwissenschaftlich-interaktionistisch orientierte Forschung eine Vielzahl neuer, bisher noch nicht oder nur ansatzweise untersuchter Fragestellungen.
> Pöllabauer, Sonja. 2005. “I don’t understand your English, Miss.” Dolmetschungen bei Asylanhörungen. Tübingen: Narr.
Pöllabauers Publikation kann als empirisches Grundlagenwerk im Feld des Asylschutzes betrachtet werden, das an Umfang und Detail seinesgleichen sucht. Sie betrachtet das Handlungsgefüge des Dolmetschens kontextspezifisch aus soziologischer, kommunikationswissenschaftlicher, juristischer, forensisch-psychiatrischer und translationswissenschaftlicher Sicht. Anhand von zahlreichen Beispielen aus der Praxis untersucht sie kontexttypische Standpunkte und Handlungsweisen von Dolmetscher*innen, wie z. B. Rollen- und Selbstverständnis, Gruppenzugehörigkeitsgefühl, Imagebedrohung und –schutz (face), Umgang mit Höflichkeitsstrategien, Eigeninitiative, Annäherung/Distanz, Filterung/Selektion, Explikation, Einsatz von Metakommunikation, Umgang mit Missverständnissen, Problemlösungsstrategien, Wahrnehmung von Kulturspezifik, Aufs-Blatt-Dolmetschungen (Protokollstil), Kooperation und Gesprächskoordination, etc. Pöllabauer weist nach, dass der Einsatz von Dolmetscher*innen direkten Einfluss auf den Ausgang von Asylverfahren hat (agency). Die im Rahmen ihrer Forschungsarbeit beobachteten Dolmetscher*innen waren weder Brücken noch Kanäle, sondern agierten als aktive Teilnehmer*innen am Kommunikationsprozess, wobei deren Entscheidungen und Handlungen auf vielfache Weise zu unmittelbaren (meist negativen) Konsequenzen für die Asylsuchenden führten.

 

Biographie, Narrative & Trauma

> Anthonissen, C., 2009. ConsideringtheViolenceofVoicelessness: Censorshipand Self-Censorship Related o the South African TRC Process. In Justice and Memory. Confronting traumatic pasts. An international comparison. Wien: Passagen Verlag, pp. 97–122.

Anthonissen, C., 2008. On Interpretingthe Interpreter: Experiencesof Language PractitionersMediatingforthe TRC. Journal of Multicultural Discourse, 3(8), pp.165–188.

Anthonissen, C., 2006a. Critical discourseanalysisas an analytictool in considering selected, prominent features of TRC testimonies. Journal of Language & Politics, 5(1), pp.71–96.

Anthonissen, C., 2006b. The language of remembering and forgetting. Journal of Language and Politics, 5(1), pp.1–13.
Christine Anthonissen thematisiert in ihrer Forschungsarbeit zur Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika das Erzählen von traumatischen Erfahrungen im institutionellen und mehrsprachigen Kontext und fragt danach, unter welchen Bedingungen erlebte Lebensgeschichte/n in die Geschichtsschreibung einer Gesellschaft eingehen können. Durch die Verwendung des auf Cuéllar zurückgehenden Konzepts der (violence of) voicelessness, mit welchem Anthonissen (2009) „(…) the inability of traumatised people to contribute to a discourse in which they should be central participants“ bezeichnet, wirft sie mehrere Fragen auf, die auch für die Untersuchung von Kommunikationsprozessen in behördlichen und gerichtlichen Verfahren in anderen Ländern relevant sind: Welche Erzählweisen sind in institutionellen Erzählsituationen hörbar, wirken glaubwürdig und verleihen ErzählerInnen eine Stimme? Welche Elemente von Erzählungen überleben ihre Rekontextualisierung im Rahmen von Dolmetschung und Verschriftlichung und welche finden Eingang in die öffentliche Berichterstattung? Anthonissen zeigt, dass bei der Verarbeitung von (Lebens)Geschichten im behördlichen und medialen wie auch in wissenschaftlichen Zusammenhängen immer danach gefragt werden muss, wem erzählte Lebensgeschichte/n im Übergang zwischen privatem Erinnern und öffentlichem Raum gehören (ownership) und wer den Inhalt von Erzählungen und letztlich auch die daraus gemachte Geschichte kontrolliert (dis/empowering effects of telling stories). Für das PluS-Projekt von besonderem Interesse ist Anthonissens (2008) Auseinandersetzung mit den Erfahrungen von DolmetscherInnen, die in der Wahrheits- und Versöhnungskommission eingesetzt wurden. Indem sie aus der Perspektive der damals tätigen Sprach(ver)mittlerInnen die Herausforderungen, die das Setting und der gesellschaftliche Kontext der Kommission mit sich brachten, sichtbar macht, leistet sie einen wichtigen Beitrag zur translation history (Pym). ZeugInnen, die in der Wahrheits- und Versöhnungskommission aussagten, erzählten das Erlebte oft unter Einsatz ihres gesamten mehrsprachigen Repertoires. Neben der Bedeutung nonverbaler Kommunikation für das Erzählen von traumatischen Erlebnissen (Wie beispielsweise ein tiefes Ausatmen, eine Pause beim Sprechen oder Auslassungen im Text dolmetschen?) mussten die DolmetscherInnen ad hoc auch Taktiken entwickeln wie sie code-switching und damit verbundene Bedeutungen in ihren Translaten wiedergeben konnten.
> Blommaert, J., 2009. Language, Asylum, andthe National Order. Current Anthropology, 50(4), pp.415–441.
Jan Blommaerts Artikel lässt sich auf mehrfache Weise lesen: Als Beschreibung einer Sprachbiografie eines Flüchtlings aus Ruanda; als theoretischer Beitrag zu einer Soziolinguistik welche aus einer sprecherInnenzentrierten Perspektive den Begriff des Repertoires und die gesprochene Sprache in ihr Zentrum stellt; als Kritik am nationalstaatlich organisierten Asylverfahren, in welchem eine an scheinbar objektiven Kriterien orientierte Glaubwürdigkeitsprüfung vorgenommen wird, die den Lebenswelten von AsylwerberInnen nur sehr eingeschränkt gerecht werden kann und nicht zuletzt auch als wichtiger Diskussionsbeitrag zu LADO (Language Analysis forthe Determination of Origin).
> Breckner, Roswitha (2005). Migrationserfahrung - Fremdheit - Biographie. Zum Umgang mit polarisierten Welten in Ost-West-Europa. Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Um Aussagen treffen zu können über die biographische Bedeutung von Migrations- und Fremdheitserfahrungen rekonstruiert Breckner Lebensgeschichten von MigrantInnen, die um 1989 aus osteuropäischen Ländern nach Deutschland kamen. Der theoretische Ansatz und der ausführliche Teil zur Methode, der sowohl Gesprächsführung als auch Auswertung umfasst, sind für den Forschungszusammenhang Biographie-Migration, der in unserem Projekt eine wichtige Rolle spielt, interessant. Zur Funktion biographischen Erzählens sagt Breckner: "Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Biographien als sinngebende Ordnungen von kontingenten Erlebnissen und Erfahrungen in der zeitlichen Dimension der Lebensgeschichte verstanden werden, die die Person sowohl auf gesellschaftliche Erfordernisse hin als auch in der Verarbeitung von individuell Erlebtem und Erfahrenem strukturiert. In den hierdurch entstehenden Erfahrungszusammenhängen wird Kontinuität und Konsistenz hergestellt, indem Diskontinuitätserlebnisse und Widersprüche in einen präsentierbaren und kommunizierbaren Zusammenhang gebracht werden. Es sind also Kommunikationsprozesse, die Biographien in verschiedenen Kontexten zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Formen in mehr oder weniger offen strukturierten Interaktionssituationen immer wieder von neuem hervorbringen.“
> Briggs, C.L., 1997. Notes on a “Confession”: On theconstructionof Gender, Sexuality, andviolence in an infanticidecase. Pragmatics, 7(4), pp.519–546.
Briggs zeigt aus Perspektive der Pragmatik auf, wie im Laufe eines Strafverfahrens aus der Erzählung einer Frau, welche beschuldigt wird ihr neugeborenes Kind getötet zu haben, ein Geständnis gemacht wird und der Frau eine kriminelle Identität zugeschrieben wird. Er macht an diesem Beispiel deutlich, wie in Vernehmungsprotokollen, Befragungen und Gesprächen verwendete Lexeme, Register, Stile und Erzählmuster von ihrem Entstehungskontext gelöst werden und wie sie in das, was im analysierten Verfahren später zum Geständnis wird, eingeschrieben werden. Das von Briggs untersuchte Fallbeispiel macht sehr deutlich: Erzählungen sind diskursive Ereignisse, welche Konsequenzen für die daran teilnehmenden Menschen und für die Institutionen und Gesellschaften, in denen sie stattfinden, haben. Zu verstehen, wie Individuen und Institutionen die Kontrolle über jene Praktiken (zurück) gewinnen können, welche die Rekontextualisierung von Erzählungen formen, ist wesentlich für die Analyse sozialer Ungleichheit.
> Busch, B. (2010). "Die Macht präbabylonischer Phantasien. Ressourcenorientiertes sprachbiographisches Arbeiten." Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik LiLi 40(160): 58-82.
Beschrieben wird ein multimodaler sprachbiographischer Zugang, der auch dem PluS-Projekt zugrunde liegt. Ausgangspunkt ist das sprechende Subjekt, das heißt, dass nicht einzelne Sprachen oder Varietäten im Vordergrund stehen, sondern das Spracherleben mit seinen bislang noch relativ wenig erforschten körperlich-emotionalen Dimensionen. Mit dem Begriff Spracherleben wird ein Ansatz umrissen, der danach fragt, wie Menschen in mehrsprachigen Lebenszusammenhängen ihre Sprachlichkeit wahrnehmen und bewerten und welche Erfahrungen, Gefühle oder Vorstellungen sie damit verbinden, bzw. wie sie sich – gegenüber anderen oder sich selbst – in ihrer Mehrsprachigkeit erfahren, positionieren und darstellen. Gefragt wird nach dem Bezug des Spracherlebens zur individuellen Lebensgeschichte einerseits, zu historisch-gesellschaftlichen Konfigurationen mit ihren Zwängen, Machtgefügen, Diskursformationen und Sprachideologien andererseits. In dem Artikel wird der von John Gumperz eingeführte Begriff des sprachlichen Repertoires weiterentwickelt. Ausgeführt und methodologisch begründet wird auch die Methode des Sprachenportraits, in der Forschunsgbeteiligte anhand einer vorgegebenen Körpersilhouette ihr sprachliches Repertoire visuell und narrativ darstellen.
> Ehlich, K., 2007. Sprache und sprachliches Handeln. Band 3. Diskurs - Narration - Text - Schrift. Berlin, New York: Walter de Gruyter.
Konrad Ehlich macht darauf aufmerksam, dass das Erzählen von Geschichten das Potential hat die an einem Gespräch teilnehmenden Personen zu involvieren, sie „betroffen“ zu machen. Indem durch Erzählungen Erlebnisse und Erfahrungen bewältigt und mit anderen geteilt werden, kann Erzählen ermächtigend wirken (siehe Anthonissens Arbeit zur Wahrheits- und Versöhnungskommission!) und Isolation überwinden helfen. Aber: „Im institutionell bestimmten Alltag des Erzählens wird Erzählen funktionalisiert – von den Klienten (…) der Institution für ihre eignen, von den Agenden der Institution für deren Zwecke.“
> Gülich, Elisabeth (2007). Mündliches erzählen: narrative und szenische Rekonstruktion. Behutsames Lesen. In: S. Lubs, L. Jonker, A. Ruweand U. Weise. Alttestamentliche Exegese im interdisziplinären Methodendiskurs. Leipzig, Evangelische Verlagsanstalt: 35-62.
Elisabeth Gülich beschäftigt sich aus der Sicht der Konversationsanalyse mit dem erinnernden Erzählen. Sie geht dabei davon aus, dass „[d]as narrative oder szenische Rekonstruieren vergangener Ereignisse, Erlebnisse oder Erfahrungen (…) immer auch Erinnerungsarbeit“ ist. Erzählen geht daher immer auch mit Beurteilen und Interpretieren des Erlebten einher und „(…) mehrfaches Erzählen derselben Geschichte bietet immer wieder eine neue Chance der Re-Interpretation des Erlebten.“ Eine „Geschichte“ und auch deren „Erzählwürdigkeit“ entstehen in diesem (konversationsanalytischen) Sinn erst interaktiv und situativ durch den Akt des Erzählens selbst. Erzählt wird „(…) vom Ende her.“ D. h. die erzählten Inhalte werden am Ausgang der Geschichte orientiert, strukturiert und evaluiert.
> Maryns, K., 2005a. Displacement in AsylumSeekers’ narratives. In M. Baynham& A. De Fina, eds. Dislocations / Relocations. Narratives of Displacement. Manchester: St. Jerome, pp. 174–196..
Maryns geht davon aus, dass vieles, was in „lokaler“ Kommunikation implizit bleibt, in translokalen Formen der Kommunikation explizit gemacht werden muss. Anhand von drei Fallbeispielen aus Asylverfahren zeigt sie auf, welche Herausforderungen dies für transkulturelle Kommunikation bei Behörden und Gerichten mit sich bringt: Die Wahl der Dolmetschsprache ist entscheidend dafür, ob es AsylwerberInnen möglich ist ihre Erzählung so zu erzählen, dass diese im translokalen Setting verstanden werden kann. Von AntragstellerInnen vorgenommene Kontextualisierungen ihrer Erzählungen müssen von den anderen Beteiligten „gehört“ und als relevant für die Interpretation der Erzählung eingestuft werden. Und nicht zuletzt ist es für Asylsuchende wesentlich, welche Elemente der von ihnen eingebrachten Erzählungen in die rekontextualisierten Versionen ihrer Fluchtgeschichte (beispielsweise in Form von Aktennotizen, Niederschriften, Entscheidungen) eingehen. Maryns macht so deutlich, dass im Asylverfahren zwar prinzipiell das Recht zum Erzählen der eigenen Fluchtgeschichte besteht, dieses aber zur Farce wird, wenn die kommunikativen Rahmenbedingungen dem transnationalen Charakter dieser Kommunikation nicht gerecht werden können.
> Rienzner, Martina. 2011. Fluchtgeschichten erzählen im Asylverfahren, in: Profanter, Annemarie (Hg.): Kulturen im Dialog II. Peter Lang: Frankfurt am Main et al..
Das Erzählen der Umstände, die zur Flucht geführt haben, ist eines der wenigen Mittel, über das Flüchtlinge im Asylverfahren verfügen, um ihren oft traumatischen Erfahrungen Sinn und Anerkennung verleihen zu können. Demgegenüber stehen aber die Rahmenbedingungen im Asylverfahren selbst, die Asylsuchenden oft nur wenig Raum zum Erzählen eröffnen. Am Beispiel von in österreichischen Asylverfahren erhobenen Beobachtungsprotokollen und von Entscheidungstexten zeigt Martina Rienzner auf, wie AntragstellerInnen die Kontrolle über den Inhalt und die Form von Erzählungen im Laufe von Verhandlungen und Verfahren zunehmend entzogen wird und wie die in das Verfahren eingebrachten Fluchtgeschichten für die ErzählerInnen selbst immer mehr an Bedeutung und Funktion verlieren können.

 

 

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