Sprachmittlung bei Gericht und Behörden
Interdisziplinärer Forschungsschwerpunkt

am Institut für Afrikawissenschaften 

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Jeder Angeklagte hat das Recht "in einer für ihn verständlichen Sprache über die Art und den Grund der gegen ihn erhobenen Beschuldigung in Kenntnis gesetzt zu werden."

EMRK Artikel 6/3a



 

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Tag 1 – Vorträge und Diskussion

Vorstellung des ÖNB-Projekts "Sprachwahl bei Gericht und Behörden für MigrantInnen aus afrikanischen Herkunftsländern"
Gabriele Slezak und Martina Rienzner (Institut für Afrikawissenschaften, Universität Wien)

Im Zentrum des Forschungsprojekts steht der Prozess der Wahl einer geeigneten Dolmetschsprache für MigrantInnen aus afrikanischen Herkunftsländern im Rahmen von justiziellen Verfahren und Asylverfahren in Österreich. Neben den Einstellungen der involvierten Akteure gegenüber afrikanischen Sprachen, werden insbesondere auch institutionelle Routinen und individuell entwickelte Handlungsstrategien im Umgang mit Mehrsprachigkeit untersucht. Dazu werden Daten aus der Beobachtung von Verhandlungen bei Gerichten und Asylbehörden sowie qualitativen Interviews mit beteiligten Akteuren gewonnen.
Erste Ergebnisse zeigen, dass bei der Sprachwahl meist monolinguale Standards bevorzugt werden. Diese treffen in der Kommunikation in den Verhandlungen aber auf einen überwiegend plurilingualen Sprachhintergrund. Auftauchende Kommunikationsprobleme werden von den Akteuren unterschiedlich interpretiert, meist jedoch nicht auf die Sprachwahl zurückgeführt. Der Kommunikationsprozess selbst wird durch Anwendung verschiedener Strategien aufrechterhalten, wodurch die einmal getroffene Sprachwahl nur in Ausnahmefällen revidiert werden kann.
 

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… und Ihre Sprache? Über die Schwierigkeiten eine scheinbar einfache Frage zu beantworten
Brigitta Busch (Institut für Sprachwissenschaften, Universität Wien)

Ausgangspunkt meines Beitrags ist das persönliche sprachliche Repertoire, das im biographischen Verlauf abhängig von unterschiedlichen sozialen Kontexten und persönlichem Erleben einer ständigen Veränderung unterworfen ist. Anhand von Beispielen wird ausgeführt, welche Probleme es birgt, individuelle Mehrsprachigkeit mit Begriffen wie Muttersprache, Erstsprache, Umgangssprache zu erfassen und gesellschaftliche Mehrsprachigkeit auf eindeutige Kategorien und Zuordnungen zu reduzieren. Angesprochen werden auch aktuelle Themen der Mehrsprachigkeitsforschung wie Sprache und Emotion, Sprache und Trauma, Sprache und Macht.  

Stolpersteine in der Kommunikation. Englisch als Dolmetschsprache bei Gericht
Bettina Rittsteuer (beeidete und gerichtlich zertifizierte Dolmetscherin für Englisch)

In dem Vortrag werden anhand meiner persönlichen Erfahrungen als Gerichtsdolmetscherin für Englisch mögliche Hürden im Kommunikationsdreieck Gericht - Dolmetscher - Verfahrensbeteiligte aus afrikanischen Herkunftsländern aufgezeigt.
Es wird auf die verschiedenen Kommunikationsstränge eingegangen und anhand praktischer Beispiele aus dem Dolmetscheralltag bei Gericht veranschaulicht, welche Probleme sich beim Gerichtsdolmetschen speziell mit der Sprache Englisch ergeben können, wobei auch allgemeinere Schwierigkeiten in der Kommunikation bei Gericht beleuchtet werden, die sich auf die spezielle Kommunikationssituation mit Englisch als Dolmetschsprache auswirken.
Ziel ist es, bei allen an der Kommunikation bei Gericht Beteiligten ein Bewusstsein für mögliche „Stolpersteine“ zu schaffen, damit angemessen auf eventuell problematische Situationen reagiert werden kann, eine möglichst umfassende Kommunikation zwischen den Beteiligten gewährleistet wird und die Kommunikationssituation insgesamt optimiert wird.

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Probleme in der Kommunikation mit fremdsprachigen Zeugen und Delinquenten
Beate Matschnig (Jugendrichterin am Landesgericht für Strafsachen Wien)

Ein wesentliches Prinzip des Hauptverfahrens im Strafrecht ist die Unmittelbarkeit. Das Gericht soll sich objektiv eine eigene Meinung über die Glaubwürdigkeit und Aussagefähigkeit des Zeugen oder Angeklagten bilden.
Das ist – sprechen die Richter und ihr Gegenüber dieselbe Sprache – im Normalfall auch kein Problem. Wird ein Dolmetsch benötigt, verkompliziert sich die Sachlage. Obwohl bei gängigen EU-Sprachen ausschließlich gerichtlich beeidete Dolmetscher verwendet werden, bleibt das Problem bestehen, ob tatsächlich das übersetzt wird, was der Betroffene gesagt hat. Es ist kein Einzelfall, dass der oder die Richterin, die ebenfalls der Sprache mächtig ist, etwas anderes versteht als der Dolmetscher.
Noch schwieriger ist es, wenn – wie bei den meisten Schwarzafrikanern der Fall – in einer Sprache verhandelt wird, die nicht die Muttersprache des Betroffenen ist. Hier ist sowohl seitens des Dolmetsch als auch des Gerichts sehr viel Fingerspitzengefühl notwendig, um zu erkennen, ob der oder die Betroffene überhaupt versteht, worum es sich bei den diversen Fragen handelt.
Fallweise werden auch Dolmetsch bestellt und beeidet, die die Muttersprache des Beteiligten – sowie für Wolof, Igbo, Krio, Ful oder Mandinka. Hier muss sich das Gericht völlig auf die Korrektheit der Übersetzung verlassen. Da tut sich jeder Richter bei der Beurteilung der Glaubwürdigkeit besonders schwer. Eine befriedigende Lösung für derartige Probleme ist zurzeit nicht in Sicht.

Kommunikation mit Verfahrensbeteiligten aus afrikanischen Herkunftsländern aus Sicht einer Strafverteidigerin
Alexia Stuefer (Rechtsanwältin)

Eine funktionierende Kommunikation zwischen sämtlichen Verfahrensbeteiligten ist die grundlegende Voraussetzung eines fairen Verfahrens. Selbst wenn den übrigen Fairness-anforderungen wie Waffengleichheit, effektive Verteidigung, rechtliches Gehör, unabhängiges und unparteiisches Gericht, bestmöglich entsprochen wird, das Verfahren bleibt  stets eine Farce, wenn der/die Beschuldigte nicht in einer ihr/ihm verständlichen Sprache daran teilnehmen kann. Erörtert wird im Folgenden, welchen Beitrag die Verteidigung zur Ermöglichung des optimalen Verfahrensablaufes leisten kann, welche Schwierigkeiten wiederholt auftreten und welche Verbesserungen angebracht erscheinen.  

Schwierigkeiten in der Kommunikation aus Sicht der Asylbehörde
Klaus Krainz (Vizedirektor des Bundesasylamts und Leiter der Außenstelle Graz)

Neben dem zumeist sehr persönlichen und schwierigen Thema "Fluchtgrund", allfälligen traumatischen Verfolgungserlebnissen, kulturellen Unterschieden und der Einvernahmesituation als solchen stellt die Kommunikation über eine dritte Person, den/die DolmetscherIn, eine besondere Schwierigkeit und Herausforderung sowohl für den Asylwerber als auch den einvernehmenden Referenten im Asylverfahren dar.
Die "Kommunikation im Dreieck" birgt vielfältige qualitative Gefahrenmomente, welche von der nicht ausreichenden Sprachbeherrschung jedes der Beteiligten, ethnischen Spannungen, inhaltlichen Tabuthemen und unbewussten inhaltlichen Veränderungen bis zu absichtlichen Falschübersetzungen reichen können.
Das Bundesasylamt als Asylbehörde 1. Instanz ist bestrebt, eine möglichst hohe Qualität der Kommunikation durch Schulung der eigenen MitarbeiterInnen, solide Auswahl der DolmetscherInnen, klare Festlegung von Qualitätskriterien für Dolmetschverhalten und Übersetzungsleistungen sowie Förderung der Weiterbildung sicherzustellen.

>> Merkblatt über Pflichten und Rechte von Asylwerbern 2010
>> Sprachenliste zur Feststellung d. Dolmetschsprache im BAA

Kommunikation im Asylverfahren aus menschenrechtlicher Sicht
Margit Ammer und Katharina Köhler (Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte)

Im Asylverfahren soll festgestellt werden, ob eine Person als Flüchtling im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention qualifiziert und damit weitreichende Rechte für einen längerfristigen Aufenthalt im Aufnahmestaat erhält. Die Feststellung der Flüchtlingseigenschaft im Asylverfahren auf nationaler Ebene, bei der der Glaubwürdigkeit des/der AsylwerberIn zentrale Bedeutung zukommt, ist auf erfolgreiche Kommunikation angewiesen. Erfolgreiche Kommunikation kann als stillschweigend angenommene aber oft vernachlässigte Voraussetzung angesehen werden. Einschlägige Normen auf nationaler Ebene, die das Asylverfahren regeln, enthalten nur wenige Bestimmungen, die ausdrücklich die verwendete(n) Sprache(n) thematisieren – als Maßstab gilt lediglich die Verständlichkeit der Sprache für den/die AsylwerberIn. Das Hervorheben und die Stärkung der Rolle von Kommunikation/Sprache im Asylverfahren erscheinen daher sinnvoll. Wir gehen der Frage nach, inwieweit auch menschenrechtliche Erfordernisse das Anlegen strengerer Maßstäbe gebieten.

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„Wie erklären Sie mir diesen Widerspruch?" - Dolmetschen im Asylverfahren Waltraud Kolb (Zentrum für Translationswissenschaften, Universität Wien)

Eine wichtige Entscheidungsgrundlage in Asylverfahren stellen die verfügbaren Einvernahmeprotokolle dar. Widersprüche in diesen Protokollen können die Glaubwürdigkeit von AsylwerberInnen unter Umständen stark beschädigen. Nicht immer sind Widersprüche von den betroffenen AsylwerberInnen zu verantworten, in manchen Fällen resultieren sie vielmehr aus der komplexen Kommunikationssituation und problematischen Rollenverteilung zwischen VerhandlungsleiterIn, DolmetscherIn und SchriftführerIn bei der Protokollerstellung.
Basierend auf  authentischem Datenmaterial, das im Rahmen eines Forschungsprojekts während Einvernahmen (englisch gedolmetschter) afrikanischer AsylwerberInnen am UBAS erhoben wurde, werden einige Fälle vorgestellt, in denen im Laufe der Protokollierung Widersprüche generiert wurden, die in der mündlichen Schilderung nicht vorhanden waren, etwa durch die Kürzung oder Zusammenfassung von Repliken oder Missverständnisse sprachlicher Natur. Welche Möglichkeiten gibt es, diese Situation zu entschärfen?

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Fair & Sensibel
Melinda Horvath, Birgitt Albrecht und Michael Zach (Verein Fair & Sensibel)

Der Verein „Fair und sensibel - Polizei und AfrikanerInnen" arbeitet an einem fairen und sensiblen Miteinander aller Menschen in Österreich, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion und sexueller Orientierung.
Das Ziel unserer Arbeit: Abbau von Vorurteilen, Begegnungen ermöglichen, Aufbau von Vertrauen und gegenseitigem Respekt. Erreichen möchten wir dies hauptsächlich mit:

• Kulturellen und sportlichen Veranstaltungen
• Aus- und Weiterbildung der Exekutive und der Justiz
• Beratungsstelle
• Vernetzung mit anderen Organisationen

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Hinweis: Im Frühjahr 2011 wird ein Themenheft der „Stichproben. Wiener Zeitschrift für kritische Afrikawissenschaft“ erscheinen, in dem die einzelnen Vorträge in überarbeiteter Form publiziert werden.

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