Thomas Kühtreiber

SIEDLUNGSARCHÄOLOGIE – UMWELTARCHÄOLOGIE – LANDSCHAFTSARCHÄOLOGIE
KONZEPTE UND METHODEN

Abstract

Die Archäologie gehört zu jenen Wissenschaften, die sich über die materiellen Hinterlassenschaften der Rekonstruktion vergangener Lebenswirklichkeiten annähert. Dies verbindet sie mit anderen Wissenschaften in jenen Epochen, aus denen auch Schriftquellen überliefert sind, wie beispielsweise der Ethnologie und der Kunstgeschichte, aber auch der Architekturgeschichte. Ihnen gemeinsam ist die „Sachkulturforschung“ – die Erschließung von Lebenswirklichkeiten über die Mensch-Objekt-Beziehung. Die von der/m ArchäologIn rekonstruierte Umwelt ist daher zu allererst eine „Objektwelt“.

Die disziplinäre Trennlinie ist die besondere Art der Quellengewinnung – die Ausgrabung. Dies erklärt auch, warum für die Archäologie die Verortung ihrer Funde von derart eminenter Bedeutung ist – ohne Einordnung der Dinge in Raum und Zeit ist keine sinnvolle Rekonstruktion von Beziehungs-, Funktions- und Bedeutungsmustern möglich.

Der klassische Zugang der Archäologie zum Menschen als „raumaneignendes Wesen“ ist die Siedlungsarchäologie. Sie ist neben der „antiquarischen“ Beschäftigung mit Kleinfunden die zweite große Teildisziplin, die alle „Archäologien“ aller Regionen und Epochen vom Entstehen der Wissenschaft bis heute verbindet.
Unter „Siedlung“ wird nach einer Definition von Gunther Dimt „die Summe aller vom Menschen (zu seinem Nutzen) erstellten Umformungen von der Natur- zur Kulturlandschaft unter besonderer Berücksichtigung der unmittelbaren Bedürfnisse Wohnen und Wirtschaften“ verstanden.
Dabei werden unter dem Begriff „Siedlung“ zwei Zugänge zusammengefasst, die letztendlich nur durch die Skalierung in der Betrachtung des Phänomens darstellen: Die menschliche Siedlung im engeren Sinne als Oberbegriff der Wohn- und Wirtschaftsbauten, ihrer Kommunikation und Gesamtstruktur als Hütte, Gehöft, Dorf bis hin zu Stadt zum einen (im angloamerikanischen Sprachraum „settlement archaeology“), und die Bebauungs- und Wirtschaftsmuster einer bestimmten Kulturlandschaft (im angloamerikanischen Sprachraum „spatial archaeology“) zum anderen.

Ausgehend von der ursprünglichen Frage „Welche Verbreitung hatte die Kultur XY zu einem bestimmten Zeitraum?“ entwickelte sich zur bestimmenden Fragestellung die Erfassung und Interpretation von Siedlungsmustern in Bezug auf die sogenannten „naturräumlichen Gegebenheiten“. Dabei wird von der mehr oder weniger explizit genannten Prämisse ausgegangen, dass die „Natur“ durch Faktoren wie Klima, Wasserhaushalt, Relief etc. die Rahmenbedingungen für die Möglichkeiten und Grenzen der Erschließung durch den Menschen auf einem bestimmten technologischen Niveau bildet. „Möglichkeiten“ bietet die „Natur“ durch Ressourcen, wie Wasser, Böden, Rohstoffe, die menschliche Populationen für die Deckung ihrer Bedürfnisse nutzen. Daher stehen nach diesem Modell der Naturraum, die darin vorhandenen Ressourcen und die Siedlungsmuster in einem engen Kausalverhältnis.

Dieses Kausalverhältnis wird in der siedlungsarchäologischen Forschung in erster Linie durch die politischen Rahmenbedingungen erweitert bzw. kontrastiert. Während in prähistorischer Zeit die Ausdehnung von über die materielle Hinterlassenschaft definierten „Kulturen“ kaum sozial-, wirtschafts- oder herrschaftsgeschichtlich interpretiert werden kann, bieten die schrifthistorischen Epochen durch den quellenübergreifenden Vergleich komplexere Ansätze zum Verständnis derartiger Muster.
Einen daraus abgeleiteten Forschungsschwerpunkt der mittelalterlichen Siedlungsarchäologie stellt die Frage nach dem Ablauf des Landesausbaus im Sinne der Außen- und Binnenkolonisation dar. In Kooperation mit der landesgeschichtlichen Forschung werden Etappen der kolonisatorischen Erschließung von Regionen erarbeitet, ebenso wichtig sind aber Fragen nach der Ressourcen-orientierten herrschaftsmäßigen Aneignung von bislang nicht oder extensiv besiedelten Räumen.

In diesem Zusammenhang wurde von Seiten der Archäologie die Zusammenarbeit mit bio- wie auch geologisch ausgerichteten Naturwissenschaften intensiviert, wobei anfangs die interdisziplinäre Rekonstruktion von Natur- und Kulturlandschaften in Verbindung mit konkreten Fundorten und Siedlungsräumen im Vordergrund stand. Hier erwies sich die Zusammenarbeit mit der Bodenkunde (Pedologie), aber v.a. auch mit Paläo- und ArchäobotanikerInnen, sowie PalynologInnen als besonders fruchtbar. Dieser Prozess erwies sich in zweierlei Hinsicht als fruchtbar: Die bisherige, oft in der Fachliteratur anzutreffende Vorstellung der „naturräumlichen Gegebenheiten“ als statischer Rahmen wurde durch die bioarchäologischen Arbeiten zugunsten dynamischer Modelle aufgebrochen; darüber hinaus führte die entstehende Ökologiebewegung Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre zu einem komplexeren Verständnis des Verhältnisses Mensch und Natur: Es ist nicht nur „der Mensch“, der auf „Bedingungen“ reagiert, sein Verhalten/Wirtschaften/Eingreifen in „die Natur“ führt zu Veränderungen in dieser (Kolonisation), die zwangläufig wiederum Auswirkungen auf die Lebens- und Wirtschaftsbedingungen von Gesellschaften haben – die Umweltarchäologie war geboren.

Der intensivere Austausch zwischen der Archäologie als einer Wissenschaft, die „mit naturwissenschaftlichen Mitteln geisteswissenschaftliche Ergebnisse produziert“ (Falko Daim), und den Bioarchäologen führte dazu, dass sich letztere nicht nur als „Datenlieferanten“ verstanden/verstanden sein wollten, sondern quellenspezifische historische Fragestellungen entwickelten. Heute wird die Umweltarchäologie, v.a. im angloamerikanischen Raum („environmental archaeology“), v.a. von den Bioarchäologen getragen bzw. weiterentwickelt. Klassische Fragestellungen sind jene nach agrarischen Produktionsmethoden und Umwelt sowie Ernährung und Umwelt, wobei moderne Ansätze der Umweltgeschichte, wie jene nach speziellen Ausformungen und Bedingtheiten von Subsistenzwirtschaft sowie Fragen nach Nachhaltigkeit bzw. historischen Belegen von Ressourcenübernutzung und –ausbeutung besonders hervorzuheben sind.
Als spezielle Aspekte in der archäologischen Mittelalter- und Neuzeitforschung sind hier die Fragen nach Ver- und Entsorgung städtischer Siedlungen, wobei hier in Verbindung mit parasitologischen Untersuchungen Hygiene und Gesundheit einen eigenen Schwerpunkt bilden, sowie der „human impact“ in frühindustriellen Zonen, wie Bergbaurevieren, zu nennen.

Vor allem im stark theoriegeleiteten angloamerikanischen Raum hat sich parallel ein anderer Forschungsstrang entwickelt, welcher weitgehend parallel zur „environmental archaeology“ betrieben wird: Die „landscape archaeology“ – Landschaftsarchäologie. Während im deutschsprachigen Raum „Landschaft“ im Sinne von „Kulturlandschaft“ weitgehend synonym für Siedlung(-sraum) in der archäologischen Forschung verwendet wurde bzw. wird, wurde in Großbritannien respektive den Vereinigten Staaten in enger Verknüpfung mit neuen Interpretationsmodellen archäologischer Strukturen („postprocessual archaeology“) „Landschaft“ als kulturell geprägtes Konstrukt verstanden, ein Zugang, welcher auch in der historischen Kulturlandschaftsforschung (wahrnehmungsorientierter Zugang) stark verankert ist. Ein Naturraum wird demnach im Zuge eines Kolonisationsprozesses nicht aus „rationalen“ Gründen der optimalen wirtschaftlichen Nutzung, strategischen Überlegungen etc. in einen Kulturraum transformiert, sondern es findet gleichzeitig eine symbolische Aneignung des Raumes statt. Diese symbolische Aneignung fand ihren materiellen Niederschlag in einer vielfach konnotierten Besetzung des Raumes mit „Marken“, wie z.B. den Gräberfeldern entlang römischer Reichsstraßen, mittelalterlichen Burgen an weithin sichtbaren Bergkuppen etc., welche z.T. bis heute als „persistente Landschaftselemente“ zur Gestaltung und Charakterisierung von „Landschaft“ beitragen. Im Sinne des „linguistic turn“ der 90er Jahre werden diese als Codes verstanden, welche als Relikte semiotischer Systeme mit dem Instrumentarium der Semiotik (vgl. Umberto Eco) interpretiert werden müssen. Die Zeichen sind allerdings vieldeutig und erlauben daher nicht die Rekonstruktion einer Umwelt, sondern vieler „Umwelten“ verschiedener sozialer Gruppen, Ethnien, „Kulturen“ etc.

Was noch weitgehend fehlt, ist ein integrativer theoriegeleiteter Ansatz der beiden letztgenannten „Schulen“ – der „environmental archaeology“/Umweltgeschichte, sowie der „landscape archaeology“/Landschaftsarchäologie. In den abschließenden Ausführungen soll am Beispiel des Aspekts „Burg und Landschaft“ angedeutet werden, in welcher Form eine derartige Integration möglich wäre.

Thomas Kühtreiber
Institut für Realienkunde des Mittelalters und der Frühen Neuzeit
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Körnermarkt 13
3500 Krems
thomas.kuehtreiber@oeaw.ac.at

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