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FRANZÖSISCHE REVOLUTION UND RELIGION.
Von der Verfolgung zur Entchristianisierung.

Seminararbeit

erstellt von Doris Gretzel im WS 2001/02.

 

1. Einleitung

Die Französische Revolution war ursprünglich nicht christenfeindlich. Das Verhältnis zur Kirche vollzog sich in drei Phasen:

Nachdem in der Nacht vom 4. August 1789 die Geistlichkeit auf den "Kirchenzehnten" verzichtete und mit Dekret vom 2. November 1789 alle kirchlichen Güter der Nation unterstellt werden sollten, war die traditionelle Organisation des Klerus in Frage gestellt worden und eine Reform der Geistlichkeit wurde unumgänglich. Zunächst beschloss die Nationalversammlung die Aufhebung der Ordensgeistlichkeit (mit Ausnahme der caritativen Orden) und danach widmete sie sich der Neuordnung der Weltgeistlichkeit. Am 12. Juli 1790 wurde die "Constitution civile du clergé" verabschiedet, die sich mit den kirchlichen Ämtern, der Ernennung zu den kirchlichen Ämtern, der Besoldung des Klerus und dem Gesetz der Ortsgebundenheit des Klerus befasste. Nachdem am 27. November 1790 die Nationalversammlung von allen Priestern den Eid auf die Verfassung und somit auch auf die Zivilverfassung forderte, der Papst jedoch den Eid verbot, kam es zur Spaltung innerhalb der französischen Kirche in eine eidleistende und eine eidverweigernde Gruppe. Die daraufhin einsetzenden Verfolgungen der "clergé réfractaire" mündeten schließlich ab 1793 in der Entchristianisierung Frankreichs.
 

In der vorliegenden Arbeit sollen die beiden Phasen der Verfolgung und der Entchrisitanisierung näher beleuchtet werden, wobei der Schwerpunkt auf die Entchristianisierung gelegt wurde, die ab 1793 vor allem mit der Einführung des Revolutionskalenders sowie der Revolutionskulte einsetzte. Allerdings soll auch kurz auf die religiöse Situation in Frankreich vor 1789 sowie das Problem der Finanzen eingegangen werden, da diese beiden Punkte eine Grundlage für die spätere Verfolgung bilden.
 

2. Die religiöse Situation vor 1789

Der Erste Stand, der Klerus, umfasste vor 1789 etwa 120.000 Personen und hatte gewichtige Vorrechte sowohl politischer, rechtlicher aber auch steuerlicher Art. Während die Geistlichkeit vor allem durch das Volk des Dritten Standes in Form von Pfründen und Abgaben erhalten wurde, war der Klerus selbst von der Besteuerung befreit. Es wurde lediglich neben den von geistlichen Einzelpersonen zu entrichtenden "Dezimen", eine freiwillige Abgabe, der so genannte "don gratuit" geleistet. (Soboul, 16) Die ökonomische Macht der Kirche beruhte auf dem Grundbesitz sowohl in der Stadt als auch auf dem Land und der Erhebung des Zehnten. Der Zehnt bestand aus dem Anteil der Ernte- und Vieherträge, den die Landbesitzer an den Zehntherren abgeben mussten. Dem Zehnt war jeder Boden unterworfen, sogar derjenige des Adels und der Krone. Durch Zehnt, Kirchen- und Klosterland verfügte der Klerus über einen beträchtlichen Teil der Ernte zum Verkauf.
Von den drei Ständen hatte nur jener der Geistlichen eine eigene Verwaltung und Gerichtsbarkeit. Alle fünf Jahre trat die Generalversammlung des Klerus zusammen, die sich mit Angelegenheiten der Religion und den Standesinteressen befasste und sie legte die Höhe des "don gratuit" fest.
Dem Klerus oblagen auch öffentliche Funktionen: die Führung von Zivilstandsregister (Tauf-, Heirats- und Bestattungsregister), die Armenpflege und das Unterrichtswesen.
Die Ordensgeistlichkeit, die im 17. Jahrhundert erheblich aufgeblüht war, erlebte am Ende des 18. Jahrhunderts einen moralischen Verfall. 1789 gab es in Frankreich fast tausend Klöster, die entweder Pfründnern unterstanden oder vom König willkürlich vergeben wurden. Teile der Ordensgeistlichen waren auch offen für kritische Ideen. Diese sollten später zum Teil den verfassungstreuen Klerus bilden und teilweise sogar unter den aktiven Revolutionären zu finden sein. (Markov/Soboul, 13)

Die Weltpriester waren getrennt in niederen und hohen Klerus. Der hohe Klerus rekrutierte sich fast ausschließlich aus Angehörigen des Adels, unter den im Jahre 1789 residierenden Bischöfen befand sich nicht ein Nichtadeliger. Der allergrößte Teil der Einkünfte des Ersten Standes ging an die Prälaten.
Der niedere Klerus, etwa 50.000 Pfarrer und Vikare, hatten dagegen oft mit ernsten materiellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie waren fast alle bürgerlicher Herkunft; sie kamen aus dem Volk, lebten mit ihm und teilten seine Meinungen und Bestrebungen. (Soboul, 18) Eine Denkschrift der Pfarrer aus dem Dauphiné von 1789 verknüpfte das Los des niederen Klerus mit dem des Dritten Standes.
 

3. Das Problem der Finanzen

Im Sommer 1789 kam es zur Einberufung der Generalversammlung durch den König, nachdem sie seit Ludwig XIV., 1614, nicht mehr getagt hatte, doch die völlig zerrütteten französischen Finanzen ließen dem König keine Wahl. Die Eröffnungsprozession fand am 5. Mai 1789 statt. Durch die Verdoppelung der Abgeordnetenzahl sowie durch Überläufer aus den beiden ersten Ständen konnte der Dritte Stand seine nationalen, demokratischen Grundsätze durchsetzen (Reichardt, 40).
Am 17. Juni 1789 wurde die Generalversammlung, die die Klassen repräsentierte, zur Nationalversammlung umgewandelt und sich somit zum Gesamtrepräsentanten des französischen Volks erhob (French Revolution, 2). Am 20. Juni kam es zum so genannten Ballhausschwur, indem die neu formierte Nationalversammlung schwor, nicht eher auseinander zugehen, bis Frankreich eine Verfassung habe. In der "Opfernacht der Privilegierten" (4./5.8.) kam es zur Abschaffung des Feudalsystems und der Privilegien, auch die Kirche verzichteten "großmütig" auf den Kirchenzehnten. (Schleich, 179)
Am 26. August 1789 hatte die Nationalversammlung die Erklärung der Menschen- und Bürgerrecht verabschiedet, nachdem man sich - nach heftigen Debatten über den Status der katholischen Staatskirche - auf einen Kompromiss geeinigt hatte. Die Staatsreligion wurde abgeschafft, aber der Katholizismus als Glauben der Mehrzahl der Franzosen definiert. (Uni Würzburg, 24)

Die finanzielle Notlage hatte sich nach der Einberufung der Generalstände nicht verbessert. Der Aufruhr in den Städten und auf dem Lande wirkte sich für die Staatsfinanzen katastrophal aus, zusätzlich weigerten sich die Bauern Steuern zu zahlen. Mit Beschluss vom 29. September 1789 griffen die Verfassungsgeber nach den Kirchenschätzen. Der Bischof von Autun, Charles-Maurice de Talleyrand, der sich auf die Seite der Revolution stellte, als er sah, dass diese Erfolg haben würde (Uni Würzburg, 24), schlug schließlich am 10. Oktober 1789 vor, das Eigentum der Kirche der Nation zur Verfügung zu stellen. Es entwickelte sich daraufhin eine heftige Debatte, auf der man einerseits auf die Unverletzlichkeit und Heiligkeit des Eigentums hinwies, während die andere Seite den Klerus nicht als Eigentümer sondern lediglich als Verwalter seiner Güter darstellte. Die Einkünfte der Besitzungen seien für wohltätige Stiftungen und gemeinnützige Zwecke wie Krankenhäuser, Schulen und Gottesdienst gewidmet und nachdem der Staat diese Aufgaben nun selbst übernahm, schien es legitim, dass seine Güter wieder an ihn zurückfielen. (Soboul, 142)
Mit Dekret vom 2. November 1789, das mit einer deutlichen Mehrheit angenommen wurde, sollten alle kirchlichen Güter der Nation zur Verfügung gestellt werden. Der Staat verpflichtete sich jedoch in angemessener Weise für die Unterhaltung der Kirchen, die Priesterbesoldung und die Unterstützung der Armen aufzukommen (Uni Würzburg, 24). Die Krondomänen, mit Ausnahme der Wälder und Schlösser, sollten ebenfalls verkauft werden. Im März 1790 setzte der Verkauf der Nationalgüter ein (Soboul, 142).
 

4. Einschränkungen und Verfolgung

4.1. Die Auflösung der Mönchsorden

Der revolutionäre Staat nahm die Kirchenreform selbst in die Hand und gestaltete die Kirche nach seinen eigenen Vorstellungen um. Mit dem Finanzproblem war auch die religiöse Frage eng verknüpft. Durch die Einziehung der Kirchengüter war die traditionelle Organisation des Klerus in Frage gestellt worden und es wurde eine Neuregelung der rechtlichen und sozialen Stellung des Klerus notwendig.

Zunächst beschäftigte sich die Nationalversammlung mit den Mönchsorden. Bereits am 28. Oktober 1789 wurde ein Dekret erlassen, das besagte, dass bis auf weiteres keine Gelübde mehr abgelegt werden durften.

Am 11. Februar 1790 begann die Debatte über das endgültige Schicksal der Orden, in deren Zusammenhang sich auch die Frage nach der Nützlichkeit der Orden stellte. Die Nationalversammlung hielt die Gelübde der Klosterleute für unvereinbar mit den Menschenrechten - der Verzicht auf Familie, Eheglück und Bürgerrecht sowie die Unterordnung und Aufgabe der eigenen Freiheit komme einem Selbstmord als Bürger gleich (suicide civile) (Erdmann, 194) - und daher wurden die Klöster am 13. Februar 1790 verboten und aufgehoben. Zunächst waren davon all jene Orden - mit Ausnahme der Frauenklöster - betroffen, die nicht im Erziehungs- oder Gesundheitswesen tätig waren, ab 1792 kam es auch zur Aufhebung caritativer Orden, indem die Anwerbung von Novizen verboten wurde. (Uni Würzburg, 25).

4.2. Die Zivilverfassung des Klerus

Nachdem die Ordensgeistlichkeit am 13. Februar 1790 abgeschafft wurde, widmete man sich der Neuordnung der Weltgeistlichkeit. Der Plan zur Neuorganisation des Klerus wurde am 22. Mai 1790 auf die Tagesordnung der Nationalversammlung gesetzt. Die darauf folgende Debatte zog sich mit Unterbrechungen bis zum 12. Juni hin. (Erdmann, 199).
Die Zivilverfassung bestand aus vier Hauptstücken, die sich mit den kirchlichen Ämtern, der Ernennung zu den kirchlichen Ämtern, der Besoldung des Klerus und dem Gesetz der Ortsgebundenheit des Klerus befasste. Den äußeren Rahmen für die neue Kirchenorganisation bildeten die Verwaltungsbezirke - die territoriale Gliederung der französischen Kirche wurde der soeben durchgeführten Departementseinteilung angeglichen. Umfang und Grenzen der Diözesen sollten dieselben sein wie die der Departements, in jedem Departement wurde ein Bistum errichtet. Das bedeutete eine Verringerung der Zahl der Bistümer von 139 auf 83. (Erdmann, 199) In Zusammenarbeit mit den Distriktsverwaltungen sollten die Bischöfe die Aufgliederung der Diözesen in Pfarreien in der Art regeln, dass etwa 6000 Seelen eine Pfarrei bildeten. (Erdmann, 200).
Bischöfe und Pfarrer sollten wie andere Beamte auch gewählt werden: Bischöfe von der Wählerversammlung der Departements bestehend aus Priestern und Laien und die Pfarrer von jener des Distrikts. Nur die Vikare sollten durch den Pfarrer bzw. die Kathedralvikare durch den Bischof ernannt werden. Der Bischof selbst hatte drei Aufgaben zu erfüllen: er sollte Pfarrer seiner Kathedralkirche sein, die Ausbildung des Priesternachwuchses beaufsichtigen und die Diözese leiten. (Erdmann, 201) Die Domkapitel wurden abgeschafft, an ihre Stelle traten Episkopalräte, die an der Verwaltung der Diözesen beteiligt waren und somit den Bischöfen zur Seite stehen sollten. (Soboul, 172).
In einem dritten Punkt der Zivilverfassung, ging es um die Besoldung des Klerus, in dem die Gehälter für die verschiedenen kirchlichen Ämter festgesetzt wurden. Obwohl die Einkünfte des hohen Klerus herabgesetzt und jene der Vikare verbessert wurden, blieb dennoch eine erhebliche Spanne zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Gehalt. Während der Erzbischof von Paris ein Jahresgehalt von etwa 50.000 Livres bezog, erhielt ein Pfarrer einer Dorfpfarre unter 2000 Seelen ein Minimalgehalt von 1200 Livres. Ein Dorfvikar musste sich dagegen mit 700 Livres begnügen. (Erdmann, 207)
Das letzte Hauptstück der Zivilverfassung regelte die Aufenthaltspflicht des Klerus. Jeder Priester vom Vikar bis zum Bischof wurde durch strenge Vorschriften an den Ort seiner Tätigkeit gebunden.
Die Zivilkonstitution griff ganz erheblich in die Struktur der Kirche ein und die Kirche Frankreichs entwickelte sich so zu einer Nationalkirche. Die Bindung zum Papst in Rom wurde jedoch gelockert. Die päpstlichen Rundschreiben wurden von der Regierung zensuriert und die Annaten (Abgaben an die päpstliche Schatzkammer) eingestellt. Dem Papst wurde zwar die Stellung als "sichtbares Haupt der universalen Kirche" zugebilligt (Erdmann, 215), jedoch wurde ihm jegliche Gerichtsbarkeit entzogen.

Am 12. Juli 1790 wurde die "Constitution civile du clergé", ohne dass sich der Klerus an der Debatte beteiligt hatte, verabschiedet und am 24. August veröffentlicht. (Erdmann, 238)

4.3. Der Eid

Die Bischöfe lehnten die Constitution civile du clergé nicht grundsätzlich ab, aber sie versuchten von König und Papst die ordnungsgemäße Inkraftsetzung zu erreichen. Am 30. Oktober 1790 veröffentlichten die der Versammlung angehörigen Bischöfe eine Darstellung der Grundsätze über die Zivilverfassung des Klerus, in der sie sie nicht verurteilten, aber vor ihrem Inkrafttreten die päpstliche Zustimmung verlangten. Die französischen Bischöfe wollten dadurch vom Papst die kanonischen Vollmachten erhalten, ohne die sie sich nicht zur Reform der Kirchenbezirke und der Episkopalräte berechtigt hielten. (Soboul, 173)
Der Papst sah sich aber aus verschiedenen Gründen zum Widerstand veranlasst und zögerte die Entscheidung hinaus.
Nach dem Tod eines Bischofs befahl die verfassungsgebende Versammlung die Wahl eines Nachfolgers nach dem festgelegten Modus, ohne jedoch die päpstliche Zustimmung zur Zivilkonstitution abzuwarten. Daraufhin formierte sich gegen diese Missachtung Roms in verschiedenen Provinzen ein massiver Widerstand. Die Nationalversammlung war nun ihrerseits gezwungen, Druck auf den zögernden Klerus auszuüben. Am 27. November 1790 verlangte sie daher von all jenen Geistlichen, die ein öffentliches Amt bekleideten, einen Eid auf die Verfassung abzulegen. Dieser Eid umfasste auch die Zustimmung zur Neuregelung der kirchlichen Angelegenheiten durch die Zivilkonstitution. (Schleich, 181)
Die Geistlichen sollten binnen acht Tagen unter Androhung des Verlustes ihres Amts bzw. der Verfolgung den Eid ablegen.
Während von 125 Bischöfen nur sieben den Eid leisteten, schwur etwa die Hälfte der Pfarrer, wobei im Süden und Südosten die Verfassungstreuen oder Eidesleister, im Norden und Nordwesten die Eidverweigerer überwogen. (Markov/Soboul, 110)

Am 5. Februar 1791 verbot die Nationalversammlung den eidverweigernden Priestern in der Öffentlichkeit zu predigen. Im März wurden mit den Wahlen für die freigewordenen Bischofsstühle und Pfarrstellen begonnen, wobei oft junge, ambitionierte Priester, die meist größeren politischen als religiösen Eifer zeigten, als Kandidaten geführt wurden. (Catholic Encyclopedia, 6)
Der Papst sah sich nun, nachdem Talleyrand und Gobel mit dem Aufbau eines neuen Episkopats begannen, zum Handeln gezwungen. In zwei Briefen vom 10. März und 13. April 1791 verurteilte er die Zivilkonstitution, verdammte darin aber auch die Freiheitsidee der Revolution und die Erklärung der Menschenrechte.
Dadurch kam es zur endgültigen Spaltung der französischen Kirche in die sogenannte "église constitutionelle/assermentée" (eidesleistende Kirche) und in die "église réfractaire" (eidverweigernde Kirche). (Uni Würzburg, 25)

4.4. Die église réfractaire

Der Forderung des Papstes, die bereits auf die Verfassung geleisteten Eide zu widerrufen, kamen eine große Zahl der Pfarrer nach (etwa 22.000 von 28.000), sodass sich für die französische Regierung die Besetzung von vakanten Stellen immer problematischer gestaltete.
Die neuen eidleistenden Pfarrer beteiligten sich aktiv am Umbau der Kirche. Dies führte zu provokatorischen Maßnahmen wie der Verheiratung von Priestern, die die Gläubigen am Wert der Sakramente, die von eidleistenden Pfarrern gespendet wurden, zweifeln ließen. (Schleich, 182)

Am 1. Oktober 1791 löste die gesetzgebende Nationalversammlung, welcher 26 Geistliche angehörten, die verfassungsgebende Nationalversammlung ab. Sie erwies sich jedoch als wesentlich christenfeindlicher. Die Revolution war von Anfang an prinzipiell nicht kirchenfeindlich, dies änderte sich nun aber, indem sich die gesetzgebende Nationalversammlung für eine radikale Verfolgung der Eidverweigerer entschied. Alle eidverweigernden Priester wurden aus ihren Gemeinden deportiert und im August 1792 hob die Versammlung die im Unterrichts- bzw. Gesundheitswesen tätigen Orden auf, nachdem der Staat diese Aufgaben selbst übernommen hatte und schloss die letzten Klöster. Weiters wurde das Tragen geistlicher Kleidung untersagt und in der Hauptstadt wurde ein Prozessionsverbot erlassen. Bis zum Frühjahr 1793 gingen etwa 30.000 Geistliche ins Exil, etwa 2.000 wurden deportiert. Im September 1792 wurden in den Pariser Gefängnisses cirka 300 Geistliche ermordet. (Schleich, 182)
Obwohl die Bevölkerung größtenteils negativ auf diese Ereignisse reagierte, folgte nun die eigentliche Entchristianisierung, von der auch die eidesleistenden Priester nicht mehr verschont blieben. (Uni Würzburg, 26)
 

5. Die Entchristianisierung

5.1. Der Beginn der Entchristianisierung

Bevor noch die eigentliche Entchristianisierung im Herbst 1793 einsetzte, kam es bereits im Sommer 1793 vor allem in Paris zum Aufflammen antiklerikaler Protestaktionen, so wurden zum Beispiel  für die Waffenindustrie benötigte Glocken eingezogen, aus deren Bronze man Kanonen gießen konnte und es begann eine Suchaktion nach Edelmetallen. Die Entchristianisierung bekam dadurch auch einen wirtschaftlichen Aspekt. (Soboul, 311)

Bis zu diesem Zeitpunkt war der Katholische Gottesdienst vom Gesetz her unangetastet geblieben. Dies änderte sich jedoch mit dem Beginn der eigentlichen Entchristianisierung, deren Motoren die Konventskommissare in den Provinzen waren. Es handelte sich dabei also um eine von den Provinzen ausgehende, mitunter spontane Bewegung.

Am 21. September 1793 weihte der Konventskommisar Fouché in der Kathedrale von Nevers eine Büste des Brutus ein und verkündete am 26. von der Kanzel, dass er die Gottesdienste durch Feste der Republik und der natürlichen Moral ersetzen wollte und verbot schließlich am 10. Oktober jedes religiöse Zeremoniell außerhalb der Kirchen. In diesem Zusammenhang verweltlichte er auch die Beerdigungen und die Friedhöfe, über deren Toren er die Inschrift anbringen ließ: "Der Tod ist ein ewiger Schlaf." (Soboul, 312) Nun waren alle Priester, nicht nur jene, die den Eid verweigerten, von den Verfolgungen betroffen. Fouché predigte gegen das Zölibat; er forderte die Priester auf zu heiraten, Kinder zu adoptieren oder sich um alte Menschen zu kümmern. Außerdem verbot er das Tragen von priesterlicher Kleidung außerhalb der Kirchen. Auch christliche Namen der Kinder wurden durch römische Namen ersetzt. (Kennedy, 338-339)
Die Erinnerungen an die Verfolgungen, deren sich die römisch-katholische Kirche schuldig gemacht hatte, bildete einen Ansporn für den Kampf gegen das Christentum. Fouché fand unter den anderen Konventsmännern zahlreiche Nachahmer. Im Departement Cher hob Laplanche die Pfarrsprengel auf, plünderte die Kirchen und predigte offen gegen den Katholizismus. André Dumont ersetzte im Departement Somme den Gottesdienst durch staatsbürgerliche Tänze und Feiern und verlegte diese auf den "décadi". In Rochefort verwandelte Lequinio die Kirchen in Tempel der Wahrheit und in Maubeuge ließ Drouet die wertvollen Gottesdienstgegenstände beschlagnahmen. (Aubry, 103-104)

Chaumette hatte im September an dem Fest von Fouché beigewohnt und empfahl nun der Kommune von Paris ähnliche Eingriffe. Gemeinsam mit seinen Freunden predigte er den unbedingten Atheismus; es sollte keine Zeremonien, keinen Kult und keine Priester mehr geben. Im Oktober verbot auch die Pariser Kommune schließlich alle religiösen Zeremonien außerhalb der Kirche. (Soboul, 312) Weiters wurden alle Prozessionen und Wallfahrten untersagt, sowie alle Straßenschilder, die das Wort "heilig" enthielten, entfernt. Der Nationalkonvent betrachtete es als Notwendigkeit, religiöse aber auch aristokratische Ortsnamen durch neue zu ersetzen. Nach seiner Auffassung erinnerten viel zu viele Ortsnamen an Heilige. Pont-Saint-Vincent wurde daher zum Beispiel in Pont-la-Montagne umbenannt und das Städtchen Dielouard erhielt seinen früheren Namen Scarpone zurück. (Bertaud, 78) In der Pariser Kirche von Notre-Dame ließ Hébert die Heiligen und Könige aus den Nischen entfernen und die Altäre umstürzen. Fanatische Patrioten ließen sich aus den Messgewändern Kniehosen und aus den Alben der Diakone und der Chorknaben Hemden machen. (Aubry, 104)
Es entwickelte sich ein blinder Hass gegen alle Priester. Am 6. November forderten die Jakobiner die Abschaffung der Besoldung der Priester. Noch am selben Abend begab sich eine Delegation zum Bischof von Paris, Gobel, und überzeugte ihn, seine Kirchenfunktionen aufzugeben. Am nächsten Tag, dem 7. November 1793, erschien er mit seinen Vikaren vor den Schranken des Konvents und legte feierlich sein Amt nieder, indem er auf den Tisch des Hauses sein Kreuz und seinen Ring legte und unter großem Beifall die rote Freiheitsmütze aufsetzte. Der Vorsitzende umarmte daraufhin Gobel und erklärte, dass dieser ein "vernunftbegabtes Wesen" geworden sei. (Guérin, 130) Viele Priester und auch andere Bischöfe folgten seinem Beispiel. Einzig der Bischof von Blois, Grégoire, trotzte den Hébertisten, indem er sich auf die Glaubensfreiheit berief. (Aubry, 105)
Durch die Zeitung Héberts konnte das Denken der Pariser Entchristianisierer bis in die entfernteste Provinz weiter getragen werden.

5.2. Die Priesterehe

Zunächst wurden die Priester lediglich aufgefordert und ermuntert, dem Beispiel des Bischofs von Paris zu folgen, ihrem Beruf freiwillig abzuschwören und in den Stand der Ehe zu treten. Dieser Freiwilligkeit folgte in Wirklichkeit jedoch bald der Zwang. Man hinderte Geistliche daran, Gottesdienste abzuhalten und das Aufgeben des Priesteramtes wurde verpflichtend. Es begann eine Art "Jagd" auf die Priester. Man versuchte, ihnen jede Möglichkeit zu nehmen, ihr Amt auszuüben und brachte sie schließlich ins Gefängnis. (Guérin, 135)

Zwischen Priesterheirat und Entchristianisierung bestand nicht überall ein direkter Zusammenhang, bereits vor dem Einsetzen der Verfolgungen haben manche Geistliche geheiratet. Andererseits traten viele Priester in den Stand der Ehe, um den Forderungen der Revolutionäre zu entsprechen. Daher kann man auch darauf schließen, dass es sich bei den meisten Hochzeiten um keine Liebesheiraten handelte. Die verheirateten Priester waren in der Regel sehr jung, der Großteil war unter 42 Jahre, ein Viertel sogar unter 30 Jahre. (Bertaud, 79-80) Vermutlich handelte es sich dabei um Bekundungen ihrer patriotischen Gesinnung, aber viele dürften auch geheiratet haben, um dadurch der Einziehung zu den Truppen zu entgehen. Daneben gab es jedoch auch jene Priester, die sich wirklich zur Heirat gezwungen sahen, da ihnen vielleicht die Möglichkeit zur Flucht verwehrt war. (Bertaud, 80)

Von den rund 6.000 bis 7.000 Priestern heirateten einige ihre Hausangestellten, andere Nonnen, die meisten suchten sich ihre künftige Frau innerhalb der eigenen Verwandtschaft. Etwa 60 Prozent der verheirateten Priester setzten Kinder in die Welt. Dazu im Widerspruch steht die spätere Behauptung vieler Priester, eine keusche Ehe geführt zu haben. Dies lässt sich jedoch dadurch erklären, dass sie zu dieser Aussage mehr oder weniger gezwungen waren, wollten sie die Absolution erhalten und in das Priesteramt zurückkehren. (Bertaud, 81)

5.3. Der französische Revolutionskalender

Am 5. Oktober 1793 beschloss der Nationalkonvent per Gesetz die Einführung des Revolutionskalenders. Der Beginn der Zeitrechnung wurde mit der Ausrufung der französischen Republik am 22. September 1792 festgelegt. Das Jahr begann am 22. September mit der Herbstnachtgleiche (autumn equinox) und wurde in 12 Monate mit jeweils 30 Tage geteilt. Die Monate erhielten vom französischen Dichter Fabre d´Eglantine poetische Namen, die sich auf die Charakteristik der jeweiligen Jahreszeit bezogen (Der Französische Revolutionskalender, 1).

Herbst
1. Vendémiaire Weinlesemonat
22.09.-21.10.
2. Brumaire Nebelmonat
22.10.-20.11.
3. Frimaire Reifmonat
21.11.-20.12.

Winter
4. Nivôse Schneemonat
21.12.-19.01.
5. Pluviôse Regenmonat
20.01.-18.02.
6. Ventôse Windmonat
19.02.-19.03.
Frühling
7. Germinal Keimmonat
20.03.-18.04.
8. Floréal Blütenmonat
19.04.-18.05.
9. Prairial Wiesenmonat
19.05.-17.06.
Sommer
10. Messidor Erntemonat
18.06.-17.07.
11. Thermidor Hitzemonat
18.07.-16.08.
12. Fructidor Fruchtmonat
17.08.-16.09.

(Die Französische Revolution und der Revolutionskalender, 1)

Am Ende des Jahres, vom 17. bis 21. September wurden fünf Ergänzungstage (Jours Sansculottides) angehängt - alle vier Jahre wurde ein zusätzlicher Tag hinzugefügt. Auch diese Tage erhielten Namen und galten als Feiertage:

1. Fête de la vertu (Fest der Tugend)
2. Fête du génie (Fest des Geistes)
3. Fête du travail (Fest der Arbeit)
4. Fête de l´opinion (Fest der Meinung)
5. Fête des récompenses (Fest der Belohnungen)
6. Fête de la révolution (Fest der Revolution/des Umsturzes)
(French Republican Calender, 2-3)

Anstelle der Einteilung in Wochen wurde jedes Monat in drei Dekaden mit jeweils zehn Tagen geteilt, welche die Namen: primidi, duodi, tridi, quartidi, quintidi, sextidi, septidi, octidi, nonidi, décadi erhielten.
Jeder zehnte Tag war ein Ruhetag und ersetzte somit den christlichen Sonntag. Es wurden überhaupt alle kirchlichen Feiertage abgeschafft und durch republikanische ersetzt. Diese Bürgerfeste wurden im Laufe der Zeit immer wieder verändert. Mit Gesetz vom Brumaire, Jahr IV wurden sieben Nationalfeste eingeführt, wovon fünf von ihnen, moralische Fest waren. Zu den sieben Festen zählen Jugend (10. Germinal), Hochzeit (10. Floréal), Erkenntnis (10. Prairial), Landwirtschaft (10. Messidor), Freiheit (9. und 10. Thermidor), Lebensalter (10. Fructidor). Weiters wurden zusätzlich Feste zum Andenken an die wichtigsten Daten der Revolution eingeführt, unter anderem: Die Gründung der Republik (1. Vendémiaire/22. September), die Erstürmung der Bastille (14. Juli), der Sturz der Monarchie (10. August), die Hinrichtung des Königs (21. Jänner). (Kennedy, 350 und Ozouf, 120)
Auch die Einteilung in Stunden, Minuten und Sekunden wurde geändert. Ein Tag hatte zehn Stunden, jede Stunde 100 Minuten und jede Minute 100 Sekunden.

Gewohnheit und Religion waren die größten Feinde des neuen Kalenders. Vor allem die Konkurrenz von Sonntag und "décadi" führte zur vollständigen Verwirrung der Bürger, da man plötzlich am Sonntag arbeiten musste, am "décadi" jedoch zu ruhen hatte. Es gab zahlreiche Beschwerden der Kommunen über die Nichteinhaltung der "décadi", sogar der Konvent beschäftigte sich mehrmals mit diesem Problem. Die neuen Dekadenfeste konnten sich aber schließlich gegenüber dem Sonntag und den kirchlichen Feiertagen nicht durchsetzen.
Hinter dem Widerstand gegen die neue Monats- und Jahreseinteilung steckten aber nicht nur religiöse und traditionelle Motive sondern vermutlich auch soziale Gründe, da durch die Einführung der 10-Tage-Woche den Bürgern ein erhebliches Stück Freizeit genommen wurde, indem die Arbeitstage von sechs auf neun ausgedehnt wurden. (Maier, 286)

Am 31. März 1802 wurden die Dekaden wieder abgeschafft und die siebentägige Woche erneut eingeführt. Auch das dezimale Zeitsystem fand keinen Durchbruch - Uhren dafür gab es ohnehin kaum.
Durch ein Dekret Kaiser Napoleons vom 9. September1805 lief der französische Revolutionskalender mit 31. Dezember 1805 aus. Der Kalender war somit 13 Jahre, vom 24. Oktober1793 bis 31. Dezember 1805 in Verwendung - ein Versuch ihn 1871 wieder einzuführen misslang. (FRK - Langzeit Kalender Verlag, 2)

5.4. Die Entstehung von Revolutionskulten

Seit 1790 hatte sich nach und nach ein Revolutionskult entwickelt, für den das Föderationsfest in Paris am 14. Juli 1790 eine erste große Kundgebung war. Getragen wurden diese Verbrüderungsfeste von den neu gebildeten Nationalgarden, die in den Provinzen und in Paris Tausende von Menschen in großen Versammlungen und Aufmärschen zusammenführten. Man schwor Eintracht und Brüderlichkeit. Bei den Revolutionsfesten durften zunächst Priester, ein Altar, ein Hochamt, eine Prozession nicht fehlen. Den Höhepunkt des Festes bildete eine Messe unter freiem Himmel. Es handelte sich dabei jedoch nicht um rein religiöse Feste; der Eid fand außerhalb des Gottesdienstes statt und auch Lutheraner und Calviner nahmen daran teil. (Maier, 271)

In die zu Beginn noch spontanen Feste, griffen die Behörden später regulierend und planend ein. Rousseau, David und Quatremère de Quincy trugen wesentlich zur Gestaltung der Feste bei. Sie sollten weniger auf Christus und den König als auf die Revolution und ihre "großen Männer" ausgerichtet sein. Praktisch wurde die neue Religion bei Bürgerfesten, Gedenkfeiern und Beerdigung, wie jener von Mirabeau ausgeübt. Auch die folgenden nationalen Feste bis zum Ende der Nationalversammlung hielten sich im Rahmen kirchlicher Festtradition.

Das Fest der Einheit und Unteilbarkeit der Republik am 10. August 1793 war das erste Fest ohne Teilnahme des Klerus. In der selben Zeit entwickelte sich auch ein volkstümlicher Andachtskult um die Märtyrer der Freiheit: Lepeletier, Chalier und vor allem Marat. (Soboul, 310-311) Dabei wurden revolutionäre Personen gegen den nutzlosen Widerstand der Kirche sakralisiert. Der Kult um den am 13. Juli 1793 ermordeten Marat verbreitete sich rasch im ganzen Land; es wurden Altäre errichtet, Prozessionen abgehalten. An sämtlichen Versammlungsorten wurden Büsten von ihm aufgestellt und zu seinem Gedächtnis wurde am 18. August ein Trauerzug zur Kirche Bonne-Nouvelle veranstaltet. Der Tote wurde wie ein Märtyrer, wie ein Heiliger verehrt. (Maier, 284) Man war der Auffassung, dass ein Märtyrer im Jenseits die Macht eines Heiligen besitzt und sein Geist so jedem Menschen auf Erden, der ihn um Hilfe bitte, beistehen könne. (Bertaud, 88)
Der Kult um Marat beunruhigte vor allem jene Zeitgenossen, die für eine völlige Entchristianisierung eintraten. Aber auch Robespierre und seine Freunde störten sich bald an dieser Verehrung. Zunächst jedoch bereitete ein anderer Kult Robespierre viel mehr Sorge, nämlich der Kult der Vernunft.

5.5. Der Kult der Vernunft

Nach dem Verbot der christlichen Religion glaubte man, einen Ersatzkult schaffen zu müssen. Dies sollte durch den Kult der Vernunft erreicht werden, der an jedem "décadi" stattfinden sollte. Auf Anregung Chaumettes beschloss die Kommune, in der ehemaligen erzbischöflichen Kirche von Notre-Dame ein Fest zu Ehren der Vernunft zu begehen.

Am 20. Brumaire (10. November 1793) fand das erste "Fest der Vernunft" statt. Innerhalb von zwei Tagen war im Chor der Kathedrale eine Art "Berg" aufgeschüttet worden, der einen der Philosophie geweihten und mit Büsten der Weisen versehenen griechischen Tempel darstellen sollte. Auf ihm stand eine die Freiheit symbolisierende Schauspielerin. Das Fest war wie ein Theaterspiel aufgebaut. Vor der Flamme der Vernunft, die am griechischen Altar brannte, bildeten weiß gekleidete Mädchen mit Guirlanden aus Eichenlaub eine Prozession. Während der Zeremonie wurde eine Hymne, L´hymne à la liberté, angestimmt, die Gossec zu dem Text von Marie-Joseph Chénier komponiert hatte. (Ozouf, 97-98)
Im Zuge dieser Festlichkeit, an der auch die Konventsmitglieder teilnahmen, wurde verordnet, Notre-Dame der Vernunft zu weihen. (Soboul, 313)

Auch in anderen Städten wurden Feste der Vernunft abgehalten, wobei meist eine weibliche Figur im Mittelpunkt der Feierlichkeit stand, die wie in Paris die Freiheit darstellte, manchmal aber auch die Vernunft, wie in Besançon. Sie führte die Prozession zur Kathedrale von der "Vernunft" an. (Ozouf, 98)

Im Gegensatz zu den bisherigen Revolutionsfesten wurden die Feste der Vernunft nicht im Freien abgehalten. Allerdings wurden innerhalb der "Tempel" Hügel mit Wasserfällen errichtet, wo Mütter sich im Moos niederlassen konnten und ihre Kinder stillen konnten. Die Bürger konnten hier gemeinsam Essen und Tanzen, ohne dabei ein Unrecht zu begehen. (Ozouf, 102)

Die Entchristianisierungswelle hatte innerhalb weniger Tage alle Pariser Sektionen erfasst, bereits am 5. Frimaire (25. November 1793) waren alle Kirchen der Hauptstadt der Vernunft geweiht und dies setzte sich auch in den Provinzen fort.
Der aus der tiefen Verehrung des Volkes für Marat entstandene Kult der Märtyrer vermischte sich immer mehr mit dem Kult der Vernunft, der für das Volk eine zu abstrakte Gottheit verehrte. Die Bildnisse der Märtyrer wurden in den Tempeln der Vernunft anstelle der Heiligenbilder aufgehängt. (Soboul, 314)

5.6. Der Kult des Höchsten Wesens

Die Entchristianisierung hatte in der Bevölkerung jedoch nicht nur Anhänger gefunden. Vor allem in den Provinzen war es schwer die Menschen von der Aufgabe uralter Gewohnheiten zu überzeugen. Zum Beispiel das Herabholen der Kirchenglocken löste im Volk einen starken Protest aus, da diese nicht nur ein Symbol der christlichen Zeiteinteilung waren, sondern auch den Tagesablauf der Menschen markierte, indem sie zur Arbeit und zu Festen aufriefen oder von Unglücksfällen kündeten. Auch gegen die Schließung der Kirchen regte sich in der Bevölkerung Widerstand. (Bertaud, 91 und 93)
Robespierre war sich dieses Widerstandes der breiten Bevölkerung bewusst. Bereist am 21. November 1793 sprach er sich im Jakobinerclub ausdrücklich für die Freiheit der Religionsausübung aus, obwohl er kein Befürworter des Katholizismus war. Er sah in der Abschaffung der Gottesdienste jedoch einen politischen Fehler, der der Republik nur noch mehr Feinde im In- und Ausland einbringe. (Soboul, 315)

Am 6. Dezember 1793 erinnerte auch der Konvent in einem feierlichen Dekret an die freie Religionsausübung, die er proklamierte und auch beabsichtigte aufrecht zu erhalten. Damit war ein erster Schritt zur Eindämmung des Kultes der Vernunft vollzogen worden. Ebenso wie Danton, der sich gegen die "antireligiösen Maskeraden" (Soboul, 315) wandte und Robespierre, der noch einmal vor den Gefahren der Entchristianisierung warnte, ließ nun auch Chaumette die Freiheit der öffentlichen Religionsausübung von der Kommune bestätigen. (Soboul, 315)
Durch das Dekret des Konvents änderte sich jedoch nichts an den bereits getroffen Maßnahmen - geschlossene Kirchen blieben geschlossen.
Am 7. Mai 1794 befasste sich Robespierre in einer Ansprache an den Konvent mit der Bedeutung von Religion und Moral. Das anschließend vom Konvent erlassene Dekret legte im Artikel 1 folgendes fest: "Das französische Volk erkennt die Existenz eines Höchsten Wesens und die Unsterblichkeit der Seele an." (Markov/Soboul, 243) In die Reihe der nationalen Feste wurde nun jenes des Höchsten Wesens aufgenommen.
Am 8. Juni 1794 weihte ein "Fest des Höchsten Wesens" in Paris den neuen Kult feierlich ein. Robespierre nahm persönlich an dem von David genauestens geplanten Fest teil. Nichts wurde dabei dem Zufall überlassen, selbst die Äußerungen der Begeisterung, der Ekstase folgten einem minuziösen Protokoll. Davids Regieanweisungen überliefert Hans Maier in seinem Werk, Revolution und Kirche wie folgt:

"Die Mütter heben die jüngsten ihrer Kinder in ihren Armen hoch und bringen sie dem Schöpfer der Natur in Ehrfurcht dar. Die jungen Mädchen werfen Blumen zum Himmel empor ... Die jungen Männer ziehen ihre Säbel und schwören, sie überall siegreich zu führen. Die von der Begeisterung ihrer Söhne fortgerissenen Alten legen ihnen die Hände auf und teilen ihre väterliche Segnung aus .... Eine furchtbare Artilleriesalve, das Zeichen der nationalen Rache erschallt, und alle Franzosen vereinigen ihre Gefühle in einer brüderlichen Umarmung: sie haben nur mehr eine Stimme, deren vereinigter Schrei: Es lebe die Republik! die Lüfte erbeben lässt". (Maier, 275)

Selbst die Häuser, aus deren Fenstern Fahnen flatterten, wurden geschmückt und die Straßen mit Blumen bestreut. Es wurden Instruktionen erteilt, wer die Getreideähren und Blumenkörbe tragen sollte und sogar bestimmt, wie die jungen Mädchen ihre Haare tragen mussten, welche Blumensträuße sie halten durften und wie ihre Kleider mit Rosen besteckt wurden. Auch die musikalische Seite des Festivals wurde bis aufs Kleinste geplant. (Ozouf, 111)
Robespierre sollte von einer hohen Rednerbühne zur Versammlung und zum Volk sprechen, in der er das Höchste Wesen anrief und die Zuhörer aufforderte, diesem zu huldigen. Während die Musiker des "Institut National de Musique" eine Hymne Gossecs anstimmten, entzündete Robespierre einen Scheiterhaufen, wodurch Atheismus, Zwietracht und Ehrgeiz brennend zusammenstürzten, während aus der Asche ein Standbild der Weisheit (mit leicht geschwärzte Antlitz) emporstieg. (Aubry, 210) Danach führte Robespierre als Vorsitzender des Nationalkonvents den Festzug nach Klängen von Gossec und Méhul vom Nationalpark der Tuilerien zum Marsfeld. Dort wurde ein symbolischer "Berg" errichtet, der von einem Freiheitsbaum überragt wurde. Im Gegensatz zum Fest der Vernunft wurde dieser Hügel nun im Freien errichtet. Die Zeremonie am Marsfeld war rein musikalisch und religiös, mit Orchestermusik, der Emporhebung der Kinder zum Himmel und einem Eid gestaltet. (Ozouf, 112)

In der Provinz wurde die Einführung dieses neuen Kultes begrüßt, vor allem in manchen Gegenden Südost- oder Westfrankreichs fand dieser bei der Bevölkerung großen Anklang. (Bertaud, 96)
 

6. Die Entwicklung nach dem Sturz Robespierres bis 1801

Nach dem Sturz Robespierres im Thermidor beschloss der Nationalkonvent am 18. September 1794 ab sofort keinen Kult mehr zu fördern und strich den Haushalt für die auf die Verfassung vereidigte Geistlichkeit. Damit war die Trennung von Kirche und Staat in die Tat umgesetzt worden und auch die Zivilverfassung des Klerus im Grunde aufgehoben. Die Maßnahmen gegen die eidverweigernden Priester blieben jedoch weiterhin in Kraft und auch die Kirchen blieben geschlossen. (Soboul, 545)
Der viel zu intellektuelle Bürgerkult konnte die Massen nicht mehr begeistern; viele Franzosen trauerten den alten religiösen Zeremonien nach und forderten schließlich die Wiedereröffnung der Kirchen. Die konstitutionellen Priester bauten indessen ihren Kult nach und nach wieder auf und hielten heimlich sogenannte "blinde Messen" ab. Am 21. Februar 1795 beschloss der Konvent, dass die Republik keine Gehälter an Vertreter jeglicher Religion zahle und auch die Kirchen sollten geschlossen bleiben. Das Gesetz anerkannte keinen Geistlichen, jede öffentliche Manifestation und alle äußeren Zeichen waren verboten, aber es erklärte auch, dass die Ausübung keiner Religion gestört werden sollte. (Catholic Encyclopedia, 11)
Mit Gesetz vom 30. Mai 1795 gestattete der Konvent den einzelnen Religionen die freie Benützung religiöser Gebäude, soweit diese nicht für andere Zwecke verwendet wurden. Das Dekret vom 29. September 1795 verlangte von den Priestern den Schwur "der Unterordnung und des Gehorsams gegenüber den Gesetzen der Republik". (Soboul, 545-546) Gegen den eidverweigernden Priestern hielt der Konvent an den Gesetzen von 1792 und 1793 fest.
Während der Herrschaft des Direktoriums kam es abermals zu einer, allerdings nicht so scharfen Verfolgung der Kirche aus politischen Gründen. So wurde zum Beispiel mit Gesetz vom 11. April 1796 der Gebrauch von Glocken und alle Arten von kirchlichen Versammlungen zur Ausübung der Religion verboten und mit einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und im Falle der Wiederholung, mit der Deportierung belegt. (Catholic Encyclopedia, 12)
Am 9. Jänner 1797 wurde eine neue Vernunftreligion, die Theophilanthropie, eingeführt, die jedoch ohne große Wirkung blieb.

Nachdem Napoleon Bonaparte am 9. November 1799 das Direktorium stürzte, versuchte er das Land im Inneren zu befrieden. Im Jahre 1801 schloss er mit Papst Pius VII. das Konkordat, in dem er den Katholizismus als die Religion der Mehrheit der Franzosen bestätigte, verweigerte ihm jedoch den Rang einer Staatsreligion. Durch die im April 1802 verabschiedeten "Articles organiques" ordnete er die Kirche eng dem Staat unter. Die Trennung von Kirche und Staat verschwand damit für ein Jahrhundert; der Staat selbst blieb jedoch weltlich. (Soboul, 546)
Die Revolution ließ schlussendlich eine vielfach veränderte Kirche zurück, Einfluss und Ansehen der katholischen Kirche waren gesunken und die Zahl der Geistlichen aber auch der Gläubigen war drastisch und dauerhaft geschrumpft.
 

7. Die katholische Kirche Frankreichs im 19. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert brachte ein Wiedererstarken des Katholizismus in Frankreich. Gleich nach der Thronbesteigung Ludwigs XVIII. im Jahre 1814 erhob er den Katholizismus erneut zur Staatsreligion. Sein Bruder und Nachfolger Karl X. setzte diese klerikale Politik fort. Die Zahl der jährlichen Priesterweihen nahm rasch zu und gleichzeitig erfolgte die Wiederherstellung der religiösen Orden und Kongregationen. Ziel der Kirche war die Rechristianisierung der Gesellschaft. Um dies zu erreichen, bediente man sich vor allem zweier bedeutender Hilfsmittel: der christlichen Erziehung der Jugend und der Volksmission für die Erwachsenen. (Handbuch der Kirchengeschichte, 147)

Die Revolution von 1830 traf die Kirche beinahe ebenso schwer wie die Dynastie, doch schon 1833 hatten sich die Beziehungen zwischen Kirche und Staat wieder normalisiert. In den 18 Jahren der Julimonarchie (1830-1848) konnte sich der kirchliche Wiederaufbau konsolidieren und in einigen Bereichen sogar gegenüber der Zeit der Restauration weiterentwickeln. Auch nach der Revolution von 1848 wurden die Begünstigungen für die Kirche von der Regierung vermehrt. Die Priesterweihen stiegen abermals an, dadurch erscheint das Zweite Kaiserreich als „Höhepunkt zwischen einer Periode mittelmäßiger Entwicklung, nämlich der Julimonarchie, und einer Periode des fortschreitenden Abstiegs unter der Dritten Republik.“ (Handbuch der Kirchengeschichte, 520)

In der Dritten Republik kam es ab 1879 wieder zum Kampf gegen die Kirche, vor allem in Bezug auf die Orden und das Schulwesen. Ziel dieser Politik war die Aufkündigung des Konkordats. So war schon im Sommer 1881 die Trennung von Kirche und Staat ein Hauptthema des Wahlkampfes. Es gab zwar immer wieder Bemühungen diesen Bruch zu vermeiden, schlussendlich wurde jedoch 1905 das Gesetz über die Trennung von Kirche und Staat beschlossen, welches das Konkordat von 1801 beseitigte. Die Bischöfe wurden nunmehr vom Vatikan ernannt und die staatliche Besoldung für die Geistlichen wieder abgeschafft. (Frankreich-Lexikon, 254) Diese Trennung von Kirche und Staat ist auch heute noch in Frankreich gültig.
 

8. Literatur- und Linkverzeichnis

Roger Aubert, Johannes Beckmann, Patrick J. Corish und Rudolf Lill (Hg.), Die Kirche in der Gegenwart. Die Kirche zwischen Revolution und Restauration (= Hubert Jedin (Hg.), Handbuch der Kirchengeschichte 6, Freiburg/Basel/Wien 1971)

Octave Aubry, Die Französische Revolution 2 (Winterthur 1948).

Jean-Paul Bertaud, Alltagsleben während der Französischen Revolution (Freiburg/Würzburg 1989).

Karl Dietrich Erdmann, Volkssouveränität und Kirche. Studien über das Verhältnis von Staat und Religion in Frankreich vor Zusammentritt der Generalstände bis zum Schisma, 5. Mai 1789 - 13. April 1791 (Köln 1949).

Daniel Guérin, Klassenkampf in Frankreich. Bourgeois et "bras nus" 1793-1795 (Frankfurt am Main 1979).

Emmet Kennedy, A Cultural History of the French Revolution (New York 1989).

Hans Maier, Revolution und Kirche. Zur Frühgeschichte der christlichen Demokratie (Freiburg/Basel/Wien 1988).

Walter Markov und Albert Soboul, 1789. Die Große Revolution der Franzosen (Leipzig 1989)

Mona Ozouf, Festivals and the French Revolution (Massachusetts/London 1988).

Rolf Reichardt, Die städtische Revolution als politisch-kultureller Prozeß, in: Rolf Reichardt (Hg.), Ploetz. Die Französische Revolution (Freiburg/Würzburg 1988) 28-80.

Eva Schleich, Kirche, Klerus und Religion, in: Rolf Reichardt (Hg.), Ploetz. Die Französische Revolution (Freiburg/Würzburg 1988) 172-185.

Bernhard Schmidt, Jürgen Doll, Walther Fekl und Siegfried Loewe (Hg.), Frankreich Lexikon (Berlin 1981).

Albert Soboul, Die Große Französische Revolution. Ein Abriss ihrer Geschichte (1789-1799) (Frankfurt am Main 1973).


Uni Würzburg: http://www.wifak.uni-wuerzburg.de/wilan/theo/studies/fsth/kg-3.pdf (Stand: 29.10.2001) [Diese Seite ist leider nicht mehr aktiv.]

French Revolution: http://ragz-international.com/french_revolution.htm (Stand: 25.10.2001) [allgemeiner Überblick über die Französische Revolution]

Catholic Encyclopedia: http://www.newadvent.org/cathen/13009a.thm (Stand: 22.10.2001) [allgemeiner Überblick über die Französische Revolution, spezielle Informationen zur Religion; Achtung: basiert auf der Catholic Encyclopedia aus dem Jahr 1913]

FRK - Langzeit Kalender Verlag: http://www.lzkv.de/frk.htm (Stand: 29.10.2001) [Informationen zum französischen Revolutionskalender]

Die Französische Revolution und der Revolutionskalender: http://www.geocities.com/SoHo/9009/FRZREVKAL.htm (Stand: 29.10.2001) [Informationen zum französischen Revolutionskalender]

Der Französische Revolutionskalender: http://www.ortelius.de/kalender/fr_de.html (Stand: 29.10.2001) [Informationen zum französischen Revolutionskalender]

French Republican Calender: http://www.familysearch.org (Stand: 29.10.2001) [Informationen zum französischen Revolutionskalender]

 

Weitere Links und weiterführende Literatur:

http://www.psm-data.de/frz_rev/frz_rev_syst_index.htm [Internet-Datenbank; Primär- und Sekundärliteratur zur Französischen Revolution]

http://www.ng.fak09.uni-muenchen.de/gfn/vlgersmann/linkliste.html [Ludwig-Maximilians-Universität München, Vorlesung "Die Französische Revolution" - PD Dr. Gudrun Gersmann; u.a. Folien zur Vorlesung, Bibliographie und Linkliste]

http://chnm.gmu.edu/revolution/index.html [Center for History and New Media (George Mason University); Bilder, Texte, Zeitleiste,  Lieder zur Französischen Revolution]

http://historicum.net/themen/franzrev/ [Ludwig-Maximilians-Universität München; Links, Bibliographie, Zeitleiste, Bild- und Tonmaterial zur Französischen Revolution ]

http://uni-saarland.de/~gg14rhah/lexikon/programm/hilfsmit.htm [Universität des Saarlandes; Programm zur Umrechnung von Kalenderangaben]

http://history.hanover.edu/modern/frenchrv.htm [Hanover College; Quellen, Bibliographie zur Französischen Revolution]

http://www.indiana.edu/~fritciv/html/cat006.html [Indiana University; Bildquellen zur Französischen Revolution]
 

Norman Ravitch, The Catholic Church and the French Nation (London 1990).

Michel Vovelle, Religion et Révolution. La déchristianisation de l´an II (Paris 1976).