Matthäus Merian: Theatrum Europaeum

Essay von Wolfgang Schmale

Zitierweise: Wolfgang Schmale: Essay "Matthäus Merian: Theatrum Europaeum", in: Europabegriffe und Europavorstellungen im 17. Jahrhundert. Web-Projekt, Wolfgang Schmale (Dir.).
http://www.univie.ac.at/igl.geschichte/europaquellen/essays/merian_theatrum_europaeum.htm

Erstveröffentlichung: Auszug aus: Wolfgang Schmale, Das 17. Jahrhundert und die neuere europäische Geschichte,
in: Historische Zeitschrift 264 (1997), S. 587-611, Auszug S. S. 588-597


Geschrieben wird das Jahr 1635. Aufgeschlagen ist ein voluminöser Foliant, betitelt als "Theatrum Europaeum". Es handelt sich um den Ersten Band, der reges Publikumsinteresse hervorgerufen hat und deshalb 1643 erneut aufgelegt wurde. Verlegt wurde das Werk von Matthäus Merian d.Ä. Er selber und seine Werkstatt haben das Buch mit zahllosen Illustrationen ausgeschmückt. Zweifellos gehört das Theatrum Europaeum zu den bekannten wenn nicht berühmten Druckwerken der Frühen Neuzeit. Wie so manche Quelle dieser Klasse teilt es das Schicksal, oft erwähnt, aber nie intensiv als Quelle genutzt worden zu sein, wenn davon abgesehen wird, dass über den Wirklichkeits- und Wahrheitsgehalt der Chronik gestritten wurde. Die Forschungsliteratur zu dieser Quelle fällt quantitativ bescheiden aus1) In Untersuchungen mit europageschichtlichen Bezügen wird das Werk geradezu standardmäßig erwähnt, oft fälschlicherweise unter die europäischen Zeitschriften der Zeit eingereiht, es wurde aber wenig daraufhin befragt, welcher Ertrag aus dieser Quelle für das Europaverständnis der Epoche zu ziehen wäre. Die bereits zeitgenössische Notabilität des Werks erlaubt schließlich zwei Annahmen vorweg, nämlich (1) dass es sich ohnehin verbreitete Europavorstellungen zu eigen machte, oder (2) dass es, wenn es ein originelles 'Europakonzept' enthielt, dieses einem beachtlichen Leserkreis zugänglich machte und damit zur Formierung von Europavorstellungen beitrug.

Matthäus Merian (geb. 21. o. 22.9.1593 in Basel; gest. 19.6.1650 in Bad Schwalbach), das sei nur ganz knapp in Erinnerung gerufen, erlangte als Kupferstecher schon in jungen Jahren einen hohen Bekanntheitsgrad im deutschen und französischen Raum. Sein Lebenswerk wurde als geradezu "gigantisch" bezeichnet, zudem erwies er sich als außerordentlich geschäftstüchtig. In Frankfurt bzw. Oppenheim, wohin ihn eine Reise im Jahr 1616 geführt hatte, arbeitete er im Verlag des Kupferstechers Johann Theodor de Bry (1561-1623). Sehr bald, d.h. schon 1617, heiratete er dessen Tochter Maria Magdalena (1598-1645). Als sein Schwiegervater wenige Jahre später starb (1623), übernahm er dessen Verlag, zunächst als Verwalter, ab 1626 als alleiniger Verleger. Mitten im Dreißigjährigen Krieg stieg er zu einem ungemein erfolgreichen Verleger auf.2) Neben medizinischen und topographischen Werken lancierte er mit Vorliebe umfassende historische Chroniken, die er selber mit beeindruckenden Mengen von Kupferstichen illustrierte. Diese Kupferstiche sind bis zu einem gewissen Grad unstereotypisch gearbeitet, d.h. die Darstellung von z.B. Städten, Schlachtordnungen, Belagerungen und dergleichen mehr beruhte auf der Auswertung aktueller Nachrichten oder eigener Anschauung, die Merian auf seinen Reisen gewonnen hatte, hinter der die Benutzung von Stereotypen, wie sie z.B. von den Stadtbildern noch der Schedelschen Weltchronik bekannt sind, zurücktreten. Matthäus Merian war Empiriker mit Sinn für die an und für sich darzustellende Vielfalt der Wirklichkeit, er war auf seine Weise ein Vertreter und Promotor des wissenschaftlichen Empirismus, wie ihn Manso in der Person Galileis verherrlichte: "Herrn Galileo gebührt hoher Ruhm, weil er die Erfindung des Fernrohrs zu solcher Vollendung führte, dass es den Blick auf 60 und 80 Meilen ausdehnt und die Einzelheiten der wahrgenommenen Dinge so nahe rückt und groß erscheinen lässt, dass sie höchstens wie zwei Meilen entfernt erscheinen und man auch die geringsten Einzelheiten sieht."3) Das Fernrohr-Prinzip, das Manso hier beschreibt, charakterisiert sehr gut die Art des Blicks, den viele Zeitgenossen auf ihre damalige Welt warfen und der sich in vielen Quellen wiederfindet.

1635 nun gab Merian den ersten von 21 Bänden des Theatrum Europaeum heraus (Bd.1-5 betreute er selbst)4), 1738 wurde der letzte Band an sein Publikum übergeben, zu einem Zeitpunkt, als Merians Nachkommen den Verlag bereits durchgebracht hatten. Merians Theatrum Europaeum war nach seinem eigenen Verständnis ein Publikumswerk, von dem er im Vorwort an den Leser im 2. Band (Frankfurt 1646)5)behauptete, dass es von "Gelehrten Leuten als dem gemeinen Mann" gleich gern gelesen werde. Verkauft wurde das Ganze zunächst als Fortsetzung der Weltchronik desselben Verlages von Johann Ludwig Gottfried (um 1584-11.5.1633).6)

Der erste Band des Theatrum Europaeum eröffnet vier Perspektiven auf den Europa-Begriff: zwei sprachliche und zwei bildliche, die miteinander dialogisieren. Bei den beiden sprachlichen Äußerungen handelt es sich um die Widmung des Werks von Merian selbst sowie um den Beginn der eigentlichen Chronik mit Johann Philipp Abelinus (=Abele) als Autor.7) Die beiden bildlichen Darstellungen bestehen aus einem anonymen Frontispiz, der aber nach Lucas Heinrich Wüthrich Merian d.Ä. selbst zugeschrieben werden dürfte8), und einer Europa-Karte, die später auch als Einzeldruck vertrieben wurde.9) Die Karte ist als Werk Merians gekennzeichnet.

Im Zentrum des oberen Teils des Frontispiz steht die Erdkugel, auf die Gott sein Licht wirft. Die Erdkugel ist so gedreht, dass nur West- und Mitteleuropa vom Lichtkegel erfasst werden, während Sizilien, Griechenland, das östliche Polen und der größte Teil der skandinavischen Länder im Schatten verschwinden. Die große noch vor dem eigentlichen Beginn der Chronik eingefügte Europa-Karte zeigt hingegen auch das gesamte Nordeuropa mit Island, im Osten werden Städte- und Flussnamen bis zur Wolga ausgeführt. Diese, nur aus Beschriftung bzw. Nicht-Beschriftung herrührende Grenzlinie, wird östlich Anatoliens weitergeführt, umschließt Palästina und die gesamte nordafrikanische Küste von Ägypten bis Marokko. Innerhalb Europas sind keinerlei Grenzen eingetragen. Die Karte knüpft damit noch an die Gepflogenheiten des 16. Jahrhunderts an. Die beiden kurzen Texte nehmen keinen direkten Bezug auf die beiden geographischen Repräsentationen, dennoch enthalten sie den Schlüssel dafür, warum Europa einmal in einem charakteristischen Ausschnitt und einmal in extenso dargestellt wird.

In der Widmung Merians vom 10.9.1634 an Bürgermeister und Rat der Stadt Frankfurt heißt es:

"Weil dann nicht weniger von Jugend auff ich mir vorgenommen habe/in diesem THEATRO oder Schaw Platz der Geschichten der Welt mich zu üben /unnd gebrauchen zu lassen/ unnd dahero anfänglichs eine Universalem Historiam von Anbeginn der Welt/.../durch meine sonderliche darzu bestellte Gelehrte und Authores zusammen tragen [...]: sondern auch/so viel an mir ist/eine Particularem Historiam, unnd dieses THEATRUM EUROPAEUM; Von allen denjenigen Geschichten/welche zu diesen unsern Zeiten/unter dessen Glorwürdigsten/Allerdurchleuchtigsten/unnd unueberwindlichsten Roemischen Kaysern Matthia/Allerhoechstseeliger Gedaechtnuß/unnd Ferdinanden dem Andern jetzt regierenden Kayser/unnd andern mehr hohen Potentaten in Europa/und sonsten/sich begeben und zugetragen/außfertigen/dieselbige mit schoenen Kupfferstucken exorniren und zieren lassen."

Zu Beginn der Chronik führt Abelinus desweiteren aus:

"Es ist ... bey allen vernuenfftigen Nationen/.../ so viel derer inn barbarischen Sitten nicht geblieben/sondern sich einer loeblichen Intellectualität beflissen haben/jederzeit fuer Nothwendig/Nutz=unnd Loeblich gehalten worden/denckwuerdige Geschichten ihrer Seculorum, und Laendern/zu beschreiben/und der Posterität zum besten zu hinderlassen: Welches nicht allein die Hebreer/Griechen unnd Latiner/zu ihren Zeiten/mit dapfferer Prudenz geleistet, sondern auch nachmahls die auß ihnen entsprungene Nationen/unnd nach denselben allen/auch unsere hochloebliche Teutsche Nation(.) dessen/ihrer Fuersichtigkeit und Vermoegen gemaeß/in acht genommen: Deßwegen sie dann neben andern Monarchiis unnd Ländern ihr Lob billich meritirt:...

Dieweiln aber auch bey uns Hoch=Teutschen/die wir uns unter dem Teutschen Roemischen Reich befinden/seithero Anno 1618. eine merckliche grosse Bewegung in ihre Wirckung getreten/in welche das Fatum noch viel andere mehr Monarchien und Koenigreiche zeitlich mit eingeflochten/daß wir diese weit außsehende Commotionem wol pro Europaea halten/unnd sie also nennen moegen/..."

Die beiden Textstellen belegen, dass Europa Matthäus Merian und Abelinus zur Artikulation verschiedener Vorstellungshorizonte animierte, die Merian in den beiden kurz vorgestellten geographischen Repräsentationen festgehalten hat. Dieser erste Band des Theatrum Europaeum beschreibt die Jahre 1617 bis 1629, also im Kern das erste Jahrzehnt des Dreißigjährigen Krieges. Schauplatz ist das Reich, was die Perspektivierung der Chronik von der Reichsgeschichte her bedingt, aber es ist weniger ein "teutscher", denn ein europäischer Krieg, weil das Schicksal, genauer gesagt: weil Gott es so wollte. Dieser strengen Perspektivierung aus der Reichsgeschichte heraus entspricht die (nur scheinbar zufällige) Verteilung von Belichtung und Unterbelichtung der Europaskizze in der Erdkugel des Frontispiz. Diese Erdkugel bedeutet daher mehr als nur ein zusätzliches Symbol für Europa wie z.B. bei Rubens.10) Im Mittelpunkt steht das Reichsgebiet, ergänzt um die europäischen Besitzungen des Hauses Habsburg, spanische Linie eingeschlossen, und die Gebiete der wesentlichen Akteure wie z.B. Frankreich und Schweden. Dass von Schweden nur die Südspitze ins Licht getaucht wird, erscheint nachvollziehbar, denn die Integration Schwedens in den europäischen Bewusstseinshorizont war eher eine Folge, denn eine Vorbedingung des schwedischen Engagements im Dreißigjährigen Krieg. Der im Frontispiz repräsentierte Teil Skandinaviens entspricht in etwa dem Gebiet, das von den Handelsrouten der Hanse in ihrer Hochzeit um 1370 erfasst wurde.11)

Die umfassendere Europakarte im Theatrum Europaeum hingegen korrespondiert mit den kulturgeschichtlichen Erläuterungen des Johann Philipp Abelinus. Der Hinweis auf den kulturellen Ursprung der europäischen Nationen seiner Zeit aus der jüdischen, griechischen und römischen Kultur deckt sich mit der durch Beschriftung bzw. Nichtbeschriftung erzeugten "Delineatio" der Kernverbreitungsgebiete dieser drei Kulturen. Merian und Abelinus setzen damit dem in der frühen Neuzeit schon schärfer hervortretenden nationalen Bewusstseinshorizont, den sie bildlich und textlich anklingen lassen, den transnationalen geschichtlichen gegenüber, zugleich wird die 'nationale' Perspektive durch die Feststellung aufgebrochen, dass die gegenwärtige "Commotio" "pro Europaea" zu halten sei.

Der Frontispiz besteht aber nicht nur aus der ganz oben in der Mitte angeordneten Weltkugel. Die Mitte und obere Mitte der Darstellung wird von der auf einem Thron sitzenden Königin Europa beherrscht, auf die die anderen Erdteile, repräsentiert durch die seit Cesare Ripa 159312) kanonisierten allegorischen Figuren und Symbole wie Elefant, Federschmuck usw. aus unterlegener Position zustreben. Dies dokumentiert das Bewusstsein europäischer Überlegenheit in einer Welt der Vielfalt.

Dieser erste Band des Theatrum Europaeum enthält bereits alle Elemente des Europabegriffs des 17. Jahrhunderts, die sich dann mit unterschiedlichem Gewicht entwickelt haben.

Das eine Element wäre - bewusst anachronistisch ausgedrückt - das "Europa der Nationen" unter Widerspiegelung des unterschiedlichen politischen Gewichts; das andere das kulturelle und christliche Europa, das keine Grenzen kennt außer denen der Verbreitung des Christentums vor dem Islam; das dritte das des in der Weltgeschichte überlegenen Kontinents und insoweit als Entität wahrgenommenen Europas.

In den ersten Bänden des Theatrum Europaeum folgt die Darstellung der Chronologie der Ereignisse quer durch Europa, in den späteren Bänden, zum 18. Jahrhundert hin, wird systematisch nach Ländern getrennt berichtet. Erstere Darstellungsweise trifft beispielsweise auch auf das Diarium Europaeum13) und den Europäischen Neuen Florus14) zu, die beide 1659 einsetzen, während die spätere systematische Trennung gleichfalls im Periodikum Europäische Fama15) Anwendung fand, das mit dem 18. Jahrhundert ins Leben trat.

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