Johann Caspar Khun [1698]

Panegyricvs. Lvdovico. XIV.
Galliarvm. Et. Navarræ. Regi. Ob. Restitvtam. In. Evropa. Pacem.
Ivssv. Pvblico. Nomine. Vniversitatis. Argentoratensis. Dictus. A. Iohanne. Casparo. Khunio.
D. VI. Febr. MDCXCVIII.
Literis. Stædelianis.

Zitierweise: Rolf Felbinger: Quellenautopsie "Johann Caspar Khun (1698)", in: Europabegriffe und Europavorstellungen im 17. Jahrhundert. Web-Projekt, Wolfgang Schmale (Dir.).
http://www.univie.ac.at/igl.geschichte/europaquellen/quellen17/khun1698.htm

Schlagworte: Friede von Rijswijk; Gelegenheitsschrift; Lobrede; Ludwig XIV.; Panegyricus; Pater Europae; Universalmonarchie;

Fundort: BSB / 2 Diss. 18

A) Kurzbiographie
B) Beschreibung der Quelle
 
C) Europabegriff und -vorstellung bei Khun

 

A) Kurzbiographie

Zur Person des Autors Johann Caspar (Jean Gaspard) Khun, der seine Werke fast komplett unter der latinisierten Namensform "Iohannes Casparus Khunius" herausgab, sind lediglich spärliche Fakten bekannt. Über sein Geburtsjahr (vermutlich 1655) sowie seinen familiären Hintergrund existieren nur wenige Hinweise, doch gilt es als relativ gesichert, dass er aus Weissenburg im Niederelsass stammt. Seine Studienzeit verbrachte er in Straßburg, wo er 1688 promovierte und im Anschluss als Lehrer am Gymnasium arbeitete. In den Neunziger Jahren wurde er zunächst als Professor der praktischen Philosophie und einige Zeit später als Professor für Rhetorik und Geschichte an die Universität Straßburg berufen. Da er sich in seinen Schriften wie der zur Jahrhundertwende publizierten "De gigantomachia ad Ovid" oder der 1709 entstandenen "De deluvio apud Ovidium" mehrheitlich mit dem Œuvre des römischen Dichters Ovid, aber auch mit Aristoteles und der Stoa beschäftigte, lässt sich vermuten, dass sein akademischer Fokus auf die hellenistische sowie römische Epoche ausgerichtet war. Er starb im Jahr 1720 ebenfalls in Straßburg.

 

Literatur:

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B) Beschreibung der Quelle

Bei der vorgestellten Quelle handelt es sich um die bei Josias Städel verlegte Textfassung einer in Latein verfassten, pro-ludovizianischen Rede, die vom Autor Johann Caspar Khun am 6. Februar 1698 vermutlich in der Aula der Universität Straßburg gehalten wurde. Neben dem 24-seitigen Text der Ansprache umfasst der Druck im Folioformat ein schlichtes Titelblatt, ein kurzes Vorwort und eine Kupferstichillustration, die auf den ersten Blick einen zu Ehren des französischen Monarchen Ludwig XIV. errichteten Triumphbogen darzustellen scheint. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um die Abbildung einer neuen Springbrunnenanlage, die vom Straßburger Magistrat in einem nächtlichen Festakt gleichen Datums der Öffentlichkeit übergeben wurde.
Der Anlass für die Gestaltung des Brunnens war der im Jahr zuvor zwischen König Ludwig XIV., Kaiser Leopold I. und den Reichsfürsten geschlossene Friede von Rijswijk, der den Pfälzischen Erbfolgekrieg nach neunjähriger Dauer beendet hatte. Die thematisch-zeitliche Verbindung zwischen der öffentlich gehaltenen Ansprache und der mit einem Jubelfeuerwerk zelebrierten Einweihung des Brunnens auf dem Hauptplatz vor dem Straßburger Rathaus ist evident und durch die Schrift "Description De la Decoration de la Fontaine de Vin, donné au peuple par les Magistrats de Strasbourg, la nuict du sixiéme Fevrier, 1698. dans la place & audevant de la principale Entrée de l'Hostel de cette Ville, en rejouissance de la Paix conclue entre le Roy, l'Empereur et l'Empire, au Chateau de Riswick le 30. Octobre 1697" belegt, die im gleichen Jahr wie Khuns Panegyrikus durch den Drucker Adolf Gießen herausgegeben wurde. Der Festakt sollte darüber hinaus wohl auch die Loyalität der früheren elsässischen Reichsstadt demonstrieren, die erst 1681 als Folge der Versailler Restitutionspolitik in das französische Königreich eingegliedert worden war. Zudem wurde von der Zentralregierung erwartet, dass glückliche Ereignisse wie militärische Siege oder Friedensschlüsse ebenso in der Provinz gefeiert wurden wie in Paris. Dies galt generell für alle Regionen, die erst seit kurzer Zeit zu Frankreich gehörten, jedoch im Speziellen für Straßburg. Dies beweist unter anderem der vielfach zitierte Brief ("Lettre du Roy écrite à Monseigneur l'archevêque de Paris pour faire chanter le Te Deum en l'église Notre Dame, en action de grâces de la paix conclue avec l'Empereur et avec l'Empire", Paris 1698), den der Sonnenkönig an den Pariser Erzbischof richtete. In diesem Schreiben drückte er seine Genugtuung darüber aus, dass mit Straßburg eine der wichtigsten Vormauern des Römischen Reiches seiner Krone (und der Katholischen Kirche) angegliedert sowie der Rhein als Grenzzaun zwischen Frankreich und Deutschland wiederhergestellt worden sei.

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C) Europabegriff und -vorstellung bei Khun

Beim Lesen der Lobrede fallen die häufigen Bezüge zwischen dem französischen König und dem Begriff "Europa" rasch ins Auge. Khun verherrlicht Ludwig XIV. sowohl im Vorwort als auch im eigentlichen Vortrag als unvergleichlichen Fürsten mit großen Tugenden ("Ludovicus Magnus, Maximus, Justus [et] Victor"), der aufgrund seiner einzigartigen Stellung als einziger Herrscher in der Lage sei, "Europa" nach der langen Kriegsphase zu einen und zu befrieden ("per Europam pace usus est"). Die inneren und äußeren Probleme "Europas" lägen nämlich primär darin, dass es seine ursprüngliche Einheit nicht mehr besitze, sondern augenblicklich aus zahlreichen Teilen zusammengefügt sei und deswegen auch keine Stabilität aufweisen könne. Es benötige eine Universalmonarchie mit einer wohlgeordneten, sprich gottgefälligen Hierarchie, an deren Spitze der französische Monarch stehen soll, weil sich erwiesen habe, dass sich keine andere Macht ihm erfolgreich entgegenstellen kann: "Ludovicus Magnus […] Rex noster cum Europa compositus [est]."
Dieser Überlegung folgt im Verlauf eine Art Aufruf an die versammelten Hörer, der beinhaltet, dass es für die Zukunft wünschenswert sei, wenn der Bourbone seine Herrschaftsgrenzen bis an die "Grenzen Europas", die in diesem Kontext allerdings nicht genau definiert werden, ausdehnen und seine Hand schützend über "Europa" halten möge: "Dum tamen Ludovicus Magnus, cujus virtutibus nullum par Orbis imperium tribuere podest, ostendisse contentus est, non defuisse Sibi facultatem ad latius extendendos Regni Sui per Europam fines; […] tota Europa patentius amor nunc Ejus, ubi antea terror Nominis occupavit."
Unmittelbar an diese Textstelle fügt sich eine Passage an, die als die wichtigste der Lobrede bezeichnet werden kann. Ludwig XIV. sei nämlich wegen seiner herausragenden Stellung nicht nur der Vater Frankreichs, sondern vielmehr der Vater ganz Europas ("jam non Galliæ Tuæ tantum, sed totius Europæ Pater!"). Wer außer ihm, so die Frage an die Versammlung, sei denn wirklich in der Lage, die "Augustissima Monarchia [Europae]" zu erlangen? Welcher der europäischen Fürsten habe eine annähernde Machtfülle, ähnliche Tugenden zu bieten? Nicht einmal eine Allianz anderer Potentaten könne, das habe der letzte Krieg bewiesen, ihn in seiner gottgewollten Vormachtstellung gefährden ("Quis enim in posterum turbare Regni Gallici quietem aut lacessere arma audebit, contra quæ unitas Europæ vires nihil valuisse meminerit?") und daher stehe ihm letztlich der Titel als gekrönter "Pater Europæ" ohne Zweifel zu.
Schließlich gilt es noch anzumerken, dass für Khun die Herrschaft über "Europa" unentwegt mit einer globalen Herrschaft gleichzusetzen ist. Gemäß dem üblichen zeitgenössischen Verständnis besteht für ihn als Verfasser kein Zweifel darüber, dass "Europa" über den Rest des Erdkreises zu regieren habe, so dass die europäische Ordnung, der europäische Friede und daraus folgernd die Einheit "Europas" unter einem Universalmonarchen das Glück für die gesamte Welt bedeuten würde.

(rf)

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