Europabegriffe und Europavorstellungen im 17. Jahrhundert -
100 Quellenautopsien

(Deutsche Version von o.Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Schmale)

 

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Quellen und Vorgehensweise
 
Benutzung der Datenbank
 
Vorbereitende Forschungen des Projektleiters Wolfgang Schmale

 

 

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Die Erforschung der Europabegriffe und Europavorstellungen im 17. Jahrhundert zeitigt erheblichen Nachholbedarf. Im Rahmen eines zweijährigen, von der Gerda Henkel-Stiftung, Düsseldorf, geförderten Projektes sollen neuen Quellen erschlossen und der Forschung als Quellenautopsien über eine Web-Datenbank zur Verfügung gestellt werden. Parallel dazu wird ein Abriss der Entwicklung der Europabegriffe und Europavorstellungen im 17. Jahrhundert als Buch erscheinen. Das Projekt wird von o.Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Schmale geleitet. Die Quellenautopsien werden von Mag. Rolf Felbinger, Mag. Josef Köstlbauer und Mag. Alexander Wilckens verfasst. Die Website wird von Günter Kastner und Alexander Koller erstellt und betreut. Bei dem Projekt zum 17. Jahrhundert handelt es sich um eines von derzeit vier Web-Projekten zur Geschichte Europas in der Frühen Neuzeit:

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Quellen und Vorgehensweise

Im Zentrum des Interesses stehen Drucke des 17. Jahrhunderts. Angesichts der Masse von Drucken im 17. Jahrhundert gilt als allgemeines Selektionskriterium die Verwendung von Europa/Europe oder europäisch/europaeus/européen usw. im Titel einer Schrift. Eine systematische Durchsicht der Kataloge der Österreichischen Nationalbibliothek und der Bayerischen Staatsbibliothek als Referenzkataloge (die historischen Buchbestände dieser Bibliotheken zählen zu den umfangreichsten in Europa) ergab eine Zahl von rund 550 Titeln, die diesem Selektionskriterium entsprachen. Die Titel stammen aus dem Alten Reich, Frankreich, England, Niederlande und Italien, in seltenen Fällen aus Polen und Böhmen (lateinische Titel). Die Suche nach eventuell einschlägigen spanischen Titeln war im Gegensatz zum 16. Jahrhundert bisher ergebnislos. Die einzelnen Titel wurden 18 verschiedenen Bereichen zugeordnet:

1. Allgemeine Staatsbeschreibungen, Staatengeschichte, Bezüge im Staatensystem Europas, Chroniken
2. Politische Verhältnisse Europas (Dynastien, Herrscher, Verträge, Krieg und Frieden etc.)
3. Geographische Beschreibungen Europas (Atlanten, Erd-, Länder-, Stadt- und Reisebeschreibungen, Land- und Straßenkarten etc.)
4. Literatur (Epik, Lyrik, Bühnenwerke, Lobschriften, Reden etc.)
5. "Theatrum Europaeum"
6. Religiöse Bezüge (Gegenreformation, Protestantismus, Ketzertum, Eintrachtsgedanke, Ordensgeschichte etc.)
7. Propagandistische Darstellungen und Bezüge (Frankreich, Türkenkriege etc.)
8. Genealogien
9. Philosophie
10. Denkwürdigkeiten (der Jahre, Ereignisse etc.), Kalender
11. Naturbeobachtungen und -wissenschaften
12. Sprachabhandlungen, Lexika
13. Heraldik (Wappen der europäischen Familien etc.)
14. Recht und Rechtsprechung
15. Kataloge, Verzeichnisse
16. Zukunftsprognosen
17. Spruchsammlungen
18. Werke, die nicht näher spezifizierbar sind.

Am ertragreichsten erwiesen sich die Bereiche 1-4. Bereich fünf (Theatrum Europaeum) wurde in einer eigenen Studie untersucht (Schmale, Wolfgang: Das 17. Jahrhundert und die neuere europäische Geschichte, in: Historische Zeitschrift 264 (1997), S. 587-611). Ebenfalls ertragreich sind die Bereiche 6 und 7. Bei den weiteren liegen die Titelmengen jeweils recht niedrig (unter 15 oder unter 10 pro Bereich), so dass diese zurückgestellt wurden. Der Bereich 4 (Literatur etc.) wurde bisher im übrigen praktisch gar nicht von der Historiographie als Quelle berücksichtigt. Das einzige literarische-musikalische Werk, das gelegentlich erwähnt, aber kaum analysiert wird, ist "L'Europe galante" von André Campry (um 1700).
Die ausgewählten Themenbereiche sind nicht zufällig die quantitativ größten, sondern spiegeln fundamentale Entwicklungen des 17. Jahrhunderts wider. Das 17. Jahrhundert nimmt in Bezug auf verschiedene Ebenen der historischen Entwicklung eine Schlüsselstellung ein. So verstärkt sich in dieser Zeit die schon in der zweiten Hälfte de 16. Jahrhunderts begonnene Verlagerung der Achsen der Weltwirtschaft. Der Mittelmeerraum verlor an Bedeutung und der Norden und Westen Europas gewannen an ökonomischem und politischem Gewicht. Der Dreißigjährige Krieg, der im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation alles andere überlagerte, verschärfte nur diese Entwicklung. Damit korrespondierend fand ein Prozess statt, der in Europa keineswegs einheitlich verlief, der jedoch als der dominierende Trend der frühneuzeitlichen Geschichte bezeichnet werden kann: der verdichtete Staatsbildungsprozess. Der lange zuvor begonnene Staatsbildungsprozess gewann im 16. und vor allem im 17. Jahrhundert deutlich an Konturen. Als Artikulationen dieser Verdichtung von Staatlichkeit sind insbesondere der Ausbau von Bürokratien und Militärorganisationen sowie die zunehmende Fülle von Gesetzen, Ordnungen und Regelwerken zu sehen. Diese Intensivierung von Herrschaft und Staatlichkeit im Innern zielte auf die Schaffung einer geordneten, sogar einheitlichen Gesellschaft und auf die Durchsetzung der beanspruchten Vormachtstellung der führenden Schichten.
Diese vom Staat verfolgte Vereinheitlichung bezog sich nicht nur auf die Sicherung von Handel und Wirtschaft und die Bemühung um den inneren Frieden, sondern reichte bis zum Problem des Seelenheils der Untertanen. Die skizzierten Phänomene wurden von Ängsten und Endzeiterwartungen, von Überbevölkerung und Anpassungsproblemen in der Wirtschaft, von Aggressionen und Konflikten in Staat und Gesellschaft begleitet, Phänomene, die oft unter dem Konzept der "allgemeinen Krise des 17. Jahrhunderts" zusammengefasst werden. Diese äußere und innere Krise ergab die Basis für eine neue Stabilität, gekennzeichnet von der Welt des Absolutismus und der höfischen Gesellschaft sowie des europäischen politischen Systems. Unter den geistesgeschichtlichen Auswirkungen der skizzierten Phänomene sind die Entstehung oder - im Vergleich zum 16. Jahrhundert - die Profilierung bestimmter Literaturgattungen sowie die Ausbildung unterschiedlicher Europabegriffe und -vorstellungen zu nennen. Die den Themenbereichen 1 bis 3 zugrundegelegten Titel entstammen alle der im weiteren Wortsinn historisch-politischen, politisch-philosophischen bzw. staatsrechtlichen (völkerrechtlichen) Literatur. Die geographisch-kosmographische Literatur, die bereits im 16. Jahrhundert geblüht hatte, wurde fortgesetzt und nahm häufig einen historisch-politischen Charakter an. Alle Literaturgattungen reflektieren die großen politischen und ökonomischen Veränderungen vor allem seit dem Dreißigjährigen Krieg, dessen End- und Friedensphase freilich selber bereits diese Literaturgattungen befruchtete. Die nicht minder zentrale Konfessionalisierungsproblematik sowie die der wieder auflebenden Türkenkriege wird zusätzlich über die Literatur der Themenbereiche 6 und 7 erfasst, ist aber in den Themenbereichen 1 bis 3 bereits prominent vertreten. Die literarische Verarbeitung Europas (Themenbereich 4) kann als eine Innovation des späteren 17. Jahrhunderts angesehen werden, die mit dem Aufstieg der Romanliteratur wie des Theaters und der Oper eng verbunden ist. Frankreich spielte hier eine Vorreiterrolle, aber auch aus dem Alten Reich kamen im Kontext der Türkenkriege entsprechende Beiträge. Mit dem Projekt wird bezüglich dieses Themenbereichs erstmals dieser im 17. Jahrhundert neue Quellenbestand für die historische Europaforschung erschlossen.
Insgesamt wurden für die Quellenautopsien zunächst rund 100 Titel unter besonderer Berücksichtigung solcher Titel, die die Forschung bisher nicht oder nur am Rande für die Erforschung von Europabegriffen und -vorstellungen benutzt hat, ausgewählt.

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Benutzung der Datenbank

Sie haben die Möglichkeit, auf die Quellenautopsien alphabetisch zuzugreifen. Mittels der Schlagwortliste können Sie problemorientiert vorgehen. Die Schlagwörter wie "Mythos", "Geographie", "Türken" etc. setzen das jeweilige Thema immer in Bezug zu seiner europäischen Dimension.

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Vorbereitende Forschungen des Projektleiters Wolfgang Schmale

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