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Detaillierte Beschreibung a) Der aktuelle Anlaß: das ausgehende 20. Jahrhundert Am Ende des 20. Jahrhunderts machen sich im größeren Teil Europas eine Reihe fundamentaler historischer Veränderungen bemerkbar, die, so die These, aus zentralen Weichenstellungen, die im 16. Jahrhundert erfolgt sind, herausführen. Zu diesen Veränderungen gehören u.a.:
Ad 1: Zwar steht die Abschaffung der Nationalstaaten nicht bevor, aber es findet eine allmähliche Trennung zwischen Identitätsgewährleistung und pragmatischer Aufgabenstellung für den Nationalstaat statt. In den meisten Fällen wird sicher auch heute noch zu konstatieren sein, daß sich viele Menschen - neben individuellen Identifizierungen innerhalb bestimmter sozialer Gruppen - zunächst innerhalb einer nationalen Identität verorten, diese nationale Identität entbehrt aber - von Ausnahmen (beispielsweise sog. Balkan) abgesehen - zunehmend eines aggressiven und ausschließlichen Charakters, auch fallen zunehmend die früher stützenden nationalen Mythen weg und werden durch "national" genannte Gedächtnisse ersetzt, die insoweit eine offene Struktur besitzen, als sie keine Nationalismen mehr stützen. Die Nationalstaaten, die der EU angehören, sowie diejenigen, die ihr möglichst bald beitreten wollen oder im Hinblick auf einen späteren Beitritt Assoziierungsabkommen geschlossen haben, verzichten im Fall der EU-Mitglieder bereits auf umfängliche, im Fall der beiden anderen Gruppen immerhin bedingt (Anpassung des nationalen Rechts durch vorgreifende Übernahme von EU-Recht) auf traditionelle Souveränitätsrechte zugunsten der EU. Anderes wird zunehmend an Regionen wie die Euroregionen delegiert. Aufgabe und Recht des Nationalstaats bleibt, was dieser als Institution am besten zugunsten der europäischen Bürgergesellschaft regeln kann. Ad 2: Kultur wird hier kurz als Zusammenhang zwischen Sinn- und Bedeutungsstiftung und Strukturen der Sinn- und Bedeutungsstiftung verstanden. Kultur wird heute - gemessen am traditionellen Nationalstaat und noch mehr gemessen am Nationalismus - entnationalisiert, im Gegenzug wird sie einerseits europäisiert und globalisiert, z.T. aber auch regionalisiert. "Nationale Kulturen" in dem Sinne, daß sie klar von einander abgrenzbare Kulturen innerhalb Europas, wenn auch auf einem Grund gemeinsamer kultureller Wurzeln, zu verstehen sind, werden einem weitreichenden Transformationsprozeß unterworfen, in dem die Nation als Synonym von Kultur und Identität zurücktritt. Die neue Qualität besteht in der Schaffung einer gemeinsamen "kulturellen Sprache", die an die Stelle der nationalkulturellen Sprachen tritt. "Kulturelle Sprache" bezieht sich auf eine Reihe von Aspekten:
An die Stelle von dem, was bisher in Anerkennung der Tatsache prägnant national definierter Kulturen "kulturelle Beziehungen", "Kulturaustausch" oder "Kulturrezeption" usw. hieß, tritt (sehr langsam) eine europäisch-globale Kultur, die nach wie vor durch Vielheit in der Einheit charakterisiert bleibt und deshalb kulturelle Transferprozesse zeitigt, die aber nicht mit den Transferprozessen in Zeiten klar definierter nationaler Ausgangs- und Zielkulturen auf eine Stufe zu stellen sind. Unter "kulturellen Transferprozessen/Kulturtransfer kann mit Helga Mitterbauer folgendes verstanden werden (SFB Graz "Moderne - Wien und Zentraleuropa um 1900", abgedruckt in: "Newsletter Moderne", 2. Jg., Heft 1, März 1999, S. 23): "Der Begriff ,Kulturtransfer' umfaßt sowohl inter- als auch intrakulturelle Wechselbeziehungen, er schließt Reziprozität ein und lenkt den Blick auf die Prozessualität des Phänomens. Kulturtransfer ist als dynamischer Prozeß zu betrachten, der drei Komponenten miteinander verbindet, und zwar 1. die Ausgangskultur, 2. die Vermittlungsinstanz, und 3. die Zielkultur. Zu hinterfragen sind die Objekte, Praktiken, Texte und Diskurse, die aus der jeweiligen Ausgangskultur übernommen werden. Den zweiten Bereich bildet die Untersuchung der Rolle und Funktion von Vermittlerfiguren und Vermittlungsinstanzen (Übersetzer, Verleger, Wissenschaftler, Universitäten, Medien, Verlage etc.), wobei eine Theorie interkultureller Vermittlungsinstanzen noch aussteht. Im Zusammenhang mit der Zielkultur stehen die Selektionsmodi ebenso wie die Formen der Aneignung und der produktiven Rezeption (Übersetzung, kulturelle Adaptionsformen, Formen der kreativen Rezeption, Nachahmung) im Mittelpunkt des Interesses." Grundsätzlich ist immer auch die Möglichkeit transnationaler kultureller Teilsysteme im Auge zu behalten, z.B. die Wissenschaftskultur, so daß es nicht nur um die erkenntnisfördernde Gegenüberstellung von nationalen Kulturen geht, sondern auch um die Gegenüberstellung von transnationalen kulturellen Teilsystemen und der einzelnen nationalen Kultur. b) Die Aktualität des 16. Jahrhunderts Im Zentrum der skizzierten Problemzusammenhänge des ausgehenden 20. Jahrhunderts steht in politischer wie kultureller Hinsicht das Phänomen "Nation". Die kulturellen und politischen Wurzeln der "Nationen" reichen weit ins Mittelalter zurück. In der Umbruchszeit des 15./16. Jahrhunderts wurde jedoch eine neue Qualität erreicht: der Eintritt in die Einbahnstraße zur Identifizierung von "Nation"-"Staat"-"Kultur" bedurfte nur noch weniger dezisiver Schritte. Das 16. Jahrhundert zeichnet sich wie kein anderes davor und kein anderes danach durch eine ambivalente, wenn nicht polivalente Mischung aus europäischer Kultur, teileuropäischen Kulturen und nationalen Kulturen aus. Derselbe Satz ließe sich auf das späte 20. Jahrhundert anwenden, nur mit anderer Gewichtung: während im 16. Jahrhundert der Weg in die nationalen Kulturen führte, führt er im späten 20. Jahrhundert aus diesen hinaus. Während wir heute diesen Weg aufgrund historischer Erfahrung bewußt wählen oder wenigstens wählen können, handelte es sich im 16. Jahrhundert um eine strukturelle Entwicklung, deren Ergebnis nicht absehbar war und die nicht vorschnell als alternativlos charakterisiert werden darf. Wenn heute die Entwicklung zum Abbau kultureller Grenzen führt, führte sie im 16. Jahrhundert in wachsendem Maß zur Definition kultureller Grenzen: aus kultureller Vielheit wurde nationalkulturelle Anders- und Fremdartigkeit. Die vielen schleichenden Prozesse der Markierung und Definition kultureller Grenzen, die schleichenden kulturellen Grenzziehungen machen das 16. Jahrhundert so interessant und lassen es in bezug auf die Thematik der "Kultur" als historischen Gegenpol der gegenwärtigen Entwicklungsprozesse verstehen. c) Warum "Kulturtransfer" im 16. Jahrhundert? Das Konzept "Kulturtransfer" wurde im Kontext der Geschichtswissenschaft bisher vorwiegend, aber nicht ausschließlich, auf das 18. und 19. Jahrhundert angewendet. Im 18. und 19. Jahrhundert war bereits ein hoher Grad an Identifizierung von Nation-Staat-Kultur erreicht. Die Erforschung kultureller Transfers zwischen den Nationen und Nationalkulturen zeigt, inwieweit diese interkulturell konstruiert waren und interkulturell funktionierten. Nebenbei bereinigt dies die historische Erkenntnis von einigen nationalen Mythen. Transferierbar ist nur, was materiell oder immateriell als Einheit definiert und von anderen abgegrenzt ist. Als Einheiten sind die "Objekte, Praktiken, Texte und Diskurse" sowie Kulturen, die als Einheit wahrgenommen werden (z.B. im Vergleich kontinentaler Kulturen), anzusehen. Statt "Einheit" empfiehlt sich der Begriff "kulturelle Referenz". Beim Konzept des Kulturtransfers und seiner Anwendung auf das 16. Jahrhundert geht es deshalb zum einen grundsätzlich um die Definitions- und Abgrenzungsprozesse als Voraussetzung von Transfers, zum zweiten um die kulturellen Referenzen, zum dritten um den Vorgang, die Art und Weise der Transfers selbst, zum vierten um die Folgen der Transfers, zum fünften, eng verbunden mit eins bis vier, um die Motive der Transfers. Angesichts der nationalkulturellen Grenzziehungen und Grenzdefinitionen im 16. Jahrhundert erscheint es sinnvoll, den Ansatz "Kulturtransfer" auch für das 16. Jahrhundert einzusetzen und experimentell zu erproben. "Kulturtransfer" als Ansatz ermöglicht es, so präzise wie möglich im Sinne der dichten Beschreibung die Schnittstellen im 16. Jahrhundert zu bestimmen, an denen eine "schon immer" vorhandene Wahrnehmung von Verschiedenheiten zur Wahrnehmung kultureller Andersartigkeit, sogar Fremdartigkeit transformiert wird, wo Differenziertheit (Vielheit) zur Differenz umgedeutet wird, wo Differenz im Sinne einer als gegeben angenommenen kulturellen Abgrenzung die weitere Wahrnehmung konditioniert. Zugleich ist festzuhalten, daß wir es im 16. Jahrhundert auch mit kulturellen Teilsystemen zu tun haben, die nicht oder noch nicht dem Muster nationalkulturell konditionierter Wahrnehmungsmuster entsprechen. Als solche kulturellen Teilsysteme kann man anfangs die Reformation und z.B. die humanistische Kommunikationsgemeinschaft verstehen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Die im Zuge der historischen, archäologischen und antiquarischen Forschung sich abzeichnende Unterscheidung zwischen einem romanischen und einem germanischen Europa wäre ein weiteres Beispiel für die Konditionierung der Wahrnehmung durch die Annahme zweier historisch-kultureller Teilsysteme. Kulturtransfer im 16. Jahrhundert besitzt einen ambivalenten, wenn nicht polivalenten Charakter. d) Die Ausfüllung des Konzepts "Kulturtransfer" für das 16. Jahrhundert Theorie und Konzept "Kulturtransfer im 16. Jahrhundert" Im 16. Jahrhundert wird die kulturelle Wahrnehmung also neu konditioniert. Es handelt sich um einen im 16. Jahrhundert nicht abgeschlossenen Prozeß. Es "konkurrieren" bei der interpretativen Beschreibung des 16. Jahrhunderts unterschiedliche kulturhistorische Ansätze. Es ist die Rede von Kulturaustausch (cultural exchange), von Kulturbeziehungen, aber auch von Kulturmodellen (Italien; Spanien, Niederlande), oder seit der jüngsten Zeit von Kulturtransfer. In gewisser Nähe dazu stehen Konsumtheorien. Diese gilt es zu klären. Das 16. Jahrhundert ist außerdem eine Zeit, in der die Auseinandersetzung mit außereuropäischen Kulturen eine neue Qualität erreicht. Hinsichtlich der Rezeption außereuropäischer Kulturen stellt sich zum einen die Frage, inwieweit diese im 16. Jahrhundert als Kulturen wahrgenommen wurden, und zum anderen, inwieweit diese Auseinandersetzungen die kulturelle Wahrnehmung in Europa selber im oben skizzierten Sinn verändert haben. Hier wird konzeptionell "Europa" zur Ausgangs- aber auch Zielkultur. Die erste Tagungssektion ist solchen konzeptionellen Fragen gewidmet. Aspekte der Polivalenz: europakulturelle Teilsysteme und Kulturtransfer Die zweite Sektion ist der Interpretation essentieller Problemstellungen des 16. Jahrhunderts im Licht der Polivalenzen und des Konzepts "Kulturtransfer" gewidmet: Reformationen; Humanisten und Gelehrte; "Romanität" und "Germanität". Hinsichtlich Reformationen: Der Zusammenhang zwischen Konfessionalisierung und Nationalisierung ist vielleicht noch nicht unstrittig, aber aufgrund einschlägiger Forschungen auch nicht mehr von der Hand zu weisen. Es stellt sich darüberhinaus die Frage, inwieweit die unterschiedlichen Ausprägungen der Reformation - daher: Reformationen - als "europakulturelle Teilsysteme" verstanden wurden, die selektiv z.B. von Wittenberg und Genf nach Frankreich transferiert (oder gewaltsam abgewehrt) wurden. Die humanistische Kommunikationsgemeinschaft kann einerseits als europäisches kulturelles Teilsystem verstanden werden, andererseits läßt sich gerade an den Humanisten die nationalkulturelle Konditionierung der Wahrnehmung quellenmäßig nachvollziehen. Die Entdeckung eines romanischen und eines germanischen Europas stellt das Problem nationalkulturell konditionierter Wahrnehmungen, die im größeren Zusammenhang dieser zwei gedachten kulturellen Teilsysteme wiederum aufgebrochen oder an einer allzu rasanten Sedimentierung gehindert werden. Vermittlungsinstanzen des Kulturtransfers im 16. Jahrhundert Es waren natürlich Menschen, die als kulturelle Mittler kulturelle Transfers bewerkstelligten, aber zur "institutionellen" Infrastruktur gehören z.B. auch literarische Gattungen, Themen, Topoi usw. In der dritten Sektion sollen entsprechende Fallstudien diskutiert werden, die verschiedene als im Sinne der Institutionensoziologie "institutionell" zu bezeichnende Vermittlungsinstanzen des Kulturtransfers vertiefen und die Entwicklung einer Theorie der Vermittlungsinstanzen vorantreiben können.
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