ao. Univ.-Prof. Dr. Karl Vocelka
Vorlesung SS 2002

Demographische und soziale Entwicklung in Österreich bzw. der Habsburgermonarchie vom Mittelalter bis in die Gegenwart


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9. Vorlesung 10.Juni 2002

NATIONALE GRUPPEN UND DEREN ZAHLENMÄSSIGE ERFASSUNG

 

Unsicherheiten der Zählung (z.B. verschiedenartige Behandlung von Militär- und Zivilbevölkerung

materielle Unterschiede des Zählprinzips

1846 Darstellung der ethnographischen Verhältnisse der Monarchie (z.B. Juden gesondert ausgewiesen)

ab 1880 reine Sprachenerhebung

Cisleithanien Frage nach Umgangssprache

Transleithanien und Bosnien-Herzegowina Frage nach der Muttersprache

1923 Denksprache

1934 sprachliche Zugehörigkeit in Verbindung mit Volkszugehörigkeit

ab 1951 wieder Umgangssprache

DEUTSCHE

Volkszählung 1880 zählte man 9,9 Mill. Deutsche (25,6%) der Gesamtbevölkerung Österreich-Ungarns inklusive Bosnien-Herzegowina)

Kernlande Österreich und Sudetengebiet, daneben mehr oder minder geschlossene Sprachinseln z.B. Gottschee/Ko¥evje, Budweis/ ¥eské Bud¥jovice, Iglau/Jihlava, Brünn/Brno, nordmährischer Schönhengstgau, Gebiet der Donauschwaben im mittleren Ungarn, in der Batschka, der Baranya und im Banat, in den oberungarischen Bergstädten, in der Zips, schließlich Siebenbürger Sachsen auf dem Königsboden um Hermannstadt/ Nagyszeben/ Sibiu), im Burzenland um Kronstadt/ Brassó / Bra¥ov und im Nösenerland um Bistritz / Beszterce / Bistrita

Städte in der Gesamtmonarchie

Galizien hatten sich seit Joseph II. deutsche Kolonisten niedergelassen, stammten vorwiegend aus Südwestdeutschland, aus West- und Nordböhmen und im Falle der Bukowina aus der Zips

Beträchtlicher Teil der Juden bekannten sich zum Deutschtum - in Galizien seit 80er Jahren durch Bekenntnis zum Polentum ersetzt

1900 811 000 Juden davon 138 000 Deutsch als Umgangssprache, 1910 waren es von 872.000 nur mehr 25 000 - auch äußerer Druck

Geburtenüberschuss am Beginn unseres Jahrhunderts (Zahlen für 1901-05)

Niederösterreich 9,3

Steiermark deutsche Bezirke 6,5 - slowenische Bezirke 11,8

Kärnten deutsche Bezirke 7,2 - slowenische Bezirke 5,9

Oberösterreich 6,9

Salzburg 8,6

Tirol deutsche Bezirke 7,9 - italienische Bezirke 8,5

Böhmen deutsche Bezirke 11,7 - tschechische Bezirke 10,1

Mähren deutsche Bezirke 8,6 - tschechische Bezirke 13,8

Schnitt für Deutschösterreich 9,6 für Cisleithanien 11,2

MAGYAREN

"amtliche" ungarische Nationstheorie: alle Bürger des ungarischen Staates

"ungarische politische Nation"

ungarischer Kulturnationalismus

Unterscheidung Ungar und Magyar

1850/51 4,8 Mill. Ungarn (13,4% der Gesamtbevölkerung, dritter Platz)

1910 10,1 Mill. Ungarn

Bei ungarischer Volkszählung wurde nach Muttersprache gefragt, aber laut Ausfüllungsanweisung nicht in jedem Fall identisch "mit der Sprache, die man jeweils in seiner Kindheit und gewöhnlich von der Mutter lernt", sondern es ist die Sprache, "die die betreffende Person als ihre eigene ansieht, und in der sie am besten und liebsten spricht" und die sie sich "im Kindergarten, in der Schule oder durch sonstige gesellschaftliche Kontakte angeeignet hat."

Rasches Anwachsen der Magyaren

zwischen 1850 und 1910 wuchs Bevölkerung um 59,7%, die von Cisleithanien um 61,5%, die von Transleithanien um 106,7%, die Zahl der Magyaren um 106,7%

Zahlenverhältnis innerhalb der Völker der Monarchie stieg von 15,5 auf 20,6%

Wachtumsraten (1850-1910) nach Nationen

Deutsche 52,3%

Tschechen 59,3%

Slowaken 10,7%

Polen 143,6%!

Rutenen 35,8%

Serben und Kroaten 38,2%

Slowenen 10,5%

Rumänen 31,4%

Italiener 48,2%

Magyaren 106,7%

Gründe für starkes Bevölkerungswachstum bei Magyaren:

- großes natürliches Bevölkerungswachstum

- geringer Anteil an Auswanderung

- Assimilationsprozess

Trotz demographischer Katastrophe 1872-75 Cholera forderte nach amtliche Angaben 189.000 Tote - in Wirklichkeit vermutlich mehr als 300.000

Hohe Sterbeziffer (Kinder- und Säuglingssterblichkeit)

Ungarn haben höchste Rate der Tuberkulose und höchste Selbstmordrate in Europa

Altersgruppe 0-14jährige 35,7% 14-16jährige 56,8% und über 60jährige 7,5%

TSCHECHEN

1857 4,3 Mill. 1910 6,4 Mill.

4,2 in Böhmen, 1,8 in Mähren, 180.000 in Schlesien, 122.00 in Niederösterreich (inkl. Wien!), 22.000 in anderen cisleithanischen Gebieten

POLEN

1880 3,2 Mill. 1910 4,9 Mill. 9,9% der Bevölkerung der Gesamtmonarchie, 17,7 der cisleithanischen Reichshälfte

Davon leben 93,9% in Galizien (und machen 58,5% der dortigen Bevölkerung aus), 4,8% in Schlesien und 0,7% in der Bukowina

statistische Erfassung schwer von 4,6 Mill. polnisch sprechenden Galiziern muss man 871.000 Religionsjuden abziehen, 235.000 Griechisch-Katholische müssen als Polen gerechnet werden- es dürfte demnach ca. 4 Mill. Polen in Galizien geben

RUTHENEN/UKRAINER

nach magyarisch rutén, sie selbst nannten sich rusyny, seit Beginn des 20.Jahrhunderts Ukrainer

1880 2,7 Mill. in Cisleithanien und 356.000 in Transleithanien

1910 3,5 Mill. und 472.000

Anteile 12,6 und 2,3 an der Gesmtbevölkerung

Teilung Galiziens angestrebt - Ostteil 62% Ruthenen

zwischen 1890 und 1913 700.000-800.000 Ruthenen verlassen Heimat

USA 1899-1913 211.000 Ruthenen aufgenommen, 1912/13 allein 28.500!

dazu auch Saisonwanderung

enorm hoher Anteil der Landwirtschaft in der Berufsverteilung(über 90%)

Ostgalizien 40% des Bodens in Händen polnischer Großgrundbesitzer

1900 besaßen 200.000 Bauern in Ostgalizien weniger als 1 ha Land

RUMÄNEN

1910 2,9 Mill. 16,2% der Bevölkerung Transleithaniens

orthodoxe Kirche und unierte Kirche mit Metropoliten

Orthodoxe 1,7 Mill. Unierte 1,3 Mill.

Auswanderung 1905-1907 65.000 1908-1913 87.000

zwei Hauptrichtungen USA und Königreich Rumänien

vorwiegend ärmere Schichten der Bevölkerung

KROATEN

Vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges lebte knapp 3 Mill. Kroaten in Kroatien-Slawonien, Dalmatien, Istrien und Bosnien-Herzegowina, sowie in westlichen und südlichen Grenzkomitaten Ungarns

Kein einheitliches Territorium

Auseinandersetzungen mit anderen Nationalitäten (Ungarn, Serben, Italiener, Deutsche)

1850 1,75 Mill. 1910 2,91 Mill. von 1880 bis 1910 Serben und Kroaten nicht gesondert ausgewiesen (Umgangssprache Serbokroatisch!), aber durch konfessionelle Verhältnisse differenzierbar

Kroatien-Slawonien Anteil der Arbeiterbevölkerung 12,2% (1890)

In 15 dalmatinischen Städten lebten 1869 erst 48.000 Einwohner

SERBEN

Mitte 19.Jahrhundert in Habsburgermonarchie mehr Serben als in Serbien 1 Mill. gegen 950.000

Kroatien-Slawonien, Vojvodina, Dalmatien, Bosnien-Herzegowina

insgesamt 1910 1,9 Mill. Serben

meist ethnische Minderheit 23,8% im eigentlichen Ungarn, 25.6% in Kroatien-Slawonien, 32,4% in der Militärgrenze, 17% in Dalmatien

Nur in Bosnien mit 43,5% stärkste Gruppe

Durch Handel zwischen Mitteleuropa und Balkanhalbinsel kam es zur Ausbildung einer serbischen Mittelklasse 17.000-18.000 Händler (Türken oder Ottomanen genannt)

Prozess der Verbürgerlichung brachte Intelligentsia hervor: Priester, Lehrer, später Juristen, Beamte und Schriftsteller

1910 rund 84% der Serben noch in der Landwirtschaft tätig

Modernisierung führte zum Zusammenstoß mit den alten und tiefverwurzelten Kräften des Traditionalismus und des osmanischen Erbes

SLOWAKEN

1880 1,8 Mill. 1910 1,9 Mill. Bevölkerungsanteil zwischen 9 und 13 %

Auswanderung großen Stils seit den 70er Jahren

1900 bereits 300.000 Slowaken in die USA ausgewandert

Zwischen 1899 und 1913 verließen 300.000 Slowaken ihre Heimat (21% der aus Ungarn auswandernden Menschen)

Mehrzahl Landwirtschaft, 1910 noch immer etwa 70%

330.000 Kleinbauern verfügen über 15% der Ackerbaufläche

Städte Zentren der Magyarisierung

Mitte der 70er Jahre unter dem Vorwand der vaterlandsverräterischen und panslawistischen Tätigkeit wurden die slowakischen Gymnasien und die Matica slovenská liquidiert

SLOWENEN

Nationales Erwachen im Windischen Bauernkrieg 1515, Protestantismus und Buchdruck, kroatisch-slowenischer Bauernaufstand 1573

Aufklärungszeit schafft erste wissenschaftliche Konzeption des slowenischen Volkes als Einheit (Anton Thoma¥ Linhart 1788)

1848 föderalistisches Programm

Gesamtes Sprachgebiet der Slowenien in der Monarchie, politisch unexistent

Krain 36% der Slowenen, große Masse in Steiermark, Kärnten und dem Küstenland

teilweise in Ungarn (Zwischen Mur und Raab in den Komitaten Vas und Zala)

deutsch slowenische Sprachgrenze entstand im 15.Jahrhundert, nach dem Ende der mittelalterlichen Germanisierung

Innerhalb dieser Grenzen fast keine nicht-slowenischen Agrarsiedlung mit Ausnahme der Gottschee

1846 1,3 Mill. Einwohner, darunter 1,1 Mill. Slowenen (88,9%)

Adel und Beamtentum deutsch, Großteil des Bürgertums deutsch in den Küstenstädten italienisch

Von den Deutschen als Windische bezeichnet, später Begriff von Gegnern der Gleichberechtigung missbraucht

Wirtschaftlich bekommen Slowenen die Agrarkrise besonders zu spüren, starke Belastungen wegen der Entschädigungen, allgemeiner Preisverfall für Agrarprodukte und Zerstörung der Weingärten durch die Reblaus

ITALIENER

Bis 1859 bzw. 1866 lebten Italiener in einzigen territorial zusammenhängenden Gebiet von der Lombardei über Venetien, das Trentino, Friaul, Triest bis Istrien

Lombardo-Venetien hatte 1817 eine Bevölkerung von 4 Mill. 1847 5 Mill. (2,7 Lombardei und 2,3 Venetien)

Trentino 393.000 Einwohner, davon 366.000 Italiener und Ladiner, 13.000 Deutsche

Triest und Gebiet 229.000 Einwohner, davon 118.000 Italiener, 56.000 Slowenen, 29.000 Reichsitaliner und 12.000 Deutsche

Görz, Gradisca, Monfalcone, Sesena/ Se¥ana und Tolmein/ Tolmino / Tolmin hatte 260.000 Einwohner, davon 90.000 Italiener, 154.000 Slowenen

Istrien 149.000 Italiener, 54.000 Slowenen und 136.000 Kroaten

Gesamtsumme der Italiener in der Monarchie 795.000

dazu kamen 79.000 „Reichsitaliener“

nach 1866 neue Grenzen mit Königreich Italien, es blieben "unerlöste" Gebiete

Trentino, nördliches Friaul mit Görz und Gradisca, Triest, Istrien, Fiume, Zara und die in Dalmatien lebenden Italiener

Irredentismus

JUDEN

zwischen Assimiliation und Dissimilation (Schaffung einer bewussten nationaljüdischen Eigenständigkeit)

Zahlenmäßig nur mosaisches Bekenntnis greifbar - nicht die Definition des nationalistischen Rassenbegriffes

nur bei kulturell, politisch oder wirtschaftlich wirkenden Einzelpersönlichkeiten sind aus der israelitischen Glaubensgemeinschaft Ausgeschiedene erfassbar

1776 österreichische Länder ohne Ungarn 106.000 Juden - 1846 448.000 - 1969 822.000

Ungarn 1785/6 82.000 Juden (1% der Gesamtbevölkerung) - 1869 552.000 (3,6%)

1910 in der Gesamtmonarchie 2,2 Mill. Juden (Konfession) 3,9% der Gesamtbevölkerung

Trend zur Stadt

Wien 1784 230 Juden - 1806 290 - 1838 2010 und 1848 4000

1880 72.000 (10% der Bevölkerung) 1910 127.000 (8,6%)

Spannungen und Probleme auch innerhalb der jüdischen Gruppe zwischen Alteingesessenen und Zuwanderern

Anteil der Juden an den Städten der Monarchie:

Prag 10%, Krakau 37,8%, Lemberg 40,5% und Czernowitz 21,6%

Anteil in Galizien 10,8% in der Bukowina 12,8% in den böhmischen Ländern um 1,5% in Niederösterreich 5,2%

Erster Weltkrieg 200.000-300.000 Juden verließen Galizien

von 137.000 Flüchtlingen, die nach Wien kamen, waren 60% Juden

Seit den 80er Jahren sprunghaft steigende Auswanderungsziffern

1881-1980 in USA 44.000 Juden eingewandert, 1891-1900 83.000 erstes Jahrzehnt des 20.Jahrhunderts 152.000, bis 1.Weltkrieg nochmals 38.000, insgesamt 320.000

Sprachlich seit 11./13 Jahrhundert Jiddisch eine Neben oder Nahsprache des Deutschen mit romanischen, hebräisch-aramäischen und slawischen Elementen

Durch Ostwanderung seit dem 13.14.Jahrhundert nach Polen, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bessarabien, Baltikum und Weissrussland verbreitet

Gegenstück zum Jiddisch ist das Spaniolische, die Sprache der sephardischen (west- und südeuropäischen) Juden

Für aschkenasische und sephardische Juden blieb Hebräisch Kultursprache und Sprache der höheren Bildung

österreichische Nationalitätengesetzgebung (Reichsgerichtserkenntnisse 1869-1880) erkannten Juden nicht als Volksstamm im Sinne des Artikels 19 der Dezemberverfassung an

Jiddisch sei eine Lokalsprache

In der Bukowina nach 1910 de facto als eigene Volksgruppe angesehen, an der Universität Czernowitz durften nationaljüdische Studenten "jüdisch" als Nation angeben

Sonst bei den Volkszählungen anerkannte Sprachen genannt (Muttersprache war zu 9/10 jiddisch)

Zahlen der offiziellen Statistik zeigen Richtung eines Trends der Assimilationstendenzen

Austritte aus der jüdischen Konfessionsgemeinschaft im Laufe des 19.Jahrhunderts in den österreichischen Ländern 28.200 zum Katholizismus, 6300 zum Protestantismus übergetreten

53,6% katholisch, 23,1% protestantisch, 19,9% konfessionslos

Ungarn 8000 zum katholischen, 2056 zum evangelischen Glauben übergetreten

Galizien Juden auch in Land- und Forstwirtschaft (17.7%!), Masse Kleinsthandel, Schankgewerbe, Pfandleihgewerbe, Handwerk

von den 1701-1918 vorgenommenen 10.414 Nobilitierungen waren 450 Juden

1851 Gesamtzahl der jüdischen Studierenden 641 1904 4458 (15,6% aller Hörer)

Wiener Universität 23,1% Israeliten

Für innerjüdischen Bereich auch Jeschiwa (Talmudschulen)

NATIONALITÄTENSTATISTIK HEUTE

Österreich 1971

97,6% Deutsch

1,2% sonstige Sprache

0,43 Kroatisch

0,38 Windisch! oder Slowenisch

0,26 Magyarisch

0,14 Tschechisch

Magyaren 6000 im Burgenland Rest der Statistik sind Ungarnflüchtlinge 1956

Verringerung der Slowenischen Minderheit in Kärnten:

1880 26,6% - 1910 18,3% - 1971 4,2


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