Merel Boers: Abstract:

Einen Platz in Europa - Föderalismus als politisches Ideal: Abstract zum Kreisauer Kreis

Zurück

Um die Europapläne des Kreisauer Kreises verstehen zu können, muß man die Hintergründe seiner Mitglieder und ihre politischen Plänen kennen. Deswegen folgt hiernach eine kurzen Zusammenfassung einer Arbeit, die ich letztes Jahr geschrieben habe. Diese hat sich unter anderem mit der Frage befaßt: Kann man die Zukunftvorstellungen der Kreisauer anhand der Lebensläufe ihrer Mitglieder erklären? Was mich damals fasziniert hat war die sonderliche Mischung von Leuten, die dem Kreis angehört haben, und vor allem die äußerst modernen politischen Ideen, die aus einer Widerstandsgruppe hervorkamen, die man zu der adeligen, konservativen Schicht eingeteilt hat. Nach intensiven Studien zu den vielen Personen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt mit dem Kreis diskutiert und geplant haben, mußte ich einige von meinen Vorurteilen über Bord werfen. Tatsächlich war der Kreis eine sehr gemischte Widerstandsgruppierung, dessen Kern von ‘Adeligen’ geformt wurde. Man kann aber nicht sagen, daß alle, die zu einer bestimmten oberen Schicht gehörten, eine Elite bildeten. Was diese Leute aber zusammentrieb, war eher ein ‘Aussenseiter-sein’. Allen waren sehr gebildet und geprägt von einem christlich-sozialdemokratischen Denken. Und es war eben dieses Denken, das in den verschiedenen sozialen Räumen, zu denen die Mitglieder gehörten, mehr eine Ausnahme als eine Regel war.
Meine zweite Feststellung, die vor allem in Bezug zu den Europaplänen immer im Hinterkopf sein muß, war, daß fast alle Zugehörigen des Kreises viel Verbindung mit dem Ausland hatten. Manche waren als Diplomaten oder im Zuge des Studiums über den ganzen Globus gereist (die ‘Adeligen’), andere hatten durch die Religion oder die politische Überzeugung Kontakte zu den Parallelorganisationen im Ausland. Die innenpolitischen Pläne, die ein föderalistisches, dezentralisiertes Deutschland darstellen, kann man zurückführen auf die ‘Aussenseiter’-these. In den Europaplänen, die sehr ähnlich sind, die betonen, daß Deutschland an ein starkes Europa gebunden sein soll, finden wir diese Auslandserfahrungen wieder. Das Ideal von der Zusammenarbeit Europas, daß zu gleicher Zeit einen zweiten Irrgang von Deutschland verhindern sollte. Die dauernden Versuche zusammen mit anderen Widerstandsgruppen, via England eine würdige Position für ein zukünftiges Deutschland zu sichern, zu zeigen, daß es genug ‘andere Deutsche’ gab, sind nach der Wende ein trauriges Statement. Es hätte auch anders laufen können.
Die Deutschlandpläne von dem Kreis waren zwar schön und modern, aber in hohem Maße idealistisch. Eben deswegen ist es wichtig, zu sehen, in wie weit dieser Idealismus auch bei den Europaplänen die Überhand führte. Um nicht nur reden zu müssen von den wenigen Dokumenten und Informationen die tatsächlich übrig geblieben sind (vieles wurde nicht aufgeschrieben), werde ich das ganze illustrieren mit einem Eindruck von den tatsächlichen Versuchen des Kreises, im Ausland das neue Deutschland vorzubereiten. Das scheitern dieser Versuche und die jetzige EU, die trotzdem diese Ideale verwirklicht hat, sind auch Sachen, die man sich überlegen sollte.
 
 

Outsiders´ Thoughts: Globale Zusammenfassung Kreisauer Kreis

Organisation und Mitglieder

Der Kreisauer Kreis war eine Widerstandsbewegung, die sich aus vielen verschiedenen Mitgliedern zusammensetzte. Es gab einen festen Kern von Leuten, die sich regelmäßig trafen, um die vorhandenen Themen zu besprechen und einen noch kleineren Kreis, der die Organisation auf sich nahm. Außerdem kamen auf den drei großen Treffen, in denen der Kreis sein Bild von einer zukünftigen Regierung konkretisierte, verschiedenste Menschen, die etwas einzubringen hatten oder für eine Position in der neuen Regierung ‚nominiert‘ waren. Obwohl verschiedene Wissenschaftler sich nicht wirklich darüber einigen können, welche Kreisauer als Mitglied gezählt werden können, gibt es eine für mich sehr zuverlässige Quelle für diese ‚Mitgliedsliste‘. Freya von Moltke, Moltkes Witwe, die sehr aktiv an den Aktivitäten beteiligt war, gibt eine Aufzählung in der nicht nur die männlichen Mitglieder, sondern auch die weiblichen genannt werden. Der Kreisauer Kreis war (ich komme später darauf zurück) ziemlich ambivalenter Ansicht über die Rolle der Frauen in der Gesellschaft, aber u.a. in den Briefen von Moltke an seine Frau sieht man, wie wichtig die Beteiligung von manchen Gattinnen war. Nicht nur die Wissenschaftler, sondern auch die Nazis haben diese Beteiligung unterschätzt. Die Liste laut Freya also: Nur Moltke und Yorck (und ihre Gattinnen Freya und Marion) kannten die komplette Zusammensetzung der Gruppe. Roland Freisler, der Richter, der auch die Verschwörer des Zwanzigsten Juli‘ richtete, hat den Namen ‚Kreisauer Kreis‘ erfunden (die drei großen Treffen fanden auf das Landgut Moltkes, Kreisau, statt), unter den Mitgliedern galt der Name ‚Freundeskreis‘.  Unter diesen Mitgliedern befanden sich Repräsentanten des ostdeutschen Adels, der Sozialdemokraten/Sozialisten, der Liberalen, der Konservativen, der katholischen Religion, der protestantischen Religion. Es gab Lehrer, Anwälte, Diplomaten, Gewerkschaftsführer, Priester, Theologen, Philosophen, Ökonomen, Agrarspezialisten, Politiker...
 

Einflüsse und Verbindungen

Es gibt eine ganze Reihe von Linien, die man zwischen den Kernmitgliedern ziehen kann, um das teilweise ziemlich komplizierte Gedankengut zu erklären. Da dies eine kompakte Zusammenfassung ist, werde ich mich wieder auf eine historisch-quellmäßig unverantwortete (O, süße Sünde) Aufzählung von Einflüssen, die mir wichtig erscheinen, beschränken. Für Kontrollfreaks gibt es meine (holländische, 60-seitige) Arbeit zum Einsehen....
Die ersten Einflüsse kann man aus den verschiedenen Hintergründen der Kreisauer schließen. Ob es nun Adel-, Bildungsbürgertum- oder Arbeiterfamilien waren, aus denen die Mitglieder kamen, alle hatten eine Gymnasiums- und Universitätsausbildung. Man darf also sehr wohl von einer intellektuell-elitären Widerstandsgruppe sprechen. Der sozialistische Einschlag ist auch bei den meisten Mitgliedern sehr ausgeprägt. Bei manchen war dies von den Eltern mitgegeben, andere entdeckten dies in der Jugendbewegung und in den miserablen Umständen in Ostschlesien (Kreisau lag damals noch in deutschem, sowie bekannt jetzt polnischem Gebiet – Breslau) nach dem Ersten Weltkrieg. Ebenso ging es mit dem Einfluß des Christentums und dem ökumenischen Gedanken. Manche Kreisauer kamen aus einer Familie, in der der christliche Glaube zentral stand, andere machten die Religion zum Beruf, wieder andere kamen durch den Kreis mit dem ökumenischen Gedanken in Berührung. Katholiken und Protestanten arbeiteten in dem Kreis zusammen an einem neuen Deutschland. Hier muß auch der religiöse Sozialismus genannt werden, eine Bewegung, deren Grundidee eine Einigung der Klassen durch die christliche Religion war. Die Weimarer Republik und der Erste Weltkrieg sind auch sehr deutlich in den Gedanken des Kreises zu finden. Der letzte als Lektion, als Warnung, als Vorzeichen für die Verwüstung, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen würde.
Die älteren Mitglieder des Kreises hatten ‚live‘ miterlebt wie die Kriegsbegeisterung zu einer grausigen Antiklimax führte. Die Jüngeren hatten sich in der Nachkriegszeit für den Wiederaufbau eingesetzt. Die Weimarer Republik formte für die meisten Kreisauer eine Ära der Hoffnung. Alle hatten sich aktiv beteiligt an dem Wiederaufbau Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg und der Widerstand kurz vor und während des Zweiten Weltkrieg war nur eine logische Folge der Enttäuschung von Hitlers Erfolg. Teil dieses Wiederaufbaus in Ostschlesien waren eine Art ‚Arbeitslager‘ im positiven Sinne des Wortes, in denen man versuchte, die verschiedene Schichten in der Gesellschaft durch die Jungen (Bauern, Arbeiter, Studenten) näher zu einander zu bringen. Ein sehr idealistisches Projekt, dessen Ziele man auch in den Ideen der Kreisauer wiederfindet; viele von Ihnen waren sehr direkt an diesen Aktivitäten beteiligt.
Als letzten Einfluß möchte ich noch die Auslandserfahrung erwähnen, die alle Kreisauer hatten. Man findet diese Gemeinsamkeit zwar nie in der Literatur, aber sicher formte sie für das Europadenken des Kreises eine wichtige Basis. Die Kreisauer waren bereiste Leute, mit Ausländern in der näheren Familie, hatten im Ausland studiert oder durch die Religion bzw. politische Überzeugung Kontakte mit gleichdenkenden in anderen Ländern. Das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, daß obwohl manche von ihnen in konservativen Milieus aufgewachsen waren, obwohl manche Umgebungen und Gedankenkreise eigentlich ziemlich abgegrenzt waren, man doch in dem Freundeskreis über diese Unterschiede hinaus steigen konnte und ein idealistisches, humanistisches, sozialdemokratisches und föderales System für Deutschland ausdenken konnte.
In meiner Arbeit habe ich eine ‚Outsider-these‘ geformt: Alle Kreisauer waren Outsider in den eigenen Umgebungen und Teil eines neues Milieus, das über die alten Schichtgrenzen hinaus stieg.
 

Ideale und Ideen

Was wollte man, in großen Zügen, in diesem Kreis erreichen? Das Naziregime sollte zuerst einmal gestürzt werden, und zwar sofort. Man hätte dies am liebsten mit Hilfe der Alliierten erreichen wollen. Während des Krieges haben die Kreisauer, die Kontakte im Ausland hatten nie aufgehört, sich um Verständnis von dieser Seite zu bemühen. Anfangs nur in England, später auch zu den Amerikanern via die Türkei: Man wollte zeigen, daß es ein anderes Deutschland gab, daß der Widerstand gegen das Hitlerregime groß war, daß man nur auf ‚grünes Licht‘ wartete, um den Umsturz tatsächlich zustande zu bringen. Leider waren die Reaktionen der Alliierten immer negativ.
Im Kreis selber gab es eine andauernde Diskussion, wie dieser Umsturz aussehen könnte. Mußte man Hitler ermorden, um den Nationalsozialismus auszulöschen, konnte man eine Besetzung von Deutschland dulden, oder mußte man gleich als neue Regierung die Macht übernehmen? Wie mußten die Verbrecher verurteilt werden (von den Gewinnern, vom Land selber, oder international), wie konnte man eine neue Dolchstoßlegende vermeiden?  Das waren die Fragen, die die Kreisauer dauernd beschäftigten. Und man sah weit voraus: Nicht nur mit den Alliierten, auch mit Widerstandsgruppen aus den besetzten Länder unterhielt man Kontakte und versuchte auch hier, das andere Deutschland zu zeigen und den Weg für die neue Regierung frei zu machen. All dies war nur möglich durch die vielen internationalen Kontakte, die die Kreisauer (mache sogar als Diplomaten) besaßen.
Wie dieses Deutschland dann ausschauen mußte, wurde in den drei großen Kongressen und während vieler Einzelbesprechungen in Berlin so gut wie es ging festgelegt. Was erreicht werden sollte war eine Gesellschaft, die über ihre Grenzen und Abtrennungen hinweg die Masse verwerfen konnte und dem individuellen Menschen die Verantwortung geben konnte, die er verdiente. Der Mensch mußte sich dieser Verantwortung bewußt werden (hauptsächlich politisch) und diese auch nützen. Nach dem Sturz der Nazis sollte es eine Übergangszeit geben, in der die Kriegsverbrecher vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag gerichtet werden sollten. Deutschland mußte aufgeteilt werden in ‚natürliche‘ (von der Geschichte her) autonomische Gebiete. Diese Zersplitterung würde es leichter machen, die einzelnen Bürger an Aufbau und Verwaltung des Staates zu beteiligen. Außerdem mußte der Nationalismus, der ja für soviel Unheil gesorgt hatte, vollkommen zerstört werden und man dachte dies durch Bindung in kleinere Gemeinschaften ersetzen zu können.
Die verschiedenen Schichten in der Gesellschaft sollten integriert werden, teils durch die geteilte politische Verantwortung, teils durch das Bindeglied ‚Christentum‘. Obwohl Religionsfreiheit im Kreisauer Staat sine qua non war, mußte das Christentum, das die ganze westliche Welt zusammenhielt, auch für Deutschland das ideologische Mittel zur Einigung sein. Wo der Staat an politischem Einfluß verlieren würde im Kreisaustaat, das gewann er im ökonomischen Bereich. Die Zerteilung der Gewinne, die Repräsentation der Arbeiter in den höchsten Organen der Firmen, Kartells, wichtige Industriebranchen: dafür wäre der Staat verantwortlich. Zentralismus in der Ökonomie, Dezentralismus in der Politik also. Beim Wählen würde sich auch einiges ändern – nur direkte Wahlen in der Gemeinde (also die Regierung würde von den Landesvertretern gewählt!) – kein passives Wahlrecht für Frauen – etc. etc. Auch Parteien formten ein Problem für die Kreisauer: Man hatte Angst vor dem Kommunismus und sah lieber eine regierungsfähige Elite an der Macht. Die Bürger mußten vom Staat und den kleinen Geinschaften so erzogen werden, daß Exzesse wie der Nationalsozialismus in der Zukunft unmöglich wären.
Regionale politische Verantwortung für den Bürgern also, aber föderale Regierungsverantwortung für die Eliten. Die beiden Kammern mußten mit einer wesentlichen Machtabnahme rechnen. Dieser politische Umschwung, die Betonung der Wichtigkeit der kleinen Gemeinschaften, die dem inividuellen Menschen wieder Verantwortung zurückgeben würde, muß man bei den Europaplänen immer in Gedanken halten. Wo notwendig werde ich in der Behandlung der Europapläne das politische System der Kreisauer noch detailierter behandeln. Sehr wichtig ist in diesem Rahmen auch die Würdigkeit und der wichtige Platz in Europa, den die Kreisauer Deutschalnd schenken wollten. Man könne also das Volk wieder erziehen und  mit Deutschlands wichtiger Lage als Bindung zwischen Ost und West zu einer unverzichtbaren Nation (im abgeschwächten Sinne) in Europa werden. Auch die Gegensätze dieses Systems werde ich in meiner Europageschichte vorlegen.
 

Anfang und Ende

Der Kreisauer Kreis entstand 1940, 1945 waren alle seiner Mitglieder ermordet (u.a. in Zusammenhang mit dem 20. Juli), gefangen oder geflüchtet. Manche Überlebenden konnten ihre Ideale nach dem Krieg in Deutschland und Europa in hohen politischen Funktionen verwirklichen. Andere zogen sich zurück und wurden vergessen. Erst in den späten sechziger publizierte ein Holländer ein sehr detailliertes Buch über den Kreis und damit begann eine Welle von Publikationen über ‚den Widerstand des Adels‘. Das allgemeine Bild von dem Kreis ist das von einer Gruppe Denker, obwohl manche Kreisauer direkt an dem Anschlag auf Hitler beteiligt waren und sowohl im Ausland als in Deutschland selber, mit Widerstandsgruppen und in den Regierungen, viele Kontakte hatten und die auch ausnützten. Ich glaube, daß eine Korrektur von diesem Bild und auch eine Vertiefung von den verschiedenen Mitgliedern (man hat sich vor allem auf Moltke konzentriert) in der Zukunft notwendig wäre.
 

Quellenliteratur (kleine Auswahl, große Liste folgt):


Zurück