Critical State, Governance and Globalization Studies

Forschungsgruppe am Institut für Politikwissenschaft, Bereiche Governance und Gender sowie Internationale Politik sowie am Institut für Internationale Entwicklung, Bereich Politikwissenschaft

Governance wurde in der Politikwissenschaft zu einem Zentralbegriff für neue politische Steuerungs-, Entscheidungs- und Partizipationsformen, die nicht zuletzt mit den Transformationen im Rahmen der politischen und sozio-ökonomischen Globalisierung seit den 1970er-Jahren verbunden sind. Benannt wird damit auch die Auffächerung dieser veränderten Formen politischer Steuerung entlang verschiedener räumlicher Maßstabsebenen (etwa als Regional, Multi-level oder Global Governance). Die Forschungsgruppe leistet einen Beitrag zur kritischen Governance-Forschung im Kontext der Transformation von Staatlichkeit. Schwerpunkte sind die gesellschaftstheoretisch informierte Auseinandersetzung mit Governance-Ansätzen sowie die empirische Analyse von Governance-Prozessen und der Regulierungen verschiedener sozialer Verhältnisse in unterschiedlichen Politikfeldern (sowie deren Verbindungen) wie beispielsweise Arbeits- und Geschlechterregime, Wirtschafts- und Sozialpolitik, Umwelt- und Ressourcenpolitik. Davon ausgehend verfolgt die Forschungsgruppe zudem das Ziel, zur Theoretisierung und Konzeptualisierung von Governance und Staatlichkeit beizutragen.

Die Arbeit der Forschungsgruppe ist in der kritischen Staats- und Gesellschaftstheorie verortet. Wir arbeiten mit einem erweiterten Staatsverständnis, das auch zivilgesellschaftliche Räume und Akteur_innen, die Formen sozio-ökonomischer (Re-)Produktion sowie Fragen von Ideologien, Diskursen und Affekten umfasst. Dabei greifen wir auf kritische Staats- und Hegemonietheorien, Gouvernementalitätstheorien sowie Subjektivierungstheorien zurück. In den Projekten der Forschungsgruppe werden sowohl makro- als auch mikropolitische Dimensionen unterschiedlicher sozialer Verhältnisse im Staat herausgearbeitet.

Einen Schwerpunkt der Forschungsgruppe bilden Untersuchungen der Veränderung von Geschlechterverhältnissen. Diese werden im Kontext von ökonomischer Globalisierung und politischer Internationalisierung gesehen. Einerseits werden vergeschlechtlichte Strukturen des Staates theoretisiert und in empirischen Studien untersucht, andererseits werden die Zusammenhänge von Staat und vergeschlechtlichten sowie sexualisierten Subjektkonstitutionsprozessen analysiert. Untersucht wird, wie Governance-Prozesse und die Transformation von Staatlichkeit vergeschlechtlicht sind bzw. werden und zum Wandel und/oder zur Persistenz von Geschlechterkonstruktionen und Geschlechterverhältnissen führen. Konzeptuell werden Geschlechterverhältnisse aus einer intersektionalen Perspektive bearbeitet, um multiple und miteinander verwobene Ungleichheitsstrukturen erfassen zu können.

Einer intersektionalen Perspektive folgend ist die Forschungsgruppe bestrebt, Governance und Staatlichkeit aus einem globalen, post-kolonialen Blick zu erfassen. Die Forschungsgruppe möchte daher auch zur kritischen Analyse von Globalisierung beitragen. Der unscharfe Begriff der Globalisierung zeigt einen epochalen gesellschaftlichen Umbruch an, der in den 1970er-Jahren begann und nach 1989 an Dynamik gewann. Dabei handelt es sich um ökonomische, politische und kulturelle Entwicklungen, die von Regierungen, Unternehmen, Medien und anderen Akteur_innen vorangetrieben werden und die sich nicht nur auf internationaler oder transnationaler Ebene vollziehen. Globalisierungsprozesse durchdringen die Gesellschaften und werden durch eine Vielzahl von ökonomischen, politischen und kulturellen Alltagspraxen geschaffen. Vielfältige gesellschaftliche Strukturen und Wertvorstellungen werden verändert: Die Klassen- und Geschlechterverhältnisse, die Strukturierung entlang ethnischer Kriterien, die Naturverhältnisse, die Formen gesellschaftlicher Arbeitsteilung und der Konkurrenz, Öffentlichkeit – und insbesondere verändern sich Staat und Politik und entsprechend die Modi von Governance.

Die genannten Prozesse prägen sich dabei in verschiedenen geographischen Räumen unterschiedlich aus und entwickeln ihre eigene spezifische Dynamik. Bedingt durch historische und strukturelle Bedingungen artikulieren sie sich im globalen Süden teilweise in anderen Formen oder anderen Aspekten von Governance, die aus einer transnationalen Perspektive zugleich in ihrer Einbindung in (post)koloniale Verhältnisse und Steuerungsmechanismen analysiert werden müssen. Gleichzeitig sind die Länder des Südens nicht nur passiv Globalisierungsprozessen ausgesetzt. Staatliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche / zivilgesellschaftliche Akteur_innen aus dem Süden spielen – in einer zunehmend polyzentrischen Welt in zunehmendem Maße – selbst eine aktive Rolle in Globalisierungsprozessen und bei der Etablierung von neuen Formen von Governance – als Proponent_innen von neoliberalen Umstrukturierungen und bei der Verteidigung von wachstumsbasierten Entwicklungsmodellen, als Proponent_innen von neuen autoritären Governancemodellen (vgl. z.B. chinesische Governancemodelle, die regional nach Thailand und Burma sowie weltweit nach Afrika ausstrahlen), oder aber als Akteur_innen radikal-alternativer Politik- und Governanceformen (z.B. Lateinamerika). Dies stellt die Governance-Forschung vor die permanente Herausforderung, ihre Theorien und Konzepte auf deren Verallgemeinerbarkeit und Erklärungspotenzial im Hinblick auf asymmetrische Nord-Süd-Verhältnisse zu befragen und gleichzeitig die zunehmende interne Diversifizierung von globalen Ungleichverhältnissen jenseits einer geographisch gedachten Nord-Süd-Spaltung zu berücksichtigen.

Ziel der Forschungsgruppe ist es, die Ursachen, Dynamiken und Auswirkungen der Transformationen der letzten Jahrzehnte aus historischer Perspektive, theoriegeleitet und in einzelnen Feldern empirisch zu erforschen und die entsprechenden staats- und gesellschaftstheoretischen Debatten weiterzuentwickeln. Diese Veränderungen werden nicht als „Sachzwang“ verstanden, sondern als gesellschaftlich umkämpfte Ergebnisse von Interessen und Strategien spezifischer Akteur_innen und als in den einzelnen Bereichen ungleiche Prozesse, die von Macht- und Herrschaftsverhältnissen geprägt sind.

Mitglieder der Forschungsgruppe sind derzeit Edma Ajanovic, Brigitte Bargetz, Tobias Boos, Ulrich Brand, Katja Chmilewski, Anna Durnova, Ayse Dursun, Rainer Einzenberger, Myriam Gaitsch, Markus Griesser, Katharina Hajek, Hanna Lichtenberger, Gundula Ludwig, Stefanie Mayer, Mag. Benjamin Opratko, Otto Penz, Melanie Pichler, Birgit Sauer, Wolfram Schaffar, Etienne Schneider, Silvia Schröcker und Angelika Striedinger.